Severin Groebner sagt Servus und Tschüüss

Severin Groebner ist eigentlich Wiener. Doch lebt er seit Jahren in Deutschland – und hat für diesen Heldenmut (und vielleicht auch sein Programm Servus Piefke!) soeben den Österreichischen Kabarettpreis verliehen bekommen.

„Servus Piefke“ – Gibt es eigentlich ein österreichisches Vorurteil über Deutsche, das nicht stimmt?

Severin Groebner: Die deutsche Gründlichkeit. Die ist eindeutig ein Fall fürs Märchenbuch. Wer so wie ich regelmäßig mit der Deutschen Bahn unterwegs ist, weiß, dass da von Gründlichkeit nichts zu bemerken ist. Von Pünktlichkeit im Übrigen auch eher selten.

Von Nord bis Süd, von West bis Ost: Wie weit kann man die Deutschen in einen Topf hauen?

Severin: Können tut man das natürlich. Das hilft beim Aufbau von Witzen. Aber natürlich hat der Schwabe mit dem Mecklenburg-Vorpommerer nicht allzu viel gemein, ebenso wenig wie der Bayer mit dem Kölner etwa. Und wenn ein Sachse auf einen Saarländer trifft, werden die beiden ein kleines Verständigungsproblem haben, obwohl sie jeweils darauf beharren werden, dass sie schönstes Hochdeutsch reden.

Sind die Berliner charakterlich und humoresk tatsächlich am dem Wiener am nächsten?

Severin: Naja, der Berliner glaubt, wie der Wiener, den Nabel der Welt zu bewohnen und hat daraus das Recht auf alltägliche Unfreundlichkeit abgeleitet. Aber wenn er mal freundlich wird, dann meint er das so. Da bin ich mir beim Wiener nicht ganz sicher.

Sind Bayern Deutsche, Vorarlberger Österreicher?

Severin: Natürlich. Die Frage ist nur, an welcher Stelle der Selbstdefinition der Begriff kommt. Der Bayer ist, wie ich finde, zuerst einmal Bayer. Dann Nieder- oder Oberbayer, dann aus dem Berchtesgardener Land oder aus der Holedau und dann mal sicher kein Angehöriger des verhassten Nachbardorfes. Und dann ist er auch irgendwann Deutscher. Beim Vorarlberger ist das ähnlich, glaube ich.

Was zieht einen Österreicher eigentlich in die Höhle des Löwen, nach Deutschland – und wie passten Sie sich an, um nicht als „Zugraster“ aufzufallen?

Severin: Ich versuch gar nicht, nicht aufzufallen. Obendrein bin ich ja in Frankfurt kein Zuagraster, sondern ein „Eingeplackter“.

Welche deutschen Kabarettisten und Komödianten schätzen Sie persönlich und was ist deren Können?

Severin: Oh … schwierig. Da gibt es sehr viele, die ich gern mag. Werde jetzt aber keine nennen, sonst sagen mir alle, die ich jetzt nicht aufzähle, das nächste Mal, wenn ich sie treffe: „Aha. Und mich schätzt du also nicht?“

Warum sind die Deutschen weltweit das unbeliebteste Volk?

Severin: Sind sie das? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Ich glaub, der Amerikaner hat sich in den letzten Jahren redlich bemüht, ähnlich unbeliebt zu werden. In Europa ist der Deutsche wahrscheinlich gerade so unbeliebt, weil Frau Merkel alle anderen zum Sparen zwingt, während Deutschland selbst ganz gute Wirtschaftsdaten hat. Das ist dann so wie mit den Strebern in der Schule – die konnte man ja auch nie leiden.

Was macht Wien, abseits von Oper und Operette, zur „Stadt der Lieder“, was ist des „Pudels Kern“ des Wienerlieds?

Severin: Zweifelsohne die Terz. Und das „Halloooooo“ am Schluss.

