Sam Smith: Wenn Schmerz zur Unterhaltung wird

Sam Smith

Am Dienstagabend lud Brit-Superstar Sam Smith die ausverkaufte Wiener Stadthalle ein, ihn auf eine Reise mitten ins Herz zu begleiten. Hier werden Schmerz, Katharsis und Minimalismus zu large-than-life-Momenten erhöht, ohne in Kitsch und Katharsis abzudriften.

Sam Smith

Bei Sam Smith ist alles ein bisschen anders. Nicht nur, dass er auf sinkende Plattenverkäufe pfeift und scheinbar mühelos zwei kommerziell extrem erfolgreiche Alben raushaut (sein Debüt „In the lonely hour“ verkaufte sich über acht Millionen Mal und hielt sich sagenhafte 67 aufeinanderfolgende Wochen in den Top 10 der britischen Charts), am Dienstagabend bewies er in der restlos ausverkauften Wiener Stadthalle zudem, dass es kein grellbuntes und krachendes Chichi braucht, um larger-than-life-Momente zu erzeugen. Dass Bombast umso größer sein kann, wenn er sich aus einer gelungenen Mischung aus Minimalismus und (universelle) Botschaft zusammensetzt. Dass sich Perfektion und entwaffnende Natürlichkeit nicht ausschließen müssen, was übrigens genauso für eine eher unauffällige Erscheinung und gleichzeitig doch alles einzunehmende Aura gilt. Smith, der smarte 26-jährige Brite mit den sanften, großen Kulleraugen, erinnert außerdem daran, was die Popwelt seit längerer Zeit bereits zu vergessen zu haben scheint: dass es nämlich schlussendlich, am Ende des kommerziellen Tages, immer noch um die Musik geht, bestenfalls eine von jener Sorte, die von Herzen kommt und mitten ins Herz trifft. Und dann ist Sam Smith auch noch jener Künstler, der Schmerz zur abendfüllenden Unterhaltung hochstilisiert, und zwar mit kathartischem Reinerlös, irgendwo zwischen Kitsch und seelischer Befreiung.

Dabei mag Abwechslung vielleicht nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen, dafür bietet Smith: Tränen (vor allem beim Publikum), tiefe Seeleneinblicke (vor allem des Künstlers), noch mehr treuherzige Kulleraugen-Aufschläge (von beiden Seiten) und das nie ausgesprochene, aber doch unterschwellige Versprechen: Schmerz kann heilen, wenn wir uns auf ihn einlassen. Smith, das betont er gleich zu Beginn des rund 100-minütigen Herzschmerz-Spektakels, lädt sein Publikum ein auf eine Reise, in der es darum geht, im Moment zu leben und sich der Reflektion des eigenen Seelenlebens hinzugeben.

Die Liebe als musikalische Triebfeder

Die Liebe ist nicht nur die Triebfeder unseres menschlichen Seins, sondern auch der Dreh- und Angelpunkt von Smiths Konzertabend, der sich von Highlight zu Highlight, von Gänsehautmoment zu Gänsehautmoment angelt. Liebe in seinen verschiedensten Formen und Transformationen: Vor allem singt sich Smith natürlich seinen Schmerz über zerbrochene Beziehungen (der mittlerweile zwar längst verheilt sein dürfte, aber wen kümmern solche Details schon an einem Abend voll der großen Emotionen?!) von seiner Seele, aber es geht auch um die (komplizierte) Liebe zu seinem Vater, der die Homosexualität des Sohnes nur schwer akzeptieren konnte, die Scheidung der Eltern und Liebe als Kraftquelle in schwierigen Zeiten: Wenn Smith seine Band und Background-Sänger als „Ersatzfamilie“ bezeichnet, ihnen zum Geburtstag gratuliert, sie immer wieder busserlt und herzerlt, scheint das mehr als einstudierte Bühnenshow zu sein. Trotz bewusst eingesetzter Theatralik ist Smith weit entfernt von der perfekten und deshalb abgestumpften Inszenierung vieler aktueller Popstars.

Smith trägt sein (geschundenes) Herz auf Händen und vor allem auf den Stimmbändern, wirkt dabei überraschend authentisch und vor allem im Reinen mit sich selbst: Selten hat man einen Künstler auf der Bühne so strahlen, so den Moment genießen erlebt. Vielleicht lag’s ja an den paar freien Tagen, die ihm vor dem Wien-Auftritt vergönnt waren, wie er dem Publikum lachend erzählt, vielleicht liegt es aber auch, in der romantischen Welt von Smith scheint das möglich zu sein, tatsächlich daran, dass dieser Künstler die Erlösung in seinen Songs findet – und im Kontakt zu seinen Anhängern, den Smith sichtlich genießt, badet er doch regelrecht in der Liebe (da ist sie wieder!), die ihm ungefiltert entgegengebracht wird: Immer wieder sucht er das Gespräch zum Publikum – etwas, das viele seiner abgestumpften KollegInnen mittlerweile bei Konzerten beinahe komplett außer Acht lassen. Das wird ihm natürlich entsprechend bedankt: Obwohl so zerbrechlich erscheinend, hat der Brite sein Publikum vom ersten Song an fest im Griff, auf den Stühlen hält es da nur noch die wenigsten. Sogar in den allerhintersten Reihen wird mitgetanzt, mitgeschrien, mitgeliebt. Auch hier ist Smith wieder eine willkommene Abwechslung im Pop-Zirkus: Man muss keine herumhüpfende, polarisierende und schockierende Bühnensau sein, um 11.000 Menschen für sich zu vereinnahmen.

