Tocotronic – Das rote Album

„Die Klassenzimmer sind angenehm dunkel, es gibt Bier als Pausenbrot“, sang Dirk von Lowtzow 1995 und erkannte nicht ganz unselbstkritisch, dass in der „Hamburger Schule“ zwar weder Latein noch Altgriechisch gelehrt wird, man aber trotzdem ziemlich elitär ist.

Deutsch singen, ohne in die kitschige Welt des Schlagers oder in das Pathos des Deutschrock abzudriften – das ist die Idee hinter einem Genre, das gewissermaßen die intellektuelle Kombinage von Philosophie und Musikwissenschaft ist, wenn man zwischen zwei Bierrülpsern die Nouvelle Philosophie zitiert, eine tonale Kultur-, Zeit- und Sozialgeschichte.

Neben Blumfeld und Die Sterne sind die Tricotronic-Aficionados aus Hamburg wohl das Aushängeschild schlechthin, legen nun mit ihrem selbst-betiteltem, „roten“ Album das 11. Album in 22 Jahren vor. Die Beatles hatten ihre weiße Langrille, Metallica ihre schwarze – und während die meisten Säugetiere Probleme haben, die Farbe Rot wahrzunehmen, sehen die Pennäler tatsächlich rot: Das menschliche Auge reagiert sehr empfindlich auf diese Farbe, sie schreit Warnung, bedeutet Energie und Wärme, Leidenschaft, aber auch Zorn und Scham, in primitiven Gesellschaften wird sie damit assoziiert, Dämonen auszutreiben, im Juden- und Christentum steht sie für die Sünde, aber auch die kardinale Autorität.

Und all dies ist auch das Spannungsfeld, durch das uns die vier Herren näselnd auf ihrem 11. Album jagen. Dass es am 1. Mai erscheint, ist ein subversiver Aufschrei, auf die Barrikaden zu steigen – ein Aufschrei in Form einer „Diplomarbeit über Empfindlichkeit“, die diesmal minimalistischer und diesiger als zuletzt passiert. Je suis essence.

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