So war das Nova Rock 2016

Unser Fazit vom Nova Rock 2016: gerade auch wegen zahlreicher Neuerungen eine souveräne Fortsetzung der Erfolgsgeschichte – trotz eines diskutablen Line-ups.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

So mancher sprach im Vorfeld vom schwächsten Line-Up seit langem, konnten die Veranstalter mit den US-Funklegenden Red Hot Chili Peppers doch tatsächlich „nur“ einen wirklichen Headliner von internationalem Großformat für sich gewinnen, doch wie schon das Rock in Vienna am Wochenende davor, entpuppte sich auch das Nova Rock auf den Pannonia Fields im burgenländischen Nickelsdorf als souveräne Erfolgsgeschichte. Rund 180.000 Besucher an insgesamt vier Tagen bedeutete Festival-Rekord – und das bei der mittlerweile zwölften Auflage. Wir haben uns für euch wieder ins Getümmel gestürzt, eine kleine Auswahl an Fotos findet ihr in unserer Foto-Galerie.

Nova Rock Tag 1 (Warm-Up):

Die ersten Camper hatten sich schon Mittwochabend über den ostösterreichischen Acker ausgebreitet, schließlich hatte die 2016er-Auflage des Nova Rock einen Zusatztag anzubieten. Übrigens erstmals seit dem Festivaldebüt 2005, wo es im Gegensatz zu heute noch keine mehr als 100 verschiedenen Künstler und Bands zu bestaunen gab. Die Qual der Wahl gab es zumindest am Warm-Up-Tag noch nicht, denn es wurde vorerst nur die „Blue Stage“ bespielt, Entscheidungsschwierigkeiten konnten also bis zum nächsten Tag aufgeschoben werden. Als passende Klammer zum bunten Programm begann das Festival mit den burgenländischen Lokalmatadoren A Caustic Fate, die ihren Sound irgendwo zwischen Pop, Rock und Metal verorten und bereits passablen Jubel lukrierten. Danach gab es zwei populäre US-Bands aus dem modernen Amercian-Metal-Sektor zu bestaunen. Die hierzulande bereits bekannten Skillet versetzten ihre modern angehauchten Klänge mit viel Keyboard-Kleister, die vor wenigen Jahren wiederbelebten Breaking Benjamin waren gar das erste Mal überhaupt in Europa. Grund dafür? Der sympathische Sänger Benjamin Burnley ist eine wandelnde Neurose, leidet unter anderem unter Flugangst und reiste insgesamt neun Tage mit dem Schiff an. Nur schade, dass die märchenhafte Story nicht Hand in Hand mit der Qualität ging, denn neben eher durchschnittlichen Pop-Rock-Songs coverte man sich fleißig durch die 90er. Das war dementsprechend wenig spannend.

Die zweite große Europa-Premiere lieferten die avantgardistischen Stilverweigerer Puscifer ab, die gleich einen ersten Höhepunkt des noch jungen Festivals darstellten. Mastermind hinter der Band ist niemand Geringerer als Tool-Kopf Maynard James Keenan, der die vielen Fans seiner Hauptband weiter darben lässt (mittlerweile mehr als zehn Jahre), sich aber auch in seinem aus einem Comedy-Projekt entstandenen Outfit wohl fühlte. Bei Puscifer regierte auf der Bühne der nackte Wahnsinn. Ein Wrestling-Ring samt dazugehörigen, gemischtgeschlechtlichen Wrestlern wurde von zwei Videoleinwänden flankiert, die Show trug der meist elektronisch-alternativ angehauchte Sound, der kaum in eine gängige Schublade einzuordnen war. Aus den anfänglichen Becherwürfen entwickelten sich am Ende sogar Jubelbekundungen – auch wenn die obskure Show wohl besser auf das Frequency passen würde.

