The Tiger Lillies

Jene Lilien setzen Sie am besten nicht in eine Vase, sofern Sie nicht wollen, dass das Wasser kippt – denn das britische Trio rund um den überaus nihilistischen Mastermind Martyn Jacques fühlt sich im lieblichen Umfeld alles andere als wohl. Viel lieber ist ihnen eine verquere, verdrehte, abstruse Welt, in der Tod und Verderben regieren. Aus dem Humus von Brecht und Weill sowie dem Soho der 80er erwuchs etwas, dass sie selbst als Satanic Folk Music und Death Oompah bezeichnen. Was dies ist? Lesen Sie selbst!

Woher kommt der Name „Tiger Lillies“ eigentlich?

Martyn Jacques: Die eigentliche Inspiration kam von Bildern an der Wand meines Zimmers, auf denen Blumen – eben Feuerlilien – abgebildet waren. So dachte ich eines Abends, wenn schon ein Name, dann eben The Tiger Lillies. Außerdem, wenn mich nicht alles täuscht, gab es einmal ein leichtes Mädchen in Linz, die stets Gewand trug, das dieses Tigermuster hatte – ich glaube, man nannte sie auch so.

Leichte Mädchen und liebliche Blumen – dieses beinahe zärtliche Wechselspiel, das bei den Tiger Lillies zuhauf zu finden ist …

Martyn: Genau – allein der Name schon, Tiger sind ja doch nicht unbedingt Schmusekätzchen, während Blumen doch irgendwie ganz schön sind!

In welchen Untiefen triebst du dich eigentlich vor jenem inspirierenden Moment herum?

Martyn: Oh, ich verkaufte Drogen und am Markt hatte ich auch einen Stand. Nebenbei lebte ich in Soho und arbeitete daran, Musiker zu werden, indem ich die Nächte in billigen Absteigen mit Säufern, Junkies und Prostituierten verbrachte. Eigentlich verbrachte ich einen Großteil meiner Zwanziger mit Transvestiten, wenn ich jetzt so darüber nachdenke … Diese Zeit, dieses zwielichtige London der frühen Achtziger, war wohl dann die größte Inspiration für das, was die Tiger Lillies ausmacht – freilich neben der Dreigroschenoper von Brecht und Weill, oder auch fantastischen Künstlerinnen wie Edith Piaf, die ja auch das Straßenleben besang. Die Tiger Lillies sind wohl eine Rap-Band mit Akkordeon, auch wir singen über die Straße, Drogen und Nutten – yo!

Es fällt auf, dass du gewissermaßen gleichbedeutend zur Band stehst, es sind „deine Songs“ basierend auf „deiner Inspiration“. Sind die Tiger Lillies dann überhaupt eine Band, oder ein Kollektiv – oder eher so etwas wie Batman mit zwei Robins?

Martyn: Ich schreibe zwar die Texte, die Musik – aber dennoch sind wir zweifelsohne das, was man landläufig als „Band“ bezeichnet. Immerhin geht es auch um das gemeinsame Spielen, und Adrian Huge spielt nun schon seit mittlerweile 23 Jahren mit mir, Adrian Stout immerhin schon seit 19 Jahren.

Aber sie nehmen keinen kreativen Teil der Band ein?

Martyn: Doch, du kannst dir das bei den Tiger Lillies so vorstellen, dass der Song an sich zwar aus meiner Feder stammt, sie sich aber in jenem Rahmen selbst künstlerisch frei entfalten können – ähnlich wie beim Jazz mich gewissermaßen interpretieren. Sie sind also definitiv nicht Robin und Robin, sondern Adrian und Adrian!

Wie würdest du das Konzept der Tiger Lillies grob umschreiben, welche Emotionen ruft ihr – denkst du – im Publikum hervor?

Martyn: Ich versuche, es sowohl zum Lachen wie auch zum Weinen zu bringen – ich mag das Wechselbad der Gefühle. Die Tiger Lillies kann man wohl mit einer Achterbahn vergleichen, mit einer ziemlich vulgären, stellenweise.

Glaubst du, dass mittlerweile der Begriff „Kult“ bei euch angebracht wäre?

Martyn: Es ist keine große Errungenschaft, in den Kultstatus erhoben zu werden – und daher sind wir definitiv kultig!

Abgesehen vom Kultfaktor – wie würdest du einem Außenstehenden die Tiger Lillies schmackhaft machen, verdeutlichen, was einen erwartet?

