Satyricon: Live at the Opera

Die „The Dawn Of A New Age“ Tour führte die Norweger Satyricon in die ((szene)) Wien, mit im Gepäck tatsächlich der Anbeginn etwas Neuem, die Kollaboration einer Black-Metal-Band mit einem Klassischen Chor. Jedoch: Auf Tour wird es dieses „Spektakel“, das keines sein soll, nicht geben, erzählt uns Schlagzeuger Frost im Gespräch.

 

Euer Album „Live At The Opera“ steht kurz vor der Veröffentlichung; Auffallend ist, dass primär Stücke der letzten drei Alben, insbesondere „Satyricon“ und „Now, Diabolical“ ausgewählt wurden. Wie passierte die Zusammenstellung?

An erster Stelle stand natürlich der Gedanke, welche Stücke am besten mit Chor funktionieren würden, bei welchen unserer Songs dadurch eine weitere, zusätzlichere, intensivere Ebene eingeschoben, eine feierliche, gewissermaßen zerimonielle, dramatische Stimmung aufgebaut werden könnte. Es mussten also Songs sein, die einen Raum dafür öffnen könnten. In weiterer Folge wollten wir auch, dass die Stücke kohärent zusammenpassen, als wäre es ein durchgängiges Album, was es ja tatsächlich auch ist. Bei näherer Betrachtung stießen wir darauf, dass primär die Struktur der neueren Stücke diese Möglichkeit boten, während unsere älteren einen durchgängigen roten Faden haben, keinen Raum für Variablen bieten und auch weniger wiederkehrende Elemente innehaben. Die neueren Stücke boten schlichtweg mehr Bearbeitungsspielraum.
Und was schließlich auch noch dazu kommt: Die Show in der Osloer Oper war die erste im Rahmen der Tour zu „Satyricon“, und demnach wollten wir möglichst viele Stücke vom letzten Album auch einbauen.
Natürlich ist uns bewusst, dass noch mehr Stücke geeignet für dieses Konzept gewesen wären, wir hätten sicherlich ein vierstündiges Set aufziehen können, aber schließlich reduzierten wir doch auf das Wesentliche (lacht).

Traft ihr die Auswahl allein oder in Abstimmung mit dem Chor?

Primär trafen wir die Auswahl, aber wir standen im ständigen Dialog mit dem Komponisten der Arrangements und dem Chorleiter. Glücklicherweise deckten sich unsere Ansichten (lacht).

Ihr habt den National Norwegian Opera Chorus ausgewählt – eine patriotische Entscheidung? Ein Hintergedanke, dass der „norwegische Geist“ nur durch einen norwegischen Chor transportiert werden könnte?

Wir kollaborierten bereits 2012 bei einem geschlossenen Event mit dem National Norwegian Opera Chorus, wir interpretierten gemeinsam „To The Mountains“. Der Chor lud uns ein, für uns war das eine einmalige, faszinierende Gelegenheit, etwas derartiges einmal auszuprobieren. Vom Resultat waren wir selbst überrascht, es fühlte sich monolithisch an, anziehend. Nach diesem Eindruck waren wir überzeugt, wir müssten diese Zusammenarbeit intensivieren und ausdehnen. Nachdem auch der Chor und deren Management den selben Eindruck gewonnen hatten, wurde noch am selben Abend Nägel mit Köpfen gemacht. Ich glaube, der Komponist versteht unsere Musik ziemlich gut und das Resultat spricht für sich.

Satyricon - Live at the Opera (2015, Napalm Records)

Satyricon – Live at the Opera (2015, Napalm Records)

Liegt die Option für eine Tour in dieser Band-Zusammenstellung am Tisch?

