Rock in Vienna – Sonne, Musik und super Stimmung

Fotos: !ticket / Patrick Pfirrmann / Petra Albrecht

Heuer ging das Rock in Vienna auf der Donauinsel zum ersten Mal über die Bühne(n). Trotz einiger Kritik im Vorfeld konnte das Festival in der Bundeshauptstadt für Begeisterung beim Publikum sorgen. Auch !ticket war drei Tage lang vor Ort, um sich einen Eindruck zu verschaffen und ein bisschen mit den Bands zu plaudern.

 

„Hat das kleine Land Österreich wirklich noch ein Rock-Festival nötig?” und: „Wird bei einem Festival auf der Donauinsel überhaupt gute Stimmung aufkommen?” Solche oder ähnliche kritische Stimmen waren im Vorfeld von Rock in Vienna des Öfteren zu hören. Und sie alle wurden eines Besseren belehrt! Bis auf ein paar Kinderkrankheiten war die Resonanz des Publikums und der vor Ort tätigen Mitarbeiter durchwegs eine positive.

Tag 1

BühnenHürde Nummer eins: Von der U6 zum Festivalgelände zu finden. Die Beschriftung fehlte leider, dafür waren die anwesenden Securities hilfsbereit und somit hat man sich auf der Donauinsel auch nicht verlaufen. Auf dem Gelände angekommen stach einem vor allem das ausgeklügelte Bühnenkonzept ins Auge. Die beiden von Künstler Joachim Luetke gestalteten Bühnen, trugen die Namen “Mindstage” (optisch an Sigmund Freud angelehnt) und “Soulstage” (Gustav Klimts Adele diente hier als Inspiration) und befanden sich direkt nebeneinander. Es gab also zwischen den einzelnen Konzerten kaum Pausen, wenn man sich damit zufrieden gab, den Act auf der Video-Wall zu verfolgen, musste man sich nicht einmal vom Platz bewegen. Dort, wo der Sound meistens am besten ist, in der Nähe des FOHs (Mischpult), war man prinzipiell bestens bedient. Der optimale Platz war wohl zwischen den beiden Mischpulten – nicht nur, weil man gleich gute Sicht auf beide Bühnen hatte, sondern weil eben auch der Sound passte.

Nach A Caustic Fate, die ihren Slot bei der diesjährigen Planet.tt Festival-Tour verliehen bekamen, meldeten sich die französischen Death-Metaller von Gojira musikalisch zu Wort. So „böse” sie sich auf der Bühne gaben, so sympathisch waren sie im Interview mit meiner Kollegin Astrid Radner. Schlagzeuger Mario erklärte ihr bereitwillig, warum sie nicht in ihrer Mutterspache singen:
„Auf Französisch zu singen ist nicht so leicht, um es musikalisch zu machen. Wir sind damit aufgewachsen, Metallica zu hören und so wollten wir auch sein. Unsere Mutter (Anm.: Sänger Jospeh + Schlagzeuger Mario sind Brüder) ist außerdem Amerikanerin, wir haben deshalb auch die amerikanische Kultur mitbekommen.“

Matt von Three Days Grace

Matt von Three Days Grace

Weiter ging es mit einer energiegeladenen Perfomance der „Post-Grunger” von Three Days Grace, die ebenfalls von Astrid vor das Mikrofon geholt wurden:
(Matt (Sänger), seit 2013 dabei, ist der Bruder von Bassist Brad.)
Wie ist es als Brüder zusammen in einer Band zu sein?
Matt: „Es ist toll. Wir streiten uns auch nicht mehr so oft.“
Brad: „Ich hab ihn früher viel verhauen. Wenn er mich nervt, gebe ich ihm einfach einen guten Schlag und alles ist gut.“

Nach einem soliden Thrash-Metal-Spektakel von Testament (Anm. Gitarrist Eric Peterson hat irgendwie auf sein Interview mit uns und anderen Journalisten vergessen …), ging es mit Body Count und „Ice Motherfucking T, Bitches” gewohnt prollig aber dadurch auch ziemlich amüsant weiter. Die anschließenden A Day To Remember konnten bei den jüngeren Gästen durchaus punkten, die älteren Kaliber fieberten schon Faith No More entgegen und benannten die Band im Geiste zu „A Day To Forget” um.

