Scorpions: Ehrenrunde bei MTV

Drei Jahre lang zieht sich die Abschiedstournee der erfolgreichsten Rock-Band Deutschlands schon hin und derzeit ist kein Ende in Sicht. Für das nächste Jahr sind weitere Farewell-Konzerte geplant und jetzt gab es endlich ein MTV Unplugged samt dazugehörigem Album mit den Altherren des Hardrock. TICKET erwischte Gitarrist Rudolf Schenker kurz vor der TV-Premiere und plauderte über die Produktion, die Aufnahmen in Griechenland, wo vor allem Kanzlerin Merkel einen schlechten Ruf hat, und den historischen Welthit Wind Of Change, der jetzt ein guter Soundtrack für die Proteste in der Ukraine wäre.

Diese Tage kam das MTV Unpluggged-Album auf den Markt, aber akustisch zu spielen ist für euch ja nichts wirklich Neues. Was war an dem Projekt mit MTV so reizvoll?

Rudolf Schenker: Es war etwas ganz Besonderes, vor allem wenn du davon ausgehst, dass wir eigentlich langsamer machen wollten. Wir wollten 2013 zwar noch einige Dinge machen, die zur Farewell-Tour nicht ganz gepasst haben, das waren die Konzerte in den baltischen Staaten und Finnland. 2014 kommen dann Spanien und Portugal dran. Da die Jugendarbeitslosigkeit so hoch war, dachte der Veranstalter, dass er niemals die Tickets verkaufen könnte. Da hat er sich aber getäuscht, denn die waren in wenigen Stunden weg.

Zurück zu MTV Unplugged

Rudolf: Die haben bereits in den späten 80er Jahren bei uns angefragt, aber da waren wir ständig unterwegs und haben Platten rausgebracht. Die Angebote, ein MTV Unplugged zu machen, waren zeitlich nicht möglich. Deswegen ist es umso schöner gewesen als wir im Jänner den Anruf bekamen, dass MTV das jetzt realisieren will. Natürlich haben wir gleich euphorisch Ja gesagt. Anderseits gibt es das Acoustica-Album und wir wussten nicht, wie das zusammenpassen könnte. Wir wollten nicht die gleichen Sachen noch einmal spielen. Also haben wir unserem schwedischen Produzententeam unseren Back-Katalog gegeben und ihnen überlassen, welche Titel sich für ein Neuarrangement eignen. Songs aus den 70er, 80er und 90er Jahren, die wir kaum live gespielt haben.

(c) Torsten Hilse

(c) Torsten Hilse

Aufgenommen wurde es in Griechenland und nicht wie üblich im MTV-Studio. Weshalb?

Rudolf: Wir konnten sie überzeugen, dass wir nicht vor 250 Zuschauern spielen, die im Schneidersitz am Boden hocken. Wir wollten eigentlich unter der Akropolis unter freiem Himmel spielen. Wir haben uns später dann entschieden, das Konzert auf dem höchsten Berg in Athen und nicht unter der Akropolis zu geben, in einem aus dem Stein gehauenen Amphitheater, wo wir bereits elektrisch gespielt haben. Über den Dächern Athens. MTV machte dann eine Ausnahme. Auch deshalb, weil die Nachfrage nach der Show weltweit enorm war. Die gesamte Konzeption war für uns ein Leckerbissen, den wir gerne angenommen haben, obwohl wir eigentlich ein bisschen Pause machen wollten.

War die Umsetzung Business as usual?

Rudolf: Das war eine riesige Herausforderung. Wir wollten die Lieder nicht einfach nur für Akustikgitarre umbauen, sondern mit Open Tunings, mit verschiedenen Gitarren und Instrumenten arbeiten. Wir haben ein paar Leute dazu genommen, mit vier, fünf Akustikgitarren gearbeitet, mit Harmonika, Sitar, Klavier und Percussion. Wir mussten 22 Titel neu erarbeiten, die im Arrangement so anders waren, dass ich alles, was wir schon mal gespielt hatten, neu lernen und ganz umdenken musste. Ich musste mich auf ganz neue Griffe einstellen, da ist mir schon manchmal der Kragen geplatzt. Das Setting in Athen war natürlich auch toll, die Geburtsstätte der Demokratie. Außerdem hatten wir 18 Musiker aus neun Nationen dabei. Aus Russland, Polen, den USA, Deutschland, Dänen, Schweden, Norweger und und und. Das war eine tolle Möglichkeit aufzuzeigen, dass Musik eine internationale Sprache ist, die Menschen aus unterschiedlichen Ländern sofort zusammenbringt. Das hat so einen Spaß gemacht. Es war ein richtiges Happening!