Eine sichere Bank waren die nachfolgenden Amon Amarth. Mit ihrem aktuellen Album „Jomsviking“ schafften es Johan Hegg und Co. mit ihrem melodielastigen Death Metal sogar auf Platz eins der österreichischen Albumcharts, was zweifellos zu den größten Sensationen dieser Saison zählt. Im Gegensatz zu den Hallenshows mussten die Fans zwar auf Wikinger-Kämpfe und Feuer verzichten, doch die überdimensionalen, Nebel speienden Drachenköpfe und wechselnde Backdrops bewiesen, dass hier längst auch genug Budget für große Shows vorhanden ist. Völlig in schwarz gekleidet und mit Methorn bewaffnet, grölte sich Hegg in Elch-Manier durch ein kurzweiliges Set, das mit „Guardians Of Asgaard“ oder „Death In Fire“ zahlreiche Klassiker in petto hatte, leider aber vollständig auf die Frühphase der Band vergaß. Abwechslungsreichtum ist nicht das größte Gut, doch die Show war astrein und mit einem durchdringenden Sound geschmückt.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Große Abwechslung durfte man aber auch nicht unbedingt von den kanadischen Punk-Rockern Billy Talent erwarten. Auch der Publikumszuspruch hielt sich überraschenderweise noch in Grenzen, die wenigen vorgestellten Songs des Ende Juli erscheinenden Albums „Afraid Of Heights“ (mehr dazu in der !ticket Sommer-Ausgabe, die zu Monatsende erscheint!) passen aber perfekt in das stramm durchgetaktete Set der Kanadier. Sänger Ben Kowalewicz machte Stimmung mit seiner bekannt-näselnden Spongebob-Stimme, die Band spielte tight und wuchtig und die blinkenden Lichteffekte unterstützten das bunte Treiben standesgemäß. Neben den großen Hits wie „Devil In A Midnight Mass“ oder „Surrender“ hatten die Ahornblätter aber auch viel beliebige Durchschnittsware im Gepäck, das Feuer der alten Tage entfachte sich hier nicht zur Gänze. Können die Burschen aber bei den Hallenshows im Herbst nachholen.

Der Headliner des Warm-Up-Tages waren die Nu-Metal-Pioniere Korn, was so manchen ein Fragezeichen auf die Stirn runzeln ließ. Immerhin ist das letzte Studioalbum drei Jahre alt und die letzten Österreich-Auftritte waren nicht unbedingt von glorreicher Qualität begleitet. Auf den Pannonia Fields reflektierten Munky, Head und Co. ihren Sound aber durchaus passabel und die Fans waren trotz 15-minütiger Verspätung zurecht begeistert. Ein relevanter Wermutstropfen waren die technischen Probleme, die sich immer wieder durch das Set zogen, dass Davis zwischen den Songs hinter der Bühne immer wieder Sauerstoff inhalierte, ist möglich, aber nicht belegbar. Sehr wohl belegbar war die Tatsache, dass Songs wie „Here To Stay“, „Blind“ oder „Got The Life“ nichts von ihrer alten Magie verloren haben und das Publikum würdevoll in die erste kühle Zeltnacht entließen.

Nova Rock Tag 2:

Ganz allgemein erstrahlte das Nova Rock 2016 in Rot-Weiß-Rot. Doch bevor es zu den großen Abendstars Wanda und EAV kam, durften die Anwesenden bei strahlendem Sonnenschein die Vorzüge des Drumherums austesten. Im Vergnügungspark konnte man vom Riesenrad aus die gewaltige Szenerie von oben betrachten, sich piercen oder tätowieren zu lassen war ebenso möglich, wie den befeuerten Highway To Hell entlangzuschreiten oder sich an kulinarischen Feinheiten zwischen Steppenrindwürstel und Ofenkartoffel zu laben. Puls4-Koch Oliver Hoffinger posierte übrigens drei Tage lang fleißig für Fotos und gab auf Nachfrage so manch praktischen Kochtipp. Gekocht hat auch der Raum vor der „Red Stage“, wo die Wiener Rockabilly-Punks Bloodsucking Zombies From Outer Space für gewohnt gute Stimmung sorgten und den Briten von Bones auf der Hauptbühne gleich einmal zeigten, was eine Festivalband ausmacht. Horrorkostüme, flotte Songs wie „Der Kopf meiner Mutter“ oder „Monster Mutant Boogie“, ein singender Schlagzeuger und ein flottes Cover-Medley aus Kiss, Alice Cooper und Co. zum Abschluss – alles richtig gemacht und für die beste Stimmung für lange Zeit gesorgt.

Foto:

