Peter Draxl ist peinlich

Peter Draxl

Peter Draxl, eine Autorität aus der heimischen Medienindustrie, hat ein nicht nur aus seinem Leben gegriffenes Buch geschrieben: „Papa Peinlich“. Untertitel: „Der Rock’n’Roll-Daddy und sein Teenager“. Es ist eine Sammlung von formidablen Kurzgeschichten.

Peter DraxlEin kleiner, privater Einblick aus dem Leben des Rezensenten: Erst kürzlich habe ich mir im Freundeskreis anhören dürfen, ich wisse nicht, wie toll das Leben sein kann, weil ich noch nicht „angebaut“ habe – und das mit Mitte Dreißig! Angebaut haben nämlich immer andere für mich, auch und gerade Kinder. Das ist letztlich einfacher und – ich geb’s ja zu – ich bin ein akribischer Mensch: Erst einmal üben. Viel üben. Zumindest mehr, als damals in den jugendlichen Sturm-und-Drang-Jahren am Bass, weil das ist ja auch nichts geworden.

Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen Kinder. Ich könnte nur nie ein ganzes essen – schallendes Gelächter über diesen Flachwitz. Not. Eigentlich habe ich ohnehin das tollste, beste, schönste und überhaupteste Kind der Welt. Nur „gehört“ das halt einer meiner Exfreundinnen von damals als-ich-noch-Haare-hatte – und ich habe rein physisch gar nichts damit zu tun. Und während der Kindsvater auch etwa eine Million Mal am Tag peinlich und/oder blöd ist, insbesondere, wenn er die Süßigkeiten stibitzt, bin ich für das Kind meistens zumindest irgendwie cool. Das liegt vielleicht daran, dass ich weniger da bin und nie Nein sage. Vielleicht auch daran, dass ich meistens tolles Zeug im Gepäck habe, wie Gummibärchenottifanten und Behemoth-Shirts – die die Eltern zumeist „aus erziehungstechnischen Maßnahmen“ für sich vereinnahmen, wie sie sagen (Aber dafür kommen sie später dann auch mal ins Heim, ha!). Und nicht zuletzt, weil ich cooler (id est: mehr) tätowiert als der Papa bin – O-Ton Einhornprinzessin.

Dabei ist der Papa eh ziemlich cool. Zumindest macht er auch Dinge, die landläufig „coole Leute“ eben so machen (und falls die Ex mitliest: Ja, auch die Mama ist eh cool. War früher. Oder so.): Musik. Blöde Späße. Trinken. Rauchen. Schimpfwörter sagen. Natürlich nicht vor dem Kind. Aber trotzdem ist der Papa halt der Papa. Und so wie ich das Kind, wenn es mir zu viel wird, jederzeit abgeben kann, kann auch vice versa mich das Kind jederzeit und bevor ich in uncoole Ungnade verfalle, wieder abgeben. Diese sensationelle Win-Win-Stituation hat Peter Draxl nicht. Der hat im Gegensatz zu mir „angebaut“ – und ist eigentlich ebenfalls ganz cool: tätowiert, fährt Motorrad und mag nicht nur Musik, sondern war bei Universal Music Austria einmal was ganz großes und hätte vielleicht sogar Metallica oder Justin Bieber oder Bon Jovi auf den Kindergeburtstag beordern können – auch kein Bemmerl, das muss man schon fairerweise anerkennend mit Tribut zollen, sogar im wankelmütigen Dezent, in dem das Töchterchen gerade changiert. Und „steif“ ist vermutlich das letzte Adjektiv, das zu Draxls Person einfällt. Die pubertierende Tochter sieht das naturgemäß trotzdem anders als Außenstehende: Papa Draxl ist „peinlich“. So heißt auch das Buch, das Peter Draxl nun nach seinen Lehr- und Wanderjahren im Musik-Biz geschrieben hat: Lauter Kurzgeschichten über das Missverständnis seiner Tochter, mit bald 15 Jahren immerhin in den ersten weiblichen Wechseljahren. Und seien wir uns ehrlich: Frauen kann Mann es ohnehin selten wirklich recht machen. Erst recht nicht pubertierenden. Da kannst du Mick Jagger oder Gene Simmons oder weiß-der-Teufel-wie heißen und der Nachwuchs zeigt dir trotzdem früher oder später oder eigentlich eh immer die Scheibenwischer: das ist common knowledge. Das einzig tröstende für Eltern – und speziell für Väter – ist das Wissen, dass wenn ihre Kinder einmal selbst zu Eltern werden, es für sie dasselbe in Rosa sein wird. Noch nie wollten Kinder so werden wie ihre Eltern und wurden es dann trotzdem. Ätschebätsch.

