The Tiger Lillies – Lulu

Die Klassik außen vor gelassen, nahm sich die musikschaffende Kunstwelt dem kompletten Lulu-Stoff erst einmal an: In Kollaboration mit  Metallica durchschritt Lou Reed selig 2011 den Stoff nach Frank Wedekind. Drei Jahre später heißt es: Vorhang auf für das britische Kollektiv The Tiger Lillies.

 

Frank Wedekind, deutscher Schriftsteller des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sieht in seiner Figur der Lulu, die in seinen Tragödien Erdgeist (1895) und Die Büchse der Pandora (1902) ihre Hauptrolle spielte, eine “schrankenlose Entfaltung” und beschreibt ihren Auf- und Abstieg von “extremer Steilheit in beide Richtungen” geprägt. Die Lulu, sie war sein Hauptwerk und Lieblingskind.

Erdgeist thematisiert den gesellschaftlichen Aufstieg der Lulu, eines freizügigen Mädchens, das mit seiner Schönheit und geschickter Manipulation ihre Umgebung – bevorzugt natürlich die Männerwelt – in ihren Bann zieht. Martyn Jacques (The Tiger Lillies) singt über des Mädchens Qualitäten, wenn es im Auftakt zu Gates Of Hell heißt: “Use your hips, use your legs, use your arse. Make them love you, make them laugh. You’ll take them down to the very gates of hell”.

Lulus Geschichte beginnt auf der Straße; Dort treibt sie sich mit ihrem angeblichen Vater, dem Kleinkriminellen Schigolch, herum (“Daughter, daughter, daughter dear, sell your body that is clear!”). Der reiche Verleger Dr. Schön trifft auf sie, ist eingenommen und nimmt sie in seine Obhut, erzieht sie und macht sie freilich zu seiner Geliebten. Als sich ihm die Chance eröffnet, sich mit einer gesellschaftlich besser gestellten Dame zu verloben, verheiratet er Lulu kurzerhand an den Medizinalrat Dr. Goll.

Das Glück Golls währt jedoch nur kurz: Den Maler Schwarz, der sie auf ihres Gatten Wunsch porträtieren soll, verführt sie, wird aber von Dr. Goll in flagranti erwischt. Ihn trifft der Schlag, der Maler heiratet Lulu, die nach wie vor die Geliebte von Dr. Schön ist. Als Schwarz über Lulus lasterhaftes Treiben aufgeklärt wird, guillotiniert er sich mit einer Rasierklinge selbst. Darüber nicht sonders erschüttet, überzeugt Lulu Dr. Schön, seine Verbindung zu lösen und heiratet nun ihn, betrügt aber auch ihren dritten Gatten nach Strich und Faden. Als sie von ihm zur Rede gestellt und genötigt wird, sich selbst hinzurichten, richtet sie statt dessen ihn hin – und wird dafür eingekerkert. Doch die Gefangenschaft – Vorhang auf für Die Büchse der Pandora – wehrt nur kurz, wird sie von der in sie verliebten lesbischen Gräfin Geschwitz aus dem Arrest befreit und flieht mit ihrem unterwürfigen Anhang “to gay Paree”, nach Paris.

Lulu Tom AbererDort angekommen heiratet sie Dr. Schöns vermögenden Sohn Alwa und führt ein Luxusleben. Auch in Paris lässt sie sich umwerben (Jacques: “You’ve got to make a living and fuck any man”), wird aber auch von ehemaligen Liebhabern erpresst. Als sie ihren vermeintlichen Vater zum Mord an einem dieser, dem Athleten Ridrigo Quast, anstiftet, muss sie vor der Polizei aus Paris fliehen und taucht in London unter, wo sie als Prostituierte (“sunk to the very lowest branch of your profession, so to speak going back to where you started”) den Lebensinhalt für sich und die verbliebene Anhängerschaft Alwa, Schigolch und die ihr sklavisch ergebene Gräfin Geschwitz verdient. Wie das Unglück so spielt, holt sie sich dabei wohl nicht nur Krankheiten, sondern auch einen unliebsamen Kunden ins Haus: Jack The Ripper. “Hey Jack, were you sexually excited to kill a whore? Or was it for God performed as a chore?”, fragt Martyn Jacques und resümiert: “So, little bird, you’re a victim of a beast’s lust. Lust it killed you as into you he thrust.”

Von Lulu Reed zu Martyn Jack

Sowohl Reed, exzentrischer Vorzeigeavantgardist, als auch Metallica, dereinst gewissermaßen das Adjektiv zu “Metal”, erlebten die obig angesprochene “schrankenlose Entfaltung” von Lulu hautnah selbst, und arbeiteten ebenfalls stetig in eigener schrankenloser Entfaltung an ihrem “Auf- und Abstieg von extremer Steilheit in beide Richtungen”. Gekostet hat dies zumindest Metallica bereits ausreichend Renommee, die Demontage schreitet zügig voran. Hinsichtlich Lou Reed: “De mortuis nil nisi bene”. Ihr Lulu war bar jedweder Dramaturgie schief gespielt und quer rezitiert, vielleicht ein Kollektivtrauma, definitiv aber keine “Progkunst”. War die Lulu der Jahrhundertwende eine Tragödie “in fünf Aufzügen und einem Prolog”, so war die der Jetztzeit ebenfalls eine, allerdings nur mit einem Abgesang.