Wir sprachen darüber, aber kamen zum Schluss: nein. Natürlich wäre der Gedanke ansprechend, mit diesem Setting auf Tour zu gehen, aber praktisch unmöglich. Allein die Logistik dahinter wäre ein Alptraum. Stell dir Band samt Chor in Bussen und Flügen quer durch die Welt vor und welche Locations wir bespielen müssten – hier in der ((szene)) wäre das absolut undenkbar. Passende Spielstätten wären dann doch vielleicht außerhalb der möglichen Preisklasse für eine Band wie Satyricon. Aber selbst wenn all diese Hürden nicht wären: Einer der Gründe, warum wir diesen Abend gestaltet haben war, einen besonderen Moment zu evozieren. Der Gedanke an den Abend nährt und motiviert und inspiriert uns nach wie vor. Wenn du dann mit so einem Moment auf Tour gehst, verkommt er zur Routine, die Magie geht verloren, wenn du Abend auf Abend den selben Moment nochmals durchlebst. Ich könnte mir vorstellen, dass wir irgendwann einmal einige wenige, wirklich rare Neudurchlebungen dieses Moments gestatten werden, aber selbst dann müsste jeder Abend irgendwie anders sein …
Aktuell ist das jedenfalls kein Thema, wir konzentrieren uns zur Zeit auf die Arbeit für unser nächstes Album, und ein Cover-Album. Erst wenn dieser kreative Prozess abgeschlossen ist, werden wir uns Gedanken machen, wohin der Weg Satyricon weiter führt.

SATYRICON waren nicht die erste Rock- oder Metal-Band, die versucht haben, ihre Stücke mit der „klassischen“ Musik zu verschmelzen, ein Stil, der mit Deep  Purples „Concerto For Group And Orchestra“ seinen Anfang nahm. War dies, und etwa Aufnahmen von Metallica, den Scorpions, Kiss, Rage, Entombed und anderen Vorbild, in positiver oder negativer Sicht?

Der wirkungsmächtige Unterschied zwischen einem Klassischen Orchester und einem Klassischen Chor ist in etwa so groß wie der zwischen einer Gitarre und einer Violine – die Möglichkeiten und Wirkungen, die sich da offenbaren, sind grundverschieden. Zudem vermeiden wir, Inspirationen von anderen Bands zu ziehen – in diesem Fall hätten uns zudem wohl die meisten Aufnahmen eher demotiviert, weil das Resultat einfach grottig war, schlichtweg vulgär. Wir wollten nichts spektakuläres um des Spektakles Willen, wir wollten einen Meilenstein errichten, eine Erfahrung für uns selbst als Künstler treffen. Wir wollten nicht ein weiteres lächerliches Puzzelstück im Spiel „Classic Meets Rock“ sein, wir wollten das eigene Material stärken.

Hat diese Erfahrung demnach auch den laufenden kreativen Prozess für die folgenden Satyricon-Stücke verändert?

Nein, so kann man das nicht sagen. Wir tendieren zwar gerade wieder in eine neue Richtung, so wie es bei uns schon immer war – aber direkt auf unsere Zusammenarbeit mit dem Chor würde ich das nicht beziehen. Aber wer weiß, auch eingedenk der Tatsache, dass dieses Erlebnis für uns wirklich gigantisch war, die Inspiration nimmt oft ungewöhnliche Wege! Zumindest neue Energie und Motivation haben wir aus diesem Abend damals gezogen und mitgenommen.

Weil du gerade die Stilkorrekturen angesprochen hast: Satyricon sind neben Darkthrone und vielleicht auch Mayhem eine derjenigen Bands, die im Laufe ihrer Geschichte die größten Metamorphosen durchschritten sind. Nun gibt es, gerade in diesem Genre, eine Vielzahl an verbissenen Vollidioten, die lediglich auf die „true & kult“-Phasen fokussieren. Enerviert das einen als Künstler?

