Sprachmelodie

Immer mehr Rockmusiker veröffentlichen Romane: Soeben debütierte Thees Uhlmann, international ist vor allem Nick Cave erfolgreich. Nun wagt auch Morrissey den Schritt vom Song zum Satz.

 

Über das Lied und die Poesie tauschten sich in der Antike schon die Philosophen Platon und Aristoteles aus, Musik und Sprachkunst ist seit jeher eng miteinander verbunden: So stellte der Erstgenannte bereits im fünften Jahrhundert vor Christus fest, dass „Wort“, „Tonart“ und „Rhythmus“ eng zusammengehören. Nicht umsonst herrschte lange vor der Schriftlichkeit eine mündliche Tradition in der Überlieferung von Literatur vor. Auch sind in der Literatur selbst lautmalerische Momente – wie beispielsweise bei James Joyces „Ulysses“ – seit Anbeginn en vogue.

Vom Song zum Satz
Dass im Gegenzug Musiker – und zwar nicht ausschließlich die wilden Jungspunde, die ohnehin „danach trachten, sämtliche Grenzen ad acta zu legen, aufzulösen“ – nicht nur fachspezifische Texte wie auch schon die „Klassiker“ Strauss oder Wagner verfassen oder irgendwelchen Ghostwritern ihre Autobiografie diktieren (oder selbst verfassen), sondern auch vom „Song“ zum „Satz“, also vom „Lied“ zum „Roman“ gehen, ist allerdings eine vergleichsweise „neue“ Erscheinung. War es früher neben einschlägigen Kleinstverlagen vor allem Kiepenheuer & Witsch, in dessen Programm sich Popmusik und Literatur nicht ausschloss, erscheint mittlerweile so gut wie in jedem Literaturverlag „Popliteratur“. Von wirtschaftlicher Seite her dürften sicherlich die Erfolge von Nick Cave von den Bad Seeds (international) und Sven Regener von Element Of Crime (deutschsprachig) das Genre angefeuert haben. Aber was ist die Motivation der Künstler selbst?

Letztes Jahr las Tex Rubinowitz, unter anderem Falter- und Trzeszniewski-Karikaturist sowie Experimentalmusiker bei Mäuse, beim Ingeborg-Bachmann-Preis „Wir waren niemals hier“ – und gewann (so wie auch schon Diskursrocker Kristof Schreuf 2003, der jedoch nicht triumphierte). Vor zwei Jahren erschien mit „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“ das Romandebüt von Frank Spilker, Sänger bei Die Sterne. Dieses Frühjahr debütierte Jochen Distelmeyer von Blumfeld (etwas zweifelhaft) mit „Otis“, seiner Odyssee durchs Berliner Nachtleben. Diesen Herbst nun legt Thees Uhlmann von Tomte mit „Sophia, der Tod und Ich“ ebenfalls sein Debüt, einen „Lebensfragenroman“, vor, der im Herbst und Winter in Österreich im Rahmen einiger Lesungen vorgestellt wird.

Soeben legte Christoph („Christ Of“) Kather, seines Zeichens Schlagzeuger bei Japanische Kampfhörspiele, seinen zweiten „Grindpunkprosa“-Gedichtband „Japanische Kampflektüre“ vor, wie auch Rammsteins Till Lindemann nach „Messer“ im März des Jahres „In stillen Nächten“.

Und natürlich publiziert im deutschsprachigen Raum seit 15 Jahren die bereits angesprochene Galionsfigur Sven Regener: Gerade seine „Lehmann“-Romane landen hierzulande regelmäßig auf den Bestsellerlisten, erst kürzlich erschien seine Zusammenarbeit mit dem deutschen NDW-Musiker Andreas Dorau, „Ärger mit der Unsterblichkeit“.

