So war das Harvest of Art in der Marx Halle

Harvest Of Art

Seit 2012 findet unter dem Banner der „Harvest of Art“-Festivalreihe ein jährlich wiederkehrendes Zusammentreffen besonders feiner Songwriter statt. Dieses Jahr war alles irgendwie anders … und doch gleich.

Harvest Of Art PJ HarveyDer Jubel hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen: Anstatt gemütlich in einer Wiese zu lungern, sich unter prächtig blühenden Laubbäumen zu stärken oder einfach einmal gemütlich durch eine naturbelassene Szenerie zu flanieren, galt es, am brennheißen Asphalt zu sitzen, die semilustigen Ottakringer-Brauhochzeiten zu erdulden und das unnachahmliche Flair einer Stadt einzuatmen, die gefühlte 40 Grad Celsius von Glasscheiben und Betonmauern auf die Häupter der Anwesenden reflektierte. Denn nach einem Streit mit dem Location-Betreiber wanderte das renommierte Indie-Festival Harvest Of Art vom beschaulichen Wiesen in die industriell-unterkühlte Marx-Halle in den dritten Wiener Gemeindebezirk ab (erfuhr aber, ähnlich wie das Lovely Days Festivals, auf Burg Clam ebenfalls eine Doppelung).

Dass langjährige Wiesen-Pilgerer darob nicht sonderlich begeistert waren, kann man sich denken, glücklicherweise ging das musikalische Programm aber nicht Hand in Hand mit der kargen Umgebung, sondern bot eine gewohnt geschmackvolle Mischung aus Underground-Helden, Zukunftssternchen, etablierten Hallenfüllern und gefeierten Headlinern. Bei sengender Sommerhitze machten sich die ersten Zuseher bereits am frühen Nachmittag auf den Weg in die Halle, wo mit dem israelischen Duo Lola Marsh bereits ein Highlight die Bühne betrat. Noch keine drei Jahre sind Gil Landau und Yoel Shoshana Cohen zusammen unterwegs, werden in gängigen Alternative-Fachkreisen aber zurecht abgefeiert und haben unlängst die EP „You’re Mine“ veröffentlicht. Die auf FM4 rotierende Single „Sirens“ sorgte schon früh für Mitsing-Flair bei der noch überschaubaren Menge an Anwesenden, das mit vielen Blumen verzierte Bühnensetting passte optisch wunderbar in das Festival-Konzept. Hier blüht eine erfolgreiche Zukunft heran.

Das erste wirklich große Tageshighlight folgt kurz darauf in Form des australischen Singer/Songwriters Matt Corby. Das Debütalbum „Telluric“ des 25-Jährigen sorgte diesen Frühling nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im relevanten US-amerikanischen Markt für viel Aufsehen. Seine fünfköpfige Band, die offensichtlich genau so perfekt wie er das Handwerk des Querflötenspielens beherrscht, ist dabei weit mehr als nur ein unterstützendes Element für die melancholischen, sehr inbrünstig vorgetragenen Songs, die vor allem durch die einzigartige Stimme und das Charisma des Frontmannes getragen werden. „Wrong Man“, „Monday“ oder „Empires Attraction“ entfachen einen Wirbelsturm an Emotionen, der sich direkt auf das leider immer noch spärlich anwesende Publikum überträgt, das zur frühen Uhrzeit lieber ein Sonnenbad nimmt oder sich noch in den eigenen vier Wänden stärkt. Corbys Sound wird auch durch die zwei Keyboards zu einem einzigartig-flächigen Soundteppich verwoben, der allerdings viel besser in die Intimität eines Porgy & Bess oder WUK passt, als in das seelenlose Marx-Hallen-Stahlkonstrukt. Doch selbst Glen Hansard zeigte sich im persönlichen Gespräch begeistert: „Der Typ brennt für seine Musik – großartig!“

Den ersten großen Jubel des Abends konnte kurz vor Festivalhalbzeit die Schweizer Künstlerin Sophie Hunger verbuchen. Vor einer respektablen Menge an Fans und Schaulustigen ließ das 33-jährige Jazz/Pop-Multitalent nichts anbrennen und fühlte sich im Konzertbilling und der Atmosphäre Gleichgesinnter sicht- und hörbar wohl.

Harvest Of Art Glen HansardDer geheime Headliner für viele folgte auf dem Fuß – der irische Oscar-Gewinner Glen Hansard ist willkommener und gern gesehener Stammgast in unseren Breitengraden und gestaltete seine knapp 80-minütige Show zu einem Triumphzug. Mit einer Zehn-Mann-Besetzung, die auch eine opulente Streicher- sowie Bläsersektion integrierte, betrat er die fast zu klein geratene Bühne und sorgte vom ersten Akkord des Openers „Didn’t He Ramble“ für Ausnahmezustand. Der Ire ist in erster Linie Rampensau und Performer, dann erst Songwriter und Musiker – was keinesfalls negativ zu sehen ist. Die Interaktion mit den Fans funktioniert einwandfrei, so wünscht sich Hansard Frankreich als Fußball-Europameister (was schlussendlich nichts nutzte …), „weil das Land heuer wirklich viel mitmachen musste“, spielt sogar den Falco-Hit „Rock Me Amadeus“ an und erzählt – am Piano sitzend – freimütig, wie gerne er in Wien Zeit im „Cafe Lange“ verbringt.