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Auf der Hauptbühne legte sich derweil das Tiroler Rock-Duo White Miles ins Zeug, die für viele Experten als Geheimtipp galten und sich immer noch von den tragischen Ereignissen im Bataclan freispielen möchten. Verständlich, dass Fragen dazu bei Interviews mittlerweile ignoriert werden. Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelte sich im Laufe des Auftritts sogar ein Circle-Pit – hier wächst tatsächlich noch Großes heran. Zu einem der größten Festival-Highlights entwickelte sich danach der Auftritt von Vintage Trouble. Der charismatische Sänger Ty Taylor hatte das Publikum nicht nur mit Charme und Esprit im Griff, sondern auch mit seiner grandiosen Stimme, die den zwischen Blues, Soul, Hard Rock und einer Prise R&B changierenden Sound perfekt komplettierte. Obwohl stilistisch völlig von der Festival-Spur, entfachte die Band eine irrsinnige Stimmung und gewann von Song zu Song an Jubel dazu. „Blues Hand Me Down“ oder „Run Like A River“ brachten puren Rock’n’Roll auf die kahle Steppe – eine Machtdemonstration (Wie auch schon als Vorgruppe von AC/DC letztes Jahr in Spielberg, wie sie auch – man verzeihe es mir – The Who im Glasgower S.E.C.C. 2013 beinahe an die Wand spielten … – Anm. Stefan Baumgartner). Die lieferten im Anschluss auch die bayrischen Ska-Liebhaber LaBrassBanda ab, deren bekömmlich Reggae-lastige Tracks wirklich perfekt zur friedvollen und heiteren Sommerstimmung passten und die bislang größte Menge an Menschen vor den Bühnenrand lockte.

Wesentlich härter war das Programm auf der „Red Stage“. Mit den Math-Corelern TesseracT, der Metalcore-Institution Atreyu, den Metal-Haudegen Skindred und der finnischen Melo-Death-Kapelle Children Of Bodom war dort eindeutig die Stromgitarre zuhause. Vor allem bei Bodom streikte die Technik aber das ein ums andere Mal, sodass der ohnehin nicht pflegeleichte Frontmann Alexi Laiho die Bühnenentschuldigung kurz Keyboarder Janne Warman überließ, weil er ansonsten wohl übergekocht wäre. Spätestens bei „Lake Bodom“ war die Welt aber wieder in Ordnung – den Anwesenden gefiel das Treiben so oder so. Eine wahre Machtdemonstration lieferten daraufhin Trivium ab, die mit einem wahren Riffstakkato die Tages-Punktesieger auf der Nebenbühne waren. Da kamen auch Bullet For My Valentine nicht mehr mit, deren neuere Songs leider nicht mit den Klassikern mithalten können.

Die Bands auf der „Blue Stage“ taten sich lange schwer. Bei dem ausgewählten Programm aber auch kein Wunder, denn keine Band hätte an diesem Wochenende besser auf das Schwesternfestival Frequency gepasst, als die britischen Indie-Heroen Editors. Natürlich sind die Songs grandios und natürlich punktete Sänger Tom Smith mit einer Wagenladung Charisma, doch die sphärischen, von Keyboards und Samples unterstützten Songs wie „Forgiveness“ oder „Papillon“ passten einfach nicht zum Nova Rock. Perlen vor die Säue. Das Comeback des Jahres gelang indes den 90er-Alternative-Rock-Legenden Garbage, deren brandneues Album „Strange Little Birds“ nicht nur punktgenau am Konzerttag erschien, sondern sich mit viel Elektronik und Industrial-Lastigkeit perfekt in die ohnehin mannigfaltige Diskografie einpasste. Sängerin Shirley Manson ist zudem auch mit knapp 50 noch ein Blickfang, hatte so manch amüsante Anekdote aus Österreich parat (etwa wie sie durch eine Spuckattacke eines österreichischen Fans über Umwege zum „Terminator“-Reichtum kam) und glänzte mit Kultsongs wie „I Think I’m Paranoid“ oder „I’m Only Happy When It Rains“ – Top-Konzert!

Die meiste Stimmung lukrierten dann aber die kalifornischen Punk-Rock-Legenden The Offspring, die wie keine andere Band für den traditionellen Dauergast bei heimischen Festivals stehen. Heuer war wieder einmal das Nova Rock dran, neues Material gab es zu diesem Zwecke (zum Glück?) nicht zu hören. Dexter Holland und Noodles merkt man ihr fortgeschrittenes Alter mittlerweile an, und es ist auch zu überdenken, ob die Authentizität für Songs wie „Have You Ever“, „All I Want“ oder „Bad Habit“ noch passt. Der Sound war dünn und die Performance routiniert, leider fehlt der Kultband mittlerweile das Feuer, um die durchaus motivierten Anwesenden so richtig mitzureißen.

