Starke Ansagen von Faber aus Zürich

Faber

Auf seinem Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ verwandelt der Zürcher Songschreiber Faber vermeintlich Profanes in Wahrhaftigkeit.

FaberFaber hat italienische Wurzeln, einen italienischen Vornamen der nichts zur Sache tut, verdingte sich früher mit italienischen Chansons, um sein Leben – und das Machen der eigenen Musik – zu finanzieren. Früher? Nicht viel früher, denn Faber ist lediglich 23 Jahre jung, seine Stimme klingt wunderbar alt, seine Texte haben Tiefgang wie ein Ozeanriese, die Instrumentierung ist spannend, fesselnd, ungewöhnlich. Doch wer ist dieser Faber, der über Frauen singt, die im Stehen pinkeln und über Flüchtlinge, die doch tauchen sollen, wenn sie nicht schwimmen können? Faber hält mit seinem Debüt „Sei ein Faber im Wind“ der Gesellschaft 2.0 brutal einen Spiegel vor, Lachen bleibt im Hals stecken. Was bleibt ist die Faszination ob eines Talents, das man lange so nicht gehört hat.

Dein Album ist wunderbar anstrengend …

Faber: Dankeschön, das nehm‘ ich als Kompliment. Ich mach‘ keine Entspannungsmusik.

Das verschließt dir aber den Zugang zum Mainstream, zum Massenradio und den großen Stadien?

Faber: Ja, das wusste ich. Das war nie der Punkt. Die Idee war nie, dass möglichst viele Radiostationen darauf aufmerksam werden, sondern, dass möglichst viele Leute auf das Konzert kommen. Und das funktioniert Schritt für Schritt ganz in Ordnung. Es kommen viele Leute und die freuen sich auch sehr.

Deine Stimme klingt wesentlich älter als 23, deine Texte auch. Kommt da schon mal die Kritik: Was will denn der neunmalkluge Bubi da?

Faber: Ne, eigentlich nicht. Ich fänd‘ das aber nicht schlimm, denn sie hätten auch recht. Vielleicht.

Bereits die „Ouveture“ überrascht: Es ist ein kurzer Instrumentaltrack, der mit seinen Blechbläsern die Richtung vorgibt. Das gesamte Album zeigt von großem musikalischen Wissen und Können. Das ist für einen 23jährigen äußerst ungewöhnlich, wo kommt das her?

Faber: Danke. Da muss ich vieles gleich an meine Musiker abgeben, wir arbeiten da sehr eng zusammen. Wir haben eine schöne Welle getroffen, wo sich jeder sehr schön ausleben kann.

Doch die Blechbläserlastigkeit, Brass und ein Schuss Mariachi würde man nicht aus den Alpen kommend vermuten?

Faber: Nee, natürlich nicht! Ich wohn‘ auch in Zürich und wir sind da schon ein bisschen internationaler aufgestellt. Ich glaub‘ schon, dass viele Sachen auf der Platte einen Mix aus dem lateinischen Sprachraum haben, so mehr Italienisch und Französisch, als Anglosächsisch.

Trotzdem ist der Einsatz von so viel Brass doch eher ungewöhnlich für dein Alter?

Faber: Das stimmt. Oder man ist ein Nerd. Ich hab‘ echt schon eine nerdy Truppe am Start. Mein Schlagzeuger spielt auch Posaune, der hat Jazz-Posaune studiert, ist aber eigentlich Drummer und produziert sonst nur Techno. Wir sind da ganz breit aufgestellt. Max hat zum Beispiel alle Trommeln eingespielt und spielt auch Gitarre. Der die Cellos eingespielt hat, ist eigentlich mein Bassist. Die haben in Indie-Rock-Bands gespielt, und ich bin viel mit Chansons groß geworden. Da kommt vieles zusammen.

Das Album startet mit der Textzeile „Es ist so schön, dass es mich gibt“. Weshalb ist es denn schön, dass du existierst?

Faber: Ich find’s richtig geil, dass die Platte so beginnt. Das ist nach der Ouverture die erste Ohrfeige, „Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“. Ich find‘ das einfach sehr lustig.

Aber weshalb ist es schön, dass es dich gibt?

Faber: Ich fänd‘ es extrem schade, wenn es mich nicht geben würde. Ich weiß nicht, ob ich für andere ein großer Mehrwert bin oder eher so ein Parasit. Für mich ist es natürlich schon toll.

Habe ich recht, dass man deine Lieder sowohl humoristisch verstehen kann, oder als bitterböse, ironische Gesellschafts- und Welt-Kritik? Ist das bewusst so angelegt?

Faber: Gerade ein Song wie „Bleib dir nicht treu“ ist eine Sätzesammlung, die umgedreht fast mehr Sinn macht als normal. Das sind all diese Kalendersprüche, die so behindert sind. Dass sich die so durchgesetzt haben ist echt ein Wunder.

„Nichts“ scheint eine Abrechnung mit dem Konsumwahn zu sein, ein Konter zu dem „immer mehr von allem zu wollen“? Ist das ein autobiografischer Text?