Nein. Menschen haben nun mal unterschiedliche Meinungen, Vorstellungen, Ideale. Nichts desto trotz ist in diesem Zusammenhang diese „true“-Reduktion etwas frustrierend, weil „true“ bist du nur dann, wenn du du selbst bist – und das waren und sind wir in jeder unserer „Phasen“ gewesen. Du kannst nicht „true“ sein, wenn du jedes Jahr das zelebrierst, was konservative Fans erhoffen – das wäre genau das Gegenteil davon! Du bist als Künstler nicht „true“ jemandem anderen gegenüber, sondern ausschließlich dir selbst. Wir ergeben uns nicht dem kommerziellen Zwang, jemandem mit einer zweiten „Nemesis Divina“ oder „Dark Medieval Times“ zu beglücken, das würde uns als Künstler unbefriedigt und als Clowns zurücklassen. Satyricon sind eine kreative Band, wir werden geleitet von einem forschen und innovativen Geist – und die Veränderung ist das einzige, was bei Satyricon ein Fixum ist. Formelhafte Bands gibt es da draußen genügend, auf diesem Zug werden wir nicht aufspringen (lacht), die konventionelle, standardisierte Musikwelt ist nicht unser Ding. Abgesehen davon: Trotz aller Veränderungen, den typischen Satyricon-Charakter haben wir uns stets behalten, die Grimmigkeit, die Leidenschaft, die Düsternis – nur geschärft.

Satyricon gelten nun als eine der prominentesten Vertreter der zweiten, großen Black-Metal-Welle, des Norwegischen Black Metals. In einer kürzlich erschienen Sonderausgabe des britischen Terrorizer-Magazins hast du zu Protokoll gegeben, dass die norwegische Szene „in ihrer Diversität“ geeint war. Könntest du das näher erläutern?

Diese Aussage bezieht sich nur auf die frühen norwegischen Bands, und wenn du da die bahnbrechenden Veröffentlichungen hernimmst, die waren schon sehr divers, Vorkämpfer, aber jede auf ihre Art und Weise. Ihnen gemein war die ungebändigte Energie und die alles überrollende Düsternis, eine ganz sonderbare, einzigartige, neue Kälte, die ihnen allen anheim war. Was sie einte war, dass sie alle kühne, unkonventionelle Pioniere in einem neuen Genre waren. Für uns war dieser Stil eine natürliche Empfindung, aber auch für Mayhem, Darkthrone, Enslaved, Emperor, Immortal oder Burzum. Ich glaube, das kann man auch auf einige der heutigen Bands ummünzen, aber es gibt weniger Einigkeit – immerhin ist das Genre, wie jeder andere lebende Organismus, gewachsen.

Wie steht es im Vergleich zu Schweden?

Wenn ich an schwedischen Black Metal denke, denke ich ausschließlich an Bathory. Dieser Geist aus den Achtzigern, den auch Celtic Frost und Venom verströmten, ist in den Neunzigern dann von den norwegischen Bands vom Aussterben bewahrt worden. Schwedische Bands aus der Zeit brachten einfach andere Ideale, eine andere Atmosphäre, einen unterschiedlichen Zugang zum Genre mit ein, weniger tiefgründig, glaube ich. In Norwegen war auch die persönliche Verbindung enger, als in Schweden. Und ich glaube, diese Eigenart haben wir uns bis heute behalten, macht den norwegischen Black Metal bis heute hin so einzigartig, dass es andere Länder, selbst Schweden, niemals erreichen können.

Siehst du das dann auch als Grund dafür an, warum sich in den Staaten – im Vergleich zu den einzelnen europäischen Ländern – niemals eine eigene Black-Metal-Identität derart stark herauskristallisiert hat?

Ja, wobei ich eingestehen muss: Mit dem amerikanischen Markt beschäftige ich mich nicht sonders. Es gibt Menschen, die mir erzählen, dass in Amerika aktuell mehr in Bewegung ist, als in Europa, aber ganz ehrlich kümmere ich mich auch nicht wirklich um aktuelle Strömungen, wie auch diesem „Post-Black-Metal-Hype“, weil meine Projekte bereits genügend Zeit in Anspruch nehmen. Und diese stehen bei mir ganz oben, allein auch weil ich glaube, dass wir gerade mit Satyricon eine Vorreiterrolle einnehmen, die eine Vielzahl anspricht, und ich diesen Weg konsequent verfolgen möchte.

Satyricon – „Live At The Opera“ erscheint am 1. Mai bei Napalm Records.

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