Review: Zwischen Schaumstoff

Zwei Schwestern, zwei Perspektiven, eine Geschichte – Mit ihrem Debütroman “Zwischen Schaumstoff” erzählt Didi Drobna, wie sich zwei Mädchen zwischen brüllenden Eltern, Nervenanstalt und Teenage -Irren selbst suchen. Todernst und doch gewitzt.

Als meine Großmutter starb war ich sieben Jahre alt. Gerade alt genug, um zu wissen, was es heißt, wenn ein Mensch weg ist, nie wieder kommt, ein Leben erlischt. Meine Schwester war vier. Der Satz „Die Oma ist tot“ beeindruckte sie nicht sonderlich, der Nachdruck „Sie wird nie, NIE wieder kommen“ noch weniger. Sie schaute bloß erschrocken und konfus, während eine Stirnfalte einige Momente auf ihrem zarten Gesicht verweilte. Dann zuckte sie mit den Achseln und spielte vergnügt mit ihren Duplo-Klötzen weiter. Hatte sie nicht richtig zugehört? War es ihr denn wirklich egal? Für sie war Tod einfach noch nicht greifbar. Genauso unvorstellbar war es für mich lange Zeit, was sich damals in ihrem Kopf abgespielt haben könnte.

41ZpQNfXXRL

Bis schließlich der Satz „Oma ist weg“ und Daisy auf Seite 24 im Debütroman von Didi Drobna auftauchen. Plötzlich kann ich in die Kindergedankenwelt eintauchen und mich an meine eigenen Kindergedankenweltsprobleme erinnern. Die Zeit nach dem Tod von Daisys Oma, schildert Drobna aus der Perspektive des jungen Mädchens. Und in ihren Fragen, Sätzen und ihrer Sprache. Daisy muss jetzt verstehen, was mit Tod überhaupt gemeint ist. Sie schaut in das Gesicht ihrer weinenden Mama beim Begräbnis, beobachtet den schweigenden Ärger ihres Vaters und wie schlecht es ihrer Schwester Lisa auf einmal geht. Ja, da gibt es noch Lisa. Durch sie gibt die Autorin Drobna der Geschichte eine zweite Perspektive. Sie ist ein Teenager, der so gar kein Teenager ist: Weil ihre Eltern sich tagaus, tagein anbrüllen, Gegenstände nacheinander werfen und sich oder ihre Kinder scheinbar so gar nicht lieben, fühlt sie sich verantwortlich, ihre kleine Schwester Daisy zu beschützen. Nach einem Drittel des Buches beginnt dann auch Lisas einigermaßen normale Tenniewelt, ausgerechnet in der Klapse. Manchmal sind Drobnas Handlungsstränge fast zu linear und vorhersehbar. Vieles wirkt in „Zwischen Schaumstoff“ einfach und plump, erinnert an einen Teenie-Roman oder einen Highschool-Film. Dann wieder durchbricht sie genau dieses erwartbare Muster. Lisa landet also auf der Neurologie im Krankenhaus, einem Ort, an den man eher apathisch – alternde Menschen, als endorphin- und morphingeladene Teenager erwarten würde, nämlich Lisa und die anderen pupertierenden Patienten mit psychischen Problemen. Sie geht heimlich rauchen, tanzt mit Jungs im Krankenzimmer zu lauter Musik, lernt, dass das Leben auch leicht und schön sein kann. Zwei unterschiedliche Welten prallen auch bei Daisys Perspektive aufeinander: Sie trifft sich heimlich mit einem alten Mann im Rollstuhl und gerade er versteht sie und sie versteht ihn.

Was die Geschichte spannend macht, sind vor allem die Informationen, die man nicht erfährt. Zumindest zu einem bestimmten Lesefortschritt noch nicht. Drobna lockt den Leser immer wieder mit ein paar Stücken von genau den Infos, die man wissen möchte, um dann die essentiellen Details auszusparen. Zum Beispiel ist bald klar: Lisa ist krank. Ob sie nun eine Nervenkrankheit, Eisenmangel, eine Psychose oder doch einen Hirntumor hat? Keiner sagt etwas. Nicht der Arzt, nicht die Tante, nicht die Eltern. Sagt doch etwas! Ohne es direkt zu benennen, sondern nur zu zeigen, spürt der Leser selbst den Druck, der auf Lisa und Daisy lastet. Das passiert auf todernste und doch gewitzt-schmunzelnde Weise. Es ist schön, dass Drobna dieses kindliche Erleben so ernst nimmt. Warum also über ein Buch schreiben, dass schon seit November letzten Jahres auf dem Markt ist? Vielleicht, weil manche den Satz „Oma ist weg“ noch nicht gefunden und noch keine Antworten auf ihre Fragen haben. Vielleicht weil nicht nur business geplagte Erwachsene Burnout Prävention brauchen, sondern auch Kinder ausbrennen können.

Didi Drobna

b1ab3a018f-Didi Drobna_portraitDie 27-Jährige stammt aus Bratislava und wuchs in Wien auf. Mit der Kurzgeschichte „Zwischen Schaumstoff“ gewann sie 2012 den 3. Platz beim FM4 Wortlaut Wettbewerb, daraus schrieb sie einen Roman, der im November 2014 auf den Markt kam. Derzeit arbeitet sie außerdem an einem neuen Werk „Als die Kirche den Fluss überquerte“.

 

(c) Andrew Rhinky, Alexander Wagner

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!