So war das Lovely Days vor Schloss Esterházy

Einen alten Baum verpflanzt man nicht: Während in der Flora, der Fauna und beim Menschen dieses Sprichwort durchaus Sinn macht, so hat das Versetzen des Lovely Days ohne Weh und Ach geklappt.

Lovely Days Deep PurpleDie Sorgenfalten waren groß. Was passiert mit dem Lovely Days? Nach dem Beginn in St. Pölten hatte es sich im beschaulichen Wiesen etabliert, der auch medial gepushte Streit zwischen Anlagenbetreiber und Festivalveranstalter führte zum bekannten Split, die Ungewissheit verschaffte sich Bahn. Glücklicherweise nur kurz, denn Veranstalter Ewald Tatar fand mit dem Schlosspark Esterházy in Eisenstadt eine nahezu perfekte Location, die Geist und Wesen des Lovely Days Festivals hervorragend zu reproduzieren vermag. Die bereits durch Klassik- und Sinfoniekonzerte bekannte Umgebung bestand ihre Populärmusik-Feuerprobe bereits tags zuvor bei der Nova Jazz & Blues Night, die Resonanzen waren also schon vor Konzertbeginn positiv. Es war für Ambiente und Veranstaltung nur würdig und recht, dass zur „Neugeburt“ dieses Festivals auch die Sonne glänzte und das beschauliche Areal in ein Fest der Liebe und Freude verwandelte.
Rund 10.000 Liebhaber traditioneller Rock-Klänge durften die Macher zur Eisenstadt-Premiere begrüßen – ein fulminanter Einstieg wenn man bedenkt, dass die Höchstgrenze in Wiesen bei ca. 8.000 Fans erreicht war. Diese konnten sich zuerst einmal mit der malerischen Umgebung vertraut machten, bevor es zur ersten Stärkung Richtung Gastro-Meile ging. Eine ganze Straße voller Essensstände mit ausschließlich regionalen Produkten, wassergespülten Toiletten, aufgestellte Liegestühle und Hängematten sorgten für den perfekten Rahmen. Ein Hauch von Woodstock, von Freiheit und Unabhängigkeit war schließlich seit jeher essenziell für das traditionellste aller ehemaligen Wiesen-Festivals.

Lovely Days Schlosspark EsterhazyDen Startschuss auf der exakt vor dem Schloss installierten Bühne lieferten die britischen Hippie-Rock-Legenden Ten Years After, die von der Urbesetzung zwar nur mehr Keyboarder Chick Churchill an Bord haben, aber aus einem reichhaltigen Topf von mittlerweile exakt 50 Jahren Musikgeschichte greifen können. Aufgrund der glühenden Mittagshitze suchten die meisten zwar vornehmlich nach Schatten unter den vielen Bäumen innerhalb des Festival-Areals, doch ein paar Hartgesottene aus verschiedensten Generationen ließen sich die Hit-Schau dieser ewigen Zweite-Reihe-Band nicht entgehen. Sänger Marcus Bonfanti, mit Abstand der jüngste der legendären Rasselbande, machte seine Sache musikalisch mehr als gut, wirkte ob seines Alters dennoch dezent fehlplatziert. Ten Years After gelten aber nicht nur wegen Hits wie „Me And My Baby“ oder „Standing At The Station“ als Konstante am Rock-Firmament – die Performance der Engländer zählte locker zu den stärksten des gesamten Tages. Wie so oft am Lovely Days: ein mächtiges Lebenszeichen Totgesagter.

