Smalltalk mit dem Tod

Er ist ein Getriebener und das ist ein Segen! Der grandiose Schauspieler Ben Becker zeigt beim !Ticket-Talk im Café Hawelka anlässlich des neuen Musik-Poesie-Abends „Zweistimmig“ eine ganz persönliche Seite.

 

Er war der Tod im Salzburger „Jedermann“, ein „Comedian Harmonists“ und bringt nun, nach dem Musikabend „Den See“, gemeinsam mit Klarinettist Giora Feidmann die Gedichte von Paul Celan auf die Bühne.

Giora Feidman hast du schon bei den Dreharbeiten zu „Comedian Harmonists“ kennen gelernt.

Ben Becker: Ja, 1997. Das war schon sehr speziell, weil der unheimlich angekündigt wurde während der Dreharbeiten. Da wurde eine jiddische Hochzeit gefilmt, eins zu eins nachgestellt, das hatte ich noch nie erlebt. Das hat schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich habe ihn danach immer wieder mal bei verschiedenen Veranstaltungen getroffen, wie beim „Rilke-Projekt“, das kam immer öfter vor. Irgendwie mochte ich den alten Herrn, denn ich bin ein Fan von alten Artisten. Da zähle ich den dazu. Das ist ein Zirkuspferd, ein Tier auch, der kann auch nicht anders. Rumreisen mit zwei Koffern, in einem sind drei oder vier Klarinetten, im anderen seine zwei Anzüge und die Waschtasche. Das ist sein Leben. Das ist etwas, was ich sehr bewundere und toll finde und wir haben uns immer sehr gemocht.

Dann kam bei mir der Celan-Gedanke auf und verselbständigte sich ziemlich schnell dahingehend, einen Abend daraus zu machen. Das kommt zuerst sehr unkommerziell daher. Mich hat der Celan interessiert, weil ich ihn nicht verstanden, aber eine gewisse Schönheit in der Sprache gefunden habe. Dann auch die Auseinandersetzung mit dem Menschen Celan. Giora hat immer gesagt, wir müssen etwas zusammen machen. Dann ging das plötzlich so schnell, über meinen Kopf hinweg, dass die eine Agentur zur anderen gesagt hat: Ben will das mit Giora machen und da kam sofort ein „Ja“ und ich war in Zugzwang, diesen Abend zu gestalten und daraus was zu basteln.

Bist du auch so ein Tier, ein Getriebener?

Becker: Ja! Ich bin da auch ein Zirkuspferd wenn es darum geht, mich in irgendeiner Art auszudrücken, da kann ich die Füße nicht still halten.

Ist das Getrieben-Sein ein Fluch oder Segen?

Becker: Da ich die Sachen ganz dialektisch betrachte, beides. Ich bin ein Freund von schwarz und weiß, von love and hate, glaube aber, dass dazwischen ganz viele Nuancen stattfinden. Es ist Fluch und Segen. Manchmal ist es schwer, das Seil dazwischen zu spannen und nicht herunter zu fallen. Wenn du mich ganz tief drin fragst dann würde ich sagen, es ist ein Segen, weil ich hab’s lieb. Ich liebe es. Es macht mir Spaß.

Du meintest, über das Projekt wurde über deinen Kopf hinweg entschieden…

Becker: Man hat gesagt: dieser Abend wird stattfinden, wir machen das, und dann gab’s auch ganz schnell Termine. Normalerweise sage ich bei meinen Projekten, wann der Lappen aufgeht, da hat man mir gesagt: Herr Becker, da geht der Lappen auf, bis dahin muss es fertig sein. Das war auch ganz toll, denn so hab‘ ich mich da unheimlich reingekramt, ich war nur am Celan Lesen, am Machen, am Computer, am Tun, am Schreiben, um aus diesem, wie er selber sagt, unverständlichen Autor einen Abend zu machen, wo auch die Oma, die ihn nicht kennt, nach Hause geht uns sagt: Ich hab‘ was mitgenommen oder es hat mich emotional betroffen gemacht, die eventuell noch drei Tage oder länger darüber nachdenkt. Da habe ich wahnsinnig dran gearbeitet und ich glaube, das ist mir derartig gelungen, dass die Hauptrolle an diesem Abend Celan spielt. Dann hab‘ ich mir einen Musiker gesucht, der mich sozusagen auch ein Bisschen verdrängt, der die zweite Geige spielt. Ich hab‘ mich unter eigener Regie zurückgenommen, das ist mir so auch noch nie passiert.

