Sennheiser, der Dirigent der Zukunftsmusik

Sennheiser

Laufend informieren wir unsere Leser, welche der neuen Künstler oder Platten man unbedingt hören sollte. Aber jetzt haben wir beim deutschen Audio-Profi Sennheiser einmal nachgefragt, wie man sie hören sollte.

SennheiserDas deutsche Familienunternehmen Sennheiser – mit seinen Hauptgeschäftsfeldern in der Entwicklung und Produktion von Mikrofonen und Kopfhörern – feierte letztes Jahr sein siebzigstes Jubiläum, aktuell wird die Firma von den Brüdern Andreas und Daniel in ihrer dritten Generation geführt – ihr Slogan: „Shape the future of Audio.“ Ist das anmaßend? Immerhin sind es doch die Künstler – die Musiker – die für „Audio“ maßgeblich verantwortlich zeichnen, von Pop über Rock bis hin zu Electro und Klassik!

Doch halt, schalten wir die Emotionen einmal kurz und schalten die Rationalität hinzu: Natürlich kommt das Opus aus der Künstlerhand, aber so wie im Restaurant das Auge mitisst und im elterlichen Sprichwort „immer noch der Ton die Musik macht“, ist es auch hier nicht schöpferisches Geschick allein, denn selbiges muss in seiner Flüchtigkeit auch erst einmal festgehalten werden – über die Aufnahme via Mikrofon -, bevor es im Anschluss auch wiedergegeben werden kann: Für diese Wiedergabe braucht der Musik-Connaisseur nebst einem Abspielgerät naturgemäß auch Boxen – die frei stehend im Raum oder in Kopfhörern verbaut sein können. Und selbst einem nicht sonders audiophilen Menschen wird nachvollziehbar sein, dass die Qualität der Aufnahme- und Abspielgeräte über Sieg und Niedergang eines Musikstückes mitentscheiden. Oder wann haben sie zuletzt genüsslich am großväterlichen Kassettenrekorder Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ gelauscht – einer Aufnahme, die im Festspielhaus Bayreuth – jedoch von Großvater selig mit einem Diktaphon in der Sakkotasche – aufgenommen wurde? Eben.

Wir haben uns die letzten Monate intensiv mit der angepriesenen Qualität von Sennheiser beschäftigt – haben für unsere September-Ausgabe drei ihrer neuesten Kopfhörer unter (musikalischen) Extrembedingungen getestet, für unsere November-Ausgabe kam der neueste Gaming-Kopfhörer zum Einsatz, und nicht zu guter Letzt haben wir uns auch direkt im Werk in der Nähe von Hannover umgeschaut: Und tatsächlich – nicht umsonst setzen wir seit Jahren in der Redaktion unbeirrt auf die Qualität von Sennheiser, denn selbst im Direktvergleich hebt man sich deutlich vom Mitbewerb ab. Und dazu braucht es bei Sennheiser nicht einmal den aktuell teuersten Kopfhörer am Markt – den HE1, der stolze 50.000 Euro durch die Registrierkasse jagt -, sondern auch im „handelsüblichen“ Preissegment wissen die Produkte nicht nur im Preis, sondern vor allem auch in der Qualität zu überzeugen.

Klar, als wir mit dem HE1 Michael Jacksons „Thriller“ hören durften, gefror uns das Blut in den Adern, so intensiv, so bedrohlich nah war da das Hörerlebnis – das Wolfsgeheul, das unheimliche Gelächter, das Knarzen der Tür. Das passiert uns am Arbeitsplatz mit unseren HD 630 VB und unseren MOMENTUM nicht. Aber auch mit den alltagstauglichen Kopfhörern klingt gute Musik einfach gut – egal, ob wir jetzt Leonard Cohens „You Want It Darker“ am Laufen haben, „Flotus“ von Lambchop oder Kings Of Leon mit „Walls“. Unterschiedliche Musiken, mit divergierenden Ansprüchen – die Performance: immer gut. Nein: spitze. Da verblasst nicht selten auch die Gewissheit, dass man gerade arbeitet. „DANKE SENNHEISER!“

Aber auch die Profis setzen auf Sennheiser – das interaktive Soundempfinden bei „David Bowie: Is“ wurde vom deutschen Qualitätsunternehmen gesteuert, ebenso aktuell „The Sound of Revolution: Records and Rebels 1966 – 1970“. Und auch die Synchron Stage Vienna macht keine halben Sachen, begeistert nicht nur mit einem Aufnahmeraum auf Weltklasseniveau, sondern auch mit einer außergewöhnlich großen Mikrofonauswahl, welche den Premiumanspruch des Tonstudios eindrucksvoll unterstreicht. Der Zubringer ist hier – natürlich, ist man versucht zu sagen -: Sennheiser, beziehungsweise das Tochterunternehmen Neumann. Und die Liste ließe sich fortsetzen (aber wir haben doch keine Zeit!).

