Rhythmus im Blut

Was ist so besonders an der Spezies Schlagzeuger? Gedanken über die vielschichtigsten Charaktere im Rock-Betrieb. Plus: Geheimnisse des Schlagzeugbaus.

 

“Wie nennt man jemanden, der oft mit Musikern rumhängt? Einen Drummer.” Ja, eh lustig. Lol! Oder eher: gähn. Drummerwitze gibt es viele, gehört es quasi zum guten Musikerton, sich über die trommelnden Kräfte in einer Rockband lustig zu machen. Und ja, die Sprache ist von Rockbands, oder zumindest nicht von klassischer Musik, hier würde man nämlich von Schlagwerkern sprechen.
Wenig verwunderlich sind Schlagzeuger eigentlich gar nicht so dumm, wortkarg oder einfältig, wie ihnen oftmals vorgeworfen wird, und das bewiesen auch eine Anzahl wissenschaftliche Studien der letzten Jahre (Karolinska Institutet Stockholm, Oxford University, University of Washington etc.), die unter anderem angeben, dass durch das Trommeln Hirnregionen trainiert werden, die für logisches Denken verantwortlich sind. Noch dazu werde das Glücksgefühl beim Eindreschen auf die Felle gesteigert und prinzipiell werden bei Intelligenztests bessere Ergebnisse erzielt, wenn im Vorfeld rhythmische Klang- und Lichttherapie eingesetzt wurde.

Erstaunlich ist das wenig, man bedenke nur, dass Arme und Beine in den unterschiedlichsten Rhythmen und Takten arbeiten, dass da irgendetwas im Hirn abgehen muss, das erscheint logisch.
Auch wir hatten in etlichen Interviews die Gelegenheit, uns mit Schlagzeugern auszutauschen und stießen dabei fast ausnahmslos auf sehr sympathische, witzige und nachdenkliche Charaktere wie zum Beispiel Benny Horowitz von The Gaslight Anthem: „Ich bin politisch sehr interessiert, ich bin ein ziemlich liberaler Mensch und habe immer das Gefühl, dass Liberale zu wenig für ihren Glauben einstehen. Wir leben gerade in einer Zeit voll von Panik und Angst, Menschen denken viel zu wenig nach. Es nervt und frustriert mich, was teilweise in Amerika passiert.“

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Ein bisschen weniger tiefgründig, dafür umso humoriger begegnete uns Josh Homme, der bei Eagles of Death Metal am Schlagzeug sitzt und zusammenfasst: „Wir sind einfach lustig. Du würdest dir doch nichts ansehen oder anhören, das dir keinen Spaß macht, oder?“
Auf die Gefahr hin zu schubladisieren, Schlagzeuger erscheinen viel unprätenziöser als beispielsweise der Frontman oder Leadgitarrist. Nun gut, sie sitzen auch meistens eher im hinteren Bühnenbereich und stehen daher vergleichsweise weniger im Rampenlicht. Das scheint auch dem Ego gutzutun beziehungsweise einer Übersteigerung dessen entgegenzuwirken. Thomas Götz von den Beatsteaks führt aus: „Man muss auch als Schlagzeuger Bock haben, sich auf die Bühne zu stellen. Man zeigt ja auch gerne her, was man kann. Ich habe keine Angst, mich Leuten zu präsentieren, auch ich bekomme gerne Applaus (lacht). Aber ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich in der zweiten Reihe stehe und nicht derjenige bin, der mit dem Publikum spricht, ich bin froh, dass ich in der U-Bahn fahren kann und nicht erkannt werde. Es hat viele Vorteile, am Schlagzeug zu sitzen, aber ich glaube, es hat nichts mit Schüchternheit zu tun.“
Also könnte man vielleicht sagen, dass Schlagzeuger ein bisschen zwiegespalten sind? Einerseits zwar, wie erwähnt, einen ekstatischen Höhenrausch erleben, wenn sie trommeln, und vielleicht sogar zu Rampensau-Gehabe neigen, aber dennoch passiert das alles aus der zweiten Reihe. Vielschichtigkeit ist beim Schlagzeug prinzipiell ein großes Thema. Die Möglichkeiten des Set-ups und der Ausstattung sind endlos, die Liste der Schlagzeugmanufakturen ist im Vergleich zu Gitarrenmanufakturen zwar überschaubar, aber dennoch beachtlich. Manche Drummer wechseln ihre Schlagzeug-Brands des Öfteren, andere bleiben einer Marke treu.

Mike Bordin Seit über 15 Jahren gibt es seine Signature Snare von Yamaha. Seit 33 Jahren sitzt er bei Faith No More am Schlagzeug, die nach 18 Jahren ihre Fans mit ihrem neuen Album „Sol Invictus” überraschten und begeisterten. (c) Yamaha

Mike Bordin
Seit über 15 Jahren gibt es seine Signature Snare von Yamaha. Seit 33 Jahren sitzt er bei Faith No More am Schlagzeug, die nach 18 Jahren ihre Fans mit ihrem neuen Album „Sol Invictus” überraschten und begeisterten. 

