The Who: My Generation

The Who

Sie zertrümmerten auf der Bühne zuerst ihre Instrumente, dann ramponierten sie sich gegenseitig: Allem Chaos und Irrsinn zum Trotz gerieten The Who nicht nur zum Soundtrack einer Jugendbewegung, sondern auch als eines der maßgeblichsten Exempel der Rockkultur.

The WhoIm britischen Rock-Pantheon residiert das Enfant terrible, die Ausgeburt The Who, für alle Zeiten auf Rang drei – etwas unterhalb der Beatles und der Rolling Stones. Die Beatles wurden vor dreieinhalb Jahrzehnten entrückt, die Stones wird es wohl auf ewig geben – wenngleich ihre programmatisch überbordende, dabei aber auch brillante Geschichtsretrospektive „Exhibitionism“, die im diesjährigen April in der Londoner Saatchi Gallery eröffnet wurde, möglicherweise erstes Anzeichen für Altersteilzeit sein mag.

The Who: Die 7 Leben der Katze

Bei den Who wusste man zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere genau, ob sie gerade halb tot oder halb lebendig waren – sie sind die musikalische Analogie zum bis zum Erbrechen zitierten Glas Wasser, oder auch zum Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“. Um zu sterben, muss man jedoch zuvor leben: Im Sommer 1961 schrieb sich ein gewisser Pete Townshend am Ealing Art College in West-London ein und traf hier auf Mitstudenten, mit denen er seine Liebe zu Jazz, Blues und Soul teilte. Mit einem von ihnen rief er die Dixieland-Band The Confederates ins Leben: Bassist John Entwistle. Ein anderer war Roger Daltrey, Sänger bei The Detours. Es dauerte nicht lange, bis beide Bands zusammenwuchsen und schließlich mit Keith Moon ein neuer – geeigneterer – Schlagzeuger gefunden wurde. Schließlich verpasste man der gemeinsamen Ausgeburt noch einen neuen Namen – The Who, eine Kreation Townshends Zimmerkollegen. Und sie sollten – obwohl sie erst etwas später als die grob zeitgleich formierten Pilzköpfe und Steine ihre Erfolge feierten – zum ersten Designer-Act der Rockgeschichte werden, sie wurden zum lebendigen Helden-Comic der Mods, der wütenden Middleclass-Bewegung der englischen Teenager, englischer Unterschicht-Dandys, die Pillenfresser ohne emanzipatorische Ideologie von einer besseren Welt waren. In einem Interview erinnert sich Townshend: „Ich war auf der Kunsthochschule, wo man ein Auge auf Mode hatte, aber sich allen Trends verweigerte, weil man zu cool dafür war. Unsere Anti-Mode bestand aus Levi’s-Jeans, Desert-Boots und einem Dufflecoat. Unsere treuesten Fans damals waren die Westlondoner Mods.“

Henry Purcell, ein britischer Barock-Komponist – und besonders sein „Gordian Knot Untied“ – war von Anbeginn auf das junge Genie ein besonders großer Einfluss – mit seinen langen, schwebenden Elementen und seinem ureigenen Umgang mit Tonarten und Dynamik. Der Ehrgeiz, sich in die Höhen von Purcell aufzuschwingen, kombiniert mit der Energie und Unsicherheit eines Halbwüchsigen, das machte schließlich den Sound von The Who aus – vor allem in Letzterem fand sich ein Großteil auch des Publikums wieder; es war immerhin die gräuliche Nachkriegsära und die Unsicherheit war allgegenwärtig. Dieses Gefühl der Wertlosigkeit und Nichtzugehörigkeit war der perfekte Nährboden, mit schier unendlichen Möglichkeiten: Sie waren die „Radau-Combo“ am anderen Ende der British Invasion – der Soundtrack für jenen Teil der britischen Jugend, der die Woche über brav arbeitete oder zur Schule ging, um sich feine, modische Klamotten fürs Wochenende kaufen zu können und dann einmal so richtig über die Stränge schlagen zu können – bevor am Montagmorgen wieder der graue Alltag Einzug hielt. In den Bühnenexzessen von The Who sahen die Mods Leitbilder ihrer snobistischen Anarchie. Vermutlich hätte ihnen damals niemand außerhalb dieser wütenden Jugendbewegung der Sechziger überhaupt eine Zukunft zugetraut. Nicht ganz zu Unrecht, denn nicht nur destruktiver, aber auch ungleicher hätten die Charaktere nicht sein können: Daltrey war der hypersensible, stets überspannte, dabei aber immens bodenständige Charakter, Townshend der nach spiritueller Erleuchtung suchende eruptive Typus, der dabei nie den Hang zur intellektuellen Exklusivität überspielte. Keith Moon war das Mensch gewordene Perpetuum mobile, der wohl instabilste Charakter der Band – im Gegensatz zum stets beherrschten, unscheinbar verschmitzten thunderfinger John Entwistle.

