Ein Sommer wie damals

Liebe, Freude, Unbeschwertheit – der „Summer Of ‘69“ ist jedem (Rock)Musikliebhaber ein Begriff. Die Magie der Hippie-Bewegung zieht sich schließlich in gewissen Teilen bis in die Gegenwart.

Deep PurpleDer Geruch von Freiheit lag in der Luft und das Gras blühte etwas grüner als üblich. Die Liberalisierung war in weiten Teilen der westlichen Hemisphäre bereits Usus und die lange Zeit als Erfolgsmodell propagierte konservative Politik konnte die veränderten Bedürfnisse der Menschen längst nicht mehr befriedigen. Es waren Bands wie die Beatles, die Rolling Stones, Jefferson Airplane oder die Doors, die sich von den schnöden Konventionen und genormten Verhaltensregeln lösten, und mit Freiheits-Attitüde, sexualisierter Gestik und dem latenten Hang zum Aufbrechen gängiger Normen die Ära der freien Liebe, der weichen Drogen und der Flower-Power-Bewegung einläuteten.

Fortunate Son

1969 war das Jahr, in dem sich Höhepunkt und Abgesang einer nicht mehr wiederkehrenden Epoche die Hand hielten, indem die Hippie-Bewegung kurz davor stand, die Gesellschaft fundamental zu verändern. Am 6. Dezember 1969 wurde sie aber jäh aus ihren Träumen gerissen, als beim legendären Altamont Free Concert der 18-jährige, afroamerikanische Zuschauer Meredith Hunter von einem Security der Hells Angels erstochen wurde. Mit ihm starb mitunter auch die Unbeschwertheit der Flower-Power-Ära, die schon durch die Ritualmorde von Charles Manson stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Wettrüsten zwischen den USA und den Sowjets um die Herrschaft im All, die Regentschaft des neu angelobten US-Präsidenten Richard Nixon und der immer noch andauernde, die Gesellschaft spaltende Vietnamkrieg zerstörten in ihrer realen Ausführung die Träume der Friedliebenden. Die große Chance, den Zeitgeist des Miteinanders zu leben, war vertan – die Blumen wurden böse.

Here Comes The Sun

Der Höhepunkt der grassierenden Hippie-Bewegung fand hingegen bereits 1967 statt, als San Francisco in den Dunstschwaden des Marihuana-Rauchs verschwand und sich die Fronten zwischen der Hippie-Bewegung und dem Establishment das erste Mal erhärteten. Im Juni diesen Jahres wurde die erste „Free Clinic“ eröffnet, weil sich Ärzte beharrlich weigerten, Hippies zu behandeln. Unterstützt wurden die langhaarigen Blumenkinder von liberalen Künstlern wie Janis Joplin, Grateful Dead oder den Charlatans, die mit ihren Spenden bei einem Benefizkonzert für das finanzielle Überleben des Krankenhauses sorgten. Das über Monate aufgeschwappte Lebensgefühl der Hippies entwickelte sich aber langsam zur Selbstimitation.

White Rabbit

Die Hippie-Subkultur hat sich vom Untergrund zum Mainstream kommerzialisiert und erreichte im August 1969 ihren großen Höhepunkt beim legendären Woodstock-Festival, dem Inbegriff von Freiheitsdenken, Unbekümmertheit und der kultigen Flower-Power-Szene, nach der sich heute so viele Leute sehnen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren waren. Mehr als 400.000 Zuseher verfolgten das Geschehen auf einer Farm in Bethel im US-Staat New York. Statt einer logistischen Katastrophe und Massenpanik ob der mangelnden Versorgung mit Trinkwasser und unzureichender Sanitäranlagen feierten die Besucher sich, ihr Lebensgefühl und die insgesamt 32 auftretenden Künstler. Alle Sorgen lösten sich im Marihuana-Rauch auf und für dreieinhalb Tage hatten alle Anwesenden das Gefühl, die Welt mit all ihren Problemen um sich herum anhalten zu können.

