So war das Rock in Vienna 2016

rivbeitrag

Unser Fazit vom Rock in Vienna 2016: eine gelungene Fortsetzung des Wiener „Stadtfestivals“ – das allen Verbesserungen zum Vorjahr zum Trotz immer noch „Luft nach oben“ hat.

 

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Zufriedene Gesichter, überfüllte Erwartungen – die zweite Auflage des Rock in Vienna auf der Wiener Donauinsel entpuppte sich nach einem dreitägigen Bandmarathon als voller Erfolg und wurde auch nicht durch die sintflutartigen Regenfälle am Abschlusstag getrübt. Rund 90.000 Besucher bilanzierten die Veranstalter – damit etwa ein Drittel mehr als bei der Erstauflage vor genau einem Jahr. Was auf dem beschaulichen Eiland so alles genau passiert ist, haben wir für euch zusammengefasst.

Rock in Vienna Tag 1:

Bereits zur Mittagszeit bilden sich Menschenschlangen vor den Eingängen – die Organisation funktioniert zum Auftakt noch wirklich nicht gut. Schuld daran sind die Headliner Rammstein, die nach dreijähriger Österreich-Abwesenheit schon zum Auftakt das Top-Highlight des Festivals sind und rund 45.000 Menschen auf die Donauinsel locken. Da verwundert es nicht, dass aufgrund einer Wartezeit von bis zu zwei Stunden bereits die ersten Hassbotschaften auf den diversen Social-Media-Kanälen landen, schließlich verpasst so mancher nicht nur die ersten Bands auf der erstmals aktiven „Jolly Roger Stage“ (u.a. Black Cage, Tuxedoo oder Kontrust), sondern auch schon die ersten Highlights auf den großen Bühnen.

Der deutsche Autonarr Alex Wesselsky spielt mit seinem Eisbrecher noch vor relativ dürftigem Publikum – hier dürfte man wohl eher die aus dem Ruder gelaufenen Einlasskontrollen als mangelndes Interesse geltend machen. Bei den schwedischen Electro-Metallern Pain kommt langsam Stimmung aufs Gelände, denn der auch von Hypocrisy und Lindemann bekannte Fronter Peter Tägtgren sieht in weißer Zwangsjacke und mit zentimetertiefen Augenringen genauso aus wie all jene Schergen, vor denen die Eltern ihre Kinder im Pubertätsalter immer gewarnt haben. Der „Zombie Slam“ geht dabei aber runter wie Öl, auch „Dirty Woman“ und der große Hit „Shut Your Mouth“ sorgen für Freude und Begeisterung. Dazwischen wird Peter von den Kollegen mit einem gezielten Tortenwurf ins Gesicht zum 46. Geburtstag gratuliert. Die humorige Reaktion „Fuck. Now I’m Black“ wurden nicht von allen Besuchern so ironisch aufgenommen, wie sie gedacht war.

Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

PAIN Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

 

Wie schon 2015 setzen die Macher auf das Konzept der alternierenden Bühnenbespielung. Die „Mind Stage“ wird dieses Mal von Nobelpreisträger Erwin Schrödinger in Beschlag genommen, den Banner auf der großen „Soul Stage“ zieren die verstorbenen Legenden David Bowie und Lemmy Kilmister (Motörhead). Dass die von Künstler Joachim Luetke designten Schmuckstücke gut ankamen, ließ sich auch bei den Fans erfragen. Florian R. etwa meinte euphorisch: „Eigentlich würde sich das Motiv als perfekter Geldschein eignen“. Auf besagter „Soul Stage“ wüteten in alter Manier die Fun-Thrasher von Anthrax, die zum sonnigen Wetter auch eine Extraportion gute Laune mitbrachten. „Among The „Living“, „Caught In A Mosh“ oder „Madhouse“ sorgen für erste kleine Moshpits, Gitarrenglatze Scott Ian zeigt sich ebenso humorig wie Frontmann Joey Belladonna, der die massive Bühne gummiballartig durch die Gegend hüpfend vollends auskostet. Erst beim Closer „Indians“ streikt die Technik, denn dort legt sich zuerst der Soundcheck-Sound der daneben aufbauenden Babymetal drüber, danach ist für wenige Sekunden Totenstille.