Wir und so viele Profis können doch nicht irren, dachten wir uns, also klärten wir bei Sennheiser gleich einmal ein paar Grundsatzfragen, die uns auf der Zunge brannten: Wie sieht das nun aus, mit Apple? Was ist eigentlich guter Klang? Wie viele Kopfhörer braucht man eigentlich? Und: Muss der HE1 so teuer sein?

 

Sennheiser strebt mit seinen Produkten nach dem „perfekten Klang“. Was macht einen Klang perfekt und wie subjektiv sind Klangwahrnehmungen?

Da gibt es einmal die persönliche Wahrnehmung des Endverbrauchers: Jeder Mensch hört anders, da kann man keinen einen perfekten Klang für jedermann ausmachen. Aber natürlich gibt es messtechnisch sehr wohl einen perfekten Klang – mit so wenig Klirrfaktor wie möglich, perfekten Tiefen, Mitten und Höhen und einer Wiedergabe über den gesamten Frequenzgang. Diese Perfektion spielt man in der Vollen in Produkten wie dem HE1 aus, ansonsten kommt es darauf an, welche Altersgruppe man bedienen möchte, welche Musikrichtung gehört wird, wo die Kopfhörer zur Anwendung kommen – im Sportbereich hört man zum Beispiel gerne mehr basslastig, weil das ist das, was die Leute antreibt, schneller zu laufen oder mehr Gewicht zu stemmen. Im Tonstudio hingegen muss es ausgeglichener sein – es gibt also in der Handhabung nicht den einen perfekten Klang, sondern es kommt immer auf die Zielgruppe und den Usecase an.

Der Marktanteil des Apple iPhone ist zwar mittlerweile auf unter 17 Prozent gesunken, dennoch sind Apple-Produkte immer eine Messlatte. Was bedeutet es für die Produktentwicklung von Sennheiser, wenn das iPhone 7 nun ohne Klinkenbuchse für Headphones daher kommt?

Für Sennheiser bedeutet das, was es für uns schon die ganzen Jahre bedeutet: Sobald sich ein neuer Standard entwickelt, wird das für uns zum Thema – gleich ob USB, USB Type C oder jetzt eben Lightning. In dem Fall heißt das nun für Sennheiser, dass wir für gewisse Produkte in absehbarer Zeit auch eine Direct-Lightning-Anbindung anbieten werden. Wir sehen den Lightning Connector als Chance, da uns die digitale Verbindung neue Möglichkeiten bietet, beispielsweise 3D-Audio.

Wie weit war man auf diese Entwicklung vorbereitet?

Für uns war es keine wirkliche Überraschung, alle Vorzeichen haben dafür gesprochen. Sennheiser ist ja auch im MFi-Program von Apple drinnen, insofern wissen wir schon einigermaßen, was passiert. Klar, Apple hält sich immer so lange wie möglich bedeckt, aber so eine Entscheidung zeichnet sich dann schon ab.

Sieht Sennheiser den Schritt zur kabellosen Tonübertragung als Fortschritt, oder eher als Modeerscheinung?

Grundsätzlich hat Wireless eine Menge Vorteile – allein wenn man bedenkt, dass man kein Kabel mehr um sich herum gewickelt hat. Für uns ist – abgesehen vom Super-High-End-Produkt – eine kabellose Übertragung kein Problem, weil unsere Übertragungsqualität auch hier sehr gut ist. Die eingefleischten Audiophilen werden da aber klarer Weise noch ein paar Jahre länger brauchen, bis sie Wireless auch wirklich akzeptieren. Aber im Standardsegment ist es – auch aus persönlicher Sicht – in den nächsten Jahren definitiv die richtige Entwicklung, und auch die Zukunft.