So auch Mike Bordin von Faith No More, einer der wohl besten Drummer im Rockgenre: „Yamaha sind für mich persönlich die Besten! Meine Snare-Drum ist ein Signature Model (Anm.: Yamaha-Signature-Instrumente werden gemeinsam mit Musikern entwickelt, manche von Grund auf, andere basieren auf Standard-Modellen), sie wird auch verkauft. Es ist eine wunderschöne Trommel! Sie ist wirklich massiv und besteht aus purem handgeklopftem Kupfer. Matt Cameron, den ich wirklich verehre und der ein guter Freund ist, er spielt sie und auch ein paar andere Leute, die ich sehr respektiere, mögen sie sehr gerne. Ich habe einen ganz besonderen Bezug zu Yamaha. Mir haben einige andere Drum-Marken eine Zusammenarbeit angeboten und ich habe abgelehnt und so lange gewartet, bis Yamaha mich gefragt hat. Sie hatten vor allem mit Jazzmusikern gearbeitet, es waren nicht so viele Rockmusiker dabei. Wenn du so einen Endorsement-Deal unterschreibst, wird eine Trommel extra für dich angefertigt, das ist unfassbar cool, ich habe also lange gewartet, aber nun zahlt es sich aus.“
Vorlieben gibt es natürlich viele, das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Generell scheint es aber doch so zu sein, dass es auf keinen Fall schaden kann, mit dem Schlagzeugspielen anzufangen, ob es nun daran liegt, dass man Vollblutmusiker werden, sein Gehirn trainieren oder einfach nur einen drogenfreien Rausch haben will.

 

Interview Alto Beat Drums

Um einen Einblick in den Bau eines Schlagzeuges zu bekommen, haben wir uns mit Georg Skrenek, einer von nur drei Schlagzeuganfertigern österreichweit, getroffen. Er ist Gründer und Mastermind des Ein-Mann-Betriebs Alto Beat Drums und hat uns ein bisschen von der Schlagzeugwelt erzählt.

Wie lange gibt es deine Firma schon?

Ich habe schon vor 1998 angefangen, Drums zu bauen. Es ist dann relativ viel Zeug bei mir herumgestanden und es hat dann einfach passieren müssen.Meine Kunden ziehen sich durch alle Genres, durch alle Altersgruppen. Hobbyisten bis Profis, da ist alles dabei.

Und du bist ein Ein-Mann-Betrieb? Und das wird sich auch nicht ändern?

Für Europa wird sich das nicht ändern. Das will ich auch nicht. Ich betreibe mit einem Kollegen eine Fertigung in Asien und dort haben wir Angestellte.

Wie kann man sich als Laie den Herstellungsprozess vorstellen?

Es kommt darauf an, welche Art von Kessel man baut. Es gibt Schichtholzkessel, es gibt Fassbau-Kessel und es gibt Kessel aus einem Stück – das funktioniert vom Prinzip her nach dem Tonet Verfahren.
Wir gehen jetzt mal von einem Schichtholzkessel aus. Man muss Sperrholz herstellen, das heißt im Klartext, dass man Lagen von Furnieren aneinanderklebt, die ineinander gesperrt sind. Die Lagen werden abwechselnd von der Maserung her gelegt, damit der Kessel sich später nicht verwindet. Die Sperrhölzer werden in eine Form gepresst und mit Hitze und Druck behandelt. Dann hat man einen rohen Kessel, der muss weiter bearbeitet werden. In Bezug auf Schliff, Höhe und Finish. Finish-Arten gibt es verschiedenste. Man kann eine Folie aufkleben, die klassischen 60er-Jahre-Finishes, man kann seidenmatt oder hochglanz lackieren. Wachsen und ölen funktioniert auch, mache ich aber nicht. Dann werden Fellauflagekanten gefräst und Löcher gebohrt, für die ganzen Beschlagteile, die montiert werden müssen, dann ist die Trommel quasi fertig.

Gibt es auch skurrile Wünsche?

Dauernd! Davon leben meine Kollegen und ich – das zu machen, was die großen Firmen nicht machen können, weil sie nur Serienproduktion fahren. Eine Zeit lang waren überlange Bassdrums in, in den Genres wo sich z. B. Linkin Park bewegen. Klanglich macht es einen Unterschied, ob es von Vorteil ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin da eher oldschool und kann persönlich damit nichts anfangen, mache es aber natürlich, wenn meine Kunden es haben wollen.

Hast du zwei Affinitäten? Einerseits die Herstellung und andererseits das Spielen?

Es ist von Vorteil, wenn man beides kann und von beidem eine Ahnung hat, natürlich. Es kommen aber auch verschiedene andere Berufssparten dazu. Wenn man selbst Hardware entwirft, also beispielsweise Beschlagteile, dann muss man sich mit Metallen auskennen. Bei Beschlagteilen gibt es zwei Möglichkeiten, sie herzustellen. Entweder sie werden gegossen oder gedreht.