Die japanischen Babymetal hingegen sind einmal mehr die am meisten polarisierende Band des Festivals. Während Rock-in-Vienna-Capo Werner Stockinger von den drei auf der Bühne wirbelnden Mädchen schwärmt, fühlt sich so manch anderer sogar dazu bemüßigt, das Konzertgelände für eine knappe Stunde zu verlassen. Die an Power-Metal-Bands wie Dragonforce erinnernde Backingband ist musikalisch über alle Zweifel erhaben, doch das obskure Bühnenbild der dem „Fuchsgott“ huldigenden Minderjährigen im kecken Röckchen hat etwas Abstruses, zumindest aber Verqueres. Weniger gut angekommen als erhofft ist im Anschluss die „Red Bull Skydive Show“, bei der sich vier wagemutige Fallschirmspringer ins Gelände stürzten – denn der gemeine Slayer-Fan, der sehnsüchtig und hart auf seine Faves wartet, duldet bekanntlich keine verzögernden Spielereien.

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

SLAYER Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Als Tom Araya und der – trörö! – heute ebenfalls Geburtstag feiernde Kerry King die Bühne betreten, ist das Aggressionslevel auf Maximum gedreht. Gemeinhin gibt es bei den brutalen US-Thrashern wenig zu lachen, doch gerade Araya hat einen besonders guten Tag erwischt, schäkert ungewohnt oft mit dem Publikum, betrachtet launig den in seiner Sichtweite befindlichen Regenbogen und kündigt mit der Serienmörder-Hymne „Dead Skin Mask“ gar einen „Slayer-Love-Song“ an. Schade nur, dass der Sound bei Hassbatzen wie „South Of Heaven“, „Angel Of Death“ oder „War Ensemble“ zu leise und zäh aus den Boxen waberte – da hätten sich Band und Fans einen würdigeren Rahmen verdient.

Zu dieser Zeit ist der Wavebreaker, der heuer erstmals auch zwei Bars beinhaltete und trotzdem nicht vergrößert wurde, übervoll, Leute mit dafür gültigen Tickets müssen trotzdem warten, den Zipfer-Ständen geht langsam das Bier aus. Für diesen massiven Ansturm hätten die Veranstalter auch etwas besser gerüstet sein müssen – da würde es schon helfen, das Zipfer-Barpersonal nicht nach Optik, sondern Qualifikation zu besetzen (das Auge isst zwar mit, aber beim Trinken …). Die finnische Cellisten-Bande Apocalyptica zehrt vom Rammstein-Publikum, denn so viele Fans haben in diesem Land sicherlich noch nie den neoklassischen Klängen der langhaarigen Truppe gelauscht. Die fein nuancierte Umsetzung von Metallica-Songs wie „Master Of Puppets“ oder „Seek & Destroy“ findet durchaus Anklang, nur Sänger Frankie Perez passt weder optisch noch musikalisch in das Gesamtkonzept.

Pünktlich um 21.20 Uhr betreten schließlich Rammstein, der Grund für den halben Auflauf des gesamten Wochenendes, die Bühne und zeigen von der ersten Sekunde an, warum sie zu den allerbesten Livebands der Welt gehören. Das beängstigend-intensive Schauspiel von Frontmann Till Lindemann ist genauso essenziell wie die zahlreichen Feuereffekte und Pyroeinlagen, als auch die von knallharten Riffs getragenen Lieder wie „Ich will“, „Links 2-3-4“ oder „Feuer frei!“, die in ihrer atmosphärischen Intensität auch Metalbands ausstechen können. Das audiovisuelle Gesamterlebnis brillierte mit einem satten Sound, bahnbrechenden Effekten und einer zum Niederknien guten Leistung Lindemanns, der den mimisch und gestisch begabten Zeremonienmeister aus dem Effeff beherrscht. Dass bei „Sonne“ schlussendlich zwei Mikrofone eingehen, eine Mineralwasserflasche ins Publikum fliegt und von Till mit „Wien hat keinen Strom“ quittiert wird, soll inszeniert gewesen sein. Die Akustikversion von „Ohne dich“ entschädigte aber vollends und mit dem Welthit „Engel“ geleitete die Band die paralysiert wirkenden Anwesenden in die Nachtruhe. Definitiv „a night to remember“.