 

Der logische Schritt?
Auffällig ist, dass jene Künstler, aber auch die internationalen Granden wie Leonard Cohen (bizarr: „Beautiful Losers“), Patti Smith (überaus lyrisch: „Woolgathering“) oder allen voran Nick Cave (mit seinen „King Ink“-Gedichtbänden, „And the Ass Saw the Angel“, „The Death of Bunny Munro“ – beide von Weltformat! – und zuletzt „The Sick Bag Song“), nicht nur wegen ihrer Musik, sondern vor allem auch dank ihrer lyrischen Songtexte bekannt sind. Nicht umsonst ist ein großer Teil der publizierenden Musiker im deutschsprachigen Raum Teil der „intellektuellen“ Hamburger Schule. Ist es vielleicht doch nicht so überraschend, dass man von der kleinen Form, den Lyrics, zur großen Form, dem Roman, kommt? Reicht das Schreiben von Songs als künstlerisches Ausdrucksmittel nicht? Dazu verrät Sven Regener in einem Interview mit der FAZ 2008: „Das Schreiben von Liedern und Liedtexten ist einfach eine andere Disziplin als das Schreiben von Romanen. Ich konnte deshalb auch keine Liedtexte schreiben, während ich an den Romanen saß. Das eine sind Liedtexte. Die wurden so geschrieben, damit sie gut klingen und damit man sie singen kann. Das andere sind Romane. Und die kann man nicht singen.“ – und schließt: „Womit sich auch die wiederkehrenden Diskussionen darüber erledigt haben dürften, ob nicht Bob Dylan den Literaturnobelpreis verdient hätte.“

 

Traum & Absatz
Nun geht auch Morrissey unter die „wirklichen“ Autoren. Auch er ist einer, dessen Lyrics bereits zu Smiths-Zeiten literarischen Mehrwert hatten – wie fürderhin seine öffentliche Rolle als Agent Provocateur einen gewissen „Unterhaltungswert“ bot. Für Moz erfüllt sich damit ein langgehegter Traum, nach seiner hitzig diskutierten Autobiografie mit dem minder einfallsreichen, dafür maximal eindeutigen Titel „Autobiography“, im September beim britischen Traditionsverlag Penguin Books sein Romandebüt „List of the Lost“ zu verlegen. Nicht nur, dass es vorläufig nur in Großbritannien, Irland, Australien, Indien, Neuseeland und Südafrika erhältlich sein wird: Über den Inhalt des Buches wird der Mantel des Schweigens gebreitet. Ob das Cover, das eine Schwarz-Weiß-Fotografie des jungen Morrissey als Staffelläufer seiner Schulmannschaft zeigt, etwas über den Inhalt verrät, bleibt abzuwarten. In seiner Autobiografie hatte er ja durchaus auf seine sportlichen Erfolge während der Schulzeit zurückgeblickt. Ganz gleich, ob auch für Morrisseys ohnehin schon vorhandene lyrische Tiefe der Schritt „logisch“ war, oder ob Regener doch mit seiner Gewaltentrennung recht hat: Der Brite setzt auf jeden Fall „eine Menge Hoffnung“ in „List of the Lost“ – denn für ihn persönlich hat die Pop- und Rock-Musik ihre „Leidenschaft verloren“.
Vielleicht hat aber das geschriebene Wort schließlich doch einfach mehr Bestand als das Gesungene. Zumindest ist es – aus kapitalistischer Sicht, in Zeiten der schwindenden CD-Verkäufe – ein ziemlich sicherer zusätzlicher Absatzmarkt.

 

Thees Uhlmann liest „Sophia, der Tod und ich“ im Oktober im Wiener Stadtsaal, im November im Linzer Posthof und im Spielboden Dornbirn, sowie im Jänner im Volkshaus Graz und im Salzburger Rockhouse.

Im November spielt Sven Regener mit seinen Element Of Crime auf der Kulturbühne Ambach in Götzis, im Grazer Orpheum, in der Music Hall Innsbruck, im Linzer Posthof, im Salzburger republic und in der Wörtherseehalle in Klagenfurt.

Rammstein arbeiten gerade am Nachfolger zu „Liebe ist für alle da“ und spielen 2016 am Rock In Vienna!

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