Aber noch haben wir den „Kabelsalat“. Es fällt auf, dass unterschiedliche Kopfhörer unterschiedliche Kabellängen haben. Ein zu kurzes Kabel nervt oft, wenn man nebenbei herumhantiert – ein zu langes stört ebenso. Wo liegt der empfohlene Spielraum?

Im High-End-Bereich, also dort, wo es darauf ankommt, bieten wir standardmäßig 3-Meter-Kabel an. Das heißt jetzt nicht, dass man bei fünf Metern einen hörbaren Klangverlust hat, aber klar: Je länger das Kabel, umso größer die Distanz, die überbrückt werden muss. Aber je nach Anwendung ist alles zwischen drei und acht Metern aus technischer Perspektive kein Problem – es kommt natürlich auch auf die Kombination an, die man sich zuhause hinstellt.

Welche Schnittstelle ist für die Kopfhörer-Entwicklung komplexer zu behandeln – die nach „außen“, hin zum Menschen, oder die nach „innen“, hin zum Klangerzeuger wie Mobiltelefon und Stereoanlage?

Das eine funktioniert nicht ohne das andere, man kann keine der beiden Seiten ausblenden und sich nur auf die andere konzentrieren. Im Gesamtkontext muss es ein rundes Bild ergeben: Ich muss auf der einen Seite wissen, welches Abspielequipment benutzt meine Klientel, und welche Qualität kommt dabei raus, und natürlich wird ein Sport-Kopfhörer anders abgestimmt als einer für Vielreisende oder ein reiner Heim-Kopfhörer für klassische Musik. Das sind beide gleichwertige Schnittstellen: Wo kommt die Quelle her und wohin geht sie, wie wird die Musik konsumiert?

Das heißt, keine der beiden Schnittstellen ist einfacher, weil statischer: Zum einen ändern sich natürlich die technischen Möglichkeiten und Ansprüche, zum anderen auch die Bedürfnisse stetig.

Genau. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. Es entwickeln sich ständig neue Ziele in Punkto dessen, was Leute gut finden oder brauchen, sowohl im Anspruch, als auch in Punkto technologischer Entwicklung. Wenn man sich die rasante Entwicklung der Smartphones anschaut und in die Zukunft blickt … dann ist das durchaus Daily Business für uns, zu wissen, was passiert und abzuschätzen, was passieren könnte. Das ist kein Ausblick auf Tage und Wochen und Monate allein, sondern auf Jahre.

Wodurch unterscheidet sich die Klang-Wahrnehmung der Rezipienten via Headphones von der über Lautsprecher?

Der Lautsprecher in einem Kopfhörer ist je nach Bauform ein bis fünf Zentimeter vom Trommelfell entfernt, beim Lautsprecher reden wir meistens von Metern. Dementsprechend ist die Intensität beim Kopfhörer höher, man kann das Klangvolumen – je nachdem ob im offenen oder geschlossenen System – gut trimmen und schließt Unbekannte aus, außer, man zieht eine Wollmütze über den Kopf und setzt dann erst die Kopfhörer auf (lacht). Bei Lautsprechern können zwischenstehende Möbelstücke oder Pflanzen zum Beispiel schon stören. Demnach kann man bei Kopfhörern das Feintuning deutlich besser kontrollieren.

Sind Kopfhörer also „die bessere Wahl“?

Das ist eine Philosophie-Frage. Logischerweise hören viele unserer Kunden lieber über Kopfhörer, und das aus unterschiedlichen Gründen: Zum einen, weil sie die Klangqualität lieben, und zum anderen, weil man – je nachdem, in welcher Familiensituation man ist – ungestört für sich und andere seine Musik hören kann.

Nachdem Sie das Thema zuvor bereits angesprochen haben: Genügt dann eigentlich ein Kopfhörer oder „sollte“ man mehrere besitzen – für verschiedene Musiken, Situationen?