Rock in Vienna Tag 2:

Entgegen aller vorangegangenen Prognosen gab es am Eröffnungstag kein Regendebakel, auch der zweite blieb zusehends trocken – und familiär. Familiär im wahrsten Sinne des Wortes, denn zum „Alternative Tag“ des Festivals versammelten sich „nur“ mehr 20.000 Fans auf dem Gelände, was nach dem Gedränge und so manch organisatorischen Misswirtschaft den meisten aber sehr recht war. Ein Pluspunkt darf übrigens auch für das Gastroangebot verteilt werden, das sich mit Ständen wie dem famosen „Yugoslavian Food“ oder den rustikalen Bauernspätzle (jedoch: War die Portionsgröße an einem Liliputaner-Magen gemessen?) stark vom letztjährigen Festival-Einerlei hervorhob. Auch hier wäre noch Luft nach oben, aber der Weg ist der richtige.

Für die harten Klänge war an diesem Tag kein Platz, der lustige Reigen wurde auf der „Mind Stage“ mit Polit-Punk der US-Band Anti-Flag begonnen. Sänger Justin Sane und Co. genießen in ihrem Fanzirkel zurecht kultische Verehrung, nur wenige Bands schaffen es, knackige Melodien so geschickt mit gesellschaftskritischen Botschaften zu vermischen, ohne als seicht abgetan zu werden. Die Spielfreude bei Songs wie „Die For The Government“ war unverkennbar und am Ende baute man sich einfach inklusive Schlagzeug mitten im Publikum ein – so wird gerockt, meine Damen und Herren.

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

GRAVEYARD Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Das Zeug, um amtlich zu rocken, haben auch die beiden folgenden Schweden von Graveyard und Royal Republic. Während erstere mit ihrem sphärischen Vintage-Rock auf der pompösen „Soul Stage“ trotz hervorragendem Songmaterial etwas verloren wirkten, wussten Royal Republic rund um den charismatischen Frontmann Adam Grahn mit flotten Hits und kecker Bühnenattitüde für mächtig Stimmung zu sorgen. Graveyard hingegen ist – ähnlich wie die kurzfristig abgesagten Ghost – immer noch ein „Indoor-Phänomen“, für die Open-Air-Bühne fehlt doch das gewisse Etwas. Die US-Schauspielerin Juliette Lewis sorgte mit Juliette & The Licks dann für den ersten großen Tageshöhepunkt. Obwohl man auch hier die Ende April stattgefundene Indoor-Show in der Wiener Arena qualitativ drüberstellen kann, zeigt sich die körperlich topfitte Mittvierzigerin im engen Ganzkörperanzug agil und entertainend wie eh und je. Die brav aufspielende Backing-Band ist aufgrund Juliettes enormer Bühnenpräsenz zwar nur Staffage, doch auch aufgrund ihres schauspielerischen Talents weiß sie die Fans geschickt um den Finger zu wickeln. Den Alternative-Rock würzt sie mit Blues-Zitaten, das CCR-Cover „Proud Mary“ war dennoch etwas verunglückt.

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

JULIETTE & THE LICKS Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Das Sinnbild einer sommerlichen Festival-Nachmittagsband sind die im Anschluss tätigen Briten The Subways. Mit „Rock & Roll Queen“ ist ihr erster und bis heute einzig großer Hit mittlerweile elf Jahre alt, all die anderen Songs rundherum sind zwar durchaus bekömmlich und kurzweilig, aber doch die eine oder andere Liga unter den Genre-Größen anzusiedeln. Löblich hervorgehoben sei aber die Gabe, das Publikum in der Livesituation wirklich gut zu motivieren und für Stimmung zu sorgen. Davon sind die einstigen Vorzeigerocker Mando Diao meilenweit entfernt. Obwohl Björn Dixgård und Co. das Set mit Rock-Klassikern wie „Sweet Ride“ oder „Never Seen The Light Of Day“ durchaus flott beginnen, verwandelt sich der Auftritt der Schweden mit Fortdauer zu einer Farce. Bengalische Feuer und Akustik-Versionen vermiesen die Festivalstimmung ebenso wie Funk/Pop im 80er-Stil und das unsägliche Elvis-Presley-Cover „It’s Now Or Never“. Dass Dixgård von einem Bandmitglied auch noch als „die Stimme einer Generation“ angekündigt wurde, erhöhte den Fremdschämfaktor noch einmal immens. Der Abgesang einer einst erfolgreichen Band, der sich schon im Herbst 2014 im Wiener Gasometer ankündigte. Ex-Mitglied Gustaf Norén wird mit Sicherheit wissen, warum er letztes Jahr die Reißleine zog.

