Rainhard Fendrich geht seinen Weg

Rainhard Fendrich

Rainhard Fendrich ist Kult, seit über 30 Jahren begeistert er seine Fans mit tiefgründigen und unterhaltsamen Songs – mit seinem neuen Album „Schwarzoderweiss“ zeitaktuell wie eh und je.

Rainhard FendrichDie Leistungen und Erfolge von Rainhard Fendrich aufzuzählen hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Ohne Frage ist der heute 61-Jährige einer der prägendsten Figuren der österreichischen Szene, eine Fix-Größe seit mehr als drei Jahrzenten, und mit „I Am From Austria“ inoffizieller Hymnen-Komponist. Mit „Schwarzoderweiss“ legt Fendrich 14 neue Lieder vor, zwischen nachdenklich und amüsant, zwischen (Wiener) Dialekt-Spuren und Hochdeutsch. Und im Februar gibt’s eine Österreich-Tournee mit (bisher) fünf Konzertterminen.

Im legendären Café Korb, im Schatten des Wiener Stephansdoms, parlierte Rainhard (im Keller, vor neugierigen Augen geschützt) mit !ticket über das neue Album, seinen Abschluss mit der katholischen Kirche, Trump & Hofer und verriet, ob er – wie im Text von „Lieselotte“ – bereits mit einer Prada-Schnepfe auf Urlaub war …

Gleich im ersten Titel, „Wenn Du Was Willst“, singst du über den digitalen Wahnsinn und bittest, dass man dich doch anrufen soll oder einen Brief schreiben, anstatt zu SMSen oder zu mailen. Welche Geräte verwendest du selbst?

Rainhard Fendrich: Ich hab‘ mit den Streichel-Handys ein großes Problem. Ich komm‘ aus einer sehr analogen Zeit, da war man im Telefonhüttel, hat ein bisschen was vom Telefonbuch abgerissen und hinten hineingesteckt, und dann konnte man umsonst stundenlang telefonieren. Ich habe einen Laptop, den brauche ich, um Mails zu schreiben. Ich hab‘ ein uraltes iPad, also ein Tablet, das jetzt auch nimmer geht, wo ich aber noch bei Googlemaps nachschauen kann, wo ich hinfahre. Und dann habe ich ein iPhone. Ich bin aber eigentlich ein Telefonierer.

Es ist mir aufgefallen, dass sich die Kommunikation verlagert. Dass Familien im Urlaub, die Zeit, die sie miteinander verbringen, am Abend oder am Wochenende, auf das Handy starren. Vielleicht sind die Menschen glücklich. Mir fällt der Satz von Diogenes ein: „Ich freue mich über die vielen Dinge, die die Menschen glücklich machen, derer ich nicht bedarf.“ So ist es auch bei mir, ich möchte da nicht altbacken klingen, dass früher alles besser war. Es ist eben anders geworden …

Geht es da in Richtung digitale Vereinsamung oder Verflachung der Konversation?

Rainhard Fendrich: Der geniale Gedanke dahinter ist, dass jeder ein bisschen berühmt ist. Dass ich mein Essen fotografiere und solche Sachen. Das ist nicht so bedenklich. Der Dialog verändert sich insofern, dass die Sprache verrohen kann, weil man niemandem gegenüber sitzt. Man hat oft Postings, die sehr nahe am Tourette dran sind, wo jemand aus der Anonymität heraus schreibt. Meine Muttersprache ist die eines Thomas Bernard und eines Johann Nestroy, und net von irgendwelchen Leuten, die Schmähgedichte schreiben oder Fäkalausdrücke verwenden. Der Dialog verroht, er findet statt. Man bekommt sofort Reaktionen. Aber man muss ja nicht immer mitmachen.

Wie kommunizierst du mit deinem Nachwuchs?

Rainhard Fendrich: Wir telefonieren. Oder ich schick‘ eine SMS, „Hab‘ angerufen“ oder so. Aber ich selbst verwende das Internet als Lexikon, als Rechtschreibkorrektur, als Übersetzer.

Geht durch die neuen Medien nicht die Sprache verloren?

