Red Hot Chili Peppers: California über alles

Red Hot Chili Peppers, Beach Boys, Black Flag, Eagles oder N.W.A. – was macht den berühmt-berüchtigten „California Sound“ aus? Es geht um die Ideologie und nicht um den Klang.

Red Hot Chili Peppers

Musik, Emotionen und Geografie haben mehr gemein, als man glauben mag. Seit jeher verbindet man bestimmte musikalische Klänge mit ihrer direkten Umgebung – das hat sich über die Jahrzehnte so stark entwickelt, dass Hörer bereits gefestigte Bilder von Sound und Landschaft in ihrem Kopf abgespeichert haben. So stehen die kalten Riffs im Black Metal für die Frostgebiete von Norwegen, verbindet man angriffige Breakdowns im Hardcore gerne mit den harten Straßenschlachten der Bronx oder assoziiert den fröhlichen Surf-Pop der Beach Boys mit den malerischen Sandstränden des sonnigen Kaliforniens.

Große Variabilität

Doch gerade Kalifornien ist ein besonders perfides Pflaster was Kategorisierungen betrifft. Die Musikkultur des bevölkerungsreichsten Staats der USA lässt sich nicht so einfach festmachen, zu viele Strömungen haben nicht nur das subkulturelle Treiben am pazifischen Ozean, sondern die ganze Welt nachhaltig geprägt. Der exzentrische Sänger Ariel Pink brachte die Variabilität des „California Sounds“ in einem Interview auf den Punkt: „Die Menschen behaupten, in meiner Musik würden sie den typisch kalifornischen Sound wiedererkennen, aber ich glaube nicht, dass diese Leute wissen, was das bedeutet. Die meisten denken dabei an die Beach Boys – für mich ist es mehr der Sunset Strip ab den 60er-Jahren.“

Was darf es sein?

Wie mannigfaltig Kalifornien die Populärmusik geprägt hat, lässt sich in seiner Ganzheitlichkeit kaum eruieren. Es ist vielmehr eine Frage des Alters, des Geschmacks, der musikalischen Sozialisierung und des ideologischen Standpunkts eines jeden Einzelnen, was denn nun den legendären „Cali-Sound“ ausmacht. Sind es die fröhlichen, aber schon früh mit Sozialkritik durchsetzten Surf-Punk-Songs der Beach Boys? Ist es der Ende der 80er-Jahre in South Central L.A. populär gewordene Hip Hop, der durch Ice-T und dem N.W.A.-Referenzwerk „Straight Outta Compton“ zu Weltruhm gelangte? War es der gegen das Establishment rüttelnde Hardcore-Punk von Black Flag? Die LSD-vernebelten Psych-Rock-Legenden Jefferson Airplane? Die feurigen Thrash-Metal-Riffs aus der Bay Area von Slayer, Metallica oder Exodus? Oder doch eher die mit viel Schminke und Haarspray garnierten Glam Rocker von Mötley Crüe, Quiet Riot oder den aus Pennsylvania immigrierten Poison, die aus dem Sunset Strip in den 80er-Jahren einen skurrilen Laufsteg des Hedonismus formten?

Liebeserklärung

Es gibt kaum einen bekannten Künstler oder eine bekannte Band, die nicht die Wahlheimat von „Governor“ Arnold Schwarzenegger besang. Die bekanntesten Huldigungen kamen von Bob Dylan, Weezer, Lenny Kravitz oder U2. The Eagles besangen das „Hotel California“, die Beach Boys die „California Girls“ und die Punk-Legenden Dead Kennedys skandierten gar „California über alles“. Die wohl umfassendste Liebeserklärung kam kurz vor der Jahrtausendwende aber von den Red Hot Chili Peppers – einer Band, die man unweigerlich so stark mit dem „California Sound“ assoziieren würde, wie nur wenige andere. „Californication“ nannten Anthony Kiedis und Co. ihr Referenzwerk von 1999 – viele Jahre, bevor sich David Duchovny in der Rolle des erfolglosen Schriftstellers Hank Moody in der gleichnamigen Serie durch Los Angeles vögelte.