Nach dem Linz-Fiasko im Vorprogramm von Queen waren viele besonders gespannt darauf, wie sich die Wiener Strizzi-Popper Wanda auf der Nova-Rock-Bühne schlagen wurden. Die Befürchtungen, das doch eher harte Nova-Publikum würde die Chartstürmer von der Bühne pfeifen, zerschlugen sich aber schnell. Marco Michael Wanda und Co. fühlten sich auf der Bühne sichtlich wohl und konnten auch auf viel Zuspruch und Jubel bauen. Von „Luzia“ über „Bussi Baby“ bis hin zu „Meine beiden Schwestern“ ließen die Wiener keinen Hit aus, feuerten ein Austropop-Feuerwerk über das Gelände und beschlossen einen starken Set mit dem Beatles-Cover „A Hard Day’s Night“. „Mission Amore“ war geglückt und bravourös zu Ende gebracht. Weniger glanzvoll gestaltete sich der Auftritt der „Red Stage“-Headliner Disturbed. Mit ihrem Simon-&-Garfunkel-Cover „The Sound Of Silence“ belegen sie mittlerweile drei Wochen auf Platz eins der heimischen Singlecharts, doch live wirkte das ganze Treiben doch etwas saft- und kraftlos. Die eher mürbe Stimme von Frontmann David Draiman verstärkte den Eindruck, dass die US-Metaller trotz der derzeitigen Erfolge ziemlich satt ans Werk gingen. Dass bei einem Rage Against The Machine-Cover noch der Skindred-Sänger auf die Bühne stürmte und man „Down With The Sickness“ als Top-Hit aus dem Köcher zog, half im Endeffekt auch nicht mehr über die Durchschnittsvorstellung hinweg.

Foto: Heimo Spindler

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Die wahren Gewinner des Abends waren aber ohnehin die Austropop-Legenden EAV. Klaus Eberhartinger musste laut eigenem Bekunden länger für diesen Auftritt bezirzt werden, umso überraschter war er dann doch, dass nicht nur „ein Haufen Betrunkener“ die Mitternachtsmatinee begleitete, sondern alt- und auch junggediente Fans mit beeindruckender Textsicherheit am Werk waren. Von „Neandertal“ über „Ba-Ba-Banküberfall“ bis hin zu „Heiße Nächte (In Palermo)“ ließ die Musikkabarett-Gruppe keinen großen Klassiker der Vergangenheit ungespielt. Eberhartinger selbst ging völlig in seiner Rolle als politkritischer Entertainer auf, gewandete sich in die zu den jeweiligen Songs passenden Verkleidungen und freute sich sichtlich über einen der größten und wichtigsten Gigs der Bandkarriere. Die EAV bewies sich als generationsübergreifendes Kulturgut, das einem durchaus starken Tag noch das I-Tüpfelchen aufsetzte.

 

Nova Rock Tag 3:

Für den Samstag sagte so manch meteorologische Wetterstation Regen voraus. Das ganz große Gießen blieb aber glücklicherweise aus, auch wenn es abends vorbei war mit der frühsommerlichen Gemütlichkeit. Bis dorthin gab es noch eine Menge Bands zu sehen und Kulinarik zu verkosten. Dies ging übrigens erstmals völlig ohne Bargeld vonstatten, da die Veranstalter für eine „Cashless“-Festivalpremiere sorgten. Das perfekt funktionierende System übertraf schlussendlich alle Erwartungen, nur bei den Ladestationen und am Ende der Rückgabe gab es zeitweise zu viele Staus – hier könnte man auf jeden Fall noch nachbessern. In den musikalischen Ring stiegen auf der „Red Stage“ zuerst die Österreicher: Das steirische Pop/Rock-Kollektiv Viech spielte noch vor Freunden und Schaulustigen, bei den altgedienten Krautschädl ging die vielzitierte „Luzi“ aber bereits mächtig ab. Dass dann auch noch die Spaßrabauken von Zebrahead direkt angeschlossen wurden, erwies sich als stilistisch goldrichtige Entscheidung.

Währenddessen ging es auch vor der „Blue Stage“ heiß her. Das US-Deathcore-Kollektiv Attila war nicht nur die prolligste, sondern auch massentauglichste Opener-Band des gesamten Festivals. „Party With The Devil“ oder „Break Shit“ waren unzweideutige Songtitel, die durch zahlreiche Mosh- und Circle-Pits ordentlich Staub aufwirbeln ließen. Die variable Stimmleistung von Sänger Chris Fronzak und das Tough-Guy-Gehabe, das mit Rap-Einsprengseln versetzt wurde traf offensichtlich genau den Zahn der Zeit. Mehr hochgestreckte Mittelfinger sollte es an diesem Wochenende nicht mehr geben – hier gab sich purer Genrekult die Ehre.