Ein ganz anderes Bild bot sich bei den Schotten von Biffy Clyro, denen ein volles Jahr Tourpause in allen Bereichen gut getan hat. Ihr eigenständiger Alternative Rock war schon immer nicht mit anderen Bands zu vergleichen, Frontmann Simon Neil ist zudem einer der charismatischsten und einnehmendsten Bühnenpersönlichkeiten im Rock-Business. Mit „Wolves Of Winter“ steigen sie bereits mutig mit der neuen Single des kommenden Albums „Ellipsis“ in den Ring und lassen dann ein Hitfeuerwerk vom Stapel, das seinesgleichen sucht. Das Zusammenspiel und die Freude am Musizieren merkt man dem wiedererstarkten Trio zu jeder Sekunde an, Songs wie „Black Chandelier“, „Mountains“ oder „Many Of Horror“ sind zudem wahre Perlen, die einen künftigen Headlinerstatus bei Festivals durchaus rechtfertigen. Nebenbei sind die guten Freunde auch bodenständige Spaßvögel, was sie nicht zuletzt durch die kindliche Freude an der aufblasbaren Hüpfburg im Backstage-Bereich bewiesen. Ein akustischer Triumphzug und nicht minder grandios wie der nachfolgende Headliner.

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

BIFFY CLYRO Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Iggy Pop, mittlerweile stolze 69 Jahre alt, bewies vor wenigen Wochen, dass er noch immer ein kreatives Genie ist. Sein mit Queens Of The Stone Age-Mastermind Josh Homme eingespieltes Album „Post Pop Depression“ ist sicher sein stärkstes Werk seit nahezu drei Dekaden und auch die Liveshows des „Godfather Of Punk“ strotzen nur so vor Energie. Klar, im Gegensatz zu den üppigen Showelementen von Rammstein und Iron Maiden muss man sich erst an das unauffällige Bühnensetting gewöhnen, aber Punk braucht eben kein Pomp und Trara, sondern nur Anarchie und ein gewisses Maß an Entrücktheit. Davon hat Iggy mehr als genug, so rollt der Oldie mit dem fleischfarbenen Ledermantel (sprich: Haut) durch die Gegend, sucht von Anfang an den Kontakt zum Publikum und verwendet mehr Schimpfwörter als ein Durchschnittsamerikaner mit Tourette-Syndrom. Der größte Wermutstropfen: mit „No Fun“, „I Wanna Be Your Dog“, „The Passenger“ und „Lust For Life“ verbrät er seine größten Hits tatsächlich schon ganz am Anfang des Konzerts, die Songs seines neuen Meisterwerks hebt er sich dafür für die Zugabenrunde auf. Um den inflationär gebrauchten Vergleich trotzdem zu bemühen: Iggy ist wie Wein. Je älter, umso besser. Auch wenn er manchmal etwas komisch riechen mag.

Rock in Vienna 2016, #RIV2016, Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

IGGY POP Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

Rock in Vienna Tag 3:

Den Abschlusstag feiern respektable 25.000 Fans mit Iron Maiden, deren Besuch mit der hauseigenen „Ed Force One“ von den hiesigen Tagesmedien fast zu einem Staatsakt aufgebauscht wurde. Schön, wenn eine Band im Spätherbst ihrer Karriere noch die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Viel zu wenig davon bekommen haben die auf der „Mind Stage“ den Tag eröffnenden Isländer The Vintage Caravan, die mit verspielten Rock samt Psychedelic-Einflüssen gar zu einem absoluten Highlight des kompletten Festivalgeschehens mutierten. Beim jugendlichen Trio passt aber nicht nur die Musik, sondern auch die Einstellung zum Rock. Mit immenser Spielfreude, tonnenweise Sympathie und netten Ansagen (So wird spontan ihre finale Nummer „Expand Your Mind“ auf „Expand Your Mindstage“ umbetitelt.) hatten die bereits oft in Österreich aufgetretenen Nordmänner schnell neue Fans gewonnen. Das nächste Mal bitte drei, vier Stunden später im Billing ansetzen!

Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

THE VINTAGE CARAVAN Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

Dass ein größerer Bekanntheitsgrad nicht immer für mehr Qualität sorgt, das beweist das anschließende US-Triple. Als erster entert Alter Bridge- und ex-Creed-Gitarrist Mark Tremonti die Bühne, der mit seinen Solohits aber nicht an die Stärke seiner Hauptbands heranreicht. Die Alternative-Rocker von Shinedown sind über dem großen Teich eine respektable Nummer, hierzulande aber nur den US-Metal-Die-Hard-Fans ein größerer Begriff. Diese finden sich aber dennoch zahlreich ein, um ihren Helden zu huldigen, die vor allem vom exaltierten Bühnengehabe des Fronters Brent Smith und knackigen Rock-Hits mit Keyboard-Einschlag leben. Drummer Barry Kerch punktet mit einem satanischen Kätzchen-Shirt, Bassist Eric Bass (!!) lässt mit einem Ghost-Shirt an eine andere Band träumen. Abgeschlossen wurde das US-Triumvirat von Waldschrat Zakk Wylde, der unlängst ein Akustikalbum veröffentlichte, die Fans beim Rock in Vienna aber gottlob damit verschont, sondern sich in der sengenden Sommerhitze aufs Rocken konzentriert. Der an die großen Helden des 70er-Southern-Rock angelehnte Sound ist technisch über alle Zweifel erhaben und auch das offensive Gepose des bärtigen Wandschranks trägt zur Atmosphäre bei, doch für ein Festival ist das alles zu verspielt und egogetrieben. Da hätte mehr Wumms durchaus gutgetan.

Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

ZAKK WYLDE Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

Zu den Senkrechtstartern der Metalwelt zählten in den letzten Jahren die deutschen Power-Metaller Powerwolf, die auch in Wien auf ein beachtliches Publikum bauen konnten. Die „Werewolves Of America“ waren offensichtlich „Blessed & Possessed“ und gaben als Mitgröl-Abschlussmotto „We Drink Your Blood“ aus. Partymusik pur und gerade deshalb extrem festivaltauglich. Etwas sperriger, aber qualitativ fast sensationell war der Auftritt der französischen Wahl-New-Yorker von Gojira, die mit ihrem progressiv-harschen Groove Metal längst eine Nische zwischen Metallica, Pantera und Meshuggah gefunden haben und bei denen auch neue Songs wie das eindringliche „Stranded“ zum geballten Faustschwingen einladen. Besonders hervorzuheben ist nicht nur das tighte Zusammenspiel der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch die unglaubliche Wucht des Sounds, die sich über das Gelände erstreckte. Da passte es wie die Faust aufs Auge, dass gleich darauf die deutschen Thrash-Legenden Kreator für die rabiateste Stimmung des Festivals sorgten. Mit „Enemy Of God“, „Terrible Certainty“, „Violent Revolution“, „Phobia“ oder „Pleasure To Kill“ knallt die Essner Formation rund um Kopf Mille Petrozza einen Smasher nach dem anderen aufs Parkett, laden die tobenden Fans vor der Bühne zur „Wall Of Death“ und können genüsslich beobachten, wie es bei wirklich jedem Song zum Mosphit kommt und die Staubwolken durch die Nasenschleimhäute ziehen  Eine derartige Machtdemonstration hätte sich die Band wohl selbst nicht vorgestellt. Passend zum aggressiven Sound bricht am Ende auch die erste Regengischt auf die Fans hernieder, wodurch der Beginn von Nightwish um zehn Minuten hinausgezögert werden muss.