Richtiges Lebensgefühl

Doch schon vor der vertonten Liebeserklärung waren es vor allem die Peppers, die den Terminus „California Sound“ wieder entstaubten und in eine locker-fröhliche Gegenwart führten. Ihre noch immer einzigartige Mischung aus Rap, Funk, Pop und Rock schallte schon Mitte der 80er-Jahre beschwingt durch die Underground-Clubs von Los Angeles. Spätestens mit dem 1992er-Album „Blood Sugar Sex Magik“ gelang ihnen die perfekte Umsetzung des kalifornischen Lebensgefühls. Obwohl die Texte erstmals kritischer wurden, blieb immer noch ausreichend Platz für Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Der Klang orientierte sich weiterhin am Funk und die lockere Umsetzung der Herren Kiedis, Flea, Frusciante und Smith lässt unweigerlich sommerliche Bilder von L.A. vor dem geistigen Auge ablaufen. Somit sind die RHCP so etwas wie die akustische Quintessenz des kalifornischen Lebensgefühls.

Sound für alle

Die gesamte Musikhistorie betrachtend, wird aber vor allem eines klar: Im Gegensatz zu den Beispielen aus Norwegen oder etwa der Britpop-Szene aus Liverpool und Manchester lässt sich Kalifornien im musikalischen Spektrum nicht mit einem bestimmten Sound erklären. Es geht schlussendlich um die Ideologie und nicht um den Klang. Sieht man den Staat an der Westküste lieber politisch und sozialkritisch? Will man gerne in die Glamourwelt des Sunset Strips und Beverly Hills eintauchen? Geht es um knallharte Straßenkriege in Downtown? Oder brettert man mit dem 54er Chevy 210 lieber die unzähligen Wüstenstraßen entlang, um die unendliche Freiheit des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten zu genießen?

Seinen kalifornischen Sound kann sich jeder selbst aussuchen – die Klassifizierung ist nicht fassbar. Oder wie es der legendäre Autor Edward Abbey dereinst formulierte: „Es gibt die Wissenschaft, die Logik und plausible Gründe; es gibt Gedanken, die durch Erfahrungen verifiziert werden. Und dann gibt es noch Kalifornien…“

 

https://www.youtube.com/watch?v=Q0oIoR9mLwc

Die Mitglieder der Red Hot Chili Peppers haben immer schon gerne in fremden Gefilden gewildert. Bei derart überbordender Kreativität lässt sich das gut nachvollziehen. Wir haben für euch die fünf interessantesten Beispiele rausgesucht:

Flea (Bass):
Jane’s Addiction – „Nothing´‘s Shocking“ (1988): Auf dem Debütalbum der Kultband rund um Dave Navarro (RHCP-Gitarrist zwischen 1993 und 1998) und Perry Farrell spielte Flea die Trompete. Das Alternative-Rock-Meisterwerk war seiner Zeit definitiv voraus.
Atoms For Peace – „Amok“ (2013): Das elektronische Side-Project mit Radiohead-Mastermind Thom Yorke wird zurecht kultisch verehrt. Wir warten lechzend auf den Nachfolger!

Chad Smith (Schlagzeug):
Chickenfoot – „Chickenfoot“ (1999): Nicht jeder kann in einer Supergroup mit Sammy Hagar, Joe Satriani und Michael Anthony spielen. Chad Smith konnte – und das Ergebnis war hervorragend.
Glenn Hughes – „Soulmover“ (2005): Mit Deep Purple- und Black Sabbath-Legende Glenn Hughes arbeitete Smith über viele Jahre zusammen. Hier mit so viel Soul wie nie zuvor und danach.

John Frusciante & Josh Klinghoffer (Gitarre):
The Bicycle Thief – „You Come And Go Like A Pop Song“ (1999): Der alte und der neue RHCP-Gitarrist zusammen – das gab es auf vielen Alben. Hier vielleicht am besten, auch wenn das Projekt mittlerweile gestorben ist.

 

Mit ihrem elften Studioalbum „The Getaway“ im Gepäck finden sich die Red Hot Chili Peppers am 21. November in der Wiener Stadthalle (D) ein. Nächstes Jahr im Juni beehren uns dann die Beach Boys, ebenfalls in der Wiener Stadthalle (F). Karten gibt es bei oeticket.com!

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