Rotting Christ: Ein Familienleben für den Metal

Rotting Christ

Seit 30 Jahren versorgen uns die Griechen von Rotting Christ mit Extreme Metal, der sich alle paar Jahre neu erfindet und so gut wie möglich Stillstand vermeidet. Zum großen Jubiläum haben die Tolis-Brüder Sakis und Themis so einiges vor.

Rotting ChristGrindcore, Black Metal, dunkler Gothic oder epischer Black/Death – Rotting Christ haben in ihrer drei Dekaden andauernden Karriere schon alles Mögliche probiert, sind in ihrer Entwicklung aber nie stecken geblieben. Unlängst begeisterten die Athener in einer fast ausverkauften Wiener ((szene)) die Massen – die Popularität der Südeuropäer scheint immer noch stetig zuzunehmen. Anlässlich des Jubiläums schnappten wir uns Frontmann Sakis und seinen schlagzeugspielenden Bruder Themis (der laut eigenem Bekunden in seinem Leben nur an einer Hand abzählbare Interviews gibt), um mit ihnen über die einzigartige Reise der Band, Pläne zu den Feierlichkeiten, ein neues Studioalbum und die Nähe zu ihren Fans zu sprechen.

Rotting Christ feiern dieses Jahr ihren 30. Geburtstag, der mit einer Menge an Special Editions und Überraschungen für die Fans begangen wird. Wie fühlt ihr euch nach der langen Zeit im Musikgeschäft?

Sakis: Ich fühle Stolz und mich sehr stark. Ich konnte meine Träume erfüllen. Als ich jung war, wollte ich einmal einen Song auf einer Bühne spielen und heute haben wir mehr als 1.500 Shows gespielt. Natürlich hinterfrage ich manchmal, warum ich mir das noch antue, aber so geht es ja ohnehin allen in ihren jeweiligen Jobs.

Ihr musstet für diese Karriere auch viele Opfer bringen, vor allem im privaten Bereich. Führte das dazu, dass du manchmal vielleicht den Hut draufhauen wolltest?

Sakis: Das kam schon mal vor. Speziell in den frühen Jahren war es unmöglich, über die Band Geld hereinzubekommen, was extrem hart war.

Themis: Wir haben etwa darauf verzichtet, dem griechischen Militär beizutreten und mussten immer wieder unterschiedlichste Jobs annehmen, um uns über Wasser halten zu können. Heute bin ich aber stolz darauf, was wir alles für die Band geopfert haben. Manchmal ist das Leben so. Wenn du deinem Traum folgst, dann musst du ihm vieles unterordnen.

Für euch war es nicht leicht, über all die Jahre zu wachsen und Fans anzuziehen. Ihr hattet aber immer eine Working-Class-Mentalität, mit der sich eure Hörer identifizieren konnten.

Sakis: Wir hatten viele Aufs und Abs. Ende der Neunziger waren wir super unterwegs, dann ging es auch ziemlich steil bergab, bevor wir uns fingen. Aber wir gaben nie auf. Wir sind Metalheads, aktive Mitglieder der Underground-Szene. Es gab keine andere Möglichkeit für uns.

Und ihr wart immer sehr nahe am Fan, habt nie abgehoben oder unerreichbar gewirkt.

Sakis: Natürlich, uns wäre es nie in den Sinn gekommen, für Meet & Greets Geld zu verlangen. Uns kann immer jeder nach den Konzerten treffen und mit uns anstoßen – warum auch nicht? Wir leben in Athen, eine Gegend, die sehr weit weg ist von der Metalwelt. Für uns sind die Touren und Kontakte mit unseren Fans eine Belohnung für die harte Arbeit. Der Kontakt mit ihnen macht uns glücklich und wir können ihnen zeigen, dass wir uns in 30 Jahren nicht verändert haben.

Ihr wart ganz früh Vorreiter im Grindcore, dann im Black-Metal-Bereich. Ich glaube nicht, dass es Ende der 80er viele Bands dieser Couleur in Griechenland gegeben hat. Wie seid ihr dazu gekommen?

