Shine on, crazy diamond

Niklas Kvarforth, einer der Enfants terribles des Black Metals und federführende Urgewalt hinter Shining, ist also “wieder da”. “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends” heißt der neue Output, der Titel scheint programmatisch.

 

Vom Drogenmissbrauch zur Depression, von kontroversen Symboliken bis hin zu einem Abklatsch der Knutsch-Showeinlage von Madonna und Britney Spears 2003 bei den VMAs mit Taakes Hoest, die so manch unsterblich verliebtes Black-Metal-Mäderl innerlich in feucht-fröhliche Wallungen versetzte, hat der 31-jährige Schwede schon so manch Kontroverse ausgereizt – nicht selten auch zulasten des Wesentlichen, seines musikalischen Outputs.

Nun gut, es reicht eine oberflächige Betrachtung, man muss kein Mitglied des “Inner Circles” sein, um zu mutmaßen, dass gerade ein derart intentional auf Kontroverse und Polarisation ausgerichtetes Genre wie der Black Metal seine “starken” Charaktere braucht. Nur, dass hier der Tag zur Nacht wird, die “Stärke” vorrangig in depressiven Verstimmungen und damit einhergehender (Auto)aggression manifestiert wird, der Wahnsinn zum Kultobjekt wird. Man erinnere sich an die brennenden Kirchen in Norwegen Anfang der Neunziger, an die Morde und Suizide in der norwegischen Black-Metal-Szene zum selben Zeitpunkt, die stellenweise sogar prestigeträchtig (“The Dawn of the Black Hearts”, “Aske”) ausgeschlachtet wurden. Oder auch an die “neuere” Welle des Depressive Suicidal Black Metals mit Vertretern wie der Georgier Psychonaut 4: Anhänger erwarten von der Musik und ihren Protagonisten eine besondere Form der Authentizität und eine emotionale “Tiefe”, die sich nicht nur in Lyrik und Show (wie beispielsweise dem Death Metal gern vorgeworfen), sondern auch in der realen Umsetzung spiegeln soll. Dass das Image-Gepose nicht selten im Selbstmord einzelner Protagonisten gipfelt, die lediglich durch Zwischenspiele in der Klapsmühle aufgeschoben werden, ist traurige Tatsache.

Inszenierung

Der “Suicidal Black Metal” – ursprünglich der individuelle künstlerische Ausdruck einzelner selbstzerrissener Seelen, zum Beispiel von Mayhem-Sänger Per Yngve “Dead” Ohlin, dem leblosen Covermotiv der “The Dawn of the Black Hearts” (siehe ein paar Absätze weiter unten) – ist heute mancherorts durchaus als Modeerscheinung, als “en vogue” zu sehen. „1996 nannte ich meinen Stil ‘Suicidal Black Metal’, um mich von den mittelmäßigen Würmern in der Szene abzugrenzen“, wetterte beispielsweise Niklas Kvarforth von Shining 2007 in einem Interview, hörte aber bereits 2001 damit auf, diesen Terminus zu nutzen, da er selbst das Gefühl verspürte, dass zahlreiche “belanglose Idioten” lediglich versuchten, Selbstmitleid zu heucheln und dachten, in der Musik eine Form der Therapie zu finden. Rationale Schlussfolgerung: bisserl kontraproduktiv. Für Niklas Kvarforth war die Intention, “die Musik als Waffe gegen den Hörer zu nutzen, sie erzwungen zu füttern mit selbstzerstörerischen und suizidalen Idealen, um damit hoffentlich eine Welle der Unsicherheit zu kreieren, traurige Kinder verletzen sich selbst und andere.“