Martyn: Eher zurückhaltend, Erklärungen widerstreben mir eigentlich. Freilich wirst du, beispielsweise am Flughafen, wenn es offensichtlich ist, dass du Musiker bist, darauf angesprochen, was für einen Stil du spielst – und wir haben da ein ganz witziges System entwickelt, möglichst schnell wieder Abstand zu gewinnen, uns aus einer Stildiskussion herauszuwinden. Im Normalfall spielen wir dann „Satanic Folk Music“ oder „Death Oompah“, in Analogie zum Death Metal, der ja in der breiten Masse auch einen sehr großen Zustrom, eine Akzeptanz hat … Viele Journalisten bezeichnen uns als Cabaret, in Anlehnung an Brecht und Weill, aber dies trifft den Nagel weder hier wie dort wirklich auf den Punkt, wir sind theatralischer. Wir sind nicht Liza Minnelli!

Weil du das Theater angesprochen hast – die Tiger Lillies sind ja sowohl als Einzelact wie auch im Rahmen von Theaterproduktionen, wie beispielsweise der Freakshow und Woyzeck letztens in Österreich, zu sehen. Siehst du da in eurer Bühnenpräsenz Unterschiede?

Martyn: Geringe vielleicht, ja – nachdem sich einfach die Anzahl an Interaktionsfaktoren erhöht. Bei den Tiger Lillies allein interagiere ich mit beiden Adrians, im Rahmen einer Theaterproduktion direkt oder indirekt auch mit den Darstellern. Es ist beides Theater – oder theatralisch –, ein tatsächliches Stück hat vielleicht noch etwas mehr Ebenen als die Band allein …

Was mir aufgefallen ist – euer Theaterpublikum weicht vom Konzertpublikum hinsichtlich Alter und auch sozialem Status ab, könnte man somit attestieren, dass die Lillies nicht ein Publikum bedient, sondern diverse?

Martyn: Wir bedienen definitiv ein breites Zielpublikum, das hat aber glaube ich weniger mit unserem Programm an sich zu tun, als mit dem Spielort selbst. Allein wenn du Wien hernimmst – wir hatten bisher in der ((szene)) jüngeres, soeben im StadtTheater älteres Publikum.

Was wäre jener historische Moment und Platz, an dem du gerne mit den Tiger Lillies aufgetreten wärst?

Martyn: Vielleicht bei der Französischen Revolution? Hierfür wäre es durchaus interessant, einen geeigneten „Soundtrack“ zu schreiben … Wobei die heutige Zeit eigentlich dunkel genug ist, also sparen wir uns vielleicht besser den Aufwand und konzentrieren uns auf das Hier und Jetzt!

Woher kommt eigentlich diese Lust und Faszination am Makabren?

Martyn: Simples Ausschlussverfahren – alles andere interessiert mich nicht sonders! Popmusik zu schreiben, mit „Hitfaktor“ und Texten über Liebe und hübsche Hintern, das ist für mich abstoßend. Das Dunkle hat mich schon immer angezogen, egal in welcher Kunstform – von Filmen über Literatur bis hin zur bildenden Kunst. David Lynch ist hier ein perfektes Beispiel, der sich stets in einem Wirbelwind aus dem Makabren und Bizarren bewegt. Statt Mainstream interessieren mich düstere, abstruse, perverse Welten, Welten, die nicht einer üblichen Vorstellung vom Sein und Nichtsein folgen. Unbehaglichkeit ist für mich ein Wohlgefühl, und wenn auch du dich unbehaglich fühlst, dann fühle ich mich glückselig. Habe ich mein Ziel erreicht?

Zumindest hätte ich nicht übel Lust, heute nach eurem Auftritt abstruse sexuelle Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen …

Martyn: Ich begleite dich!

Es scheint, als wärst du überaus literaturaffin. Würde dich diese Kunstform selbst auch interessieren?

Martyn: Ich habe zumindest schon mit meiner Autobiographie angefangen – damit sich der Kultstatus der Tiger Lillies noch etwas erhöht … Ansonsten konzentriere ich mich, auch wenn durchaus Interesse da wäre, einen Roman zu schreiben, auf meine Musik, und nebenbei bleibt nicht mehr viel Platz für andere Beschäftigungen. Zudem glaube ich, dass ich in der Kurzform des Musikstückes besser bin, als in der Langform.