Sakis: In den frühen Tagen waren wir wohl eine der ersten Black-Metal-Bands. Wir sind seit dem ersten Tag dabei, so sehe ich das zumindest. Wir hatten keine Handys oder Computer – um im Underground informiert zu sein, musstest du dich auf anderen Wegen vernetzen und dich aktiv darum kümmern. Es gab nur Brieffreundschaften, aber die waren großartig.

Themis: Wir wollten einfach das machen, was unsere Helden machten. Wir sahen die Fotos dieser Bands und wollten ihnen folgen.

Sakis: Wir haben so viel entdeckt, die ganze Welt dadurch kennengelernt. Als Band bist du immer unterwegs und auch das war von Anfang an ein wichtiges Ziel für uns.

Könnt ihr momentan von der Band leben, alle eure Rechnungen bezahlen?

Sakis: Seit den letzten Jahren ist das möglich.

Themis: Das ist unheimlich wichtig, weil es einfach die Kreativität stützt.

Die finanzielle Sicherheit bestärkt also euren kreativen Raum?

Sakis: Ja, wir können vor allem alles der Band unterordnen und ordentlich planen. Früher standen wir auf, arbeiteten acht Stunden und mussten den ganzen Abend in die Band investieren. Das war aber auch okay, weil es unser Baby war. Wenn etwas dir gehört, dann machst du es auch mit Herzblut. Jetzt können wir uns voll drauf konzentrieren und das ist ein wundervolles Geschenk.

Weil ihr die 1.500 Konzerte anfangs erwähnt habt – habt ihr wirklich vom ersten Moment mitgezählt und alles katalogisiert?

Sakis: (lacht) Nein, aber im Internet findest du ohnehin alles und kannst darauf aufbauen. Die absolut exakte Zahl haben wir nicht. Aber von Sibirien bis in die USA haben wir weltweit eben etwas mehr als diese Zahl an Konzerten absolviert. So viel steht fest.

Gibt es da noch Plätze, in denen ihr spielen wollt? Die euch bislang fehlen?

Themis: Wir spielen jetzt bald in Armenien, das ist noch ein weißer Fleck für uns.

Sakis: Wir spielten wirklich schon überall. Sibirien, Kasachstan, Sri Lanka oder Indien – und überall gab es Leute, die uns hören und unsere Musik schätzen. Wir hatten früher auch kein Einkommen, aber es war egal. Der Effekt des Reisens und Kennenlernen neuer Kulturen war uns wichtiger. In Sri Lanka waren wir sogar die erste internationale Metalband und wir feierten mit unseren Fans eine Riesenparty.

Themis: In manchen Ländern kannst du die Leute auch aus dem grauen Alltag holen. Du bist einfach dort, spielst einen Gig und trinkst mit ihnen ein paar Biere.

Von solchen Reisen kann man garantiert viel für sich selbst mitnehmen und die eigenen Persönlichkeit und den Zugang zur Welt schärfen …

Sakis: Die Zeiten ändern sich und natürlich ist eine gewisse Romantik der Vergangenheit mittlerweile verflogen, aber Erinnerungen kann dir niemand nehmen. Wir sind eine Band, die sich auch nicht der digitalen Ideen verweigert hat, aber trotzdem nicht damit aufhört, einen Old-School-Zugang zur Musik und zur Welt zu pflegen. Es ist heute zunehmend schwieriger, offen und ehrlich für sich selbst einzustehen. Vieles vom guten Feedback unserer Fans ist auch darauf begründet, dass wir selbst nichts anderes als Fans sind.

Wie würdet ihr euren Einfluss auf die gesamte griechische Metalszene beziffern?

Sakis: Nach den vielen Jahren haben wir den verdienten Respekt bekommen. Es geht nicht nur um die Musik, sondern um die Attitüde dahinter. Wir hatten immer einen Traum und haben alles dafür getan, ihn real werden zu lassen.

Themis: Wir kriegen mittlerweile den Respekt aus der ganzen Welt und nicht nur aus unserer Heimat. Das macht mich sehr glücklich.