Das klingt auf den ersten Blick nun gelinde formuliert “nicht nett”, ist aber unterm Strich keine größere Provokation als jene, die zum Beispiel die Rolling Stones Jahre zuvor mit “Sympathy For The Devil” vollführten, oder etwas später die düster-teuflische Ästhetik von Black Sabbath, Alice Cooper oder Kiss hervorrief. “Die Öffentlichkeit” war im Grunde schon immer sehr besorgt, wenn es um Sex, Drogen, den Teufel und den Tod ging. Paradebeispiel und Vorzeigeböser war natürlich nebst zahlreichen anderen etablierten Künstlern wie Slayer und Judas Priest auch Ozzy Osbourne (Black Sabbath), dem man aus dem Song “Suicide Solution” einen Strick zu drehen versuchte, man verzeihe den Wortwitz.
Auch sorgte 1991 die Sendung “Report München” (ARD) für Aufregung in Klassen- und Kinderzimmern, als mit vielfach verfälschten Beiträgen in einem einfachen Handstreich der Heavy Metal für alle Jugendprobleme verantwortlich gemacht wurde. Gedichte müssen interpretiert werden, aber Songtexte (und nicht minder Aussagen der Musiker, die oftmals nur eine Erweiterung des Text-Kosmos darstellen) hingegen sollen offenbar möglichst wortwörtlich ausgelegt werden, ganz gleich ob überspitzte Gewaltdarstellung (Cannibal Corpse), poetisch romantisierte Verletzbarkeit (Paradise Lost, My Dying Bride, Anathema) oder Depression (Katatonia, Sentenced, Type O Negative). Ironie des Schicksals: Nachdem Pete Steele (Type O Negative) einmal den eigenen Tod quasi als Werbegag bekannt gegeben hatte und auch durch Textzeilen wie “Now I hate myself, wish I’d die” (“Everything Dies”) auffiel, glaubten viele zunächst nicht, dass er am 14. Oktober 2010 tatsächlich gestorben war. Nirvanas “I Hate Myself and I Want to Die”, von Kurt Cobain im April 1994 in die Tat umgesetzt, lassen wir einmal außen vor.

Zurück zum Black Metal: Getreu dem Motto “only death is real” beging Mayhem-Sänger Dead 1991 Selbstmord, was allerdings zu keiner Nachahmerwelle unter Szene-Anhängern führte, wenngleich er bis heute als Ikone verehrt wird. Die Suizidfrequenz von Black-Metal-Hörern liegt tatsächlich – trotz des Images, des Auftretens, der Texte – nicht signifikant über dem der Menschheit im Allgemeinen. Fakt ist aber, dass diese Fälle anders wahrgenommen und in einen ideologischen Kontext gestellt werden. Das hat in Einzelfällen – Stichwort Jon Nödtveit von Dissection und Eric “Grim” Brødreskift von Gorgoroth/Borknagar/Immortal – durchaus seine Berechtigung, und darf wohl nicht selten als Inszenierung gewertet werden.

Ester SegarraShine on, crazy diamond

Dass Kvarforth sich selbst (und auch andere) auf der Bühne schon mal mit einer Rasierklinge verletzt und sich anderweitig Schmerzen zufügen lässt, ist bekannt. Es wäre an dieser Stelle vermessen, die Tatsache an sich einerseits als (für den Künstler notwendigen) Ausdruck seiner ureigenen Persönlichkeit (“Selbstverletzendes Verhalten”) oder andererseits als Show, als plakative Inszenierung des Marketings Willen zu werten; Die Frage hiernach – “Wie fertig ist Niklas Kvarforth?” – ist unterm Strich auch irrelevant. Viel wichtiger ist die Frage nach dem obig gestellten Ansatz von Kvarforth, mittels seiner Musik für eine explizite Wirkung zu sorgen. Hier kommt die “Mood Management Theory” von Dolf Zillmann ins Spiel. Jeder kennt einen Satz wie: “Das Album kann ich mir nur in einer bestimmten Stimmung anhören“, jeder bevorzugt ganz bestimmte Musik in einer bestimmten Gefühlslage. Warum hört man aber traurige, depressive oder aggressive Musik, und das vielleicht sogar dann, wenn man selber traurig, depressiv oder aggressiv ist?

Schlagbegriff: kathartische, reinigende Wirkung. Im Falle der Musik bedeutet dies die Verstärkung eines Konflikts durch erstmalige Verstärkung, die in einer finalen Auslebung oder Abschwächung resultiert. Hört man in depressiver Stimmung also depressive Musik, wird das Gefühl zunächst verstärkt, klingt dann aber auch stärker ab – so zumindest die Theorie.
Verstörung, Raserei, Melancholie, Pein, Leiden, Hysterie, Verneinung von Leben und der Welt, Hass, Selbsthass, Einsamkeit (wie viele Ein-Mann-Projekte gibt es in dem Genre noch gleich?) sind nur wenige der Begriffe, mit denen man die Emotion hinter Depressive Suicidal Black Metal beschreiben kann – und welche im Hinblick auf die „Mood Management Theory” für den Hörer von Relevanz sind. Daraus lässt sich die Vermutung anstellen, dass vor allem solche Menschen ein besonderes Faible für diese Musik haben dürften, die sich in ähnlichen oder bekannten Gefühls- und Lebenszuständen befinden oder ähnliche Einstellungen haben. Der Wunsch nach Andersartigkeit, die tatsächliche, vielleicht auch gewollte Einsamkeit, das faktische Alleinsein und der oft auch resultierende Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der Angst vor Abweisung in übersteigerter Form.

