Silje Nergaard: Wolkenlos

Der Titel des aktuellen Albums der wunderbaren Stimme aus Norwegen, Unclouded, war beim Wien-Gig im Rahmen des Jazzfests nicht gerade Programm: Den Soundcheck ließen zwei kräftige Regengüsse platzen und kurz vor ihrem Auftritt regnete es Schusterbuben. Während des Konzerts selbst blieb es trocken und die Fans genossen unter anderem die aktuelle Coverversion des Killers-Hits Human. TICKET plauderte mit der bezaubernden Silje in den Arkaden des Wiener Rathauses.

TICKET: Auf Unclouded gibt es den Song God‘s Mistakes. Was können wir aus seinen Fehlern lernen?

Silje Nergaard: Es ist ein spaßiger Titel mit einem ernsten Hintergrund. Er soll uns an den Druck erinnern, unter dem Frauen heute permanent stehen. Die Posters von perfekten Models, die uns überall umgeben, die tollen Gesichter und Körper. Jedes Mädchen glaubt, dass es auch so aussehen muss. Mich selbst, als Erwachsene, betrifft das nicht mehr so, denn ich messe mich nicht an Schönheitsidealen. Aber ich habe eine Tochter, die sich bald dieser Herausforderung stellen muss.

TICKET: Es gibt mit Human eine Coverversion auf dem Album. Warum hast du gerade diesen Mega-Hit gewählt?

Silje: Als ich vor zwei Jahren in New York war, hat man den Titel überall gehört, deshalb ist er mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe gemerkt, wie großartig die Melodie ist. Ich fragte mich, ob ich daraus nicht ein Silje-Lied machen kann. Meine Version kann man überhaupt nicht mit dem Original vergleichen, die ist viel zu weit davon entfernt. Das war auch der Grundgedanke, etwas ganz anderes daraus zu machen.

TICKET: Im Norwegian Boatsong geht es um ein Mädchen, das ziellos herumtreibt. Magst du es, ohne ein konkretes Ziel aufzubrechen?

Silje: Ich habe den Titel geschrieben, ohne mir bewusst zu sein, dass er keltisch klingt und ein wenig an schottische Lieder erinnert. Deshalb haben wir auch diesen Namen gewählt, der auf die schottischen Boatsongs verweist. Ich kann mir beim Anhören dieses Mädchen vorstellen, das mit ihrem Boot in den Nebel hinein rudert, ganz auf sich gestellt, um ihrem Leben zu entkommen. Ich glaube, wir träumen alle davon, einfach zu verschwinden, ohne ein bestimmtes Ziel. Einfach ganz frei zu sein. Ich erlebe das, wenn ich daheim in Norwegen im Wald spazieren gehe.

TICKET: Hat dich eigentlich die traditionelle, norwegische Volksmusik je beeinflusst?

Silje: Sie war ein Teil meiner Kindheit. Ich stamme aus einer sehr musikalischen Familie, wir hörten von Jazz und Folk alles, bis zum Eurovisionssongcontest. An das erinnere ich mich noch ganz genau. Es gab aber niemals einen Schwerpunkt auf unserer lokalen Volksmusik.

TICKET: Es gibt einen Song über den Mond. Bist du mondsüchtig?

Silje: Ich mag den Mond, er ist aber keine Inspirationsquelle. Er kommt in den Songs vor… einmal im Monat kann ich nicht einschlafen. Ich habe meistens keine Ahnung, warum. Wenn das passiert, schaue ich aus dem Fenster und sehe den vollen Mond. Dann wird es mir klar, warum ich nicht schlafen kann. In irgendeiner Weise beeinflusst er mich also doch.

TICKET: Vor einigen Jahren hast du mit Pat Metheny gespielt, jetzt mit John Scofield. Wie kam er zu der Zusammenarbeit?

Silje: Bei allen Gitarristen mit denen ich spiele, gibt es eine Geschichte dazu. Pat Metheny hat mich in meiner musikalischen Entwicklung sehr geprägt, und es war eine großartige Erfahrung, mit ihm Songs zu schreiben. John Scofield ist eine Legende! Es war ein Privileg, im Vorjahr mit ihm zu singen. Er ist ein großartiger Mensch, so nett und es gab sofort eine natürliche Verbindung zwischen uns. Der Titel God‘s Mistakes hat dann einfach nach seiner Gitarre verlangt.

TICKET: Ein Lied hast du Karla gewidmet. Ich nehme an, das ist deine Tochter?

Silje: Ja, sie ist jetzt neun Jahre alt. Sie ist an allem was ich mache sehr interessiert. Sie ist unglaublich musikalisch und kann bereits jetzt erstaunlich gut singen. Erst gestern bat ich sie, mir dieses Vibrato beizubringen, wie es auch Beyoncé hat. Sie kann das schon! Ich versuchte es, aber sie hat mich nur ausgelacht. „Lass‘ es bleiben, Mama, versuch‘ es gar nicht!“ Meine zweite Tochter ist da ganz anderes. Sie ist von meiner Musik eher gelangweilt, sie spielt Fußball und isst lieber die Schokolade im Catering, als sich ein Konzert anzuhören.

TICKET: I Will Write You Every Day ist ein wunderschöner Song, mit einem Thema aus der Vergangenheit. Haben wir viel verloren, weil wir wegen des Internets kaum noch Briefe schreiben?

Silje: Ja, ganz sicher! Es macht unser Leben vielleicht einfacher und wir haben viel gewonnen. Aber der Mensch braucht die Langsamkeit, die haben wir verloren. Wir sind einfach nicht für diese Schnelligkeit gemacht, dass wir an so vielen Plätzen gleichzeitig aktiv und ständig erreichbar sind. Das ist aber ganz sicher nicht der normale menschliche Rhythmus. Vor allem Kinder brauchen viel Zeit, keine Hektik, nicht immer das Fernsehen an, das Internet im Auge und das Telefon in Reichweite.

TICKET: Wir sitzen in den Arkaden des Wiener Rathauses, bei deinem Konzert blickst du auf das Burgtheater. Ist das etwas Spezielles?

Silje: Es ist faszinierend und wunderbar. Es ist warm, ich spiele an einem außergewöhnlichen Platz. Was könnte ich mir Schöneres wünschen? Und im Herbst komme ich wieder für einige Konzerte. Darauf freue ich mich schon!

Interview: Alexander Haide

Silje Nergaard kommt mit ihrer bezaubernden Stimme auch nach Österreich. Das Konzert am 5. Oktober im Posthof Linz sollte man sich nicht entgehen lassen!

 

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