Was liefern dir Lieferanten und was machst du selbst?

Es gibt Teile, da lohnt es sich nicht, sie in Europa selbst herzustellen. Spannreifen beispielsweise – das ist vom Prinzip her, wenn man die nötigen Maschinen hat, sehr einfach. Die ganzen Dinge werden aber galvanisch behandelt und das ist in Europa mittlerweile sehr, sehr teuer. Das lohnt sich für große Motorradwerkstätten, wenn sie einen Auspuff von einem Motorrad verchromen, kein Problem, aber es kostet wahrscheinlich ähnlich viel, einen Spannreifen zu verchromen, und ich kann aber den Preis von fünf Auspuffrohren nicht in einem Set integrieren, außerdem sind es auch Verschleißteile, je nachdem, wie damit umgegangen wird. Der Großteil meiner Kunden geht mit dem Instrument schon sorgsam um, aber man muss das auch ganz pragmatisch sehen: Es gibt Rockbands, die sind auf Tour, das Zeug wird herumgeschmissen … Spannreifen können sich in alle Richtungen verziehen und verbiegen.

Servicierst du bei dir gekaufte Schlagzeuge auch?

Ja. Natürlich.

In welcher Preisklasse bewegen wir uns?

Kundenservice:  Ob Lackierung, Folie oder vielleicht sogar Blattgold – ein Alto Beat Drumset wird frei nach Kundenwunsch gestaltet. (c) Alto Beat Drums

Kundenservice:
Ob Lackierung, Folie oder vielleicht sogar Blattgold – ein Alto Beat Drumset wird frei nach Kundenwunsch gestaltet. 

Die Basisversion fängt bei circa € 2.000 an. Das ist dann eine Bassdrum und je nach Ausführung zwei oder drei Toms. Es geht hinauf bis ins Unendliche. Ich habe auch Kunden, die einen gewissen Spleen haben und das Schlagzeug mit Blattgold belegt haben wollen. Das geht … mir eröffnet sich der Sinn nicht, aber der Kunde ist König. Bei mir gab es noch keine Diamantenbesetzungswünsche, aber ein Kollege aus Deutschland hat eine Snare-Drum mit Swarowski-Kristallen gemacht.
Man muss davon ausgehen, dass je nachdem aus welchem Kulturkreis der Kunde kommt, die Geschmacksausprägungen unterschiedlich sind. Im arabischen Raum will man es eher glitzernd. Ich hatte einmal einen Millionär als Kunden, der wollte das Schlagzeug so rot wie seine Wand haben – da wird nicht darüber diskutiert, da wird dann einfach die Farbe gemischt.

Hast du ein Lieblingsteil, das du gemacht hast?

In letzter Zeit hat sich das Geschäft sehr verändert. Ich hab zwischen 2000 und 2006 wahnsinnig viele Schlagzeuge gebaut. Die haben dann vom Prinzip her alle gleich ausgesehen, ich habe sehr viel nach Deutschland verkauft. 2008 habe ich einem Kunden in Wien eines verkauft, das war der seltene Fall, dass ich sehr viel Zeit hatte in der Produktion, ich konnte die Kessel nachtrocknen, da war ganz wenig Lack drauf, da konnte man den richtigen Holzklang hören. Er hat die richtigen Beschlagteile gewählt, das war eines der besten Sets. Der Kunde bestellt auch in unregelmäßigen Abständen Teile nach.

Wie sieht es denn ausbildungstechnisch aus? Wo kann man Schlagzeugspielen lernen?

Es gibt Konservatorien, das ist dann eine akademischer Ausbildung, es gibt Musikschulen auf Landesebene und natürlich auch private Schulen. Oberösterreich und Salzburg haben vor
circa. fünfzehn Jahren recht stark in die Schlagzeugausbildung investiert, und das hat sich auch ausgezahlt. Es kommen ziemlich viele gute Schlagzeuger aus der Gegend. Die Landesmusikschulen können gut und ganz schlecht sein, je nachdem, welches Ziel verfolgt wird und wer unterrichtet. Das Ziel sollte sein, einem Kind Freude am Spielen zu vermitteln und nicht jahrelang Marsch zu üben, das macht keinen Sinn. Ein Kind sieht im Fernsehen irgendein Video, es will auf dem Schlagzeug herumdreschen, das muss man kanalisieren.

Folgende Acts sollte man sich nicht entgehen lassen und dabei immer einen guten Blick auf den Drummer werfen:

21. November, Five Finger Death Punch und Papa Roach, Gasometer Wien
29. November, Editors, Gasometer Wien
30. November, Eagles Of Death Metal, Arena Wien
18. Jänner 2016, Imagine Dragons, TipsArena Linz
14. & 15. Februar 2016, Motörhead, Stadthalle Wien und TipsArena Linz

Tickets gibt es unter www.oeticket.com

Fotos: Getty Images, Yamaha, Alto Beat Drums

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