The End

Da klingt es beinahe verwunderlich, wenn Kvarforth im britischen Magazin Terrorizer auf das aktuelle, neunte Studioalbum zu sprechen kommt und von einer “positiven Stimmung” spricht. Doch wie so oft ist das Leben an sich Grund genug, umzudenken und einen Neuanfang zu wagen: Manche hören mit dem Rauchen auf, weil ein Kind ins Haus steht, für Niklas ist Shining sein “Baby”, das er nicht mehr länger durch “externe Faktoren” (in seinem Falle: Drogen) herunterwirtschaften wollte. Tatsächlich: Der Bombast seiner Figur, nicht selten durch dumm-dreiste Aussagen manifestiert, hat nicht nur die Qualität insbesondere des letzten Albums überschattet, ja, sogar gewissermaßen ruiniert.
Natürlich wurde Kvarforth nicht über Nacht zum Regenbogen pupsenden Einhorn, das über rosarote Flauschwolken hüpft. “Der Hass” ist, so wird er zitiert, immer noch Hauptinspiration für Shining und das aktuelle Album “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends”, nicht aber das selbstzerstörerische Verhalten durch Alkohol und Drogen, das schlussendlich in depressives Verhalten führte: “Depression ist niemals fruchtbarer Boden für Kreativität, auch wenn man sich dies auf den ersten Blick einreden möchte.”
Dies wird bei Shining ersichtlich, wenn Kvarforth darauf verweist, dass er sich körperlich nach “V – Halmstad” auf einer Abwärtsspirale befand, und dies ist auch auf den folgenden Alben akustisch manifestiert. Das aktuelle Album knüpft nun an jenem Moment an, als er zwar destruktiv, aber nicht in sich zerstört war – ein stabiles Line-up und das beste und diverseste Material seit langem. “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends” ist eingängig, sehr vielschichtig und komplex, vielleicht sogar dünkler, selbstaufopfernder und ehrlicher, als man Shining zuletzt kannte. Shining sind hasserfüllt, zweifelsohne, aber in seiner ganzen Frustration unglaublich rational, licht, stärkend – ja eben die obig angesprochene Katharsis.

“All great art is made from suffering” liest sich ein Tattoo, das Kvarforth auf seinem Bein verewigt hat, und durch diese Hölle schritt er in den letzten Jahren, ähnlich wie in Dantes “Göttlicher Komödie” musste auch er durch das Inferno marschieren und über den Läuterungsberg schreiten, bevor er nun ins Paradies auffahren kann, und die Hörer mit ihm.
Tatsächlich scheint “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends” nach vielfachen Durchläufen als perfekter Soundtrack für die Pilgerfahrt Dantes, wenn gestattet wird, dass sich musikalisch manifestierte Schönheit (Melodie) mit atonaler Hässlichkeit in einer innigen Symbiose verewigt, ganz gleich ob in gezupften, zärtlichen Melodien oder in beinahe klassisch angehauchten Soli (“Människotankens Vägglösa Rum”). Das neunte Album ist misanthropisch, ja, ein Ausdruck des Schmerzes, ein Strom, der sich aus inneren Konflikten und wirren Emotionen zusammensetzt, aber in einer rationalen, reifen Form. “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends” zeigt Kvarforth als schier ins Unermessliche gewachsenen Songwriter, der es schafft, aus Rage und Frustration an pointiert gesetzten, beinahe dionysischen Momenten auszubrechen – und gerade auch mit genrefremden Instrumenten wie dem Banjo (“Besök från i(ho)nom”) zu verzücken. Im Dunkel existiert auch das Licht, wenn auch gebrochen.
Kvarforth erinnert an den Rattenfänger von Hameln, wenn er durch eine Welt der Traurigkeit schreitet, seine Gefolgschaft hinter sich ziehend, aber noch wissen sie nicht, dass ein Licht am Ende des Tunnels existiert. Wir wünschen ihnen, dass sie es ohne Blasen und Blessuren bis dahin schaffen: “Lasst fahren all eure Hoffnung, ihr, die ihr eintretet, auf dass ihr sie schlussendlich gereinigt wiederfindet.”

 

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ShiningShining spielen am 12. November in München. Alles Gute zum Wiedergeburtstag, Niklas. Das aktuelle Album “IX – Everyone, Everything, Everywhere, Ends” ist bei Seasons Of Mist erschienen.

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