The Dead Daisies und der pubertierende Teenager

The Dead Daisies

Mit „Burn It Down“ legt die amerikanische Supergroup The Dead Daisies ihr mittlerweile fünftes Album vor – ein Album, das von Lebensweisheit zeugt, gleichzeitig vor Juvenilität aber auch nur so strotzt.

The Dead DaisiesMan nehme einige der arriviertesten und längst dienenden Rocker der Musikgeschichte, fertig ist die heimliche Supergroup: John Corabi (The Scream, Mötley Crüe), Doug Aldrich (Whitesnake, Dio), Marco Mendoza (Thin Lizzy, Whitesnake), David Lowy und Deen Castronovo (Ozzy Osbourne, Black Sabbath). Trotz diverser Umbesetzungen seit der Gründung im Jahr 2013 – zuletzt mussten Richard Fortus und Dizzy Reed 2016 ersetzt werden, da sie Guns N‘ Roses zur Tournee riefen – läuft die Daisies-Maschinerie weiter auf Hochtouren. Fünf Jahre Dead Daisies, fünf Alben: Mit „Burn It Down“ erscheint Anfang April Longplayer #5, danach geht’s wieder auf Tour, einem Wien-Stopp am 29. April in der SiMM City inklusive.

Im April kommt das neue Album „Burn It Down“. Bist du aufgeregt?

John Corabi: Ja, so weit, so gut. Die ersten Reaktionen sind alle großartig. Wir sind sehr happy damit. Mal sehen, was die Fans meinen.

Die Songs sollen, so steht es im Pressetext, „alles niederbrennen bis nichts mehr übrig ist“. Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

John Corabi: Es ist eine sehr ehrliche Platte. Wir sind ins Studio in New York gegangen, haben in zehn Tagen die Songs fertig gehabt und sind zurück nach Nashville um sie aufzunehmen. In knapp sechs Wochen war alles fertig. Geschrieben, aufgenommen, gemischt und gemastered. Die Texte sind introspektiv, sehr reflektierend und behandeln Dinge, die derzeit um uns herum passieren. Musikalisch ist es das aggressivste Album, auch wenn eine Ballade drauf ist. Es ist heavier als alles, was wir bisher gemacht haben. In Ermangelung einer anderen Beschreibung: Es wird alles niederbrennen.

Jedes Jahr ein Album, dauernd auf Achse. Seid ihr in einer späten Workaholic-Phase?

John Corabi: Offensichtich verändert sich das Musikgeschäft, es entwickelt sich in einer seltsamen Art und Weise. Es entwickelt sich dorthin zurück, was Band immer getan haben. Wir machen eine Platte pro Jahr. Wenn man sich die Geschichte ansieht: Bands wie Led Zeppelin und Queen haben alle im Jahresrhythmus, Kiss haben in ihren Anfangstagen sogar zwei Alben pro Jahr veröffentlicht. Die Beatles haben zwischen 1964 und 1966, bevor sie zu touren aufgehört haben, vier, fünf LPs in zwei Jahren gemacht, zwei Filme und vier oder fünf Welttourneen. Sie haben manchmal zwei Shows am Tag gespielt. Das ging uns auf der „Make Some Noise“-Tour so, da haben wir am Nachmittag ein Akustik-Set gespielt und am Abend eine volle Show. Ich kann mich sogar erinnern, dass wir einmal an einem Tag bei zwei Festivals aufgetreten sind. Deshalb glaube ich nicht, dass das etwas Außergewöhnliches ist. Wir kommen zurück von einer Tournee, schreiben Songs, nehmen sie auf und gehen wieder auf Tour. Das ist nichts Spezielles.

In Zeiten sinkender Plattenverkäufe und Tantiemen aus Airplay muss eben Geld mit Konzerten verdient werden.

John Corabi: Ich arbeite nicht in einer Fabrik, ich mache keine manuelle Arbeit. Ich liebe meinen Job, ich bin gern im Studio und ich liebe es auf Tournee zu gehen. Ich sehe das nicht wirklich als Arbeit. Ich bin gesegnet mit meinem grandiosen Job.

Es ist also keine Belastung?

John Corabi: Nein. Außerdem haben wir keine Zeit zu verlieren. Wir gehen mir rohen Ideen und einigen Riffs ins Studio, keiner hat fertige Songs. Es wird darauf los gespielt. Eineinhalb Monate später ist alles fertig. Raus damit und auf Tour. Let’s do it!

War es durch die diversen Umbesetzungen schwierig, eine Kontinuität zu bewahren? Oder heißt es jedes Mal: Zurück zum Start?

John Corabi: David, Marco und ich sind seit 2015 dabei. Es war ein Unglück für uns, aber ein Glück für Dizzy und Richard, dass Guns N‘ Roses angerufen haben und sie mit ihnen auf Tour gegangen sind. Sonst wären sie noch immer dabei. Also haben wir Doug in die Band genommen. Er ist ein unglaublich guter Gitarrist und Performer. Das war nur ein Monat vor den Aufnahmen zur Platte, er hatte ein paar Wochen Zeit, sich unsere Sachen anzuhören. Als er ins Studio kam, war er bestens vorbereitet und hat einige erstaunliche Riffs abgeliefert. Ähnlich war es mit Deen. Er ist ein ausgezeichneter Drummer und hatte sich sofort auf uns eingestellt und war beim neuen Album auch beim Schreiben der Songs mit einbezogen. Es gab wegen der Umbesetzungen also keinerlei Verzögerungen.