Rainhard Fendrich: Die Sprache verändert sich automatisch, das ist aber ganz normal. Das wissen wir seit der ersten und zweiten Lautverschiebung, vom Mittelhochdeutschen zum Hochdeutschen. Wir verwenden jetzt immer mehr Englischsprachiges. Es gibt für vieles gar kein deutsches Wort, wie für Wellness, oder „ragen“ für Aufregung. Ich find‘ das jetzt aber net so schlimm, man wird es nicht aufhalten können. Sprachforscher sagen, dass man in vier-, fünfhundert Jahren eine Einheitssprache sprechen wird.

Manchmal erinnerst du mich in Diktion und Gesang an Udo Jürgens. Ist das beabsichtigt?

Rainhard Fendrich: Das ist unbewusst! Die Menschen, die dich beeinflussen, prägen dich. Mich haben der Herr Danzer, der Herr Ambros, der Herr Konstantin Wecker und der Herr Udo Jürgens beeinflusst. Ich hab‘ Lieder geschrieben, die erinnern manchmal an den Georg, die erinnern an den Ambros, das ist automatisch so. Das letzte Konzert von Udo Jürgens hab‘ ich in der O2-Arena in Berlin gesehen.

Der Text von „Frieden“ bezieht sich auf den Syrien-Krieg. Hat sich das nicht längst überlebt seit dem Texten? Denn der Konflikt ist seither noch blutiger, noch intensiver geworden …

Rainhard Fendrich: Kunst reflektiert, Kunst muss sich mit dem auseinandersetzen. Manchmal ist das, was ich sehe für mich der Anlass, einen Text zu schreiben. Ich seh‘ mich nicht so sehr poetisch, ich sehe mich als lebensnah. Die größte Sehnsucht der Menschen ist Frieden, noch vor der Sehnsucht nach Liebe. Das ist eine lyrische Betrachtung, in lyrischen Bildern. Denn ohne Frieden kann sich keine Liebe entfalten.

Der Titelsong „Schwarzoderweiss“ hat mich sowohl vom Thema als auch vom Text sehr an Michael Jacksons „Black Or White“ erinnert. Zufall?

Rainhard Fendrich: Höchsten wegen der Farben (lacht). Ich hab‘ in erster Linie daran gedacht, dass man eine Religion unter Generalverdacht stellt, die man gar nicht kennt. Dann hab‘ ich begonnen zu recherchieren. Dschihad ist keine Aufforderung zum Krieg, es ist der innere Kampf gemeint. Der Islam verbietet in einem Vers den Kampf mit Feuer gegen Länder, in denen Muslime ihrem Glauben ungehindert ausüben können, und, und, und … Was jetzt passiert ist, dass man junge Menschen, die zwar vielleicht muslimischer Herkunft sind aber sonst kaum praktizieren, radikalisiert. Aus der Religion nimmt man sich aus dem Zusammenhang gerissen genau das, was man dafür braucht.

Die Systematik kennen wir von der Kreuzzügen …

Rainhard Fendrich: Das Interessante ist, dass man beim ersten Kreuzzug in Jerusalem ein Blutbad angerichtet hat. Man hat alle Frauen und Kinder umgebracht, und der Islam hat nie zurückgeschlagen. Der Hass auf den Westen ist entstanden, weil es noch immer westliche Mächte auf islamischem Boden gibt. Es ist ein Hass da, aber der Aggressor war immer der Westen. Natürlich verstehen wir verschiedene religiöse Brauchtümer und Lebensweisen des Islam überhaupt nicht, weil der noch im Mittelalter steckt. Der große Fehler ist aber, dass noch immer Truppen islamischen Boden besetzen. Bin Laden wurde da immer nicht ganz richtig zitiert. Er hat gesagt, dass es auf dieser Welt keine Sicherheit mehr geben wird. Doch der Satz ging weiter: Solange sich ein amerikanischer Soldat auf islamischem Boden aufhält. Das ist eine andere Message. Dass wir als Europa jetzt dazwischenstehen, bei einem Krieg, den wir nicht angefangen haben … Die Amerikaner mischen sich überall ein. Uns wurde in vielen Filmen und Fernsehserien immer glaubhaft gemacht, dass die Amerikaner immer die Guten sind. Aber jede Großmacht, jede Kolonialmacht hat Blut an den Händen. Und die Amerikaner sind nur an einem interessiert, an Amerika.