Im Kontrast dazu folgte die britische Zwei-Mann-Band Slaves, die mit Gitarre und Schlagzeug alleine sehr viel Wirkung entfachten. Sehr präsent war vor allem Drummer Isaac Holman, der nicht nur stolz seine kleine Plautze präsentierte, sondern sich mit Kollege Laurie Vincent auch ein Calippo-Eis teilte. Zusammen ist man doch weniger allein. Periphery, die ihren Frickel-Djent eher mathematisch anlegten, sorgten für ordentlich viel Betrieb vor der Bühne und straften all jene Lügen, die einem Festivalpublikum nur eingängige Rhythmen zum Hörvergnügen attestieren. Wie man richtig Stimmung macht, das wussten die folgenden beiden Metalcore-Urgesteine: Caliban wechselten geschickt zwischen Growl- und Clean-Gesang, hüpften frisch und munter von einem Bühnenende ans andere und Sänger Andy Dörner bewies auch Situationskomik („Alice Cooper? Auf den müsst ihr noch etwas warten. So hässlich bin ich aber noch lange nicht!“). August Burns Red waren kompositorisch noch wesentlich ausgereifter, verzichteten weitestgehend auf eine klare Stimme und hatten im Prinzip ausschließlich Hits im Gepäck, die vom Publikum feierlich mitgesungen wurden.

Szenenwechsel Richtung “Brandwagen Stage” – auf dem traditionellen Red-Bull-Wagen waren auch heuer wieder zahlreiche Feinheiten aus dem Underground zu Gast. Der Samstag erwies sich dabei klar als stärkster Tag und hatte zahlreiche Highlights zu bieten. Etwa die heimischen Groove-Metaller von Black Inhale, die mit einem ungemein tighten und sehr energischen Auftritt samt Rambo-Samples für rotierendes Headbanging im Publikumsbereich sorgten. Die Schweden-Rocker von Bombus zogen dann eine etwas feinere Klingen, bevor der Electro-Rap-Durchstarter Romano – sympathisch und gut gelaunt wie immer – die „Metalkutte“ pries und dabei im Fanbereich tatsächlich eine echte Black-Metal-Kutte erblickte. Abgeschlossen wurde das vielseitige Treiben vom Linzer Rapper und Exildeutschen Chakuza, der in seiner Wahlheimat bereits zurecht eine große Nummer ist und auch Songs seines brandneuen Albums „Noah“ vorstellte. Nicht immer war auf den größten Bühnen die größte Qualität zu vermerken.

Völlig unterging auf der „Red Stage“ etwa Singer/Songwriter Tom Odell, der mit „Wrong Crowd“ soeben ein grandioses Album auf den Markt warf, mit seinen in sich gekehrten Piano-Songs samt schmuckem Pop-Bombast aber die Fehlbesetzung des Wochenendes war. Ein paar Damen tanzten fröhlich zu den ruhigen Songs, der smarte Blondschopf nahm es sichtlich mit Humor und musste über seine Besetzung selbst lächeln. Sympathisch! Mit Steve’N’Seagulls und dem trendigen Teenie-Hip-Hopper Alligatoah gab es kurz darauf noch zwei Stilverfehlungen zu vermerken, bis mit Seiler & Speer die großen Abräumer des Abends die Bühne betraten. Den Opener „Soits lebn“ hatten die beiden noch gar nicht angespielt, wurde er schon aus tausenden Kehlen mitgesungen und von Seiler mit einem dafür typischen „Bist deppat, ihr seid’s a Wahnsinn“ quittiert. Mit LED-Lichtsäulen, Springschlangen und etwas Pyro zogen die beiden Senkrechtstarter auch die bislang größte Bühnenshow ihrer Geschichte auf und erwiesen sich mit bodenständig-proletoidem Humor und einer tadellosen Performance als absolute Gewinner. „Ham kummst“ war der erwartete Abschlussabräumer – kein Lied konnte auf dem ganzen Festival so viel Resonanz erzeugen. Spiel, Satz, Sieg, Seiler & Speer.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Auf der „Blue Stage“ lukrieren derweil die Dropkick Murphys das höchste Publikumsaufkommen des Tages. Sänger Al Barr und seine Spießgesellen sind eine traditionell hervorragende Liveband und bewiesen dies unlängst schon bei einem Open Air in der Wiener Arena. Die leicht zu grölenden Party-Folk-Punk-Hymnen erzeugen vor allem in der Gemeinschaft mit den Fans eine unheimliche Wirkung, überall sieht man tanzende und sich in Ekstase befindende Körper. 20 Jahre existieren die Amerikaner mittlerweile und boten alkoholgeschwängerten Partyrock, der sich besonders gut vor dem einsetzten Regenguss machte. Dort regierte Altmeister Alice Cooper als Zirkus-Dompteur auf der „Blue Stage“. 68 Jahre zählt er mittlerweile, sah sich zuvor in Wien gemütlich “Pride + Prejudices + Zombies” im Haydn auf der Mariahilferstraße an und exerzierte wieder einmal eine mitreißende, aber auch schon gewohnte und etwas veraltete Show. Die Schockeffekte einer Guillotine oder einer Frankenstein-Puppe haben natürlich nicht mehr dieselbe Wirkung wie in den 70er-Jahren, doch zwischen legendären Songs wie „No More Mr. Nice Guy“ oder „Poison“ packte er auch aktuelle Trump/Clinton-Kritik in das Set. Statt Gruseln war Schmunzeln angesagt, doch in punkto Show kann dem Altmeister keiner etwas vormachen.