Als Brüder 30 Jahre lang durch dick und dünn zu gehen, hat es etwas sehr Romantisches, kann manchmal aber wohl auch verdammt hart sein.

Sakis: Du hast ja gar keine Ahnung (lacht). Es ist wie Schwarz und Weiß, aber man findet sich dann doch immer, auch wenn es manchmal kracht.

Ich habe unlängst mit euren Landsleuten von Septicflesh gesprochen, wo ja ebenfalls zwei Brüder die Band anführen und die erzählen ganz frei, dass sie sich manchmal am liebsten verprügeln würden.

Sakis: Das kommt vor. Wenn du einen Monat auf Tour bist, dann siehst du dieselben Leute fast rund um die Uhr. Du hast quasi 24 Stunden am Tag keine Privatsphäre, dann kommen vielleicht Lagerkoller oder Krankheiten dazu und irgendwie ist das Nervenkostüm bis zum Anschlag gespannt. Das liegt nicht nur an Brüdern, sondern an Bandmitgliedern allgemein. Deshalb sind auch Day Offs manchmal unheimlich wichtig, weil schon ein Tag für dich selbst Wunder bewirken kann.

Was ist am Wichtigsten, um auf Tour Frieden zu haben, sich nicht in die Wolle zu kriegen?

Sakis: Man redet einfach nicht viel miteinander (lacht). Du musst dir Rückzugsecken suchen.

Wird es mit den Jahren schwieriger, als Familie durch die Welt zu reisen oder stellt sich eine gewisse Entspanntheit ein?

Themis: Wir sind seit 44 Jahren zusammen und du denkst irgendwann schon mal wie ein anderer. Aber wenn 20 Leute in einem Bus sind, es stinkt und jeder eine andere Persönlichkeit hat, dann ist es immer schwierig, die Laune auf Dauer aufrechtzuerhalten. In erster Linie haben wir aber eine sehr gute musikalische Beziehung zueinander, ohne der es die Band so nie hätte geben können.

Rotting Christ

Rotting Christ live bei ihrem diesjährigen Konzert in der ((szene)).

Auf euren ersten beiden Alben „The Mighty Contract“ (1993) und „Non Serviam“ (1994) hat nicht Themis das Schlagzeug bedient, sondern ein Drumcomputer …

Themis: Das stimmt nur teilweise. Ich habe schon gewisse Spuren eingespielt, aber eben nicht die gesamten Alben. Die Cymbals waren echt, andere Dinge nicht.

Sakis: Wir haben experimentiert und fanden die Idee gut. Damals waren wir auch noch nicht so gut. Die Technologie war damals neu und wir wollten damit experimentieren, es war für uns verdammt spannend. Heute klingt das natürlich veraltet, aber damals sind wir mit Freude in diese Welt eingetaucht.

Ihr habt euren musikalischen Stil über die Jahre des Öfteren verändert, teilweise sogar relativ drastisch. Aus welchem Grund passierte das?

Sakis: Als Komponist wollte ich immer etwas Besonderes erschaffen und nicht irgendwo stecken bleiben. Das war immer meine absolute Horrorvorstellung. Ich wollte neue Territorien erforschen, ohne die alten Fans zu vergraulen.

Hast du in dieser Zeit auch ein paar essenzielle Fehlentscheidungen getroffen und manchmal grob danebengegriffen?

Sakis: Natürlich, das ist auch ein Teil des Entwicklungsprozesses. Man lernt aus seinen Fehlern. Ich bereue keine Alben, aber diverse Verträge, die ich unterschrieben habe. Viele Musiklabel spielen mit der Liebe zu deiner Musik. Ich bin sicher oft etwas zu naiv an die Sache herangegangen, aber wie gesagt, solange du einen Fehler nicht wiederholst, ist es noch okay.

Eure ganz alten Songs haben mit den Rotting Christ der Gegenwart überhaupt nichts mehr zu tun. Spielt ihr sie trotzdem noch gerne?

Sakis: Wir spielen jede Nacht alte Songs, sie sind ein Teil unseres Lebens. Du musst dir einfach unsere Liveshows ansehen und wirst merken, dass sie überraschend gut mit den neuen Nummern harmonieren.

