Prag premiert bald

Prag. Eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste Stadt Europas, Heimat zahlreicher phantastischer Geschichten, in denen die Grenzen zwischen Geschichte und Legende verschwimmen. Gleichzeitig ist Prag aber auch Name des Musik-Kollektivs rund um die ehemalige MTV-Moderatorin Nora Tschirner, die „Einohrhäsin“ und das „Zweiohrkücken“. Und ihr Prag, die Band, und das andere, tatsächliche, städtische Prag gehen durchaus Hand in Hand.

Prag. Streichen wir den äußeren Gürtel, die schnöden Wohngegenden und Bürokomplexe und konzentrieren wir uns auf das Zentrum. Allein, wenn man aus dem Gässchenwirrwarr taucht und über die Karlsbrücke, über das Plätschern der Moldau hinweg, in der Kleinseite versinkt, beschleicht einen das Gefühl, nicht durch eine tatsächliche Stadt, sondern vielmehr durch die Kulisse eines expressionistischen Stummfilms zu schreiten. „Dieses Mütterchen hat Krallen“, resümierte der große Prager Autor Franz Kafka über „seine“ Stadt, und tatsächlich: Die Gassen, die Gebäude nehmen einen auf wie die schützenden Arme der Mutter, doch die Umarmung zurrt fester, immer fester, bis Fleisch in Fleisch übergeht und man im dämonischen Annodazumal versunken ist.

Prags Premiere – also eine vertonte Schwermut? Nein. Es ist das zaghafte Schleichen eines kleinen Mädchens – Nora – auf ihren nackten Zehenspitzen durch eine Unterwelt aus Golems und Käfern. Und damit das Bibbern und Zittern sich neigt, erzählt das kleine Mädchen sich selbst Geschichten, während der Pulverturm sich bedrohlich hinabneigt, die Astronomische Uhr immer manischer tickt, der Hradschin Düsternis auswirft und die Moldau sich aufbäumt. Geschichten über die zauberhafte Sophie Marceau beispielsweise, über Anfang und Ende und allem, was dazwischen liegt. „Wir wären wirklich glücklich, wenn die Zuschauer auf den Konzerten mit uns eine fremde Welt betreten könnten“, wünscht sich das Trio sehnlichst und musiziert nebenbei beinahe beiläufig auf ihren Hackbrettern, Mandolinen, Knackbässen, Schlagzeug und „Tarantino-Gitarre“, während das Tschechische Filmmusik zu Premiere vervollständigt, nicht unähnlich zu einem Nebeldunst, der langsam, aber stetig über das Kopfsteinpflaster zieht. Das Resultat ist altmodisch, cineastisch, verströmt eine seltsame Elegie und eloquente, dabei grazile Melancholie, ist dabei wie das Kitzeln der Sonne in der Nase, küssende Lippen an der Wirbelsäule, ein Streichen durchs Haar.

Allein: Man darf sich vom Marketing um Prag nicht irreführen lassen. Prag ist nicht „Nora Tschirner und Band“. Vielmehr ist Prag ein Kollektiv, in der Nora halt auch dabei ist – meistens stimmlich arg in den Hintergrund gedrängt, während Erik Lautenschläger (Erik & Me) eigentlich in die Haut des kleinen Mädchens schlüpft. Nichts desto trotz ist Premiere bezaubernd. Einige mögen urteilen: langweilig. Andere, die, die sensibel genug sind, eintauchen zu können, fühlen sich wie nach ein, zwei Flaschen Rotwein, ohne dass man jedoch auch nur an einem Gläschen genippt oder geschnuppert hätte. Beste Voraussetzungen, im Wiener Theater Akzent oder im Salzburger Rockhouse trunken zu werden, und dennoch mit dem Auto heimfahren zu dürfen.

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Prag Premiere

Premiere ist bei Tynska Records (Tonpool) erschienen.

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