Auf Tour gibt es bei Hansard keine großen Skandale, wie er uns im Vorfeld erzählte: „Wenn wir wo unterwegs sind, dann entspanne ich einfach. Entweder laufe ich stundenlang durch die Stadt, um die Atmosphäre aufzusaugen, oder ich setze mich ebenso lang in Kaffeehäuser, um einfach Leute zu beobachten und mich davon inspirieren zu lassen.“ Das österreichische Publikum liebt der 46-Jährige heiß und innig: „Ihr seid von der Mentalität ein bisschen wie die Finnen. Mit einem hervorragenden Humor gesegnet, hilfsbereit, aber niemals aufdringlich oder nervig. Ich mag das.“ Kein Wunder, dass der Jubel auch in der Marx-Halle grenzenlos war, schließlich war ein Großteil der insgesamt 6.000 Besucher bereits hier in absoluter Hochstimmung. Nur für die Zugabe, die von Band und Fans gewünscht wurde, war keine Zeit mehr – ein Festival ist eben kein Einzelkonzert.

Harvest Of Art Element Of CrimeEine solide, aber nicht unbedingt bahnbrechende Performance boten kurz darauf die deutschen Liederpoeten Element Of Crime. Wo Hansard noch offensiv versuchte, Stimmung in der Halle zu entfachen, konzentrierte sich das kulturelle Multitalent Sven Regener darauf, die Musik sprechen zu lassen. Kaum jemand anderem gelingt es so geschickt, scheinbar spannungslose Alltagserlebnisse so gekonnt lyrisch zu verpacken, nur um sie mit betucht zurückgelehnter Instrumentierung wieder in die Halle zu projizieren. Die Berliner sind an diesem Abend vielleicht die massenkompatibelste, aber auch die routinierteste Band. Überraschungsmomente sind ebenso rar gesät, wie ausufernde Bühneneffekte oder Bewegungsfreudigkeit auf der Bühne. Regener, Jakob Ilja und Co. exerzieren Songs wie „Lieblingsfarben und Tiere“, „Bitte bleib bei mir“ oder „Liebe ist kälter als der Tod“ souverän, aber auch ereignis- und spannungslos. Das Saxofon nahm hier und da eine zentrale Rolle im bunten Treiben ein, die Hallenshow im Wiener Gasometer war zuletzt aber dennoch kurzweiliger, als das Stelldichein an diesem Abend.

Harvest Of Art PJ HarveyIm Endeffekt ging es an diesem Tag aber ohnehin nur um sie: PJ Harvey. Selbst im konzertverwöhnten Wien war die elfenhafte Britin eine seltene Madonnen-Erscheinung, schließlich datiert ihr letzter Österreich-Besuch mit 2001, wo sie noch beim längst verblichenen Forestglade für wohle Gänsehaut sorgte. Ähnlich wie bei den vorherigen Künstlern ist auch die 46-jährige Britin und einstige Muse von Nick Cave in dieser Location fehlbesetzt, würde man die filigranen Trip-Hop/Alternative-Songs doch lieber im Konzerthaus als in der Marx-Halle sehen. Doch wer hoffte, sich an den zahlreichen Kulthits der Sängerin laben zu können, wurde eines Besseren belehrt. Polly Jean konzentrierte sich nämlich fast ausschließlich auf ihr neues Album „The Hope Six Demolition Project“ und brachte damit auch eine gehörige Portion Politik in die Bundeshauptstadt, schließlich hat sie sich dafür mit einem Fotografen in den Kosovo und nach Afghanistan begeben, um von ihren Erlebnissen und Entdeckungen zu erzählen. Samt ihrer neunköpfigen Band inszenierte sich die Britin martialisch, ließ Schlachtgesänge und Marschtrommeln in den Vordergrund rücken und versank zwischenzeitlich in einer Welle aus üppiger Inszenierung.
Das Publikum wusste anfangs nicht so ganz, was es von der extravaganten Show halten soll und fand nach dem eher eingängigen Vorprogramm erst spät in das Set, doch als sich Künstlerin, Band und Publikum zu einer Union verschmelzen ließen, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Mit „50ft Queenie“ oder „A Perfect Day Elise“ gab es die Klassiker aus dem letzten Jahrtausend erst in der Endphase zu hören, als sich so mancher von Sonne, Müdigkeit oder Bierkonsum beschädigt, bereits an der seitlichen Mauer entlanghangelte. Bei PJ Harvey reagiert – ähnlich wie bei den stilistisch ebenso schwer fassbaren Björk und Tori Amos – weit mehr als nur die musikalische Beschallung. Hier hat jedes Detail Sinn, jede Nuance an Kleidung und Schminke wirkt auf das große Ganze abgestimmt. Vielleicht sind diese Perfektion und das bewusste Rarmachen, die Unfassbarkeit der künstlerischen Person Garanten für den Erfolg im alternativen Genre-Segment – jedenfalls erweist sich die Vorstellung der Britin als surrealistisches Meisterwerk, das Augen und Ohren zufriedenstellen vermag.

Bleibt abschließend nur zu hoffen, dass die Marx Halle eine einmalige Zwischenlösung war und sich das kultige Festival nächstes Jahr auch ins burgenländische Eisenstadt verfrachten lässt – denn immerhin hat das Lovely Days Festival vor dem Schloss Esterházy eine weitaus stimmigere neue Heimat gefunden. Mehr dazu demnächst in unserer dazugehörigen Konzertrückschau …

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