In euren frühen Tagen habt ihr mit eurer offensiv satanischen Haltung und einer Huldigen des Antichristen in eurer griechischen Heimat ziemlich verstört. Im Gegensatz zu Skandinavien oder den USA war das noch wesentlich aufrührerischer. War es euer Ziel, bewusst zu provozieren?

Sakis: Nicht als Vorsatz. Das passierte einfach automatisch, weil die griechische Mentalität damals sehr steif und fundamentalistisch war. Wenn wir also mit klischeehaften Botschaften aufwarteten und zum Töten und Teufel huldigen aufforderten, hatten wir viele Leute automatisch gegen uns. Wenn du ein Teenager bist, dann willst du einfach alles zerstören – egal ob das einen Grund hat oder nicht. Religionen sind mir immer noch ein Dorn im Auge und sollten aus der Gesellschaft verbannt werden, aber natürlich können wir uns heute aus einer anderen Position heraus dazu artikulieren. Wir hatten damals Probleme und haben sie noch immer. In der Welt ist es nicht überall so offen und liberal wie in Österreich, das kannst du mir glauben.

Was war das Schlimmste, das euch in Griechenland widerfahren ist?

Sakis: Ach, es gab immer wieder Protestaktionen, weil wir satanische Symbole verwendeten oder durch unseren bloßen Bandnamen aufrührten. Aber das ist Metal, das ist seine Essenz. Du kannst niemals Geschichte schreiben, wenn du nicht auffällst (lacht). Viele meiner Freunde haben extreme Probleme mit Religion und ihren Regeln – sie hören uns, weil sie damit merken, dass die Welt auch anders sein kann. Das ist eine schöne Bestätigung für uns.

Wie wichtig waren eurer Meinung nach Umgebung und Mentalität eurer Heimatstadt Athen und Griechenland selbst für die Kunst, die ihr erschaffen habt?

Sakis: Den Black Metal, den wir anfangs machten, wollten wir möglichst extrem gestalten, aber natürlich klang er nicht so wie der skandinavische. Vielleicht liegt das an unserer Mentalität, vielleicht am Wetter – ich habe keine Ahnung.

Themis: Aus Griechenland kam aber schon immer wirklich guter Black Metal. Etwa Necromantia oder Varathron und andere, die nicht so bekannt wurden. Das waren alles sehr gute und vor allem eigenständige Bands, die einen gewissen Sound prägten.

Habt ihr auch mal überlegt, umzuziehen in eine Gegend, wo eure Art von Extreme Metal salonfähiger ist und man mehr Chancen hat, bekannt zu werden?

Sakis: Wir haben schon daran gedacht, diese Gedanken aber schnell verworfen. Wir leben sehr gerne in Athen, haben unsere Familien und all unsere Freunde dort. Finanziell war es vielleicht wirklich nicht die beste Entscheidung, aber Geld ist nicht alles im Leben.

Im Prinzip seid ihr aber ohnehin so etwas wie Nomaden, nachdem ihr die ganze Zeit irgendwo auf Tour seid.

Sakis: (lacht) Ja, das ist wohl richtig. Es ist auch nicht leicht, von Athen aus zu Touren aufzubrechen, weil die Stadt geografisch nicht geschickt liegt. Wenn wir also nach Wien kommen wollen, ist da eine Menge Geld im Spiel und die Touren müssen schon sehr gut und exakt geplant sein, damit sich die Arbeit auch rentiert. Wenn du in Wien oder München lebst, dann steigst du in den Van und fährst los. Von Athen brauchst du aber immer ein Flugzeug, egal wohin du willst. Das macht die Sache auch nicht einfacher. Wir wären sicher reicher, würden wir irgendwo in Mitteleuropa leben.

Themis: Wir sind eben Griechen und bleiben, wo wir sind (lacht). So ticken wir nun einmal. Warum tut man sich das alles an? Es geht um die Passion, natürlich auch um etwas Geld und um eine Art von Wahn, in dem wir alle stecken (lacht).

