Popmusik aus & in Österreich

Wo führt das hin?

Man sollte bekanntlich nicht zu sehr in der Vergangenheit schwelgen, sondern sich einerseits auf das Hier und Jetzt konzentrieren und andererseits vielleicht einen kleinen Blick in die Zukunft wagen. Dennoch muss man ein bisschen zurück gehen, um den schleichenden Abstieg heimischer (Pop/Rock-) Musik zu analysieren. Unsere Zeitreise führt uns in das Jahr 1996 – den meisten wird bekannt sein, warum gerade dieses Jahr gewählt wurde. Bogdan Roscic wurde damals Senderchef vom größten Radiosender hierzulande – Ö3. Dass man Veränderung braucht und auch neue Ideen einbringt, war sicher nichts Schlechtes. Die österreichische Musikindustrie war zu diesem Zeitpunkt auch ein wenig verstaubt: Der sogenannte Austropop war schon in die Jahre gekommen und auch die österreichische Rockmusik versteckte sich gut. Dennoch glänzte der eine oder andere Stern am Musikhimmel: Die Wiener Hip-HopBand Schönheitsfehler genoss massives Airplay auf Ö3 und wurde auch Nummer 1 der österreichischen Hörercharts. Und genau in diesem Jahr entschloss sich die Ö3-Leitung auf ein Formatradio umzusteigen. Kultursendungen und alternative Programme wurden auf den Sender Ö1, sowie den 1995 gegründeten alternativen Jugendsender FM4 ausgelagert.

Michael Gaißmaier - Heinz aus Wien

Michael Gaißmaier – Heinz aus Wien

Österreichische Musik kommt in Österreich manchmal zu wenig zu Wort. Deshalb ist jeder Moment, wo man sie ganz nach oben heben kann, sehr bedeutsam.

Dies hatte zur Folge, dass Herr und Frau Ottonormalverbraucher an manchen österreichischen Projekten einfach vorbeischrammten und von dem meistgehörtesten Sender in Österreich keine Chance bekamen, über aktuelle heimische Künstler informiert zu werden. Die damalige Protestwelle heimischer Musiker war groß, aber dennoch von geringem Erfolg geprägt: Ö3 blieb ein Formatradio, dessen Programm vor allem aus nicht- österreichischer Musik besteht.

Saint Lu (österreichische Musikerin)

Saint Lu (österreichische Musikerin)

Ich finde es super interessant, dass alle Journalisten mir die Frage stellen, ob es schwierig ist, in Österreich Musikerin zu sein. Jeder weiß, dass es Kacke ist, aber es supportet ja auch keiner. Dann gehe ich nach Deutschland und mache dort was und dann finden es alle plötzlich wieder geil. Hier hilft einem niemand und es ist sehr anstrengend. Österreich ist auch ein kleiner Markt und dann gibt es auch noch den Monopolisten Ö3, der auch nur das spielt, das zu ihm passt. Das macht es natürlich noch schwieriger.

Nun aber zurück in das Hier und Jetzt: Es scheint fast so, als ob in den letzten über eineinhalb Jahrzehnten ein Kampf gegen Windmühlen geführt wurde und im Jahr 2013 ist das Thema wieder tagesaktuell: Die ORF-Gebührenrefundierung wurde gestrichen. Dementsprechend entgehen dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und all seinen dazugehörigen Sendern und Firmen, jährlich circa 58 Millionen Euro. Dass eingespart werden muss, ist ein Fakt. Dass es auch heimische Musik getroffen hat, ist ein trauriger Fakt. So wurde unter anderem die Unterstützung von € 100.000 jährlich an den österreichischen Musikfonds gestrichen.

Harry Fuchs (Österreichischer Musikfonds)

Harry Fuchs (Österreichischer Musikfonds)

Gemäß seinem Programmauftrag hat der ORF heimische künstlerische und kreative Produktion zu fördern und damit einen Beitrag zum Kulturgeschehen zu leisten. Sein Ausstieg aus unseren Förderaktivitäten gefährdet den ohnehin schon mit schwierigen Rahmenbedingungen konfrontierten Musikstandort Österreich und verschlechtert die Situation der Musikschaffenden in unserem Land zusätzlich.