Lulu 2 Tom AbererMartyn Jacques, Kopf des britischen Kollektiv der The Tiger Lillies, dreht den Spieß gekonnt um. Hierzulande durfte man sich von den theatralischen wie musikalischen Qualitäten bereits mehrfach überzeugen, in Produktionen wie Freakshow unter anderem im Rahmen des Winterfests Salzburg und mit Woyzeck gebucht von den VBW ins MuseumsQuartier. Aber auch Die Weberischen, 2006 uraufgeführt und mit dem Orchester unter der Leitung von Christian Kolonovits, sind noch in bester Erinnerung, eine Kolloboration, die jener von The Little Match Girl (Odeon Theater) nachfolgte. Blickte man auch über die Landesgrenzen hinaus, konnte man auch in die Genüsse von Here I Am Human (Archa Theatre, Prag), The Rime Of The Ancient Mariner (La Maison de la Musique, Nanterre) oder auch Hamlet (Republique Theatre, Kopenhagen) geraten.

Lulu – A Murder Ballad ist nun das neueste Stück im reichen Katalog des nihilistischen Trios. In Auftrag gegeben und produziert wurde das Stück von der Opera North in Leeds, für das Bühnensetting zeichnete erneut Mark Holthusen verantwortlich, der unter anderem auch schon den Ancient Mariner verantwortete. The Tiger Lillies selbst steuern (nebst ihrem “erzählerischen” Auftreten auf der Bühne) 17 brandneue Stücke zuzüglich einem Cover von Cole Porters My Heart Belongs To Daddy bei.

Martyn Jacques stellt sich hierauf in Begleitung von Adrian Stout, Mike Pickering und David Coulter der Frage, ob Lulu ein tragisches Opfer des Patriarchats war oder ein rächerisches Biest, das sich auf die Banner geheftet hat, alle Männer in den Abgrund zu reißen – und lässt diese Frage bewusst unbeantwortet. “Ihr ungezügelter Sex-Appeal, ihre Jugend und ihr Trieb nach Selbstzerstörung”, so verlautbart der Pressetext, “lässt Lulu zu einem interessanten Charakter werden, der Gefahr, Tragik und Unberechenbarkeit vereint”. Martyn Jacques weiß aber über die Entstehung ihres neues Werkes von “dunklen Orten” zu berichten, in welche er im Schreibeprozess gesogen wurde: “Alle Figuren des Stückes sind überaus grotesk, sie verströmen zwangsweigerlich eine faulige Luft, die du bei der Auseinandersetzung einatmen musst. Und doch habe ich eine überaus tiefe Sympathie für Lulu entwickelt, hat sie doch sehr wenig Wahl ob dessen, was ihr geschieht.”
Wer, wenn nicht die The Tiger Lillies, sind geeignet, um mit Falsett-Gesang und britischem Humor angereichert, irgendwo zwischen Smooth-Jazz, surrealem Vaudeville und groteskem Weimarer Cabaret zu einer Höllenfahrt in jenen Charakter zu laden, dabei aber fragil und zerbrechlich wie das weibliche Wesen aller Härte zum Trotz auch? Nicht umsonst negiert Martyn Jacques jedwede stilistischen Einordnungen und verortet sich selbst im “Death Oompah”.

Lulu CDMit ihrer neuen Murder Ballad folgen The Tiger Lillies Lulu von Berlin nach Paris und schließlich nach London, und während nun das Stück durch England tourend bereits von namhaften Feuilletons überschwängliche Kritiken einfährt, muss man sich hierzulande noch mit der CD-Aufnahme begnügen. Aufforderungen der Presse, man möge doch für ein Ticket töten, sollten aber Grund genug sein, Lulu auch aufs europäische Festland zu holen. Allein das reduzierte Erlebnis, die Musik, erschafft herrlich makabre, düster Bilder vor Augen – wie mag es dann erst live, auf Bühne, im Theater, mit der grazilen Laura Caldow (The Royal Ballet) als Lulu sein? Wohl ein fesselndes, kompromissloses Melodram! “Wir, das Publikum, sind in einer süß-ranzigen Atmosphäre der Korruption und Verzweiflung aufgehängt. ‘Fabelhaft’ findet hier seine wahre Bedeutung”, urteilt Ray Brown vom British Theatre Guide und folgert, dass Wedekind seine Lulu vorwegnehmend auf The Tiger Lillies zugeschnitten haben muss. Anders lässt sich diese hypnotische Reise in eine längst vergangene Zeit nicht erklären: “Einmal gehört, niemals vergessen. Einmal gesehen, niemals vergessen.”
Izzy Brittain vom West Yorkshire Theatre Network wiederum urteilt: “Die The Tiger Lillies präsentieren dysfunktionale Beziehungen, Kinderprostitution, Missbrauch und eine Vielzahl an anderen Traurigkeiten in einem unrühmlichen Drecksumpf. Wie sie dies schaffen, ohne dabei das Publikum vollends zu deprimieren, ist ein Wunder – aber die Tatsache bleibt: Ich habe den Saal mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen.”

 

 

Leeds war rasch ausverkauft, aktuell erfreut man sich Begeisterungsstürmen in Manchester, Newcastle folgt zu Monatsende. Hoffen wir, beten wir, beknien wir die Lillies, das nach einem Intermezzo in Neuseeland und Australien Lulu eine Reise tut, und zwar von London über Paris nach Berlin, und schließlich, bittesehr, auch nach Wien. Martyn, du weißt doch: Du kannst das Morden nicht lassen.

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