Das Headliner-Duell war am Samstag ein ganz Besonderes. Auf der „Blue Stage“ exerzierten die dänischen Power-Rocker Volbeat ihr gewohnt stringentes und mittlerweile sehr opulentes Set, das sich auch schon auf mehr als zehn Jahren Hittauglichkeit stützte. Michael Poulsen und Co. starteten mit dem Motörhead-Song „Born To Raise Hell“ von der Konserve als Tribut an das verstorbene Idol in ihr Set und spulten danach ein monströses Best-Of-Programm ab. Da war auch vergessen, dass man Fans und Fotografen ganze 25 Minuten zu lange im strömenden Regen warten ließ, denn „Sad Man’s Tongue“, „Lonesome Rider“ oder „Fallen“ zeigten zwar eine gewisse Gleichförmigkeit, rocken im Livesegment aber dennoch unvergleichlich flott. Ein paar neue, durchwegs poppige Nummern des kommerziell erfolgreichen, aber nicht allseits gelobten Album „Seal The Deal & Let’s Boogie“ gab es auch zu hören und die Pyroeffekte schrien lautstark: „Seht her, wir sind nun eine Stadionband“. Gratulation, fair erarbeitet.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

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Das wahre Highlight spielte zur gleichen Zeit auf der „Red Stage“. Der Marihuana-Express von Cypress Hill war nach vierjähriger Abwesenheit wieder einmal in der Alpenrepublik unterwegs und zelebrierte dabei 25 Jahre Bandgeschichte. Eine stolze Zeitspanne, in der die beiden extrovertierten Frontmänner B-Real und Sen Dog nichts weniger als das gesamte Rap-Genre revolutionierten. Die Hände der Anwesenden wippten auf und ab, mehr Sympathie als Cypress Hill kann man in keine Show einbauen. Die „Hits From The Bong“ wurden würdig abgefeiert, kein Wunder, dass bei der schweißtreibenden Show so mancher „Insane In The Brain“ wurde. Auf großartige Zwischenansagen verzichteten sie meist, um der Musik mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Dass B-Real am Ende des Gigs auf sein neues Allstar-Projekt Prophets Of Rage hinwies, könnte man als Wink für den Veranstalter verstehen. Das Nova Rock 2017 braucht ohnehin noch Bands… Abgeschlossen wurde der Tag vom zweiten Special-Late-Night-Act Austrofred, der die Legende von Freddie Mercury gewohnt humorig, aber mit genug Respekt stilvoll persiflierte. Aufgrund der herunterdonnernden Regenmassen ging der Gig fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstatten. Pech durch höhere Gewalt.

 

Nova Rock Tag 4:

Am letzten Tag geht es beim Nova Rock traditionell früh ans Werk, denn Wendi’s Böhmische Blasmusik ist seit Jahren bekannt dafür, schon in der frühen Mittagszeit tausende Menschen vor der Bühne zu versammeln, um den Abschlusstag würdig einzuläuten. Dass es heuer vier Tage waren, macht die konditionelle Verfassung nicht besser, aber bei überraschend trockenem Boden trotz nächtlicher Regenorgien ließ sich auch noch wunderbar zu den einheimischen Metalvertretern Dragony und Drescher abschädeln, die allerdings den Nachteil der frühen Bühnenzeit bei den fehlenden Massen zu spüren bekamen (Lieber Herr Veranstalter! Dragony haben mit “True Survivor” das weltbeste Hasselhoff-Cover geschrieben und wurden international dafür gerühmt. Es ist also ein Muss, dass die Herren kommendes Jahr ein Duett mit David Hasselhoff geben! – Anm. Stefan Baumgartner).