Dass der ORF österreichische Musik seines Ermessens nach bestens unterstützt, stellt er auf seiner Kundendienstseite deutlich klar: „Der ORF stellt in seinen Radiosendungen österreichische Musik, d. h. österreichische Komponisten, österreichische Interpreten und österreichische Musikproduzenten, vor und weist in seinen Radiosendungen auf aktuelle Musikveranstaltungen und Konzerte hin. Zusätzlich zur Förderung österreichischer Musik im Rahmen von Radiosendungen (on air) ist es dem ORF ein Anliegen, österreichische Musikschaffende auch außerhalb von Radiosendungen (off air) zu unterstützen. Der ORF wird auch in Zukunft österreichische Musikschaffende bei Konzerten, Veranstaltungen, Wettbewerben und dergleichen nach Möglichkeit unterstützen.“

Hierzu muss angemerkt werden, dass österreichische Musik vor allem auf den Landesradios unterstützt wird und dann gibt es im Fernsehen ja auch noch Musikcastingshows. Es stellt sich allerdings die Frage, warum ein Massenradio wie Ö3 noch immer kaum heimische Künstler spielt. Natürlich gab es in den letzten Jahren einen Anstieg an Airplay (im Jahr 2009 waren es bereits 5,5 Prozent), es gab Schlagworte und Sendungen wie Die neuen Österreicher. Dennoch hat man das Gefühl, über neue, aufstrebende heimische Popmusik nur durch FM4 oder auch durch Privatradios wie Radio Arabella informiert zu werden. Das alles sind Fakten, die allseits bekannt sind. Ebenso, dass Populärkultur aus dem österreichischen öffentlich rechtlichen Fernsehen immer mehr verschwindet. Nun aber genug des Jammerns – besser ist es, man konzentriert sich auf eben diejenigen, die daran interessiert sind, der heimischen Musikszene wieder auf die Beine zu helfen und zu unterstützen, wo es nur geht!

Franz Pleterski (Warner Music)

Franz Pleterski (Warner Music)

Franz Pleterski (Warner Music) : Wir versuchen natürlich auch kleinere heimische Künstler zu unterstützen. Es müssen aber alle Österreicher mitziehen. Es bringt nichts, wenn ein MajorLabel sagt, dass es daran glaubt. Wenn der mediale Support ausbleibt, wenn Veranstalter nicht mitziehen, macht das keinen Sinn. Das Rundherum muss einfach passen – natürlich muss auch der Konsument wieder soweit gebracht werden, dass er heimische Musik wieder zu schätzen weiß. Man muss nur nach Frankreich oder Italien schauen, da ist der Anteil an heimischer Musik im Radio und Fernsehen einfach viel höher.

TICKET selbst hat es sich seit letztem Jahr auch zur Aufgabe gemacht, hiesige Künstler nicht nur aufs Papier, sondern auch auf die Bühne zu bringen. Mit der Konzertreihe aLiVE! werden sowohl bekanntere Acts vorgestellt, als auch kleineren Gruppen eine Chance geboten.

LOGO_alive_TICKETMan beschränkt sich auch nicht auf eine Musikrichtung – wichtig ist, dass die vortragende Band richtig Stimmung macht und ein wohliges Gänsehautgefühl vermittelt. Mit dabei waren bis dato unter anderem Gnackwatschn, Meena Cryle, Son Of The Velvet Rat, Keiner Mag Faustmann und etliche mehr. Auch Ottarocker – Der Rockclub im Sechzehnten hat es sich zur Aufgabe gemacht, die österreichische (Rock-) Szene zu unterstützen. Jeden zweiten Freitag gibt es Live-Musik im Wiener Bach im Herzen von Ottakring. Zusätzlich geben etliche kleine Festivals heimischen Acts eine Chance: Rock im Dorf konnte heuer mit rein österreichischen Headlinern einen Besucherrekord erzielen, das Wiesenrock im Tiroler Wattens ging heuer bereits in die sechste Runde, das Level 4 Festival in der Wiener Arena stand heuer bereits zum vierten Mal in den Startlöchern und das Fest im Dialekt gab Ende August sein Debüt. Nicht zu vergessen sind natürlich auch kleine Größen wie das Popfest Wien, das Donaukanaltreiben und das Hafen Open Air. Neben Veranstaltern bemühen sich auch etliche Labelchefs um die heimische Szene. Wären Labels wie monkey., Pate Records oder ink music nicht, hätte es die eine oder andere Rockband noch schwerer, zumindest von österreichischen Nischenmedien bemerkt zu werden.

Rossori Popkomm 2011_best

Mario Rossori (Pate Records)

Pate Records hat es sich zur Aufgabe gemacht junge, österreichische MusikerInnen auf ihrem Erfolgsweg zu begleiten. Es beginnt bei den ersten Gesprächen, wo das Image des Acts definiert wird, in der Erläuterung wie der gemeinsame Vertrag aussieht und der Beratung, bei welcher Verwertungsgesellschaft die MusikerInnen dabei sein sollen. Gerade in den letzten beiden Jahren ist es aber immer schwerer geworden, ein neues Produkt, gerade im Radio durchzusetzen. Nicht nur im ORF, sondern auch bei den Privaten – Motto: jeder wartet auf den anderen! Dass es im ORF TV gar keine Pop-Musiksendung mehr gibt ist sowieso eine Schweinerei, die aber schon seit Jahrzehnten nicht geändert wird.