Sakis: Ein erklecklicher Teil dessen, dass wir nach 30 Jahren noch immer auf Tour sind, liegt darin begründet, dass wir selbst große Fans und dem Metal treu ergeben sind. Das hat sich nie geändert.

Seid ihr auch Leute, die sich jüngere Bands anhören und up to date bleiben wollen? Viele Musiker bleiben ja schnell mal in ihren Hörgewohnheiten stecken …

Sakis: Natürlich. YouTube ist ein großartiges Tool, um da nicht nachzuhängen. Natürlich werden die Bands, mit denen ich über die Jahre aufgewachsen bin, immer eine wichtige Bedeutung für mich haben, aber ich stecke nicht in der Vergangenheit fest.

Themis: Wenn ich einfach abschalten und Spaß haben will, dann hör ich mir die Klassiker an. Ich mag dieses Gefühl, dass dich in die Vergangenheit zurücktransferiert. Aber ich höre mir auch viele neue, junge Bands an, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Sakis: Es ist enorm wichtig, der Szene zu folgen und die Entwicklungen nicht zu ignorieren. Das hält dich im Endeffekt selbst frisch.

„Their Greatest Spells: 30 Years Of Rotting Christ“ erscheint am 23. März und ist tatsächlich eure allererste Best-Of nach 30 Jahren Bandkarriere. Andere Combos haben da schon sieben solcher Alben veröffentlicht …

Sakis: (lacht) Vielleicht hätten wir da auch tun sollen, wer weiß. Die Auswahl habe ich getroffen und es war eigentlich ganz simpel: natürlich musste von jedem Album unserer Geschichte etwas vorhanden sein, was den Ausschlussprozess etwas erleichterte. Ganz am Ende der zweiten CD des Doppelalbums ist der neue Song „I Will Not Serve“, der als Bonus und Geschenk an die Fans gedacht ist. Es wird heuer noch so einiges passieren. Ich will zum Beispiel gewisse Songs und Versionen als 7-Inch veröffentlichen. So, wie es früher passiert ist. Ich mag diesen analogen Gedanken. Vielleicht werden wir in Zukunft gewisse neue Songs nur so veröffentlichen oder nur auf Tape und nicht herkömmlich. Ich kann diesem Gedanken viel abgewinnen.

Bist du selbst Plattensammler?

Sakis: Vinyl sammle ich schon seit Jahren.

Themis: Sakis hat eine Riesenkollektion an Demos und obskuren Veröffentlichungen. Wir sind zwar Brüder, aber er hat das ganze Zeug bei sich versammelt. Allein seine Kassettensammlung ist unglaublich.

Gibt es auch Musik außerhalb des Metals, die ihr hört oder für diverse Dinge schätzt?

Sakis: Ich höre gerne Musik, die eine dunkle Atmosphäre evoziert. Das können Songs von Diamanda Galas oder diverse Soundtracks sein. Das inspiriert mich stark. Natürlich hänge ich hauptsächlich im Metal fest, weil dort meine Profession steckt, aber ich will auch wissen, wie andere Künstler arbeiten und komponieren, kann mir von dort auch oft etwas für mich herausziehen. Mit dem herkömmlichen Pop fange ich nichts an, aber eine gewisse Spannung, ein Unwohlsein in den Klängen, ist sehr wichtig für mich.

Habt ihr auch so klassische „Guilty Pleasures“, die man einem Rotting-Christ-Mitglied nicht zutrauen würde?

Sakis: Ich verliere mich gerne in gewaltigen Riffs, schweren Melodien und eben dunklen Atmosphären. Extrem wichtig ist für mich auch die Stimme. Es ist schwer, eine wirkliche Persönlichkeit zu finden, die das in der Stimme rüberbringt. Das sind jetzt keine Guilty Pleasures, aber wichtige Einflüsse für mich. Ich fange mit fröhlicher konnotierter Musik einfach nichts an.

Welchen Stil, von all jenen, die ihr selbst auf euren Alben umgesetzt hattet, mögt ihr am liebsten?