Gerade der audiophile Hörer besitzt zwei, drei, ja vielleicht sogar fünf verschiedene Kopfhörer – das ist natürlich extrem speziell, nicht nur, was die Kopfhörer selbst angeht, sondern auch die Verbindungskabel oder Stromreinigungssysteme – weil man weiß ja nie, ob aus der Steckdose auch immer das gleiche herauskommt –, aber das ist wieder eine Philosophiefrage. Für den Otto-Normal-Verbraucher reicht eigentlich ein guter Kopfhörer, um alles zu hören, aus. Aber das audiophile Klientel ist dahingehend auch sicher das komplexeste, weil die meistens und im Gegensatz zum Standardhörer auch einen extrem breit gestreuten Musikgeschmack haben – die hören nicht nur Klassik oder Jazz, sondern alles querbeet.

In wie weit hat sich eigentlich seit den ersten Sennheiser-Produkten in den späten Sechzigern die menschliche Vorstellung von „Klang“ geändert – so wie das (weibliche) Schönheitsideal, wenn Sie mögen?

Es sind auf jeden Fall zwei Faktoren dazu gekommen: Zum einen, dass die Welt deutlich lauter geworden ist. Früher, vor über 40 Jahren, als wir den ersten dynamischen Kopfhörer entwickelt haben, konnte man mit einem offenen Kopfhörer noch ohne großartige Störgeräusche durch Hannover gehen, mittlerweile ist das Leben so laut geworden, dass die bevorzugte Variante nun ein geschlossener oder ein Ohrkanal-Kopfhörer ist, um die Außengeräusche so weit als möglich raus zu filtern. Und zum anderen spielt die Musikindustrie mit: Die Niederfrequenzen sind in den letzten Jahren extrem nach oben geschnellt, basslastige Musik ist heute weit verbreiteter als noch in den Achtzigern und Neunzigern. Darauf müssen wir dann zielgruppenspezifisch eingehen – ein MOMENTUM hat eine deutlich stärkere Tiefenbassbetonung als ein HD 800, der für den audiophilen Hörer gedacht ist.

„Offene“ Kopfhörer und „geschlossene“, oder im Ohr befindliche: Wo liegen die Vor- und Nachteile bei den drei möglichen Tragevarianten „over ear“, „on ear“ und „in ear“?

Das ist im Enddefekt anwendungsspezifisch. Wenn man zuhause oder im Büro einigermaßen Ruhe hat, ohne viele Störfaktoren, würde ich persönlich immer das offene System bevorzugen, weil da das Klangbild nicht gekapselt und demnach größer ist. Außerdem ist es atmungsaktiver, weil die Luft durchzirkulieren kann. Sobald Außengeräusche eine größere Rolle spielen, gehen die meisten Kunden wie selbstverständlich auf die geschlossenen Systeme, um eine passive Dämpfung zu haben. Und ein weiterer Vorteil: Hier hört der Nebenmann im Gegensatz zum offenen System auch nicht wirklich, was man selbst hört. In-Ear-Hörer machen halt dann Sinn, wenn man nichts Großes, Schweres am Kopf tragen will – beim Sport zum Beispiel ist das natürlich viel Beliebter als ein Bügelkopfhörer.

Wie wichtig ist der Designaspekt im Gesamtpaket?

Extrem, mittlerweile. In vielen Fällen haben Kunden nicht die Möglichkeit, das Produkt aktiv vorher zu testen, deswegen ist es oft ein rein visuelles Erlebnis – und dann muss man von der Verpackung angefangen bis hin zum Produkt selbst überzeugen.

Wie bedrohlich ist da der Mitbewerb, wenn er mit prominenten Namen wirbt – etwa Onkyo mit Iron Maiden oder Beats mit Dr. Dre?

Ich würde sagen, das sind eher kurzweilige Trends. Die Verknüpfung mit großen Namen funktioniert in Teilen der Welt sehr gut, in anderen gar nicht, weil die potenziellen Käufer da anders überzeugt werden wollen. Man muss aber auch ganz ehrlich sagen: Gerade beim Sennheiser-Klientel, das sich sehr intensiv mit dem Thema auseinander setzt, müsste man sich zuvor fragen, ob man einem prominenten Namen auch ein Know-How in der Akustik zutraut: Wenn wir jetzt einen Sportler hernehmen, ist der zwar vielleicht eine Koryphäe in seinem Metier, aber macht ihn das zum Kopfhörer-Experten? Es ist immer die Frage, wie viel von der Story tragbar ist.

Im Gegensatz zur Story vom DJ Robin Schulz, der zum optimalen Botschafter für eure AMBEO-Technologie erkoren wurde.