Mit Wienpop wurde vor kurzem ein großartiges Buch veröffentlicht, das fünfzig Jahre der Wiener Musikgeschichte dokumentiert. Unter anderem zeichnete hier Walter Gröbchen, über dessen Label monkey. heuer nun zum vierten Mal die heimische Compilation Wienmusik erscheint, verantwortlich.

Walter Gröbchen (monkey)

Walter Gröbchen (monkey)

Die Umstellung von Ö3 auf ein Formatradio anno 1996 war der größte Sündenfall eines öffentlichrechtlichen (also gesellschaftsfinanzierten) Senders in der österreichischen Mediengeschichte. Er ist einer angeblichen Notwendigkeit geschuldet: der Querfinanzierung von Ö1 und FM4 durch einen reichweitenstarken Mainstream-Pop-Kanal. Aber abgesehen davon, dass der Betrieb von Kultur-, Informations- und Jugendprogrammen zu den Kernaufgaben des ORF zählt – man erinnere sich an Lästigkeiten wie einen Kultur- & Bildungsauftrag – und das Unternehmen dafür reichlich Geld kassiert, ist der (nicht unbeabsichtigte) Nebeneffekt, dass sich eine lebensfähige, kommerzielle Privatradiolandschaft nur sehr gebremst entfalten kann. Der zynische Status Quo von Ö3 zeigt sich nicht zuletzt beim heimischen Musikschaffen: die Musikredaktion des Senders, teuer beraten und gesteuert von deutschen PrivatradioConsultants, findet hundertmal eher Gründe, warum ein Song österreichischer Provinienz NICHT „on air“ gehen kann als für eigene Entdeckungsfreude und konsequente Förderung lokaler Produktionen. Gerade auch dafür aber war Ö3 vom Start des Senders 1967 bis in die neunziger Jahre hinein bekannt und beliebt. elbst habe daraus eine gewisse Konsequenz gezogen: der Dialog mit der Ö3-Führungsspitze – eine Selbstverständlichkeit in einer funktionierenden Kulturlandschaft – ist in realita pure Energie- & Zeitverschwendung. Zwar ist ein Mainstream-PopSender ungebrochen der wichtigste Durchlauferhitzer für kommerzielle Pop-Produktionen, aber letztere gibt es in Österreich kaum mehr (Ausnahmen bestätigen die Regel). Da monkey. als Label sowieso den Fokus auf Alternative Music legt, ist der Schaden überschaubar. Das Internet als neue, bidirektionale Kommunikationsplattform hat das Quasi-Kommunikationsmonopol des ORF – das Fernsehen ist, was Populärmusik betrifft, eine spezielle Katastrophenzone – in vielfältiger Hinsicht längst ausgehebelt. Gut so, sage ich – dabei bin ich durchaus ein Anhänger der Idee eines öffentlich-rechtlichen, verantwortungsvollen, nonkommerziellen Senders. Ö1 und FM4 sind dafür wunderbare Exempel.

Ein wichtiger, wenn auch nicht immer zu 100 Prozent ernstgenommener, Bestandteil der österreichischen Musikszene sind die Amadeus Awards. Auch diese werden nicht mehr vom ORF übertragen, dafür hat sich der Privatsender Puls 4 ihrer angenommen. Ebendieser startet diesen Herbst mit einer neuen, österreichischen Musikcastingshow durch (TICKET berichte).

Herr Tischbein (österreichischer Musiker)

Herr Tischbein (österreichischer Musiker)

Ich finde es wichtig, dass es so etwas wie den Amadeus Award in Österreich gibt. Wenn nicht einmal mehr die Möglichkeit bestünde, dass sich hier die Kulturschaffenden aus allen Ecken einmal pro Jahr treffen, dann wird es ganz traurig!

Alles in allem ist wohl zu sagen, dass sich jeder selbst ein bisschen an der Nase nimmt und wieder mehr Konzerte von heimischen Künstlern besucht und deren Tonträger ersteht. Wenn vermehrt Publikum gegeben ist, dann kann auch die hiesige Medienlandschaft ihre Augen nicht mehr vor dem einen oder anderen Act verschließen. Österreich hat so viel an guter Musik zu bieten, das weit über Volksmusik, Schlager und klassische Konzerte hinausgeht!

Die Entwicklung der österreichischen Musik

Austro-Musik im ORF-Radio sinkt Vor 23 Jahren waren österreichische Kompositionen im ORF-Radio noch mit 27 Prozent vertreten. Seither ging es aber stetig bergab und der Anteil erreichte 2002 mit nur 18,6 Prozent seinen Tiefpunkt. Nach einem kurzen Aufschwung in den Folgejahren, ist österreichische Musik im ORF-Radio wieder am absteigenden Ast. In anderen europäischen Ländern legt man im Staatsrundfunk, im Durchschnitt mit 40 Prozent, offensichtlich mehr Wert auf heimische Kompositionen.

Quelle: AKM Sendezeitstatistik

Quelle: AKM Sendezeitstatistik

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!