Fällt das schwer?

Becker: Anfänglich ja, mittlerweile glaube ich, dass mir das gefällt, anderes zuzulassen und nicht unbedingt eine Ben Becker-Show zu präsentieren. Es gibt Leute die meinen, ich komme zu kurz und mir das sogar böse als Kritik vorwerfen. Wo ich dann aber sage, nein, da bin ich eben mal etwas ruhiger, das ist doch auch okay. Ich find’s ganz schön. Meine Mutter ist eine ganz harte Kritikerin von mir, die hat den Abend in der Jüdischen Synagoge in Berlin gesehen und gesagt: Mach‘ nicht so viel, du wirbelst zu viel mit den Händen, machst zu viel mit der Musik… reiß dich zusammen, es reicht, wenn du da sitzt und liest, was da steht. Das habe ich mir sehr zu Herzen genommen und finde, das kann ich mir leisten.

Medial kennt man dich mit sehr lautem Image. Ist das Zulassen und Zurückstecken etwas für die Zukunft und spannend?

Becker: Soweit ich das auf die Reihe kriege, ist mir das auf jeden Fall sehr recht, denn es gibt ja auch Zeiten, in denen ich mich vollkommen zurück ziehe oder zumindest den Versuch mache und mit Menschen gar keinen Kontakt haben will. Manchmal ist das alles ja anstrengend und mit zunehmendem Alter bin mir selber gegenüber durchaus vorsichtiger geworden . Zum einen schaff‘ ich das gar nicht mehr so, zum anderen will ich das gar nicht mehr so. Zum dritten ist diese präpotente Präsenz, die man mir vorwirft, durch die ich teilweise falsch verstanden werde.

Wieso hast du eigentlich dieses Rüpel-Image? Mir ist das unverständlich so, wie ich dich kennen gelernt habe.

Becker: Es gibt diesen medialen Ben Becker und ich hab sehr früh damit angefangen… ich würde gar nicht einmal sagen zu provozieren, ich habe Fragen gestellt und bin gegen den Strom geschwommen. Da geht das unheimlich schnell, dass man auffällt. Bei mir war das nie, dass ich ein Auto geklaut hab‘ oder so. Man wusste immer, dass dahinter ein künstlerischer Verstand steht und trotzdem wollte man den kaputt kloppen. Den Bild-Zeitung Ben Becker gab es so nie. Aber die Bild-Zeitung ist lauter als Ben Becker. Das wirst du auch nie wieder los. Die haben nie geschrieben: Der Junge ist ein sensibler Schauspieler oder ein feindenkender Mensch oder ein Melancholiker. Die haben geschrieben: Er hat einem Regisseur auf die Fresse gehauen. Dabei habe ich den nur geschüttelt, und das aus gutem Grund. Da habe ich gemerkt, dass mir die schönen und feinsinnigen Seiten zu kurz kommen. Mein Publikum weiß, dass ich nicht nur der Laute bin, die wissen, wenn Ben Becker kommt passiert eventuell was, und eventuell gibt’s etwas zu lachen oder so. Die wissen, dass ich nie bösartig war. Und die wissen, dass sie immer eine Geschichte von mir mit auf den Weg bekommen. Deshalb hab‘ ich auch ganz viele Omas im Blümchen-Kleid vorne sitzen. Immer schon. Selbst wenn ich Rock ‘n’ Roll mache.