Faber: Wie die ganze Platte ist er autobiografisch – und auch nicht. Was nicht stimmt, ist elegant geflunkert. Ich kann nicht sagen was stimmt und was nicht.

Gewisse (Lebens-) Einstellungen kann man aber nicht flunkern.

Faber: Nee, das nicht. Es ist eine Frage, die uns wohl alle beschäftigt. Wie viel braucht man und wie viel nicht?

Diese Frage stellt man sich aber selten wenn man erst 23 ist …

Faber: Vielleicht hab‘ ich hier etwas übersprungen? Oder einfach abgeguckt bei jemandem.

Nervt dich das ewige Nörgeln der Menschen, unser Jammern auf hohem Niveau, wie in „Es koennte schoener sein“ beschrieben?

Faber: Ja, schon. Der Gedanke, dass es woanders besser sein könnte, das ist ein Phänomen. Ich will mich da gar nicht ausnehmen, ich bin auch so. Ich finde das aber nicht gut, weil man immer denkt, etwas anderes könnte ja noch viel geiler sein.

Fehlt uns im Westen die Demut?

Faber: Auch, vielleicht. Es ist einfach Blödheit, dass man nicht genießen kann was man gerade macht. Es ist nicht nur fehlende Demut, sondern es ist einfach nur dumm. Es gibt dir eine Rastlosigkeit und eine Unzufriedenheit, die überhaupt nicht sein müsste. Ich nehm‘ mich da nicht aus. Ich denke mir oft, Fuck ey, warum mach‘ ich das oder warum nach‘ ich nix dagegen? Ich bin da auch Teil des Systems.

Aus „Lass mich nicht los“: Was ist so furchtbar an dir, dass man dich nicht auf sich loslassen sollte?

Faber: Ich kann sehr einnehmend sein und Leute von mir abhängig machen. Emotional. Ich lass‘ mir selbst viel mehr durchgehen als anderen.

„Bleib dir nicht treu“ ist der Soundtrack für die Opportunisten-Gesellschaft?

Faber: Ja, natürlich auch. Die Leute erschrecken und denken es sei Ironie wenn ich sag‘: Verrat‘ deine Freunde wenn man dich dafür belohnt. Aber natürlich ist das sehr überspitzt gesagt, aber die Leute verraten schon ihre Freunde, wenn man sie dafür belohnt. Es ist ein Stich ins Herz, die Worte Freunde und Verrat im selben Satz zu verwenden. Im Prinzip ist das aber schon so.

„Wer nicht schwimmen kann der taucht“ ist ein bitterböser Text über die Ignoranz gegenüber Flüchtlingen, der mich im Tenor an „Es lebe der Sport“ von Fendrich erinnert. Man hat erst richtig Spaß, wenn ein spektakulärer Unfall passiert. Oder an Marie Antoinette, die meinte, wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen.

Faber: Das von Fendrich kenn‘ ich gar nicht, aber das versteh‘ ich natürlich. Weite Teile der Menschen interessieren sich nicht für das Thema. Es ist natürlich überspitzt das so zu sagen, denn die meisten Leute sind doch affin wenn es gerade um Kinder geht: Scheiße, da müsste man was machen, holt die da raus, aber bitte nicht zu uns.

Und in der Schweiz reißt man lieber Häuser ab, bevor Flüchtlinge einziehen …

Faber: Ja, die haben das auch gemacht! Das ist richtig übel. Das ist eine Millionärsgemeinde, die beschlossen hat sich vom Bund nicht knechten zu lassen, sondern die Häuser einfach abzureißen. Oder sie kaufen sie, wenn es sein muss. Es ist richtig, richtig schlimm und pervers. So pervers.

Es gibt ein übles Lied mit dem Titel „Bratislava“, obwohl der Name im Text nie vorkommt. Was ist dir denn dort so Schlimmes widerfahren?

Faber: Das ist eines meiner ersten Lieder die ich geschrieben hab‘, da war ich so 17. Da war ich auch in Wien, in Bratislava, ich war einfach mit dem Zug vier Wochen lang allein unterwegs. Ich hatte dort einfach Pech. Ich wurde im Bahnhof überzeugt, dass ich in für ganz wenig Geld wo übernachten könne. Das war dann Matratze ohne Wasser. Ich war dann in der Gegend was trinken und bin in eine fiese Nazi-Kneipe gelangt. Ich war schon sehr entrüstet und hab‘ das den Dude von dem Hostel erzählt. Die Leute mit den Hakenkreuz-T-Shirts meinen das ja nicht so, meinte der. Das ist mir krass eingefahren da. Ein bisschen sensibler könnte man da schon sein. Die Stadt ist ja sonst sehr herausgeputzt.

Sollen beziehungsweise dürfen Frauen im Stehen pinken?

Faber: Dürfen ja, sollen nicht. Also wenn ich eine Frau wäre, würde ich nicht im Stehen pinken wollen.

Bist du ein Sitzpinkler?

Faber: Zuhause sitzen, auswärts stehen!

 

Faber kommt im November auf Österreich-Tour und gastiert da u.a. in Bornbirn, Salzburg und Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.

 

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