Schwieriges Genie

Die Rock-Geschichte ist nun wirklich reich an schrägen Vögeln. „Love & Mercy“ erzählt die Geschichte über einen davon: Brian Wilson von The Beach Boys.

 

Die Liste der legendären, schrägen, komplizierten Genies ist lang: Bob Dylan, Neil Young, Paul McCartney, Keith Richards, Eric Burdon, Jimmy Page und viele andere mehr. Bei den meisten von ihnen grenzt es auf Grund des Lebensstils, den sie in ihren jungen Jahren pflegten, geradezu an ein Wunder, dass es sie überhaupt noch gibt. Doch der vielleicht charismatischste von allen ist der heute 73-jährige Kalifornier Brian Wilson, der gemeinsam mit seinen Brüdern Carl und Dennis, seinem Cousin Mike Love und seinem besten Freund Al Jardine 1961 The Beach Boys gründete und schon mit der ersten Single „Surfin’“ einen großen Erfolg landete, dem zahlreiche weitere folgten. Familie und Freunde, da müsste doch alles glatt gehen, sollte man meinen. Doch die Geschichte der Beach Boys gehört zu den wildesten und turbulentesten der gesamten Pop-Historie.

Zuwendungen
Der sensible Brian, der am meisten unter seinem tyrannischen Vater gelitten hatte (auch seine Hörschäden sollen von dessen „Zuwendung“ stammen), kam mit dem schnellen Ruhm und den Verlockungen des Showbiz nicht klar und driftete immer tiefer in seine eigene Welt voller Selbstzweifel und Depressionen ab, sodass er längere Zeit die Band verlassen musste bzw. nur als Komponist und Produzent arbeitete. Er lernte den Promi-Psychologen Dr. Eugene Landy kennen, der seltsame Diagnosen stellte, ihm starke Medikamente und bizarre Diäten verschrieb, ihn von Leibwächtern überwachen ließ und schließlich auch in sein künstlerisches Leben und Schaffen eingriff. Erst nach langen Jahren des Missbrauchs wurde Landy schließlich – auf Betreiben von Wilsons Brüdern – die ärztliche Lizenz entzogen, und sein Einfluss auf Brian nahm ein Ende. Allmählich erholte sich Wilson von der Tortur, es gelangen ihm – solo und mit den Beach Boys – immer wieder tolle Alben (viele allerdings unveröffentlicht), und in den letzten Jahren war er – seine Brüder verstarben 1983 und 1998 – immer wieder mit Al Jardine, Mike Love und Bruce Johnston, der ihn schon früher als Musiker ersetzt hatte, auf Tour, u. a. auch beim Jazzfest Wien in der Staatsoper. Die Magie seiner Songs, von „Surfin’ USA“ über „Help Me, Rhonda“ und „California Girls“ bis hin zu „Good Vibrations“ und „Kokomo“ entfaltete sich auch da noch, und dem Publikum war die Rührung und Begeisterung über die Wiederkehr dieses gequälten, begnadeten Musikers anzumerken.

Leinwand
Ein Stoff also wie für das Kino erfunden – nur echt. Bill Pohlad, bislang vor allem als Produzent von hochklassigen Filmen wie „Brokeback Mountain“, „Into the Wild“ oder „12 Years a Slave“ hervorgetreten, nahm sich nun der Geschichte an, besetzte Brian Wilson (jünger) mit Paul Dano und (älter) mit John Cusack. Der großartige Paul Giamatti spielt den dubiosen Dr. Landy, und Elizabeth Banks spielt Brian Wilsons zweite Frau Melinda, mit der er seit 1995 verheiratet ist.

 

“Love and Mercy” ist ab 12. Juni in den Kinos.

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