Rainer Nikowitz: Altenteil

Rainer Nikowitz

In seinem dritten Roman lässt profil-Kolumnist Rainer Nikowitz seinen Antihelden Suchanek im Altersheim – Verzeihung: im „Haus zum Leben“ – ermitteln. Nicht ganz freiwillig, wohlgemerkt.

Rainer NikowitzKrimis und Krimi-Serien – und demnach auch ermittelnde literarische Figuren – gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Selten reichen da die Charaktere und Plots an die Klassiker heran: Unübertroffen sind Sherlock Holmes, der sich in Drogenräuschen durch seine Deduktionen wühlt, oder die umtriebigen Senioren Miss Marple und Hercule Poirot von Agatha Christie. Nicht zu vergessen natürlich auch Columbo, der Inspektor des Los Angeles Police Departments, der mit seinem unordentlichen und begriffsstutzig wirkenden Auftreten die Täter nur zu gern in Sicherheit wiegt. Doch Österreich, ein Land, das zwar in seiner Größe klein, in seiner literarischen Vergangenheit jedoch nicht unbedeutend ist, vermag es, den Altersschnitt des angestaubten Kanons zu verjüngen:

War einst das Österreichbild geprägt vom blondbezopften Mädl im Dirndl und dem Lausbuben in der Krachernen, so ist in den letzten Jahrzehnten ein Bild gedeiht, das sich aus dem Rinnsal der Kellergasse nährt – man kennt dies von Haas, Hader, Haneke und auch wenn er nicht in die Anfangsbuchstabenreihe fällt: Schalko. Ein Bild von Halbbauern, Halbsäuen und Halbkühen, die kaum die Inhalte aus den Tagesschmierblättern Krone und Österreich zu Ende denken, schwere Alkoholiker mit innerlich brodelnden Dämonen zumeist, gesegnet mit unendlicher Leere im Leben, die nicht einmal die großmütterlichen Häkeldecken am Kaffeetisch oder das Hirschgeweih in der guten Stube auffüllen können. Der neue Heimatroman ist eine „urösterreichische Nabelschau“ – und im Nabel, da sind immer diese Ekelfussel drinnen.

In genau jene Sparte taucht auch der Profilsatiriker ein: Nicht erst seit heute ist der 1964 in Tulln (Kreuzworträtsel 5 senkrecht: öde Steppe im Neandertal vor Wien) geborene Nikowitz nicht nur geburtstechnisch mit dem Suffix -witz gesegnet, sondern beinahe auch vom Staate Österreich mit akademischen Graden (Publizistik nebst Rechts- und Unrechtswissenschaften) bedacht worden und daher seit 1998 beim Wochenmagazin profil gut genug für Politsatire. Also schaut sich Nikowitz allwöchentlich wahre Geistesgrößen an. Die Figur des Suchanek, die er 2012 in seinem Romandebüt „Volksfest“ einführte und hierauf 2014 in „Nachtmahl“ prolongierte, ist ein ähnlicher Sympathieträger wie Nikowitzens täglich Brot, unsere Politiker, Lobbyisten und die gezwungene C-Prominenz. Dabei ist Suchanek vornamenslos und ein nicht sonders erfolgreicher Ermittler, ihm mangelt es aber leider auch an jedweder Coolness, die einem ziemlich fertigen Verlierer wie John McClane zumindest anheim ist. Lässige Sprüche: Fehlanzeige.