Robin Schulz ist ein DJ, der im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht einfach nur bekannte Musikstücke bloß ein bisschen anders abmixt, sondern selber komplett produziert, die Songs schreibt und entwickelt. Er hat eine ganz andere Bindung zu den Stücken als DJs, die in der Disco einfach irgendwelche Remixes abspielen. Und das ist die Idee dahinter, dass da einer einsteht, der von der Aufnahme bis hin zum Abspielen mittendrin ist.

Robin Schulz ist auch nicht alleiniger AMBEO-Botschafter, wir arbeiten schon wieder mit einem neuen Künstler zusammen, der jetzt auch seinen ersten Song mit AMBEO aufnimmt – wer das ist, das darf ich leider noch nicht sagen. Aber unsere Philosophie ist immer, uns nicht nur auf einen Namen zu konzentrieren, sondern eben mit Leuten gemeinsam zu arbeiten, die mit uns eine Expertise und Begeisterung für Audio teilen. So arbeiten wir im Profibereich mit einer Vielzahl an Künstlern und Toningenieuren, die auf der Bühne oder im Studio unsere Produkte verwenden, zusammen. Wir lassen sie nur nicht als Markenbotschafter vorspazieren.

AMBEO ist – zur Erklärung für unsere Leser – der Markenname für den strategischen Fokus des „3D Sounderlebnisses“. Der Unterschied zwischen Mono- und Stereo-Klang ist logisch und klar. Die Potenz zu Surround ist auch noch nachvollziehbar. Aber: Können Sie einem nicht-technik-affinen Menschen den Sprung von Surround- zu AMBEO- bzw. Immersive-Sound vereinfacht erklären?

Wenn wir jetzt von einem 5.1-System ausgehen haben wir fünf Lautsprecher im Kreis aufgestellt und den Subwoover, der überall stehen kann, weil Bass vom menschlichen Ohr nicht geortet werden kann – es ist also unwichtig, wo er steht. Die Boxen bilden also gewissermaßen einen „Gürtel“ um die Ohren – und AMBEO setzt noch das Dach oben drauf. Man hört also nicht nur im Kreis auf einer Ebene perfekt, sondern man kann stehen oder sitzen oder auch herumlaufen, weil das System so kalibriert ist, dass es keinen Sweetspot hat. Das ist ein extrem intensives Sounderlebnis.

Sennheiser vertreibt Kopfhörer im Standard-Preissegment bis etwa 1.600 Euro (HD 800 S), zeichnet aber auch für den aktuell teuersten Kopfhörer, den Orpheus-Nachfolger HE1 um 50.000 Euro verantwortlich. Was wäre in der großen Lücke dazwischen vorstellbar, beziehungsweise ist diese aus (betriebswirtschaftlicher) Sicht überhaupt interessant?

Eine gute Frage, aber eine, die ich leider mit der Standardaussage beantworten muss – nämlich, dass ich über eventuelle und aktuelle Entwicklungen der Firma Sennheiser keine Details bekannt geben darf (lacht).

Aber rein prinzipiell ist diese Lücke füllbar?

Das ist eine Frage des Produktportfolio-Managements, aber ja: Wir sind derzeit sehr erfolgreich im audiophilen Bereich mit dem HD 800 S – unserem aktuellen Flagship – und haben uns vor 10 Jahren das Ziel gesetzt, uns selbst zu übertreffen und ein Produkt auf den Markt zu bringen, das noch besser ist als der Orpheus. Daraus ist der HE1 entstanden. Und dazwischen, zwischen diesen beiden Eckpunkten, wird in naher Zukunft sicher noch einiges kommen.

Nun ist der Orpheus-Nachfolger HE1 mit 50.000 Euro ein sehr kostspieliges Produkt. Sind die Käufer dessen alle wirklich so audiophil veranlagt, dass sich eine derartige Investition lohnt?

Wir haben sehr viele audiophile Käufer des HE1, die dieses Produkt ausführlich getestet haben und uns zuvor von ihrem Set-Up, das sie daheim stehen haben, erzählt haben – da merkt man schon, dass da sehr bewusst viel Geld investiert wird, um einen guten Klang zu haben. Aber natürlich gibt es auch nicht so musikaffine Käufer, die – so banal das jetzt klingt – so einen Kopfhörer „einfach mal mitnehmen“, weil sie finden, dass das Teil „schick aussieht“. Das ist wie mit diesen teuren Autos: Da gibt es Leute, die kaufen sie, weil sie können, und Leute, die so ein Supercar auch tatsächlich fahren.