Musik als Friedensbotschafter also?

Rudolf: Genau. Deshalb habe ich vorgeschlagen, dass Politiker als Grundlage, bevor sie anfangen, mindestens ein Instrument erlernen. Menschen die Musik machen und ein Instrument spielen, treffen Entscheidungen ganz anders, da die beiden Gehirnhälften anders vernetzt werden.

Habt ihr etwas davon gemerkt, dass die Griechen Angela Merkel die Hauptschuld an der Krise in ihrem Land geben?

Rudolf: Unsere Scorpions-Fans haben Musik und Politik in keiner Weise vermischt, die Atmosphäre war genial. Wir haben die politische Situation verfolgt, wir haben die Schweinereien, die passiert sind, mitbekommen und gehofft, dass unsere Fans davon nicht angesteckt werden. Es war eine tierische Atmosphäre, a magic moment. Das ist das Schöne an der Musik, man vergisst alles andere.

Apropos magic moment. Wie fühlt es sich an, mit Wind Of Change den Soundtrack zu einem der wichtigsten Ereignisse der Geschichte geschrieben zu haben? Auch nach beinahe 25 Jahren scheint es, als ob der Song immer mehr Bedeutung bekommt.

Rudolf: Die Geschichte war wie bei der Bambus-Pflanze. Erst wird der Samen geworfen, dann kommt das Wurzelwerk, das sich im Boden wie wahnsinnig verstrickt und dann schießt das ganze Gebilde wie von Geisterhand nach oben. Und so war es auch mit Wind Of Change. Ich kann mich noch gut erinnern, dass die Vorarbeit schon in den frühen 80ern begann. Da wollte ich unbedingt in Russland spielen und jeder hat mich für verrückt erklärt. Bei Monsters Of Rock in Ungarn erklärte uns der Veranstalter, dass es dort gar keinen Eisernen Vorhang mehr gibt. Und, dass es in Russland jetzt Perestroika und Glasnost gibt und einen Michail Gorbatschow, den er persönlich kennt. So kam es, dass wir in St. Petersburg, das damals noch Leningrad hieß, zehn Konzerte gespielt haben. Ein Jahr später kam das Music & Peace-Festival, da konnte man den Umbruch schon erkennen. Klaus hatte dann die Idee zu dem Song auf einem Boot, das uns vom Ukraina-Hotel zum Gorki Park Center in Moskau gebracht hat. Der Titel kam zum richtigen Zeitpunkt für die wohl wichtigste und friedvollste Revolution, die wohl je auf Erden stattgefunden hat. Klar wird der immer größer. Der Wunsch nach Friede und die Hoffnung, dass die Menschheit eine bessere wird, wird immer existieren.

Könnte Wind Of Change bei den Protesten in der Ukraine wieder passen?

Rudolf: Klar. Für jede Situation die sich festgefahren hat, in der die Menschen nach Freiheit rufen, passt das. Bei unserem Konzert vor zwei Jahren in der Ukraine war auch die Tochter von Julia Timoschenko auf der Bühne, obwohl wir eigentlich keine politischen Statements machen. Wind Of Change ist ein Soundtrack für die Hoffnung auf eine bessere Welt, Wind Of Change passt zu jeder Freiheitsbewegung.

Sendetermine MTV Unplugged mit den Scorpions:

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  • 01.12. ab 12:10 Uhr: VIVA ‘Scorpions MTV Unplugged’
  • 06.12. ab 01:10 Uhr: VIVA ‘Scorpions MTV Unplugged’
  • 18.12. ab 15:50 Uhr: VIVA ‘Scorpions MTV Unplugged’
  • 20.12. ab 03:30 Uhr: VIVA ‘Scorpions MTV Unplugged – Unplugged Night

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