Eine „Lässigkeit“ hingegen ist jedoch dem literarische Rahmen, in dem sich Suchanek bewegt, anheim: Nikowitz hätte mit seinem schreiberischen Geschick vermutlich gar das Ingenium, das Wiener Telefonbuch einem neuen Revival zuzuführen. Nicht minder als die beiden Vorgänger ist „Altenteil“, der dritte Suchanek-Krimi, mehr als ein schnödes Genre-Werk, sondern ein Konvolut aus – obwohl Suchanek ja eigentlich aus Wulzendorf im absonderlich hinterwäldlerischen Waldviertel stammt – wienerischen Lebensweisheiten, die sich unter dem alleinigen Ziel, alles und jeden – vielleicht auch sich selbst, bloß nicht die lethalen Dinge wie eben Grant, Alkohol und andere Stimulanzen – zu hassen. Apropos Stimulanzen: Suchanek hat einen großen Fehler begangen – nicht, dass er sich sich für den entspannten Eigenbedarf 10 Dekka Marihuana gecheckt hat, sondern dass er sich dabei erwischen hat lassen. Nun weiß der Bildungsbürger, dass die süße Mary Jane weitaus weniger schädlich für den Geisteszustand ist, als einmal tief das Potpourri aus Erbrochenem und Leichenfäulnis in der U1-Station Karlsplatz einzuatmen. Aber das tut erstens ohnehin nur ein unbedarfter Tourist aus dem tiefsten Kärnten freiwillig, und außerdem sieht das die Judikative anders: Kavaliersdelikt ist der Besitz von Rauschmittel in unserer aufgeklärten Zeit offenbar keiner. Also wurde Suchanek dazu verdonnert, zumindest einmal in seinem Leben sozial zu sein und zumindest die Vorstufe von Leichenfäulnis einzuatmen – nämlich im Altersheim (sprich: „Haus zum Leben“) Dienst zum Wohle der bald sterbenden Menschheit zu verrichten.

Das ist von Haus aus schon ziemlich unleiwand, viel mehr noch, wenn eine oder einer der alten Schabracken und Krauderer zur Abwechslung nicht eines natürlichen Todes dahingerafft werden, sondern ein bisserl nachgeholfen wird. Doch schließlich kommt es wie es kommen muss: Auch das Jungvolk ist nicht von vorzeitigem Ableben gefeit, und in der Frage nach dem „wie“ zeigt sich Nikowitz äußerst kreativ – so schön wie er mordete zuvor kaum einer.
Dabei ist nicht nur in den Ermittlungen, sondern neben Suchanek in der Erzählung ansich das wahre Idol der impotente Herr Renner: Wer so kurz vor Lebensende nicht so eine Krätze werden will, der hat nicht – oder lediglich entlegen – gelebt. Weil wann, wenn nicht im fortgeschrittenen Alter, darf man ungesühnt den Mitmenschen verdientermaßen und im vollsten genussvollen Bewusstsein so richtig und vor allem ungesühnt am Oasch gehen – ungesühnt vor Gott allein, freilich?

Nicht nur in Österreich, generell wird in der Literaturszene äußerst viel Durchschnittsware abgeliefert, was nicht weiter schlimm wäre – tragisch wird es nur dann, wenn durch Hawarei ein Schaß mit Ohren als der neue Bernhard verkauft und abgefeiert wird – ein bisschen Schimpfen hier, ein bisschen Lokalkolorit da. Nikowitz wäre das perfekte Protektionsbeispiel dafür, wenn er nicht wirklich gut wäre. Freilich, man hat bereits zu seinem Romandebüt Qualität erwarten können, ja, müssen, nach den hunderten Kolumnen – aber ein Roman ist doch ein anderes Metier, als halt einmal in 3.000 Zeichen infame Ideen der wahren heimischen Geistesgrößen durch den Kakao mit saurer Milch zu ziehen, nichts für ungut! Zumal sich Nikowitz auch in der Langform nicht in „seinem“ Metier ausruht, sondern nun zum wieder-wiederholten Male beweist, sich nicht nur in den staatlichen und halbstaatlichen Intrigen zurecht zu finden. Das, was Nikwoitz schreibt, hat Bestand. Und das zeigt sich nicht nur, aber auch in seinem Talent, kleinen Sachverhalten einen Moment an Ruhm zu verleihen, wie exzeptionell in jenem aus dem Zusammenhang gerissenen Dialog: „Ah, Leintücher.“ – „Ja“.

Allein: Kann das bitte nicht nur für die Illiteraten wer mit Josef Hader verfilmen? Das wäre doch eigentlich aufgelegt.

Rainer Nikowitzens „Altenteil“ ist bei rowohlt erschienen.

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