Heart Of Gold

Ein besonderes Qualitätsmerkmal des damaligen Line-Ups: Obwohl die großen Kapazunder jener Zeit wie die Beatles, die Rolling Stones oder Led Zeppelin fehlten, gilt ein Großteil der Teilnehmer noch heute als essenziell für die Musikhistorie. Mit Gitarrenvirtuose Santana und Ten Years After kommen zwei davon diesen Sommer gar live nach Österreich, Joan Baez war erst letztes Jahr in der Wiener Arena zu Gast, CCR-Frontmann John Fogerty beim Lovely Days 2014 und auch Joe Cocker und Johnny Winter waren bis zu ihrem Tod gern gesehene Gäste in der Alpenrepublik. Ebenfalls in diesem Jahr live zu sehen: Black Sabbath, Jethro Tull’s Ian Anderson, David Gilmour, Deep Purple, The Sweet, Uriah Heep (bereits im März) und ZZ Top. Die Nachfrage nach den alten Heroen ist ungebrochen, der Geist der Woodstock-Ära umweht noch immer die heimischen Open-Air-Festivals, auch wenn sich in knapp 50 Jahren natürlich viel getan hat.

Smells Like Teen Spirit

Doch haben sich die Verhaltensweisen wirklich so stark geändert? Wo sich die Besucher früher die Joints in die Hand gedrückt haben, werden heute Gallonen von Dosenbier vernichtet, bunte und ausgeflippte Sonnenbrillen haben den „Test Of Time“ überstanden und das Zeigen von viel Haut wurde bereits im Zeitalter der Freiheitsfindung zelebriert. Wo früher genussvoll der freien Liebe gefrönt wurde, wischt man heute am Campingplatz auf dem neuesten Smartphone über die Tinder-Seiten. Woodstock 3.0 also – doch der Grundgedanke der Realitätsflucht, des hedonistischen Ausbruchs aus den Schablonen der Gesellschaft, der ist geblieben. Ob der Sommer 1969 aber tatsächlich so magisch war, wie er heutzutage romantisiert wird, ist selbst für die Zeitzeugen nicht mehr ganz genau zu klären. Oder wie US-Musikerlegende David Crosby es treffend auf den Punkt gebracht hat: „Wer sich an die Sechziger erinnern kann, war wahrscheinlich nicht dabei.“

Zwischen 1969 und 2016 liegen zwar ein paar Jährchen, aber einige Helden von damals sind auch heute noch fleißig unterwegs: Black Sabbath mit ihrer Abschiedstour am 28. Juni in der Wiener Stadthalle, The Sweet, Jethro Tull’s Ian Anderson und Deep Purple am Lovely Days Festival am 9. Juli im Schlosspark Esterházy sowie am 8. Juli auf der Burg Clam (Clam Rock), David Gilmour am 27. und 28. Juni im Ehrenhof Schönbrunn, ZZ Top am 7. Juli in der Open Air Arena Wien. Natürlich dürfen wir auch den Verfasser von „Summer of ‘69“ nicht vergessen: Bryan Adams spielt am 31. Mai in der Wiener Stadthalle. In ein anderes Genre verlegt das Woodstock der Blasmusik zwischen 30. Juni und 3. Juli in der Arco Area in Ort im Innkreis den „damaligen Geist“.

 

Drei unterbewertete Bands aus der Hippie-Ära:

Flying Burrito Brothers: Spielwiese der Country-Rock-Legende Gram Parsons, die nur zwischen 1968 und 1969 wirklich gegenwärtig war, danach in die künstlerische Bedeutungslosigkeit abstürzte. Das `69er-Debüt „The Gilded Palace Of Sin“ ist noch heute verpflichtend zu besitzende Musikhistorie.

https://www.youtube.com/watch?v=MchWI3sLUQo

Procol Harum: Die britischen Rocker rund um Sänger Gary Brooker und Texter Keith Reid feierten Ende der 60er-Jahre mit Songs wie „A Whiter Shade Of Pale“ oder „A Salty Dog“ einen Raketenstart, rutschten Anfang der 70er-Jahre aber viel zu früh aus dem Visier der Musikliebhaber.

https://www.youtube.com/watch?v=Mb3iPP-tHdA

Country Joe And The Fish: Mit vehementen Protestsongs gegen den Vietnamkrieg waren die Amerikaner nicht nur ein aktiver Teil von Woodstock, sondern auch das gute Psych-Folk-Gewissen des Landes. Led Zeppelin, Jefferson Airplane und Co. lernten ihr Handwerk von den Kaliforniern.

https://www.youtube.com/watch?v=8qPUJhy0Dz4

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