1905 hieß es von Eduard Maria Schranka: „Hütet euch vor dem falschen Wienertum, der echte Wiener ist heute nicht mehr so leicht zu finden.“ Wie charakterisieren Sie den „echten“ Wiener?

Severin: Er muss die Stadt hassen und lieben gleichzeitig. Sie verehren und an ihr verzweifeln. Sie für den einzigartigsten, wie auch den beschissensten Platz dieser Welt halten. Und an diesem emotionalen Zustand nichts ändern können … oder wollen.

In einem der Spittelberger Lieder heißt es: „A Mensch wollt i pudern, i hab mi net traut, drauf hab i mei Nudl am Bam anighaut.“ Was würde man in Deutschland singen?

Severin: Etwa so: „Alter, was war ich notgeil, aber die Chiks waren alle krass drauf. Dann hab ich ein Festholz gepoppt.“

Vom „Tschurifetzn“ bis zum „Nudlaug“ und dem „Pantscherl“. Kann man das eigentlich ins Hochdeutsche, ohne die mitschwingende Tiefgründigkeit zu verlieren, übersetzen?

Severin: So etwas sollte man gar nicht erst probieren.

Es gibt zwei Aussagen, die der Deutsche einfach nicht auf die Reihe bekommt. Der Ausruf „Leiwand!“ und die freundliche Distanz-Bitte „Geh scheißn!“ – Was ist das Komplexe an diesen Ausrufen?

Severin: Es ist ihm eben fremd. Der Wiener bekommt ja dafür auch „etwas auf die Reihe bekommen“ nicht auf die Reihe.

Ostbahn Kurti und der große H.C. Artmann haben insgesamt drei Ausgaben von Asterix auf Wienerisch übersetzt; Angenommen, wir beauftragen Sie – welches Comic würden Sie erwählen und warum?

Severin: Eindeutig Streit um Asterix, der Römer Destructivus ist ein äußerst Wienerischer Charakter.

Sie wurden im Wiener Helmut-Qualtinger-Hof geboren. Ihr Lieblingssager vom Qualtinger?

Severin: Kommen Sie nach Wien. Sie werden schon sehen.

Sie sagten einst, Sie seien eine „Großstadtpflanze“. Was braucht eine Großstadt?

Severin: U-Bahn, Dreck, Hochhäuser, Sandler, Theater, Museen, Konzerte, einen Dom, einen großen Friedhof, Geschichte, Bürgertum, Rotlicht, ordentliche Gasthäuser, internationale Bewohner und einen Zoo als Spiegelbild der Einwohner. Und natürlich mehrere Häuser, in denen Kabarett gespielt wird. Sowie zahlreiche andere Dinge, die mir gerade nicht einfallen …

Sven Ratzke erzählte uns kürzlich, er verwende weltweit den „Falco-Dialekt“ um Mädels aufzureißen. Was macht den Falco so erotisierend?

Severin: Ich glaube nicht – bei allem Respekt –, dass Sven Ratzke den Falco drauf hat.

Wieso ist Ihnen die Bezeichnung „Schluchtenscheißer“ lieber als „Ösi“?

Severin: Eigentlich mag ich das eine so wenig das andere. Wenn schon „Mehlspeiß“, da fühlt man sich als Wiener in der Kernkompetenz erfasst.

Sie sagten: „Als Bürger des österreichischen Staates hätte ich schon gerne eine anständige Regierung, auf die man im Ausland nicht dauernd blöd angeredet wird.“ – Ist aber nicht der Missstand, sei es in der Politik oder im Zwischenmenschlichen, nicht eigentlich Ihr täglich Brot? Würden Sie sich somit nicht selbst ins Knie schießen?

Severin: Mir würde auch noch genug lustiges Zeug einfallen, wenn Regierung und Parlament ordentlich und konstruktiv arbeiten würden. Ich finde es ja auch unfair, dass sich das politische Establishment immer auf die Kabarettisten rausredet, um die eigene schwache Performance zu begründen.

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