Wenn alles rasch passiert und aus dem Bauch kommt, ist das doch ein gutes Zeichen?

John Corabi: Yeah! Wenn man dem Bauchgefühl folgt, wird alles viel ehrlicher als wenn man es konstruieren muss. Wir denken nicht über jede Note Monate lang nach, nehmen auf, verwerfen Songs wieder und beginnen von neuem. Wenn wir eine Idee haben wird sie festgehalten, ich schreibe den Text und die Vokalharmonien und wir nehmen auf.

Wurde der Track „You Can’t Take It With You“ von den zahlreichen Todesfällen im Rock-Biz inspiriert?

John Corabi: Es gibt dieses Sprichwort, dass du nichts mitnehmen kannst wenn du stirbst. Amerikaner sind sehr obsessiv, wenn es um Materielles geht. Menschen werden nach der Größe ihres Hauses beurteilt und nach dem Preis ihres Autos. Das macht aber keinen großen Sinn. Geld kann niemals Glück kaufen. Wir sprechen in dem Song über Autos, Yachten, Penthouses voll mit Mädchen und im Refrain singe ich: „Das kannst du zwar alles haben, aber du kannst es nicht mitnehmen.“

Eine Altersweisheit?

John Corabi: Das lernt man mit zunehmendem Lebensalter, ja. Ich habe Freunde, die sehr, sehr reich sind. Wenn ich sie treffe, dann haben sie immer Sorgen wegen der Kohle. Mehr Geld schafft mehr Probleme.

In einem Jahr wirst du 60. Deine Gedanken dazu?

John Corabi: Ich fühle mich mit meinem Leben sehr gesegnet. Ich hatte nie einen Job, ich habe immer Musik gemacht und es gibt keinen Grund sich zu beschweren. Jetzt werde ich bald 60, mache noch immer Musik und Platten, und das nach 35 Jahren. Menschen kommen noch immer zu den Shows und ich habe jede Menge Spaß. Solange ich gesund bin, ist 60 nur eine Zahl für mich. Ich habe tolle Kids, eine wunderschöne Frau, The Dead Daisies und zudem eine großartige Solo-Karriere. Was will ich mehr? Life is good in John Corabi-Land! 60 ist das neue 30, Bro.

Du bist mit den Dead Dasies vor US-Truppen in Südkorea aufgetreten. Was war die Motivation?

John Corabi: Wir wollte das machen und unser Management hat das dann eingefädelt. Es ist normal, dass Bands hinfliegen und für die Jungs spielen. Das war ziemlich interessant. Eine der Basen war direkt an der Grenze und wir konnten über die Grenzmauer bis nach Nordkorea sehen. Wir standen auf der Mauer in Südkorea und in der Ferne sahen wir die andere, die von Nordkorea, dazwischen Niemandsland. Das war eine extrem intensive Erfahrung. Die Jets, die Panzer und die militärische Ausrüstung zu sehen war … eben eine sehr intensive Erfahrung.

Der Großteil der Welt lacht darüber, was gerade in den USA vor sich geht, man ist besorgt, irritiert. Kannst du uns erklären, was da gerade abgeht?

John Corabi: Es gibt viele großartige Dinge, die ich an Amerika liebe. Ich habe, im Gegensatz zu den meisten Amerikanern, die Möglichkeit viel zu reisen. Ich sehe, wie Österreich Probleme löst, wie es Deutschland oder Frankreich tut. Man muss aber verstehen, dass die Staaten in Europa zum Teil tausende Jahre Geschichte hinter sich haben. Die Vereinigten Staaten gibt es gerade einmal 250 Jahre, seit der Unabhängigkeitserklärung 1776. Wenn ich mir Amerika ansehe, dann sehe ich einen Teenager, wenn ich die Analogie verwenden darf, einen 13jährigen. Kleine Kinder beginnen zu lernen wie man aufrecht steht, wie man geht und wie man spricht. Dann kommt der eine Zeitpunkt, an dem die Pubertät beginnt. Dann wissen diese Kinder alles besser. Sie hören nicht zu, sie wollen alles auf ihre Art und Weise erledigen, es ist eine überhebliche Besserwisserei. Das alles sehe ich derzeit in Amerika. Wir kennen aber nicht alle Antworten, wenn wir jung sind. Amerika ist ein gespaltenes Land. Gespalten wegen der Waffengesetze, wegen unseres Präsidenten und vielem mehr. Das wird solange so bleiben bis wir erwachsen sind und gelernt haben, miteinander zu reden. Derzeit sind wir aber der pubertierende, besserwissende Teenager der Welt.

„Burn It Down“ erscheint am 6. April, The Dead Daisies spielen mit The New Roses im Vorprogramm am 29. April live in der Wiener SiMM City. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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