Themis: Das kann man nicht beantworten. Das ist so, als müsste ich zwischen Familienmitgliedern wählen (lacht). Es kommt immer darauf an, welches Set wir spielen, welche Stimmung wir haben etc.

Sakis: Für mich ist die aktuellste Ära klar unsere beste, weil wir auch musikalisch nie so gut waren, aber im Endeffekt repräsentiert doch jedes Album den jeweiligen Zeitpunkt, an dem es entstand.

Themis: Die Gefühle müssen dicht sein und die Gitarren revolutionär klingen. Unser Debüt „The Mighty Contract“ war für mich unheimlich prägend. Auch „Non Serviam“ mag ich sehr gerne, auch wenn die Produktion wirklich furchtbar war. Die Songs waren aber sehr stark. Auch „A Dead Poem“ habe ich noch immer gerne, auch wenn wir damit sehr stark abgedriftet sind und die Fans gespalten haben (lacht).

Was plant ihr noch so alles für 2018 zum Jubiläumsjahr? Worauf dürfen sich eure Fans freuen?

Sakis: Es wird auf jeden Fall noch einige Re-Releases geben, zum Beispiel unser Debütalbum. Es gibt auch ein spezielles Buch, das die 30 Jahre Bandgeschichte begleitet. Wir versuchen auch den Arbeitsrhythmus so zu gestalten wie damals. Einfach anders an die Sachen herangehen, uns selbst noch einmal der Vergangenheit bewusst werden und sie in Würde neu zugänglich zu machen.

Und 2019 gibt es dann den Nachfolger von „Rituals“, ein neues Studioalbum?

Sakis: Exakt. 2019 klingt für mich realistisch und machbar. Wir arbeiten bereits daran und schreiben fleißig. Welche Richtung willst du dieses Mal hören? Das ist eine ernstgemeinte Frage.

Nette Frage, aber ich glaube, eure Fans sind es mittlerweile gewohnt überrascht zu werden und wären wohl enttäuscht, wenn ihr euch zu stark an eine bisherige Formel hängen würdet.

Sakis: Das ist immer die Frage, wie viele Überraschungen du aushältst (lacht).

Wenn ihr eure Fans so überrascht, wie es in den letzten Jahren In Flames getan haben und in den Pop rutscht, dann geht das vielleicht doch in die Hose.

Sakis: (lacht) Siehst du – Überraschungen sind nicht immer etwas Schönes. Das ist auch unser Problem, denn es wird zunehmend schwerer, die richtige Richtung zu finden. Einerseits willst du als Künstler natürlich vollkommen ehrlich sein, aber du darfst auch nicht die Fans enttäuschen und zu weit austreten. Natürlich verzichtest du auf Dinge, die du nicht mehr magst, aber Menschen zu überraschen kann auch grob danebengehen, wenn man es übertreibt. Nach 13 Alben ist das nicht mehr so leicht.

Themis: Ich traue meinem Bruder und bin überzeugt davon, dass er noch eine gute und zufriedenstellende Überraschung aus dem Ärmel schütteln wird (lacht).

Sakis: Die Qualität muss stimmen und die Atmosphäre dunkel und intensiv sein. Das ist die wichtigste Essenz. Zu überraschen ist nicht schwer, aber in den eng gesteckten Grenzen zu überraschen, die man als etablierte Band nun einmal hat, das ist die wahre Kunst. Die Leute, die heute zu In Flames gehen sind für mich auch keine richtigen Fans. Sie sind keine Süchtigen, wie wir Metalheads es sind. Sie stiegen irgendwann einmal in den Bandwaggon ein und würden ihn wohl schnell wieder verlassen, wenn die Jungs wieder so wie früher komponieren würden. Wir leben aber unsere Geschichte und müssen uns darüber immer Gedanken machen.

Rotting Christ

Autor Robert Fröwein im Gespräch mit den Tolis-Brüdern von Rotting Christ.

Am 23. März erscheint die neue Best-Of „Their Greatest Spells“ bei Seasons Of Mist. Das Interview wurde am 15. Februar in der ((szene)) geführt.
Fotos: Christoph Kaltenböck, Bearded Buck Photo

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