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

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Schwer hatten es aber auch die ersten Bands auf der „Blue Stage“, denn von harten Stromgitarren war da anfangs noch nichts zu sehen. Nach den Struts betrat der Neuseeländer Graham Candy die Bühne, um den wohl zuckersüßesten Festival-Pop feilzubieten. Vor wenigen Wochen noch im Vorprogramm von Silbermond auf der Bühne, konnte man sich ausrechnen, dass der Jubel nicht überbordend (Mein Wort! – Anm. Stefan Baumgartner) sein würde. Der Hit „She Moves (Far Away)“ war aber ebenso sympathisch wie sein Gruß an den unlängst verstorbenen Vater. Ein absoluter Höhepunkt war danach das Stelldichein des populären Blues-Gitarristen Gary Clark jr. Irgendwo zwischen Soul, Country, Blues und Rock’n’Roll mäandernd, gab der ganz in schwarz gekleidete Musiker mit stoischer Ruhe ein Gitarrenfurioso nach dem anderen zum Besten. Ihn als jungen Jimi Hendrix zu verorten, wäre nicht einmal so weit abseits der Norm, denn wer bereits mit einem Zehn-Minuten-Song in sein Set startet, der hat auf jeden Fall ausreichend Selbstvertrauen. Die instrumentalen Jams und Improvisationen passten nicht ideal auf das Nova-Gelände, wussten aber doch so manchen nachhaltig zu paralysieren. Das nächste Mal bitte auf das Lovely Days buchen.

Auch die heimischen Reggae/Dancehall-Musiker Mono & Nikitaman kamen trotz stilfremder Instrumentierung mehr als nur gut an und ließen den Partylevel rasant in die Höhe schnellen. Die Feierwütigen fanden die perfekte Beschallung, um die letzten Energien aufzubrauchen und noch einmal ordentlich Dampf abzulassen. Das ging auf der „Red Stage“ relativ einfach, denn dort gaben sich am Abschlusstag die Metal-Bands die Klinke in die Hand. Nachdem die Metalcore-Armada in Form von The Amity Affliction und We Came As Romans ordentlich Staub aufwirbelten, feuerte mit Behemoth die härteste Band des gesamten Festivals aus allen Rohren. Frontmann Nergal hat aus dem polnischen Black-Metal-Flaggschiff mittlerweile einen kommerziell erfolgreichen Tanker gemacht, der trotz seiner musikalischen Verschrobenheit längst Einzug in den Mainstream genommen hat. Mit Corpsepaint, satanischen Symboliken und maschinengewehrgetreuen Drumsalven pulverten sich die Polen samt Pyroshow und einer interessanten Zwei-Drummer-Showeinlage durch ihr viel zu kurzes Set bei viel zu hellem Tageslicht.

Killswitch Engage und Heaven Shall Burn hielten kurz darauf die Metalcore-Fahnen hoch. Beide Bands kann man getrost als Vorreiter des Genres nennen, beide haben ihre allerbesten Zeiten aber auch schon hinter sich. Killswitch Engage touren seit längerem wieder mit ihrem zurückgeholten ex-Sänger Jesse Leach und wirkten dadurch wieder etwas härter und uriger, die ohnehin mehr im melodischen Death Metal wildernden Heaven Shall Burn verbließen auch bereitwillig Bühnenfeuer und hatten mit Songs wie „The Weapon They Fear“ oder „Endzeit“ unzählige Klassiker im Repertoire. Die „Blue Stage“ wurde gleichzeitig von ihrem Ruf als musikalische Stil-Mischmasch-Plattform wieder eingeholt. Nach Mono & Nikitaman gab es erst einmal eine kräftige Prise Ska zu bejubeln, denn den nimmermüden NOFX rund um den kultigen Fat Mike ließen die Party noch einmal ordentlich hochgehen. Die deutschen Hip-Hop-Chartstürmer K.I.Z. ließen sich nicht vom artfremden Publikum verschrecken und sorgten für eine schweißtreibende Show mit vielen Politbotschaften. Auch hier gelang das Experiment einer Anti-Rockgruppe überraschend gut.