Mittlerweile habt ihr schon mit einigen Autoren kollaboriert respektive deren Texte neu interpretiert, sei es Büchner, Shakespeare, Hamlet und natürlich Gorey. Welche Autoren siehst du noch als geeignet an, sie in das Universum der Tiger Lillies einzuweben – Kafka, Huysmans und Dante beispielsweise?

Martyn: Evelyn Waugh ist stets einer meiner Favoriten gewesen, sehr düster und ein immens schwarzer Humor. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, ich bin nicht überaus literaturaffin – aber Charles Bukowski amüsiert mich immens, seine Themenwelten würden beispielsweise hervorragend mit meinen Vorstellungen harmonieren. Es lebe der Wahnsinn, das Zwielicht!

Wie kann man sich die Entwicklung einer Theaterproduktion wie Woyzeck, oder kürzlich Rime Of The Ancient Mariner und Hamlet vorstellen? Sind dies Auftragsarbeiten oder gehst du die Theater an und verkaufst ihnen deine Ideen?

Martyn: Sowohl als auch, wobei ich überwiegend kontaktiert werde und gefragt werde, ob mich diese oder jene Bearbeitung interessieren würde. Der Ancient Mariner beispielsweise war meine Idee, Hamlet wiederum eine Auftragsarbeit.

… und für dich sicher auch eine andere Herausforderung, etwas, das schon mehrfach auf mannigfaltige Art und Weise erzählt und interpretiert wurde, neu und wiederum anders zu bearbeiten.

Martyn: Durchaus! Insbesondere, wenn man zum Beispiel Shakespeare selbst nicht wirklich leiden kann – er ist mir zu bourgeois. Da ist es natürlich umso interessanter, die eigene Note einzuweben. Hamlet ist jedoch herrlich düster …

Ähnlich wie auch Macbeth. Jenes Stück hätte vielleicht noch einen Tick besser mit den Tiger Lillies harmoniert.

Martyn: Absolut! Aber was noch nicht ist, kann noch werden!

Eine Option für die kommende Saison im Shakespeare Globe?

Martyn: Ich glaube, die sind noch nicht bereit für die Tiger Lillies, das Shakespeare Globe ist zu traditionell und zu verhaftet im „Original“ – aber vielleicht bekommen sie in naher Zukunft einen aufgeschlosseneren künstlerischen Leiter, der sich auch auf die andere Seite begeben würde …
2007 interpretierten wir für das International Festival Edinburgh Claudio Monteverdi, das Publikum war „klassische Interpretationen“ gewöhnt und du kannst dir vorstellen, dass unsere Umsetzung mehr Verwirrung stiftete, denn gefiel. Aber sowas kommt vor, dass du für Auftritte, für ein Publikum gebucht wirst, deren Geschmack du nur bedingt triffst. Einmal spielten wir auch auf einer Taufe – wir waren wohl als „schlechter Scherz“-Act gedacht, gewissermaßen das, was ein Polterabend vor der Hochzeit ist.

Hattet ihr auch schon Zensurprobleme? Textlich steht ihr in manchen Ländern kontrovers diskutierten Künstlern ja kaum nach …

Martyn: Wir bekamen Hausverbot in einigen Locations. In London gibt es zum Beispiel die Union Chapel, in der öfters berühmte Künstler auftreten – von Amy Grant über Glen Hansard bis zu Opeth. Aber wir waren ihnen dann anscheinend doch zu kontrovers – oder zu wenig kultig.
Auch in Deutschland flogen wir einmal aus einer Kirche raus – freilich stellt sich die Frage, wieso man eine Band in eine Kirche bucht, die singt: „I’m crucifying Jesus, in my piss he bathes.“ Aber bekanntlich sind die Wege des Herrn oft unergründlich.

Apropos Kirche – was ist Himmel, was Hölle?

Martyn: Adrian, was meinst du?
Adrian Stout: Edinburgh im Regen, das ist Hölle.
Martyn: Insbesondere, wenn du über ein Monat hinweg allabendlich in einem Zelt spielen musst, während der Regen gegen das Zelt peitscht. Die Hölle brennt nicht, in der Hölle verschlingen dich die Fluten! Im Himmel wärmt dich das Strahlen Gottes, während du auf einer Wolke genüsslich an einem Glas Wein nippst. Also eigentlich bist du gerade im Himmel …

Nun, mein Herr, so sage mir: Wie sieht es mit den sieben Todsünden aus – sind jene heute noch aktuell, oder müsste man sie heute umschreiben, in „Du sollst nicht mein Facebook-Update ignorieren“?