Über die frühe Platzierung der britischen Glam-Rock-Könige The Sweet an diesem Tag wunderten sich nicht nur manche Fans, auch Gitarrist und letztes verbliebenes Ur-Mitglied, Andy Scott, zeigte sich im Gespräch vor der Show überrascht: „Um 15.30 Uhr treten wir normalerweise nie auf. Das letzte Mal war das wohl in Glastonbury der Fall“. Diesen unfairen Vergleich wollen wir nicht bemühen, doch The Sweet taten sich zumindest leichter als tags zuvor auf der Burg Clam, denn heute bekam nicht die Band, sondern das Publikum die Kraft der Sonne ab. 34 Nummer-eins-Hits sprechen eine eindeutige Sprache, dass die Band heute trotzdem nur in der unteren B-Liga der 70er-Rockbands spielte, hat sie internen Streitereien und unglücklichen Business-Entscheidungen zu verdanken – eine Liveshow ist mit Songs wie „Fox On The Run“, „Ballroom Blitz“, „Love Is Like Oxygen“ oder „Teenage Rampage“ aber immer noch eine reine Hitparade.
Den größten Spaß am Werken hatte dabei Drummer Bruce Bisland, der optisch zwar ein bisschen an Stefanie Werger erinnerte, das Publikum aber perfekt spielend und dauergrinsend im Griff hatte. Der große Wermutstropfen der bemühten Nostalgie-Parade war Sänger Peter Lincoln, der leider überhaupt kein Feuer in die Songs legte und die einstigen Radio-Hits somit leider in der leichten burgenländischen Sommerbrise verpuffen ließ. Eine klar verpasste Chance, sich noch einmal als wirklich große Legende zu präsentieren, denn so mussten die honorigen Herren doch Abzüge in der B-Note hinnehmen. Das Gerücht um das Live-Ende von The Sweet bestritt Scott vor dem Gig übrigens: „Ich wünschte, ich könnte diese Aussage zurücknehmen. Wir werden auch weiterhin live spielen, nur seltener und nicht mehr so lange am Stück. Das halten wir nicht mehr aus. Eine Indoor-Show in Wien wäre aber sicher denkbar.“ Hoffentlich auch für eine stimmliche Wiedergutmachung.

Eine Machtdemonstration sondergleichen war dafür die darauffolgende Show der Funk-Rocker Mother’s Finest. Angetrieben von der athletischen Bühnen-Performance der beiden Sänger Joyce Kennedy und Glenn Murdock, erspielte sich das Sextett mit sympathischer Ausstrahlung, feurigen Hits und der nötigen Portion Entertainerqualitäten sehr schnell die Herzen der Fans, die sich nach anfänglicher Distanz auch immer stärker von den bewegenden Rhythmen mitreißen ließen. Der Funk durchbricht ein weiteres Mal das bunte Stil-Potpourri, das hier und heute als kleinsten gemeinsamen Nenner die Liebe zur E-Gitarre aufzuweisen hat. Die Schmähs rennen, die Riffs sitzen und die Körper tanzen – bei Songs wie dem legendären „Baby Love“ oder „Burning Love“ ist es auch kein Wunder, dass den feierwütigen Fans auf dem erhitzten Areal noch eine Spur heißer wird. Mother’s Finest sind auf jeden Fall verantwortlich für die feurigste und flotteste Show des Tages – auch musikalisch waren keine markanten Patzer zu erkennen. Die Pension kann hier eindeutig noch warten.

Lovely Days Seiler und SpeerDie zweite Konzerthalbzeit begann mit der umstrittensten Band des Festivals – so mancher mokierte sich darüber, dass die heimischen Durchstarter Seiler und Speer das Billing des ehrwürdigen Lovely Days verwässern würden, wiederum andere können gar nicht genug kriegen von den Senkrechtstartern, die heuer zwischen Nova Rock, Donauinselfest und Picture On im August quasi hinter jede Wirtshaustür gebucht werden. Doch der Erfolg gibt ihnen Recht und mit ihren meist an den Reggae angelehnten, bekömmlichen Gitarren-Hymnen trafen sie auch hier in Mark und Bein. Extra für das Lovely Days in Hippie-Outfits gewandet, zeigte sich das Duo samt perfekt eingespielter Band zudem noch sehr generös, da reihenweise Band-Caps und sogar ein von Speer gekauftes Armband bereitwillig ans Publikum verschenkt wurden. Die eine oder andere „Wiener Wuchtel“ durfte natürlich ebenso wenig fehlen, wie Hits der Marke „Soits lebn“, „A Kaffee und a Tschick“ oder „Sperrstund is“. Vor dem Top-Hit „Ham kummst“ war sogar Zeit für einen neuen, wesentlich nachdenklicher und zurückgelehnter wirkenden Song, der Partymodus bei den Fans war aber dennoch über Betriebstemperatur. Die Motivation für das Booking des Duos bei diesem Festival kann diskutiert werden, der Auftritt selbst war aber routiniert und über alle Zweifel erhaben.