Doch bereits 1965 machten sie mit ihrem epochalen Kampfsong „My Generation“ auf sich aufmerksam, artikulierten bereits im Titel von „I Can’t Explain“ bis hin zu „The Kids Are Allright“ die Neurosen und Regressionen der britischen Nachkriegsgesellschaft und positionierten sich fortan als Chronisten ihrer Zeit. Hier komponierte jemand allein für seine Altersgruppe und deren Lebensstil: Als erster prominenter Rockmusiker überhaupt machte Townshend 1966 seinen Drogenkonsum öffentlich, durchaus mit Stolz. Und ein Jahr danach, als Mick Jagger und Keith Richards wegen Drogenbesitzes in Haft kamen, verkündete er, dass The Who so lange nur noch Stones-Titel aufnehmen würden, bis die beiden Kollegen wieder frei wären. Das geschah so schnell, dass es nur für zwei Lieder gereicht hat – glücklicherweise, muss man beinahe sagen, sonst müssten wir wohl heute einige Geniestreiche missen.

Vor vierzig Jahren war das alles noch Pop, Statement einer Gegenwart. Heute sind sie „Klassik“, allerdings nicht im gefällige(re)n Sinne von „Satisfaction“ und „Yesterday“: Die Who waren rabiater, in Wut und Sentiment – und bis heute wehrt sich Townshend, wenn sein Trupp für die Hippie-Epoche reklamiert wird: Zertrümmerte Town­shend bereits in der Beat-Ära seine Gitarre mitsamt Verstärker und Boxen, trat Moon noch nach, stieß sein Schlagzeug vom Podest und zündete eine Ladung Schwarzpulver, die er in der Basstrommel versteckt hatte, mit einem Riesenknall und Stichflamme. In der Hippiezeit schufen sie mit ihrem surrealistischen Spektakel „Tommy“ das Genre der Rockoper – die egalitäre Schlammorgie von Woodstock war ihnen ein Graus – und wirkten dort wie ein Fremdkörper. Unter den friedensbewegten Hippies sorgte Townshend sogar für einen Eklat, als er einen Bürgerrechtsaktivisten, der ihren Auftritt mit einer Rede unterbrach, von der Bühne prügelte. In den Siebzigern waren sie die ersten, die erkannten, dass Jugend kein Privileg ist, dessen man ewig teilhaftig bleibt. Sie trugen dem mit gewählten, aufwendigen Inhalten Rechnung, am Zenit stand ihre zweite Rockoper, „Quadrophenia“ – die gleichermaßen zur Heldensaga über die Mod-Jugendbewegung wie zum Abgesang auf die eigene Identität geriet.

The Who: Jazz Funeral

Denn im September 1978 starb Keith Moon, der Clown, Säufer und beste Rockschlagzeuger aller Zeiten und zeitgleich das instabile, energetische Rückgrat der Band. Mit 32 Jahren war seine Lebenskerze aufgezehrt, ihr blies eine Überdosis an Beruhigungsmitteln das Lichtlein aus. The Who zerbrachen daran nicht, machten weiter – wenngleich ihm auch Townshend drei Jahre später fast nachgefolgt wäre, mit Heroin. Da schien ihn seine berühmteste Liedzeile eingeholt zu haben, die er als Neunzehnjähriger geschrieben hatte: „I hope I die before I get old“.

Alles, was musikalisch danach kam, ja: inszeniert wurde, glich – von stets wiederkehrenden Tourneen bis Ruhm am Broadway – einem jahrzehntelangen afterglow, einem gigantischen Totenritual – ähnlich dem jazz funeral, dem aus Louisiana bekannten Beerdigungsmarsch, bei dem die Familie, Freunde und eine Brass-Band vom Haus des Verstorbenen zum Friedhof prozessiert und währenddessen düstere Klagelieder und Hymnen spielt. Sobald der Tote beerdigt wurde, wird die Musik fröhlicher – spiritueller Swing, Lärm und kathartische Tänze bilden die Nachhut des letzten Geleits. Kein Wunder, dass der einst vitalsten Band des Rock-’n’-Roll-Zirkus diese Ehre ebenfalls zuteil wird.

Dieser Trauermarsch, der über die Jahre hinweg in Pausen verstummte, hierauf in stets medienwirksamen Reunionen wieder entflammte, hat natürlich nur mehr wenig mit der impulsiven Kraft und der schier unversiegbaren Innovation von dereinst zu tun. Townshend ist mittlerweile fast taub, Daltrey hat sein verschrobenes Charisma eingebüßt – Entwistle wurde zwar zeitweilig als aussichtsreicher Nachfolger des Stones-Kollegen Bill Wyman gehandelt, verstarb aber im Juni 2002 verfrüht an Herzversagen. Die Obduktion ergab, dass er an seinem Todestag Kokain im Blut hatte. Und wieder machten The Who weiter. Wie beeindruckend die dominierende Frühphase der Band war, wird klar, wenn man sich die „Spätwerke“ – also genau genommen alles ab den Achtzigern – zu Gemüte führt: The Who klingen seitdem wie eine Sehnsucht nach sich selbst. Und das mangelt zwar an den sympathischen Exzessen, und gerade die Rhythmusfraktion klingt vielleicht seit 1978, spätestens aber seit 2002 beinahe erschreckend „clean“ – und dennoch wirkt es nicht peinlich oder gar einer Kaufkraft geschuldet. Mittlerweile bleibt halt nur bei Konzerten viel mehr heil.

 

The Who laden nicht nur die Überlebenden der Mod-Kultur am 14. September in die Wiener Stadthalle (D)!

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