Die Finnen müssen dadurch auch mit einer gekürzten Setlist Vorlieb nehmen und auch die geplante Pyroshow außen vor lassen. Bei der Hitdichte, die sich nach mittlerweile fast zwei Dekaden Bandgeschichte angehäuft haben, bleibt aber immer noch genug Zeit, um die Fans mit symphonischen Metal zu verzaubern. Die hünenhafte Frontfrau Floor Jansen erledigt ihren Job auch bravourös, nach den brachialen Riffgewittern der Bands davor ist der Stilbruch aber doch etwas zu radikal ausgefallen. Die Mittelalter-Rocker von In Extremo haben es noch wesentlich schlimmer erwischt, denn während ihres Sets öffnen sich die Schleusen endgültig und setzt das Rock-in-Vienna-Gelände unter Pfützen. Das Letzte Einhorn und seine Spießgesellen kommen nur zu sieben Songs, bevor sie nach „Belladonna“ die Bühne räumen müssen. In einem Facebook-Statement versprechen sie aber die Wiederkehr 2017, die offensichtlich auch vom Veranstalter bestätigt wurde. Neue Chance, neues Glück.

Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

NIGHTWISH Foto: Rock in Vienna / Florian Matzhold

Um eine Band wie die Metal-Legende Iron Maiden (die auch nach Wien mit ihrer gigantischen Ed Force One einflogen) aus den Angeln heben zu können, bedarf es schon etwas mehr als ein paar Tropfen. „Ich werde von innen heraus genauso nass sein wie ihr von außen – wir sind uns also ziemlich ähnlich“, wirft der gewohnt dauerlaufende Sänger Bruce Dickinson schon zu Beginn in die Menge und lockert die etwas in Mitleidenschaft gezogene Laune der Fans. Das der Maya-Kultur nachempfundene Bühnen-Setting mit allerlei Spezialeffekten und einer Riesen-„Eddie“-Puppe spielt alle Stückerl, dass die nur 15 Songs starke Setlist aber zur fast zur Hälfte aus Nummern des brandaktuellen Doppelalbums „The Book Of Souls“ besteht, gefällt nicht jedem Maiden-Maniac gleich gut. Durch die kurzweilige Show und die hervorragende Verfassung aller Musiker wird das Konzert aber zu einem Freudenfest – vor allem, weil während es England-Fahnenschwenkens beim Klassiker „The Trooper“ auch der Regen aufhört.

Dickinson scherzt während des Konzerts, gratuliert den anwesenden serbischen Fans zum French-Open-Tennisturniersieg von Novak Djokovic und singt sogar ein Beatles-Zitat zum 64. Geburtstag von Drummer Nicko McBrain an – das diesjährige Rock in Vienna wird wohl als das „Geburtstagsfest“ in die Geschichte eingehen! Die Stimmung passt vor und auf der Bühne und Iron Maiden spielen zweifellos einen der besten Gigs ihrer Österreich-Historie. Mit „The Number Of The Beast“ und „Wasted Years“ findet ein glanzvoller Gig sein Ende und adelt ein durchaus gelungenes Festivalvergnügen mit einem hervorragenden Abschluss – wenngleich nicht alle vier der Festivalshirt-Motive der Maiden-Schriftzug zieren durfte: dies war kein Fehler eines unfähigen Praktikanten, sondern tatsächlich gab das Band-Management nur für ein Motiv das „Namedropping“ frei. Alles in allem war eine deutliche Steigerung zur Debütveranstaltung zu vermerken, auch wenn vor allem im Bereich Wavebreaker-Größe und -Zugang, Einlasspolitik und Ausschank sicher noch Aufholbedarf hat – Wien rockt!

 

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Foto: Rock in Vienna / Pascal Riesinger

Die 5 besten Bands des Rock in Vienna:

  1. Rammstein
  2. Biffy Clyro
  3. Iron Maiden
  4. The Vintage Caravan
  5. Kreator

Die 5 schlechtesten Bands des Rock in Vienna:

  1. Mando Diao
  2. Tremonti
  3. Eisbrecher
  4. Babymetal
  5. Powerwolf

Bewertung des Rock in Vienna:

Essen: 2
Sound: 3
Ambiente: 2
Publikum: 2
Wetter: 3
Organisation: 2-3
Service (Einlass, Beschilderung, Beleuchtung, Informationen): 3
Preisgestaltung am Gelände: 3
Location: 1
Bandauswahl: 2

Bereits jetzt gibt es Tickets für das Rock in Vienna 2017, zum sagenhaften „Never too early to rock“-Preis um 99,90 Euro.

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