Gibt es da auch Kunden, die sich damals sowohl einen Orpheus, als auch jetzt einen HE1 leisteten?

Davon wird es einige geben, ja. Das ist aber auch beim vergleichsweise günstigen HD 800 S so: In Japan werden sich bis zum Jahresende etwa 40 Prozent aller HD 800-Besitzer auch den HD 800 S zugelegt haben. Andere Preiskategorie, aber gleiches Schema.

Beide, der HE1, aber auch der HD 800 S, sind ja mehr als „nur“ hochwertige Produkte. Die menschliche Hörfläche pendelt sich zwischen etwa 16 und 19.000 Herz ein. Wieso haben gerade hochwertige Kopfhörer einen weit größeren Übertragungsbereich?

Das ist eigentlich ganz einfach zu erklären: Man geht bei einem perfekten Gehör von zwischen 20 Herz und 20 Kiloherz aus – in der Theorie, das hängt natürlich von den Lebensumständen ab, ob Sie viel auf Rockkonzerte gehen und ähnliches. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wenn man nun einen Kopfhörer genau auf dieses Spektrum auslegt, merkt man, dass er im höheren Dezibelbereich abfällt – und zwar rapide. Wir könnten also gar nicht sicherstellen, dass er im gesamten Spektrum auch auf die erwartete Performance abliefert. Und genau deswegen gehen unsere hochwertigen Systeme bis 30, 40, ja teilweise sogar bis 100 Kiloherz, damit wir über die gesamte Linie einen gleichmäßig guten Klang anbieten können.

Also ähnlich wie beim Auto, das theoretisch schneller fahren könnte, der Tacho aber vorher abriegelt?

Ja, so in etwa. Bei Kopfhörern, die nach Produktbeschreibung 20 Kiloherz schaffen, merkt man im Test, dass sie aber schon bei 14 oder 15 Kiloherz deutlich einbrechen, weil es immer schwieriger wird dafür zu sorgen, dass die Membran des Wandlers sauber durchläuft und nicht anfängt, Störgeräusche zu machen oder zu verzerren.

Der HE1: überirdisch purer Klang und zeitlose Schönheit. Eine makellose Konstruktion.

Der HE1: überirdisch purer Klang und zeitlose Schönheit. Eine makellose Konstruktion.

Gibt es eigentlich eine betriebsinterne Playlist, an der neue Produkte auf Qualität und Tauglichkeit getestet werden – „Messlatten“-Songs, wenn Sie so mögen?

Es gibt bei Sennheiser so genannte „Goldene Ohren“, das sind Menschen, die extrem gut hören und auch extrem viel hören – und das in unterschiedlichen Altersgruppen. Und da hat jeder so seine Playlisten. Meine Playlist setzt sich sicherlich komplett anders zusammen, als die von einem Entwickler unserer akustischen Wandler – aber unsere Systeme müssen im Test alle überzeugen. Ich muss mit einem Kopfhörer – auch wenn es eine andere Zielgruppe ist – klassische Musik mit Streichorchester und Blasinstrumenten hören können, als auch die Top-20 der aktuellen Charts.

Ich persönlich bin mehr dieser Top-20-Mensch – aber ich habe auch eine sehr, sehr, sehr seltene Aufnahme von Eurythmics‘ „Here Comes The Rain Again“, in A capella und nur mit Gitarrenbegleitung auf meiner Liste. Das ist eine große Herausforderung für viele Systeme. Nachdem mittlerweile aber wöchentlich eine Vielzahl an neuen Platten erscheinen, ändert sich meine Liste aber auch ständig – ich habe ein, zwei Standardsongs, die bestehen bleiben, und der Rest von 50 bis 60 Liedern ändert sich fast wöchentlich.

Es sind nun bereits einige Namen eurer Produkte gefallen: die MOMENTUM-Linie, der HE1 und der Orpheus, oder auch der HD 800 S. Wieso haben nicht alle eurer Kopfhörer einen „klanglichen“ Namen, sondern werden teilweise auch mit der langweiligen Produktkodierung bezeichnet?

