Seeed und die Sprachbarriere

Seit 1998 begeistern die elf Mitglieder von Seeed den deutschsprachigen Raum mit Reggae und Dancehall. Um die Sprachbarriere zu überwinden, veröffentlichen sie ihr neues, gleichnamiges Album im September in mehreren europäischen Ländern. Wir sprachen mit Schlagzeuger Sebastian Krajewski alias Based und Gitarrist Rudeboy Rudy über politische Texte und das Proben mit elf Leuten.

Ihr habt ein neues Video, bei dem ihr in Chemnitz vor einer Karl-Marx-Statue aufgetreten seid. Welchen Hintergrund hatte das?

Based: Eigentlich hatte das den ganz profanen Hintergrund, dass wir noch ein Video zu Deine Zeit drehen wollten, jedoch auf Tour waren und die Zeitfenster sozusagen zusammenschrumpften. Dann war klar, dass wir es auf Tour machen müssen. Da der Song für Seeed-Verhältnisse ausnahmsweise mal realen, sozialkritischen Unterton hat, dachten wir, dass das unter Karl Marx, dem alten Recken, sicher ganz gut aussehen würde.

Wird Seeed jetzt immer politischer?

Based: Naja, ich glaube die Mitglieder von Seeed werden auf jeden Fall tendenziell politischer, manche waren’s schon immer. Aber ich denke mal, es wir mit fortschreitendem Bewusstsein der Entwicklung der Welt auf jeden Fall stärker. Das heißt nicht, dass Seeed eine politische Band ist…

Rudy: Werden wir wahrscheinlich auch nie.

Based: Wir sind keine Politrocker, aber, dass man sich darüber Gedanken macht und dann auch darüber, wie man das einfließen lässt oder wie man reagiert auf die Situation in der Welt, wird automatisch stärker. Es geht nicht mehr nur noch ums Tanzen und Feiern.

Die meisten Leute verbinden Seeed ja mit Party.

Based: Genau. Ist auch gut. Ist ja auch nicht unpolitisch, einen Grund zum Feiern zu haben. Damit tut man auch ein gutes Werk, aber darüber hinaus gibt es auch noch was.

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Kennt ihr vielleicht die Band Irie Révoltés? Das ist eine Ska-Band, die sehr politisch aktiv ist. Was haltet ihr davon?

Rudy: Ich find’s super.

Based: Ich find’s auch gut. Bei Seeed war grundsätzlich eher der Ansatz, das zu trennen. Wir sind trotzdem aktiv und spielen auch mal ein Benefiz-Konzert hier und da oder spenden Erlöse. Wir schreiben uns das in unseren Texten nicht so doll auf die Fahne, weil das oft musikalisch nicht so gut kommt oder auch schwer zu vermitteln ist, ohne dass es nach Zeigefinger-Oberlehrertum aussieht.

Rudy: Und das passt ja auch nicht so richtig in die Tanzmusik. Irgendwie sind wir ja eine Tanzkapelle. Da schwerpolitische Texte zu machen, finde ich persönlich immer ein bisschen komisch. Das ist eher was für andere Musikrichtungen, finde ich.

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Im deutschsprachigen Raum seid ihr sehr bekannt, aber weiter hinaus wird’s ein bisschen schwieriger. Wie ist das für euch mit der Sprachbarriere?

Rudy: Also Based kann zum Beispiel Französisch (lacht). Es ist immer schwierig für deutschsprachige Bands beziehungsweise für alle deutschen Bands – egal welche Sprache sie sprechen. Es gibt halt verschiedene Musikgeschmäcker in vielen europäischen Ländern.

Liegt’s also mehr an der Sprache oder an der Musik-Industrie?

Rudy: Es liegt eher an der Industrie, würde ich sagen. Live haben wir ja schon festgestellt, dass es in jedem Land, in dem wir spielen, geil funktioniert.

Based: Trotzdem würde ich sagen, dass es viel an der Sprache liegt. Natürlich sieht die Musikindustrie zuerst die Musik. Aber wir hatten zum Beispiel einmal einen Auftritt bei einem Festival in England, bei dem uns eine Plattenfirma unter die Lupe genommen hat. Aber die haben dann gesagt: „Naja, ich weiß nicht, das hier veröffentlichen…“ Das war nicht so, dass ich danach auf die böse Industrie geschimpft habe, sondern ich konnte es verstehen. Deutsch versteht dort einfach keiner und es kommt auch auf die Kombination der Musik an; wir machen halt keinen deutschtümelnden Metal wie Rammstein, wo die Leute weltweit denken, dass es ganz klar eine deutsche Band ist. Wir machen nicht das, was man mit Deutschland verbindet, sondern Reggae und Hip-Hop-Musik, die überhaupt nichts mit Deutschland zu tun hat. Logischerweise warten die Leute in den anderen Ländern nicht darauf, das unbedingt von einer deutschen Band zu hören.