Es gibt in „Schwarzoderweiss“ die Textzeile „wir beten alle zum selben Gott“. Wirst du im Alter nachdenklicher? Religiöser vielleicht?

Rainhard Fendrich: Überhaupt nicht. Ich finde den Papst unheimlich gut, der gesagt hat: Zu Nächstenliebe gibt es keine Alternative. Ich find‘ auch den Dalai Lama gut, bin aber kein Buddhist. Ich bin aus dem Verein Kirche ausgetreten und habe beschlossen, den Weg zu Gott alleine zu finden. Ich habe viel in der Bibel gelesen … Da kommt Moses vom Berg Sinai mit den Zehn Geboten, sieht die Leut‘ ums Goldene Kalb herumtanzen und lässt alle umbringen. UNd dann steht da: „Du sollst nicht töten.“

Leichtere Kost – auch dieses Mal singst du gegen den Schönheitswahn, ein Thema, das in den Jahren immer wieder kommt. Beschäftigt dich das denn so sehr?

Rainhard Fendrich: Es beschäftigt mich, weil es mir auffällt, dass wir in unserer Gesellschaft sehr nach Außen leben. Man muss etwas darstellen, man muss etwas repräsentieren, man will einem Schönheitsideal, das nicht einmal aus uns selbst kommt, genügen. Dieses Schönheitsideal wird von der Werbung diktiert, von irgendwelchen Trendsettern. Aber es entspricht nicht der wahren Schönheit, die einen Menschen ausmacht. Es kann nicht sein, dass die Natur, die sonst alles so genial macht, gerade beim Altern einen Fehler begangen hat. Ich glaube, dass Leben und Sterben eines Menschen das Natürlichste ist, was man sich überhaupt vorstellen kann. Ob man an Reinkarnation glaubt, ob man glaubt, dass dann nix mehr ist … das weiß ich nicht. Der Mensch will irrsinnig lange leben, aber nicht alt werden. Das wird manchmal skurril.

Hast du den Eindruck, dass dir die Zeit davon läuft?

Rainhard Fendrich: Ich würde das Gefühl haben, wenn ich sie vertreiben muss. Diese bildhafte Metapher, wenn du nichts zu tun hast, dann rennt dir die Zeit davon. Im Urlaub, wo du nichts zu tun hast, vergeht die Zeit ratzfatz. Die subjektive Wahrnehmung von Zeit ist etwas Menschliches, denn als Kind vergeht die Zeit überhaupt nicht. Gegen Ende, wenn man auf ein erfülltes Leben zurückblickt, wird man ja auch wieder zum Kind. Ich glaube, dass die Zeit mir gehört. In dieser Phase bin ich gerade. Sie gehört mir und niemand anderem mehr! Ich nehme mir Zeit für mich, das ist meine Lebensqualität. Ich arbeite nicht weil ich arbeiten muss, sondern weil ich will und nicht anders kann. Aber ich lass‘ mich nicht mehr zum Affen machen für irgendwelche Erfolgsgedanken, die andere eigentlich viel mehr interessieren als mich selbst.

Und wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei?

Rainhard Fendrich: Das Problem, das ich mit der katholischen Kirche hab‘: Das Leben beginnt mit Angst, es wird gedroht. Du kommst als unschuldiges Kind mit einer Sünde auf die Welt. Damit kann ich nichts mehr anfangen. Ich gehe meinen Weg zu Gott alleine.

Du thematisierst „Wer schützt Amerika”. Wünschen sich die Menschen mit Trump, Hofer und Co. nicht einen starken Mann, einen starken Führer?