Peter Draxl Papa PeinlichZugegeben, dass der Markenzwang heute größer ist als in seinem, dem vermeintlichen 13. Jahrhundert, sollte Peter Draxl eigentlich aufgrund seiner Berufserfahrung wissen – da ist es tatsächlich ein bisschen peinlich, wenn ein Unverständnis herrscht, warum der Teenager überteuerte Justin-Bieber-Fetzen braucht. Im Zeitalter von Internet und Co. sind Platten nicht mehr so wichtig wie dereinst, deswegen braucht der hungerdarbende Künstler Einnahmen aus anderen Quellen und schafft dort Begehrlichkeiten beim leichtesten Opfer: jungen, fanatischen Mädchen. Da hieße es eher zu kontern: Kind, du bist peinlich, weil du auf die Marketinglüge des Allerweltspop reinfällst. Aber das kann man dem Kind so auch nicht sagen, wenn dieser Allerweltspop und dessen Massentauglichkeit das eigene täglich Brot sind. Was viele Menschen – und gerade auch Kinder in ihrer juvenilen Blindheit – jedoch vergessen: Menschen aus der immercoolen Musikbranche sind auch nur Menschen. Unter Tags sind sie Götter in – nun – Schwarz, daheim sind sie aber Menschen wie du und ich. Wo es dem Nachwuchs herzlich tuttl ist, dass der Papa gerade einen Megaseller unter Vertrag genommen hat. Also, für österreichische Verhältnisse mega, wie eine bekannte Ö3-Redakteurin wohl pauschal verurteilend ätzen würde – und damit, international gesehen, im Prinzip vielleicht nicht gänzlich Unrecht hat. Zuhause kocht der Oberchecker halt auch nur mit Wasser – und manchmal auch mit Pilzen. Dass sich darüber das Fräulein Tochter mokiert, kann ich zumindest nachvollziehen: Mein Vater hat einmal Reisfleisch mit Erbsen verunstaltet und hierauf war sein Tag auch mehr als gerechtfertigt im Eimer. Das geht gar nicht. Kinder sind halt keine schwer verwöhnten, realitätsfernen Superstars. Kinder sind wirklich diffizil – da liest sich selbst der Rider von Rihanna oder Madonna oder Elton John im Gegenzug wie eine Volksschul-Rechenaufgabe: easy-peasy.

Während Peter Draxl weiterhin den töchterlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt ist – Peter, irgendwann ist sie nicht mehr dein Problem, ha! –, gehe ich weiterhin mehrmals die Woche auf Konzerte und komme nicht immer, aber immer wieder einmal auch mit einem dezenten Damenspitzerl – manchmal auch einem Radierer – heim, ohne dass das jemandem sonders peinlich ist – erst recht nicht dem eigenen Kind, das etwa von einem Grönemeyer-Konzert früher abgeholt werden will, weil sich Papa Draxl nach ein paar Hopfenkaltschalten extrovertiert artikuliert und man neben ihm im Boden versinkt.

Peter Draxl wird also auch über die 45 pointierten Kurzgeschichten hinaus noch ein Weilchen am Verständnis seiner Tochter arbeiten müssen – und zwischendurch immer wieder scheitern, der Generationsgap ist halt nach wie vor kein Lärcherl. Im Gegentum freue ich mich schon quietschvergnügt und bar jedweder Verzweiflung auf mein nächstes Kind, das auch nicht meines sein wird. Und auch dieses Kind wird schon vorher Bescheid wissen, welches Album von Slayer das Beste ist („Hell Awaits“. Abweichende Anschauungen werden mit Missachtung gestraft.) bevor es den Buchstaben Capital-R richtigherum schreiben kann. Und auch dieses Kind wird wissen, dass alles, was schwachbrüstiger als „Corporeal Jigsore Quandary“ von Carcass rockt, gar nicht rockt – auch wenn einem das gerade Boulevard-Schmierblätter gerne einbläuen wollen. Und auch dieses Kind wird die ikonischen Schriftzüge von Metallica und Iron Maiden anstatt von Schönschreibzeilen in die Volksschulheftchen kritzeln. Und auch diese Eltern werden für den Sprössling uncool sein. Ich aber nicht. Più bella cosa non c’è.

Post scriptum: In einem weiteren Punkt bin ich – wenngleich mit gänzlich anderer Motivation – beim Fräulein Tochter; „Nothing Else Matters“ von Metallica summen ist tatsächlich ebenso ursuperpeinlich wie als eines der zuvor angesprochenen Boulevardblätter titelte, diese Schmalzballade wäre Kernstück einer jeden Setlist von Metallica. Peter, du bist keine bügelfanatische Hausfrau, sondern (wenngleich: sauberkeitswütiger) Hausmann – „Disposable Heroes“ it is! „Hell, hell is here! I was born for dying!!!“

„Papa Peinlich” erschien am 5. März im Milena Verlag. Präsentiert wird selbiges mit prominenten Gastars wie Manuel Rubey, Werner Brix, Clemens Haipl und Nadja Maleh am 13. März im Wiener Ateliertheater. Mehr Infos auf Facebook.

Foto: Patricia Weisskirchner

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