Martyn: Ich glaube, man kann die Todsünden auch heute noch als durchaus aktuell bezeichnen – sie sind ja in ihrem Rahmen interpretierbar. Lust, das gibt es heute wie dereinst zuhauf, ebenso Zorn – die Menschen ändern sich nicht, zumindest nicht fundamental. Was heute auf Facebook passiert, passierte früher eben zwischenmenschlich, direkt. Freilich müsste man hinterfragen, ob die Sünde überhaupt eine Sünde ist – wie so vieles ist auch dies Ansichtssache. Ist das Christentum nicht selbst schon eine Sünde, und zwar eine immense?

Apropos Lust – was macht Sex in unserer sexuell aufgeheizten Gesellschaft noch spannend?

Martyn: Wir sind mit David, dem Besitzer von Torture Garden in London, gut befreundet – der könnte dir durchaus einige Möglichkeiten zeigen, wie man die Sache etwas abenteuerlicher gestalten kann. Du kannst dich während des Geschlechtsverkehrs auf Haken aufhängen lassen, Bondage ist zwar schon fast gewöhnlich, aber immer noch ein interessantes Thema. Perversion ist gesund, Grenzen oder ein Verstellen nicht.

Wie würdest du den Ausspruch „The world is a dead carcass and the purpose of human beings is as maggots.“ interpretieren?

Martyn: Jetzt bist du schon genau so negativ wie ich, das gefällt mir (lacht)! Schön nihilistisch, das bringt sogar mich zum Lachen! Aber im Grunde trifft diese Aussage wohl den Kern der Wahrheit und ist auch eine treffende Umschreibung der Welt der Tiger Lillies.

Was sind deine Lieblingsplätze in London?

Martyn: Im Grunde kann ich London nicht mehr ausstehen, Soho in den Achtzigern war sehr inspirierend, aber auch das hat sich stark verändert. Heute ziehe ich Berlin vor, Berlin ist mein neues Soho. Ich war kürzlich im Picasso-Museum in London, das wäre wohl der einzige Platz hier, wo ich heute noch gern meine Zelte aufschlagen würde, direkt unter Picasso’s Man in a Bowler Hat.

Nachdem ihr gern gesehener Dauergast in Wien seit – wie wohl fühlt ihr euch hier?

Martyn: Vor 10 Jahren spielten wir einmal im Rabenhof Theater, der damalige Chefdramaturg Jochen Herdieckerhoff erinnerte mich damals gewaltig an Peter Lorre. Leider beging er ja Suizid, sodass er uns heute nicht mehr durch Wien führen kann – aber damals zeigte er uns schon sehr absonderliche Plätze und Winkel! So waren wir zum Beispiel in einem Innenstadt-Lokal, das eigentlich wohl eher die Bezeichnung „Puff“ verdiente – ich glaube, Der dritte Mann wurde hier gedreht – und da war diese schwarze Frau, die nackt in einem Kanu saß … oder war‘s eine Badewanne?
Ich glaube, die Leute nehmen automatisch an, dass wir ausschließlich in solche Lokale gehen, die abstruser nicht sein könnten. Ich kann mich noch gut an unseren ersten Auftritt in Russland erinnern, da wurden wir auch nur in absonderliche Sexlokale geführt – die dachten wohl, wir sind von Grund auf pervers!

Von wegen absonderliche weibliche Gestalten – dieses Wochenende geht ja das Jubiläum der Queen über die Bühne. Was hältst du vom Königshaus, der Queen?

Martyn: Die Queen ist ein altes, langweiliges Weib, das Königshaus macht mich krank.

Wenn ohnehin alles Tod und Verderben und Krankheit und Verwesung ist, was ist dann noch der Sinn des Lebens?

Martyn: Das Leben ist ein Traum, nichts ist Wirklichkeit, alles nur eine große Illusion.

Und irgendwann wachen wir auf und sind tot.

Martyn: Exakt. Ich bin Agnostiker, kein Atheist. Atheisten sind genau so arrogant wie Gläubige. Um etwas abzulehnen, musst du dennoch die Existenz als tatsächlich anerkennen, sie nur ablehnen – und das tue ich nicht. Darüber hinaus, ich bin ein Sozialagnostiker.

Von der pervers-verdrehten Blumenwelt überzeugt man sich im Dezember in Wien, Salzburg und Linz!

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