 

 

Mike Patton von Faith No More

Mike Patton von Faith No More

Faith No More – eine Klasse für sich! Zum letzten Mal fanden sie sich 1992 auf der Donauinsel ein. Als Opener vor Soundgarden für Guns N’ Roses’ „Use Your Illusion”-Tour. Viele ältere Semester im Publikum bekamen einen regelrechten Nostalgie-Flash, aber auch die Jüngeren zeigten sich von der musikalisch ausgeklügelten und vor allem auch humorigen Performance (Lederhosen FTW) von Mike Patton und seinen Mannen begeistert. Ich konnte Schlagzeug-Legende Mike Bordin ein paar Fragen stellen und erkundigte mich nach seinem Wunsch nach „Pension”:
„Weißt du was ziemlich lustig ist? An meinem dreißigsten Geburtstag, am 27. November 1992, dachte ich mir, dass ich das echt nicht mehr lange machen werde, weil ich zu alt dafür bin. Jetzt, knapp 23 Jahre später, denke ich nicht im Traum daran! Es ist einfach mein Leben und ich möchte alles geben, so lange ich kann.”

Auch die Broilers konnten ihr Publikum vor der kleineren Mindstage noch mitreißen, obwohl sie es als Act direkt vor den heiß ersehnten Metallica nicht so einfach hatten.
Metallica kamen schließlich, zwar ein bisschen zu spät, aber professionell und eingespielt, wie man es von ihnen kennt. Die Set-List musste ein bisschen gekürzt werden, deshalb fehlte „Nothing Else Matters” – für den eingefleischten Fan war es wohl eher eine Wohltat, die radiotauglichste aller Metallica-Nummern nicht hören zu müssen.

Apropos Fans: Wie es scheint, sind Metallica-Fans hierzulande in der Überzahl, war Tag 1 des Festivals mit über 30.000 Menschen immerhin der am besten besuchte.

 

Tag 2

Eröffnet wurde der zweite Tag des Spektakels von den heimischen Local-Heroes-Finalisten Mayburn, die diesen Auftritt auf ihrer Facebook-Seite als „riesen Meilenstein” bezeichnen. Direkt danach punkteten die britischen Arcane Roots mit ihrer Mischung aus Post-Hardcore und Alternative-Rock. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass sich kleine Schätze im Nachmittags-Line-Up verbergen.

Bonaparte

Bonaparte

Skurril und lustig wurde es dann mit Bonaparte, die es mit ihrer grotesken und musikalisch anspruchsvollen Show schafften, die Menschen aus dem Schatten in die heiße Nachmittagssonne vor die Bühne zu holen. Sänger und Mastermind Tobias zeigte auch beim Zwiegespräch viel Humor. Auf dem Kopf trug er währenddessen seine „Gehirnprotese”, die ihm bei der Beantwortung der Fragen helfen sollte.

Triggerfinger begeisterten mit Style und Tönen der härteren Sorte. Diejenigen, die nur „I Follow Rivers” von ihnen kannten, waren wohl überrascht – und das nicht unangenehm. Ruben, der Frontmann im feschesten Anzug überhaupt, fasste ihre Begeisterung, Musiker zu sein, im Gespräch folgendermaßen zusammen: „Man kann es nicht mal als Job bezeichnen. Es macht so viel Spaß, man lernt auch so viel von anderen Bands. Die ganze Szene ist einfach großartig.”