Rudy: Auf Platte vielleicht nicht, aber live total. Ich glaube, wir könnten durch krassen, massiven Live-Einsatz die Leute komplett gewinnen. Aber da müsste man halt sehr viel spielen, was für unsere Riesen-Band kostet. Da verdient man ja auch nichts, sondern legt oben drauf. Da stellt sich die Frage: Hat man die Energie und finanziellen Ressourcen, das durchzuziehen?

Irgendwie sind wir ja eine Tanzkapelle. Da schwerpolitische Texte zu machen, finde ich persönlich immer ein bisschen komisch.

Aber ihr habt auch englische Songs veröffentlicht. Welchen Grund hatte das? War das eben deswegen?

Based: Ne. Das kommt daher, dass unsere Sänger und wir automatisch mit englischen Texten begonnen haben, weil es einfach aus der Kultur kommt.

Rudy: Der einzige, der es als Herausforderung gesehen hat, deutsche Texte zu schreiben, war Pierre. Es gibt oft auch in den deutschen Songs englische Strophen, weil Frank zum Beispiel besser auf Englisch singt.

Based: Da wir drei Sänger haben, hat sich das dadurch ergeben, dass zwei fast nur auf Englisch texten und singen und der eine halt irgendwann Deutsch für sich entdeckt hat.

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Was habt ihr diesbezüglich in Zukunft vor? Wollt ihr noch weiter über die deutschsprachige Grenze stechen?

Based: Na klar. Wir sind auf jeden Fall gerade dabei. Im September kommt das aktuelle Album in Frankreich, Schweden und Benelux heraus. Da spielen wir auch ein paar Club-Shows zum Auftakt und dann gucken wir, was passiert. Wir haben auf jeden Fall noch Bock drauf.

Ihr habt 1998 begonnen, damals wart ihr schon elf Leute und habt das bis heute durchgezogen. Wie groß ist euer Proberaum? Wie organisiert ihr alles?

Based: Der Proberaum ist in der Zwischenzeit auf jeden Fall groß genug, wobei wir es auch schaffen, wieder so viele Leute zu uns zu holen, 17 auf der Bühne, dass es auch wieder eng und schnell heiß wird. Grundsätzlich muss man viel diskutieren und auch viel arbeiten, weil, wenn viele Leute einfach losspielen, klingt’s erst mal nicht sofort automatisch gut. Man muss sich mehr Zeit nehmen und alles gut arrangieren und überdenken. Aber wenn man das macht, ist es viel geiler als jede kleine Band.

Gibt es dafür einen Seeed-Stammtisch?

Rudy: Nö, das eigentlich nicht, aber wir haben eine Etage, wo unser Proberaum ist, das ist so ein Tresen, wo wir oft stundenlang rumstehen.

Based: Das Kaffeekränzchen! Das muss vor, während und nach der Probe sein. Die Stammtisch-Situation ist dann eher vor und nach der Show.

Wie werden Lieder geschrieben, wenn elf Leute dabei sind?

Based: Es gibt natürlich diejenigen, die die Hauptsongideen einbringen, aber es ist trotzdem immer wieder unterschiedlich, ob jetzt jemand aus der Band eine musikalische Idee anbringt und die Sänger sich dieser annehmen. Wenn einer eine Hookline geschrieben hat, produzieren wir was rundherum. Es gibt da alle möglichen Facetten in der Entstehungsgeschichte der Songs.

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Wie habt ihr angefangen? Wenn ihr immer elf Leute wart, da waren die Gagen sicher nicht von Anfang an hoch genug, oder?

Based: Ne, da haben wir erst mal immer drauf gezahlt.

Rudy: Viele von uns hatten auch einen ganz normalen Job. Ich war damals noch Tischler, hab fünf Tage getischlert und dann am Wochenende schnell mal ein Festival gespielt – und dann schnell wieder in die Tischlerei.

Based: Die Band ist so entstanden, dass wir neun von den elf mehr oder weniger wie Jugend- oder Schulfreunde oder Freunde aus dem Übungskeller sind, die in unterschiedlichen Bands zusammen Musik gemacht haben. Mit dem Abstand, als schon jeder einen Job hatte, kam die Idee, eine große Band zu machen und dann all die Jungs, mit denen es Bock gemacht hat und die gute Musiker waren, zusammen zu holen – am Anfang noch ohne Gagen und Hintergedanken, es ging einfach um den Bock und was Gutes zu machen. Zum Glück haben wir dann damit auch Geld verdient.

Interview: Gregor Krenker

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