Für die drei größten Bands des Abends blieb aufgrund der Bühnenüberschneidung nicht wirklich Zeit. Vor allem die Entscheidung zwischen den Alternative-Metallern Deftones auf der blauen Seite und den Glam-Metal-Legenden Twisted Sister auf der anderen, trieb so manch vielseitigen Festival-Besucher den Sorgenschweiß auf die Stirn. Die Deftones veröffentlichten mit „Gore“ erst vor etwa einem Monat ein experimentell-brutales Meisterwerk, das sich aufgrund seiner kompositorischen Divergenz und der tighten Rockriffs nicht vor den Klassikern im Backkatalog verstecken muss. Diese funktionieren aber doch am besten, denn der wasserstoffblonde Frontcharismatiker Chino Moreno ist immer noch ein mitfühlend-klagender Frontmann par excellence, der Kultsongs wie „My Own Summer (Shove It)“ oder „Diamond Eyes“ mühelos über das Gelände transportiert. Technische Probleme zogen sich leider auch diesen Set, doch das merkbar spannungsgeladene Zusammenspiel der beiden Songschreiber-Streithähne Moreno und Gitarrist Stephen Carpenter machte die Magie des Auftritts gewahr.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Völlig anders die Situation auf der „Red Stage“, wo sich Twisted Sister nach 40 langen Jahren gerade endgültig von ihrer Karriere verabschiedeten und dabei – laut eigenem Bekunden – das dritte Österreich-Konzert der Bandgeschichte spielten. Frontmann Dee Snider bewies sich in körperlicher Topform, tollte und hüpfte mit Sixpack und unvergleichlicher Löwenmähne über die Bühne, um Kultsongs sonderzahl zu präsentieren. „Burn In Hell“, das grandiose „We’re Not Gonna Take It“ oder „The Fire Still Burns“ – ein Festschmaus für die ältere Generation der Festival-Besucher, die gemeinsam mit motivierten jungen Crowdsurfern eine Nostalgieparade der Sonderklasse abfeierten. Snider selbst war stimmtlich zwar nicht in Topform, Showkonzept, Bühnenenergie und „Fuck Off“-Attitüde waren aber einmal mehr unvergleichlich. Der Frontmann gedachte nicht nur des Öfteren dem verstorbenen Drummer AJ Pero, sondern auch den Opfern des Orlando-Massakers und machte sich seinen Spaß daraus, die VIP-Gäste humorig zu beschimpfen. „I Wanna Rock“ eben – ein Skandal, dass diese Band in die ewigen Jagdgründe eingehen wird und auch eine Schande, dass zu wenige Nova-Besucher den kultigen Abschiedsmoment zu schätzen wussten.

Am Ende versammelte sich nach vier anstrengenden Tagen noch einmal alles, was noch laufen konnte, vor der „Blue Stage“, wo die Red Hot Chili Peppers als größter Headliner des Festivals für einen würdigen Abschluss sorgen wollten. Nach mehr als 100 aktiven Acts gelang den Kaliforniern aber erwartungsgemäß doch nicht die Megashow, die sich so manch Unbedarfter erwartet und erhofft hatte. Begleitet von einer beeindruckenden Bühnenlichtrequisite, war Fleas Bass viel zu stark übersteuert und störte damit von Anfang an das Hörvergnügen. Der längst wieder trockene Frontmann Anthony Kiedis hingegen hatte mehrmals massive Textaussetzer und teilweise sogar Notizzettel mit auf der Bühne, um sich durch die einzelnen Songs hangeln zu können.

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

„By The Way“, „Californication“ oder auch brandneue Nummern wie „Dark Necessities“ oder „We Turn Red“ schlichen sich behutsam durch die Gehörgänge, wurden allerdings vom mürben Sound arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Band agierte zudem nur selten tight, viel zu oft waren leichte Unstimmigkeiten auf der Bühne zu spüren. Der bombastische Stadion-Funk-Rock wurde somit in seiner Aufführung etwas getrübt, das traditionelle Feuerwerk zum Festivalende entschädigte aber für die eine oder andere Enttäuschung. Das rekordbesuchte Nova Rock zeigte sich einmal mehr in vielen Bereichen verbessert und bleibt in Sachen Organisation und Ideenreichtum das Vorzeigefestival in Österreich. Und der absolute Clou – David Hasselhoff wurde bereits als Late-Night-Act für die 2017er Ausgabe angekündigt. Wann wird es endlich wieder Juni?

 

 

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Foto: Heimo Spindler / Nova Rock für Volume

Die 5 besten Bands des Nova Rock:

  1. Cypress Hill
  2. Vintage Trouble
  3. Gary Clark jr.
  4. Garbage
  5. Seiler & Speer

Die 5 schlechtesten Bands des Nova Rock:

  1. Alligatoah
  2. Red Hot Chili Peppers
  3. Children Of Bodom
  4. Disturbed
  5. Breaking Benjamin

Bewertung des Nova Rock:

Essen: 1
Sound: 3-4
Ambiente: 3
Publikum: 2
Wetter: 3
Organisation: 1
Service (Einlass, Beschilderung, Beleuchtung, Informationen): 1
Preisgestaltung am Gelände: 3
Location: 2
Bandauswahl: 3

Bereits jetzt gibt es Tickets für das Nova Rock 2017, zum sagenhaften “Early Hoff”-Preis um 109,90 Euro.

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