Anschließend ging es noch härter zur Sache: Die Doom-Legenden Saint Vitus hatten zwar nicht annähernd so viele Zuschauer wie die darauffolgenden Kult-Spaß-„Punkrocker” von Turbonegro, konnten die kleine Menge aber begeistern. Danko Jones haben schon Kultfaktor und der namensgebende Sänger ließ sich seine Müdigkeit, von der er mir berichtete – zu viele Zeitzonen in zu wenigen Tagen, Schlafen wird mit dem Alter immer schwieriger – kaum anmerken.

Die bei Rock- und Metalfans polarisierenden Within Temptation sammelten etliche, vor allem weibliche, Fans im Wavebreaker, waren aber stimmungsmäßig kein Vergleich zu den darauffolgenden Schwedenrockern The Hives: Sänger Pelle Almquist überzeugte als exaltiertes Springinkerl und leitete perfekt zu den beiden letzten Bands des Abend über.

Incubus begeisterten die Menge mit ihren Hits – die Setlist war genau aus diesen zusammengeschnitten. Fans der ersten Stunde vermissten wahrscheinlich ein paar Songs von ihren ersten

Brandon von Incubus

Brandon von Incubus

beiden Alben, dafür schlugen Mädchenherzen höher, was wohl vor allem an Brandon Boyds Oberkörper lag. Da hörte man aus ein paar Ecken sogar ein bisschen Gekreische, das man eher von Boyband-Konzerten kennt. Mit Schlagzeuger José Pasillas plauderten wir im Vorfeld: „Wir haben mit der Musik aus Langeweile angefangen, weil wir das Musikmachen einfach mochten. Anfangs waren wir ja noch in der Schule und waren einfach glücklich, ein bisschen herumfahren zu können.”

Mit Muse wurde ein würdiger Abschluss gefunden. Professionalität in Reinstform! Angefangen von den Lichteffekten, der durch Luftschlangen und von riesigen, aufblasbaren Bälle untermalten Show, bis hin zu Bellamys Stimme. Da sitzt jeder Ton, da funktioniert jeder Song.

Tag 3

Die Müdigkeit hielt sich zum Glück in Grenzen, was sicher auch an der entspannten Atmosphäre des ganzen Festivals lag. Dementsprechend setzten wir unseren Konzert- und Interview-Marathon fort und nickten – mit zugegebenermaßen sehr wenigen Leuten – um Punkt 12 zur Musik der alten heimischen Hasen Boon mit. Anschließend konnten mit The Dead Daisies und Hellyeah gleich zwei Musikerkollektive bzw. Supergroups punkten, die aus Urgesteinen der Rock- und Metalgeschichte bestehen. Chad von Hellyeah fasst für Astrid ihren Auftritt zusammen:
„Wenn etwas mehr Leute vor der Bühne gewesen wären, dann wär es verdammt großartig gewesen. Die Leute haben nicht wirklich gewusst, wer wir waren. Aber nach ein paar Songs sind sie dann aufgetaut.“

Coal Chamber legten mit einer saftigen Nu-Metal-Perfomance nach, obwohl man vermuten könnte, dass sie es lieber ruhig angehen, verriet uns Dez Fafara immerhin:
„Ich meine, ich liebe Gras. Das ist also meine Art, um runter zu kommen. Natürlich nur, wo es legal ist.“

Und auch hierzulande legale Drogen waren gerne gesehen! Als ich mit Mikael und Axe von Opeth nach ihrem Konzert – das in Progressivität seinesgleichen suchte – plauderte, hatten sie schon ein paar Glaserl Wein bzw. Bier intus. So antwortete Mikael auf ein schlichtes “Wie geht’s?”: „Nicht schlecht. Wobei: betrunken! Wir haben noch nicht gegessen – der ganze Wein und in Axes Fall das Bier …” Axe: “Ich trinke Gösser, ich mag es sehr gerne, eines meiner Lieblingsbiere.”