Effektreiche Effektlosigkeit

Alles, was es dafür braucht, sind: eingängige, radiotaugliche Songs, die sich ins Ohr säuseln, im Herz wohltuend schmerzen und gerade so viel zum Nachdenken und Reflektieren anregen, um zwar das Selbstbewusstsein, aber nicht den inneren Selbstkritiker zu stärken; eine unverwechselbar sensible-zerbrechliche Aura – und natürlich eine Stimme, die dem überstrapazierten Prädikat „Ausnahmetalent“ tatsächlich seine Berechtigung zurückgibt. Bei Smith sitzt jeder Ton, in hohen Lagen genauso wie in den tiefen, sein ohnehin beachtliches Stimmvolumen wird dabei von fördernden Chören und inbrünstigen Background-Sängerinnen unterstützt. Hier wird gesanglich jedes nur erdenkliche Register gezogen, und in jedem Register ist Smith zuhause. Da seine Stimme merklich von Soul und Gospel beeinflusst ist, besteht auch nie die Gefahr, in manchmal abstruse Musical-Überzeichnungen abzudriften. Besonders in den ganz fragilen Momenten entfaltet Smiths Stimme ihre gesamtes Potenzial und durchdringt jede einzelne Körperfaser des Publikums – dessen Bewunderung ob so viel Talents übrigens so groß zu sein scheint, dass bei den ganz großen Balladen nicht mitgegrölt, sondern ehrfurchtsam geschwiegen (und den Partner umarmt) wird. Kollektives Einverständnis scheint in diesen Momenten im Saal zu herrschen: In der Stille liegt die Kraft.

Das scheint auch das minimalistische Bühnenbild aussagen zu wollen: Eine mystische Pyramide, zwar effektvoll beleuchtet, aber ansonsten ohne jeglichem Technik-Schnickschnack auskommend, ist alles, was Smith an optischen Reizen rund um ihn zulässt. Nichts soll/darf von der alles überstrahlenden Stimme ablenken, nichts von den Songs, die gefälligst (!) ihre größtmögliche emotionale Wirkung entfalten sollen. Minimalismus per excellence, Smiths Bombast ist und bleibt seine Stimme. Arm an optischen Augenschmaus-Momenten ist die Show trotzdem nicht: wunderschön die Regenbogen-Farben bei der Gay-Empowerment-Ballade „HIM“, kinotauglich die simple Umsetzung des James Bond-Hits „The writing’s on the wall“, im Gedächtnis bleibend der starke Opener „Burning“, bei dem Smith auf der in vollkommener Dunkelheit getauchten Bühne ganz plötzlich auf einem Stuhl sitzend auftaucht, nur von einem Scheinwerfer beleuchtet. Das mag mitunter durchaus theatralisch sein und manchmal auch an kirchliche Messen erinnern (wobei sich Smith tunlichst von Weisheits-geschwängerten Predigen fernhält), ist aber genau deshalb nicht weniger effektvoll.

Die zweite Seite der Medaille

Damit die Show aber dann doch nicht in depressive Abgründe abdriftet, baut Smith betont viele Up-Tempo-Nummern ins Programm ein, immerhin wohnt man hier immer noch einem Popkonzert und keiner Massen-Psychotherapie bei. Funkig geht’s bei „Like I can“ zu, quirlig bei „Money on my mind“, spielerisch bei „Restart“. Smith und Band entführen immer wieder in Disco-Gefilde, ohne dabei peinlich zu wirken. An einer Stelle gibt’s sogar so etwas wie eine einstudierte Choreographie, was lebensbejahend wie bisserl tollpatschig-süß zugleich aussieht. Er wisse, dass seine Songs durchaus depressiv seien, deshalb versuche er an diesem Abend, das Beste draus zu machen, meint Smith gleich zu Beginn des Abends. Hätte er nicht müssen: denn auch wenn die Up-Tempo-Nummern durchaus Laune machen, sind es doch die ruhigen Momente, die am hellsten und stärksten zu glänzen wissen. Wir sollen alle Sorgen und Ängste an diesem Abend außen vor lassen, fordert Smith uns auf, was zwar nett gemeint, aber ob seines musikalischen Portfolios auch etwas selbstironisch daherkommt. Wenn man Sam Smith in sein Herz lässt, weiß man, dass mit (wohligem) Schmerz zu rechnen ist. Da hätte man den Spaß auch in kleineren Dosen da und dort nicht nur akzeptiert, sondern durchaus begrüßt.

Ein Abend der Herzangelegenheiten

Am Ende des Abends bleibt tatsächlich das Gefühl, in Rekordzeit alle Phasen der Liebe durchlebt zu haben: Wir haben mit Sam Smith die Welt rosarot gesehen, haben vor Freude getanzt, bevor uns diese komplizierten Gefühle den Boden unter den Füßen wegzogen. Wir haben geweint, wir haben mitgefühlt, wir haben in unser Innerstes geblickt, waren umgeben von sich abwechselnder Theatralik und lebensbejahender Freude, haben uns verbunden gefühlt mit was oder wem auch immer, haben wieder mal mit Gott gesprochen (der Abschluss-Song „Pray“ ist der vielleicht stärkste Moment des Abends!), waren atemlos und ehrfürchtig zugleich.

Die Liebe mag eines der letzten Geheimnisse der Menschheit sein, für Sam Smith ist sie in all ihren Färbungen der Stimulus zum Künstler, der anders ist. Anders zu sein, weil man liebt – das ist nicht die schlechteste Botschaft, die ein Popkünstler einem mit auf den Weg geben kann. Zum Schluss des Konzerts regnet es sogar rote Konfetti in Herzerl-Form auf Smith herab – ein besseres Symbol für diesen Abend der Herzensangelegenheiten könnte es gar nicht geben.

Manuel Simbürger

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