Rainhard Fendrich: Ob sich die Menschen nach einem starken Mann sehnen, weiß ich nicht. Aber was in Amerika abgeht, ist eine Katastrophe. Ich halte es für sehr bedenklich, dass ein Donald Trump so viel Mist daherreden kann und Anhänger hat. Was geht vor in diesem Land? Ich mach‘ mir Sorgen um die amerikanische Bevölkerung, die von Lobbys wie der Waffenlobby beherrscht wird. Deshalb sag‘ ich ja, lasst Batman und Superman frei! Dort rennt derzeit alles aus dem Ruder.

Rainhard FendrichUnd wir „werden uns noch wundern, was alles geht“.

Rainhard Fendrich: Das ist aus dem Zusammenhang gerissen, das hat er anders gemeint. Ich glaub‘ nicht, dass Hofer gewinnen wird, weil es hat Van der Bellen (bei der Stichwahl, Anm.) gewonnen. Es werden die, die Van der Bellen gewählt haben, wieder Van der Bellen wählen. Und die, die Hofer gewählt haben wieder Hofer. Es geht um das Zünglein an der Waage, um die Nichtwähler, die jetzt wählen gehen. Das Problem ist ein anderes, das hatten wir schon einmal. Österreich ist ein kleines Land, Österreich ist ein Kulturland, für die Welt voll mit Walzerseligkeit und voll mit Puntschkrapferln, ein Operettenstaat. Aber es ist kein rechter Staat. Man kommt gerne her, um zu wandern, um in den Seen zu banden oder Schi zu fahren. Wenn wir in die rechte Ecke gerückt werden, haben wir ein Problem, das wir schon hatten. Mit der blau-schwarzen Regierung. Das ist für Österreich ganz, ganz schlecht, es wäre für uns ein Desaster. Die Kuh ist noch nicht vom Eis, auch wenn ich prophezeie, dass Van der Bellen gewinnen wird. Trotzdem muss sich die Regierung etwas einfallen lassen, denn die Menschen sind unzufrieden. Nur, weil man den Bundeskanzler ausgetauscht hat, sind die Seilschaften nicht anders. Man kann von heute auf morgen diesen durchgegangenen Sechsspänner nicht wieder gerade drehen. Es wird darum gehen, wie Bundeskanzler Kern die Regierung neu aufstellt.

Dennoch hast du mit „Immer ein Wiener“ – nach „I Am From Austria“! – eine neue Hymne, dieses Mal an deine Heimatstadt, geschrieben. Wie geht das zusammen?

Rainhard Fendrich: Ich bin ein Wiener! Ich kenne niemand, der nicht irgendwas dort, woher er kommt, auszusetzen hat. Weil seine Heimat kennt man selbst so gut wie kein anderer. Du wirst deine Eltern immer lieben, auch wenn sie dich schlecht behandelt haben.

Die Sugardaddys gieren nach Frischfleisch, mokierst du dich. Wärst du nicht gern ein Sugardaddy?

Rainhard Fendrich: Nein, und nicht in allem worüber ich schreibe, geht es um mich. Ich hab‘ das Verlangen nicht. Ich finde es amüsant, wenn Männer im wahrsten Sinne des Wortes der Jugend nachlaufen. Wenn Frauen extrem schön sein wollen und gar nicht mehr so schön sind.

Ist dir „Sex schon lange egal”?

Rainhard Fendrich: Das ist kein Ich-Lied! Sex ist mir nicht egal.

Und du bist niemals „mit einer Pradaschnepfe auf Urlaub gefahren”?

Rainhard Fendrich: Glaubst du, dass in 35 Jahren alle meine Urlaube perfekt waren? (lacht, und beißt genüsslich in sein Würstel, das Promotion-Tag-Mittagessen)

 

„Schwarzoderweiss“, das neue Album von Rainhard Fendrich, erscheint am 7. Oktober. Rainhard Fendrich gibt es kommendes Frühjahr dann live: am 17. Februar in der Wiener Stadthalle, am 18. Februar in die Olympiahalle München, am 2. März in der Salzburgarena, am 3. März in der Linzer TipsArena, am 4. März in der Grazer Stadthalle und am 7. März in der Olympiahalle Innsbruck. Im Herbst – am 1. September – kommt Rainhard Fendrich dann nach Kufstein, in die Festung. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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