Sie denken groß

Mit „Niveau, Weshalb Warum“ erscheint die Band aus Hamburg wieder am Bildschirm. Und auf den  Bühnen des Landes, wie zum Beispiel dem Nova Rock.

Größenwahn, Spießertum oder die Spezies Mensch im Allgemeinen. Das Dreiergespann von Deichkind nimmt seit 1997 mal gerne aufs Korn, welche Probleme uns wohlstandsgeplagte Gesellschaft täglich quälen. Wie dem Ganzen entkommen? Deichkind hat die Lösungen: Remmidemmi bis der Arzt kommt, besoffene Freunde dekorieren, Rechnungen einfach in den Müll schmeißen und alles, was für Nordsee und Karma schlecht ist. Mit ihren Texten und den treibenden Beats hat es Deichkind in die Charts geschafft. Jetzt geht es mit dem neuen Album „Niveau Weshalb Warum“ auf Tour. !ticket trifft Porky zum Plausch in Wien:

Ihr trefft immer wieder den Zahn der Zeit. Wie schafft ihr das?

Wir sind einfach ein Spiegel der Gesellschaft. Wir schreiben nicht über abstrakte Themen, das können wir auch gar nicht. Wir schreiben über das, was wir sehen und das, was wir beobachten.

Ist Dir hier in Wien schon einmal etwas passiert, woraus du einen Song machen könntest?

Hier in Wien nicht. Da gehe ich eher spazieren und ziehe mir die Stadt rein. Zu Hause lebe ich eher zurückgezogen im Wald.

Du bist also ein bisschen asozial?

Ja. Um die Gesellschaft zu meiden. Das, was ich sehe, packe ich in Songs. Bei Konzerten freue ich mich, dass ich Menschen sehe, die mögen, was ich tue. Sonst hab‘ ich einen ziemlichen Tunnelblick. Ich konzentriere mich auf meine kleine Welt und lasse nicht so viel von außen rein. Schlechte Nachrichten kann ich zum Beispiel nicht objektiv betrachten. Mir ist das zu viel und ich wird‘ dann traurig. Deshalb versuch ich meine kleine heile Welt zu schaffen und darin möglichst wenig Schaden anzurichten.

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So extrovertiert Porky auf der Bühne ist, so zurückgezogen ist er privat. Der Bassist von Deichkind lebt isoliert in einem Wald.

 

Apropos traurig: wann würdet ihr eine richtige Ballade schreiben?

Haben wir schon gemacht. „Hauptsache nichts mit Menschen“ ist zum Beispiel eine ruhige Nummer. Außerdem habe ich Balladen auch privat schon mal gemacht.

 „Porzellan und Elefanten“ am neuen Album ist am Anfang zwar eher elektronisch, dann aber ruhig. Ist das eure Form der Ballade?

Wahrscheinlich ja. Wenn man den Proll-Hip-Hopper weglässt und den Schmunzetten-Koffer aufmacht, kommt das heraus.

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Eure Songs sind oft Lobeshymnen an die Antikonvention. Ist das auch privat so?

Teils teils. Natürlich ist das aber auch eine Welt, die wir auf der Bühne ausleben. Das ist aber auch tierisch viel Arbeit so eine Firma und Band wie Deichkind voranzutreiben.

Du sprichst von eurem eigenen Label. Wie geht es euch jetzt als Unternehmer?

Es ist zunächst 300 Mal mehr Arbeit. Auf Tour arbeiten mittlerweile über 30 Leute für uns. Das ist eine bestimmte Verantwortung, aber es fühlt sich gut, dass es ein fruchtbares Projekt ist, das auch funktioniert. Wie es sich entwickeln wird und ob wir dieses Jahr vielleicht sogar ein Minus machen, das hängt davon ab, wie das Album läuft. Das Feeling, es selber zu produzieren, bringt uns an unsere Grenzen. Ich bin in den letzten Wochen mental auch schon einige Male zusammengebrochen. Es wird einfach zu viel, ich habe keine Kapazität mehr. Aber die Freiheit, die man hat, ist mehr wert als das Erschöpft-Sein. Wir waren früher bei Universal, das ist ein gutes Label. Aber trotzdem gab’s auch viel Reibung, weil wir bei allem, das wir machen, eine bestimmte Vorstellung haben.

Der Sound ist teilweise anders geworden. Er ist houselastiger, waviger. Wodurch wurdet ihr hier beeinflusst?

Man probiert einfach rum und macht das, was gerade Spaß macht. Da verändert sich das automatisch.  

In „Denken Sie groß“ hört man eine E-Gitarre, auch untypisch für euch. Wie kam es dazu?

Da macht man einfach ein Gitarren-Solo und klaut beim berühmtesten Gitarren-Solo der Welt, nämlich das von „Beat It“ von Micheal Jackson. Das ist frech.

Apropros frech: ihr zeigt viele Themen auf wie Größenwahn, Beeinflussung durch die Werbewirtschaft, Spießertum. Welchem davon fällst du zum Opfer?

Das wäre die Selbstoptimierung und First-World-Problems. Wir wollen niemanden unsere Meinung aufzwängen, niemand wird ausgegrenzt. Das ist auch eine Komfortposition, man muss sich nicht festlegen. Man lässt Spielraum für alle Seiten.

Ihr habt ein neues Album selbst produziert, habt viel zu tun, habt viele Auftritte in nächster Zeit. Seid ihr schon am Limit?

Ja, aber das waren wir schon vor zehn Jahren. Und über das Limit hinaus.

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Und was müsste passieren, damit ihr wirklich aufhört, Musik zu machen?

Vielleicht müssten wir sogar sterben. Aber die Menschen sind Ratten und anpassungsfähig. Wenn ich im Knast sitzen würde, würde ich auch noch am Bett rumkloppen. Ich bin Musiker, da ist man ab und zu mal ausgebrannt und ich hatte auch schon Nahtoderfahrungen, weil ich aus Erschöpfung so heftige Panikattacken hatte. Dann hab ich gedacht: Ja sterb ich halt. Aber meine Erschöpfung ist nur relativ. Mutter Theresa hatte sicher auch ein paar Tode hinter sich, trotzdem hat sie weitergemacht und Leuten geholfen. Vielleicht helfe ich Leuten ja auch irgendwie mit meiner Musik.

Glaubst du, dass Rap in Deutschland zu unpolitisch ist?

Wenn er authentisch ist, dann nicht. Rap ist auch eine Form, um aus einer Situation herauszukommen. Ice-T hat das ja gut gesagt: „Alter, ihr wollt Gangster sein, was seid ihr eigentlich für Fake-Typen? Wir wollen keine Gangster mehr sein, wir wollen raus aus dem Scheiß.“

Euer Trailer für die Tour verspricht einiges. Was kann man sich von der Bühnenshow erwarten.

Das ist bei uns ja nie so „Alles Neu“. Das hat mit `ner Hüpfburg und `nem Minitrampolin angefangen und stetig steigt sich das. Mittlerweile sind es fünf Trucks voll. Wir arbeiten und basteln daran. Da muss man uns vertrauen.

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termine:

Nicht nur am Nova Rock zwischen 12. und 14. Juni auf den Pannonia Fields II in Nickelsdorf, sondern auch am 23. April in der Stadthalle Graz und am 24. April in der Linzer Tips Arena.

 

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