Lovely Days Ian AndersonDer Kontrast zum folgenden Act konnte größer nicht sein. Nach der proletoid angehauchten Bespaßung mit Lokalkolorit switchte der Lovely-Days-Schalter nun bei leicht einsetzender Dunkelheit wieder zurück auf den Legendenmodus. Nach dreijähriger Abwesenheit meldete sich Kultmusiker Ian Anderson wieder zurück. Unter dem Namen Jethro Tull’s Ian Anderson macht er im Prinzip das haargenau gleiche, wie einst mit Jethro Tull, nur eben mit veränderter Besetzung und nunmehr ausschließlicher Kontrolle über alle Belange, die das Projekt betrifft. Dass der bald 69-jährige Brite kein einfaches Individuum ist, ist in der Szene gemeinhin bekannt, vielleicht wirkte das Stage-Acting auch deshalb so befremdlich. Der immer noch einzige Weltrocker mit Querflöte tänzelte sich wie ein Rattenfänger durch Tull-Hadern wie „Nothing Is Easy“, „Thick As A Brick“ oder „Farm On The Freeway“, grinste dabei häufig aufgesetzt und ließ Authentizität vermissen. Im Gespräch vor dem Gig zeigte sich Anderson wesentlich ehrlicher und gab offen zu: „In erster Linie geht es hier um mich, dann um meine Musiker und erst am Ende um meine Fans. Ich bin nicht der freundlichste Typ auf dem Planeten, aber ich weiß, wie viele Menschen ich mit einem Lächeln glücklich machen kann. Diese 15 Sekunden pro Auftritt sind es mir also wert.“ Der größte Band-Hit, „Locomotive Breath“, beschloss eine starke, mit vielen Soli verstärkte Performance, die sich qualitativ nicht von den Auftritten der letzten Jahre unterschied. Auf den Exzentriker ist Verlass, derartige Professionalität mit diesem Status im Musikgeschäft aber auch unumstößlich.

Lovely Days Deep PurpleNun war es aber endlich an der Zeit für den heiß erwarteten Headliner. Dabei muss man sagen: Ein Glück, dass Deep Purple hier überhaupt auftreten konnten, da Ian Paice, Drummer und letztes verbliebenes Gründungsmitglied, noch vor wenigen Wochen einen Schlaganfall erlitt und erst am 5. Juli in der Türkei wieder aktiv seinen Position einnahm. Paice ließ sich nicht unterkriegen, stellte seinen Lebensstil so gut wie möglich um und kämpfte auch im mondänen Flair Eisenstadts den Rest der Band faktisch mühelos nieder. Bereits nach dem programmatischen Opener „Highway Star“ holte sich Sänger Ian Gillan kurz nebenan eine grün leuchtende Sonnenbrille, weil ihn sein Überkopfscheinwerfer offenbar dauerhaft blendete. Leider lieferten Purple auch musikalisch bereits wesentlich bessere Shows ab. Im bunten, karriereumspannenden Set merkte man vor allem dem 70-jährigen Gillan an, dass weder Stimmlage noch die Kondition mit dem anspruchsvollen Programm der Band zurechtkamen. Das Ergebnis daraus: Um ihren Sänger zu schützen, vertändelten sich vor allem Gitarrist Steve Morse (sehr modisch unterwegs mit einem Hunde-Fantasy-Shirt) und der sympathische Keyboarder Don Airey ein ums andere Mal im improvisierten Solo-Nirwana.
Selbst langjährige Purple-Fanatiker mussten sich eingestehen, dass ihre Band an diesem Abend nicht so frisch und agil wie früher agierte. Vor allem im ersten Drittel verwässerten die Engländer ihre Songs mit Instrumentalausritten sonderzahl. „Strange Kind Of Woman“ oder „Contact Lost“ versickerten hinter den mit zunehmender Dauer eher lästigen Soloeinlagen – so manch ungeduldiger Fan machte sich da bereits auf die Heimreise nach Wien, Graz oder anderswo. Sehr spät aber doch fanden der eher mäßig agierende Gillan und seine Rasselbande doch noch in die Spur und sorgten damit zumindest für einen versöhnlichen Abschluss. Bei Songs wie dem herausragenden „Perfect Strangers“, „Space Truckin‘“ oder dem (leider) unverzichtbaren „Smoke On The Water“ wurden noch einmal alle Kräfte mobilisiert. Der aus „Hush“ und „Black Night“ bestehende Zugabenteil brachte die Menge noch ein allerletztes Mal zum Ausrasten, auch wenn auf das Prunkstück „Child In Time“ naturgemäß weiterhin verzichtet werden muss. Der Abschluss hätte vor dem rot-violett schimmernden Schloss nicht schöner sein können, eine zweite Runde für das Nova Jazz & Blues und das Lovely Days in der neuen Heimat scheint bereits fixiert zu sein. Hier kann man wohl auch blind Tickets kaufen …

Lovely Days Schlosspark Esterhazy Nacht

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