Skurril und im Prinzip etwas verstörend wirkte die japanische Kombo Babymetal. Eine gute Metalband im Hintergrund, mit drei herumhüpfenden minderjährigen Mädchen, die japanische Kinderlieder singen? Nunja, dem Publikum hat es anscheinend gefallen!

Heaven Shall Burn, die übrigens alle vegan oder zumindest vegetarisch leben, lieferten danach Metalcore vom Feinsten und selbst ein 10-minütiger Stromausfall konnte ihnen ihre Lust am Musizieren nicht vermiesen. Sie analysierten ihr Publikum folgendermaßen:
„Je zurückhaltender und vornehmer Österreicher im normalen Leben sind, umso feierwütiger sind sie beim Metal. Da geht’s ordentlich zur Sache.“

Fred Durst

Fred Durst

Airbourne, die mittlerweile durch zahlreiche Auftritte in heimischen Gefilden fast schon zu unseren Lieblings-Aussies zählen, machten ordentlich Druck und kletterten in gewohnter Manier die Bühnentürme auf und ab.

Danach ging es mit Limp Bizkit so richtig los! Fred Durst hüpfte über die Bühne, ging mit dem Publikum auf Tuchfühlung, war durchwegs gut gelaunt und holte sich auch noch schnell Ex-Pantera-, mittlerweile Hellyeah-Schlagzeuger Vinnie Paul auf die Bühne, um gemeinsam abzurocken. Es hat wohl auch den Mädchen von Babymetal gefallen, die das ganze Konzert über vom Bühnenrand aus beobachteten. So extatisch und fröhlich Fred Durst auf der Bühne rüberkommt, so tiefgehend und fast schon schwermütig erzählte er im Gespräch: „Es ist wirklich hart, manche Quälereien von früher zu vergessen. Ich wollte mit unseren Songs viel aus meiner Jugend verarbeiten und es ist noch immer schwer, wenn du auf die Bühne gehst und dir wieder bewusst wird, wovon dieser oder jener Song handelt. Es werden alte Wunden wieder neu aufgerissen, aber trotzdem gebe ich auf der Bühne immer alles. Ich frage mich manchmal selbst, wer der Typ auf der Bühne gerade war.”

Joakim von Sabaton

Joakim von Sabaton

Bei Sabaton gab es dann sehr, sehr viel Feuer. Das ist bei den schwedischen Power-Metallern so üblich. Nur nicht auf ihrer kleinen Kreuzfahrt, die sie immer wieder für Fans auf einer Fähre zwischen Schweden und Finnland organisieren. Sänger Joakim meint lachend: „Da können wir keine Pyro mitnehmen, wir würden das Schiff doch abfackeln!”

Zu KISS kann man eigentlich nicht viel sagen oder schreiben – man liebt, oder man hasst sie, kultig sind sie so oder so. Mit im Gepäck: Eine bombastische, jahrelang einstudierte Show, Entertainment in Reinstform. Und: Sie haben eindeutig die geschminkteste Fangemeinde.

 

Fazit: Die Donauinsel eignet sich hervorragend für ein Festival! Das Wetter hat mitgespielt, der Ablauf war top, die Sanitäranlagen für ein Festival großartig, die Menschen waren zivilisiert (man ist kein einziges Mal in Pipi-Lacken getreten) und haben trotzdem Gas gegeben ohne Ende! Einzig bei der Verpflegung könnte man noch etwas machen. Diese war zwar ausreichend vorhanden (bis auf zwei Bierzelte, denen während Metallica das Bier ausging), hatte aber ein paar Mankos: €5 für ein Bier sind mittlerweile ja schon Großkonzert-Usus. Dass man für ein Soda genau so viel berappen muss, ist dann doch ein bisschen frech. Und bitte, bitte, bitte: Selbst wenn die Autorin dieser Zeilen eine unglaubliche Vorliebe für Junk-Food hegt – ein paar andere Sachen als das übliche Misch-Masch aus fettigen Dingen hätte es schon geben können.
Jammern auf hohem Niveau muss auch gelernt sein!

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