 Das Konzept, Musik und Poesie zu verbinden, wie jetzt bei „Zweistimmig“, gibt es so gut wie gar nicht mehr…

Becker: Ich hab ja mit der Band angefangen, das war 1993 mit der Zero Tolerance Band. Bei mir zu Hause im Wohnzimmer, wir waren total stoned und haben Spaß gehabt, der eine hat auf der Orgel gespielt, der andere auf der Gitarre und ich hab eine Geschichte dazu erzählt. Die zwei Alben haben so funktioniert, Geschichten zu erzählen zur Musik. Musik ist etwas sehr emotionales und ein Instrument, das das Element Sprache weiter trägt. Für mich war das immer blöd und langweilig, im schwarzen Anzug mit dem Text unterm Arm auf die Bühne zu kommen und zu sagen: Achtung, Achtung, jetzt kommt der Schauspieler und liest etwas Wichtiges vor. Es gibt keine Lesung von mir ohne Musik, gab’s noch nie und soll es auch nie geben!Feidman Becker

Woher kommen das Interesse und die Beschäftigung mit dem Judentum?

Becker: Dass die meine Oma abgeholt haben und meine Mutter stand daneben und hat zugeguckt, wie sie die gefoltert haben. Das halt also familiär etwas mit mir zu tun. Ich bin ja in keiner Richtung religiös erzogen worden, ich bin auf Religion erst viel später gestoßen. Was ist Religion, was macht das mit uns? Ich bin ja auch ein extrem existenzieller Mensch, der sich mit den großen Themen auseinandersetzt: Liebe, Tod, Leben. Das beinhaltet, glaube ich, auch Religion, deshalb gibt‘s da immer wieder Schnittpunkte. Ich bin der letzte der bekehren möchte, das gar nicht, es findet nur eine Auseinandersetzung statt.

Du wirst ja heuer 50…

Becker: Scheiße, ja.

Ist die Auseinandersetzung mit wesentlichen Themen wie Religion auch eine Altersfrage?

Becker: Man reduziert und denkt nach: Geh‘ ich noch Mal auf Anfang, wie geht’s weiter, was mache ich? Diese Überlegung findet tatsächlich statt. Vor allem, wenn man an beiden Enden gebrannt hat, so wie ich, aber jetzt nicht mehr an zwei Enden brennt. Da ist man schon am denken. Was ich damit mache, wie ich damit umgehe oder wie sehr mich das verunsichert oder so, mag ich dir jetzt nicht sagen. Das spielt sich in meinem Kopf und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Da treffen wir uns in zehn Jahren wieder und dann werde ich dir sagen können, ob sich was getan hat oder ob der Herr Becker nichts dazugelernt hat.

Kann ein Moment kommen, in dem du auf die Karriere pfeifst?

Becker: Das gab es auch schon. Als ich 17 war und Bühnenarbeiter war hat mir ein Kollege gesagt: Ben, pack‘ deine Koffer und geh‘ wohin, wo es geiler ist. Ich bin aber weder ein Auswanderer, noch ein Rucksacktourist. Ich stand erst neulich vor nicht all zu langer Zeit vor meiner Frau und meiner Tochter und einem Koffer, der ins Handgepäck passt und hab gesagt: Leckt’s mich am Arsch, Papa fährt jetzt nach Papua Neuguinea. Daraufhin find meine Tochter an zu weinen und sagte: „Nein, Papa, du darfst nicht gehen.“ Dann fing ich auch an zu weinen und fünf Minuten später haben wir tierisch darüber gelacht. Es gibt nur dieses eine Leben, jetzt, meines, hier und aus dem kommst du nicht raus. Ich fänd’s auch falsch, sich hier zu verpissen. Die Sehnsucht danach gibt’s, ganz klar, man wünscht sich immer das, was man nicht hat. Ich könnte auch nicht aus meiner Haut. Ich bin in Berlin groß geworden, was soll ich auf einer Hallig in Nordfriesland? Das schau ich mir im Fernsehen an und meine, mein Gott, wie ist das schön, wie glücklich leben die. Aber das ist mein Leben, das zieh‘ ich durch, bis zum Schluss.

Tickets bei oeticket.com

 

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!