Das ist eine Zielgruppendefinition. Wir wissen, dass wir Zielgruppen haben, wo klangvolle Namen wichtiger sind, aber auch solche – gerade im audiophilen Bereich –, die bei ihrem Händler tatsächlich nach diesen „langweiligen Kodierungen“ einkaufen gehen: Die wollen dann tatsächlich lieber unseren Kopfhörer HD 800 S mit dem Verstärker HDVD 800 haben, als eine namentlich „klangvolle“ Kombination. Aber so verfahren viele Firmen im technischen Bereich.

Stichwort „Ich gehe in den Laden und kaufe ein“: Der Kauf der richtigen Kopfhörer gerät heute nicht selten zur kleinen Wissenschaft für den Otto-Normal-Verbraucher, insbesondere, wenn man online kauft und nicht im Geschäft testet. Auf welche Qualitätsmerkmale sollte man zu aller erst achten?

Zu aller erst ist es glaube ich wichtig, dass man sich für einen Hersteller entscheidet, der auch für Qualität steht und bürgt. Das ist natürlich immer die Abwägung zwischen Preis und Leistung, ich bin aber immer ein Freund davon, lieber ein paar Euro mehr zu bezahlen und mir von einem namhaften Hersteller Produkte zu besorgen, als am falschen Ende zu sparen. Im Internet gibt es ja genug Möglichkeiten, Informationen über die qualitative Wertigkeit zu sammeln, auch auf jedes Preissegment bezogen. Was ganz wichtig ist: Sich ein Produkt zu kaufen, das zu dem Gerät passt, mit dem man es benutzen möchte. Es gab einmal eine Zeit, wo 2.5 Millimeter-Klinkenbuchsen bei einigen mp3-Herstellern üblich waren, Kopfhörer fahren standardmäßig jedoch mit 3.5 Millimeter.

Es nützt ja auch der beste Kopfhörer nichts, wenn das Abspielgerät minderwertig ist. Welches der drei Elemente – Player, Verstärker und Box/Kopfhörer – ist für die endgültige Qualität eigentlich am relevantesten?

Der entscheidende Faktor – egal ob Platte, CD oder Kassette – ist auf jeden Fall ein gutes Abspielgerät, das keine Störgeräusche produziert und generell gut wiedergibt. Aber auch der Verstärker oder Vorverstärker muss eine gute Qualität bieten. Es ist aber schwierig zu sagen, welchen Betrag man dafür aufwenden muss, das kommt zum einen auf die Hersteller an, und zum anderen, was man selbst bereit ist, zu investieren. Einen Porsche 911 Turbo Cabrio bekomme ich ja auch nicht für 20.000 Euro, dementsprechend kann ich von einem günstigeren Auto nicht diese Fahrqualität erwarten. Und ebenso können Sie einen Plattenspieler um 20 Euro ebenso erstehen, wie um 120.000 Euro – ob der dann so viel mehr besser ist, dass man auch so viel mehr dafür bezahlt, das muss im Enddefekt der Kunde für sich selber entscheiden – eine goldene Regel gibt es da nicht.

Wichtig ist, ein gutes Abspielgerät, wichtig ist eine gute Verkabelung und natürlich – was leider oft vernachlässigt wird – eine sehr gute Aufnahme. Man kann keine mp3s auf CD pressen und dann denken, dass man mit einem HD 800 S unglaubliche Klangwelten erlebt – weil es bleibt halt weiterhin nur ein mp3.

Wir haben sehr viele Kunden, die nach dem „perfekten System“ fragen – und die müssen wir auch immer enttäuschen, weil das ist für jeden etwas anderes. Wie hört man, welche Formate hört man – es gibt Menschen, die mit einem Apple-Laptop und mit einem HD 650 Apogee Groove um 598 Euro mehr als ihr Auslangen finden, und dann gibt es Leute, die brauchen mindestens einen D/A-Wandler HDVD 800 um 1.999,99 Euro, einen HD 800 S um 1.598 Euro und ein Abspielgerät um weitere 6.000 Euro, damit sie zufrieden sind. Ich habe zum Beispiel einige Jahre in Asien gelebt und da gab es Leute, die haben bis zu 700.000 Dollar für ihr Soundsystem investiert. Es ist also sehr individuell, was man tatsächlich braucht.

 

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