Tori Amos: Musen, Sünden und Familie

Man sieht der Amerikanerin nicht an, dass sie im kommenden Jahr bereits 50 Jahre alt wird, und damit zu den wenigen weiblichen Stars zählt, die seit Jahrzehnten andauernden Erfolg genießen. Die Mutter einer Tochter plauderte mit TICKET ganz unbeschwert über das Älterwerden, ihre sphärischen Musen und das neue Album Gold Dust. Denn zum zwanzigsten Jubiläum ihrer Karriere schenkt sich Tori Amos selbst einen Longplayer mit alten Hits im neuen, klassischen Gewand.

Du hast eine so lange Karriere hinter dir, im kommenden Jahr wirst du 50 Jahre alt. Was geht dir bei dem Gedanken durch den Kopf?

Tori Amos: Wir müssen uns bewusst werden, dass wir kreative Menschen sind und keine Zahlen. Als kreativer Mensch hätte ich gerne zur Zeit der Impressionisten gelebt, dann wäre ich schon über 120 Jahre alt. Und das wäre auch vollkommen okay für mich! Andererseits ist es schade, dass es vor allem in den USA so wenige Musikerinnen gibt, die auch in fortgeschrittenem Alter Erfolg haben. Vor kurzem habe ich Patti Smith gesehen, sie ist in einer Bar aufgetreten. Bei den Männern ist das anders. Bruce Springsteen oder Bob Dylan werden auch vom breiten Publikum akzeptiert, wenn sie älter sind.

Dein letztes Album nannte sich Abnormally Attraced To Sin. Fühlst du dich zur Sünde hingezogen?

Tori: Das beginnt mit der Definition des Wortes. Die größte Sünde ist, wenn man einen anderen Menschen unterdrückt. Das passiert so vielen Frauen, die mir das auch erzählen. Das sind gebildete, intelligente und erwachsene Frauen. Die Unterdrückung muss nicht immer nur sexueller Natur und durch einen Mann sein. Unterdrückung findet auch durch Familienmitglieder statt, in Freundschaften. Da wird Vertrauen in einer pervertierten Weise missbraucht, dass die Betroffenen ihr Selbstwertgefühl verlieren. Das hängt sehr damit zusammen, dass wir die Sexualität völlig von der Spiritualität getrennt haben. Damit hat uns die Religion keinen guten Dienst erwiesen.

Religion hilft oder schadet?

Tori: Meine Mutter würde sagen, ihr Glaube hilft, den Tod meines Bruders zu verkraften. Manche Menschen glauben an die Liebe, an bedingungslose Liebe. Die sehe ich leider in keiner Religion. Dort sehe ich eher das Gegenteil. Vor allem in Amerika sind Religion und Politik gefährliche Tanzpartner.

Im Booklet der neuen CD dankst du „all deinen Musen“. Kannst du diese sphärischen Wesen näher erklären?

Tori: Clevere Künstler sehen das ebenfalls so, Stravinsky, John Lennon, Keith Richards und viele andere. Musik zu schreiben ist eine Zusammenarbeit mit den Musen, die gemeinsam mit den Eidechsen beim Strandhaus herumhängen. Für mich gibt es neun Musen die ich sehe, manchmal sind es aber auch elf. Seit ich ein kleines Mädchen war, sehe ich diese neun Frauen. Manchmal sind sie geometrische Umrisse aus Licht, manchmal sind sie so groß wie der ganze Himmel. Ich höre sie auch. Also versuche ich, den Äther in Musik zu übersetzen. Die Musen leiten mich, lösen Musik in mir aus. Um neue Songs zu schreiben, muss ich aus meiner normalen Routine ausbrechen. Ich kann nicht in meiner Rolle als Ehefrau und Mutter schreiben. Ich muss dann aus der Welt im englischen Cornwall, Marks Welt (Toris Ehemann, Anm.), ausbrechen.

Welche Rolle spielt deine Tochter Tash bei deinem Job als Songwriterin?

Tori: Tash war immer viel mit uns unterwegs. So habe ich begonnen, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Die Musik, die nach ihrer Geburt entstanden ist, sind Geschichten, die mir zum Teil völlig fremden Menschen erzählt haben. Vieles, was ich zuvor schon gesehen hatte, sah ich aus einer völlig neuen Perspektive. Mit einem Kind kann man nicht ständig fünf Stunden im Vorhinein planen. Es geht nur um den Moment, das Jetzt.

Du hast immer wieder sexuelle Themen angesprochen. Hat sich das durch deine Tochter ebenfalls geändert?

Tori: Tasha ist gerade ein Teenager, auch wenn sie erst zwölf Jahre alt ist. Sie lebt in London, und ist bereits jetzt soweit, wie ich mit 17 war. Ich sage ihr immer, wenn sie sexuellen Kontext, Schimpfwörter und Kraftausdrücke verwendet, soll sie sie gut einsetzen, poetisch verwenden.

Wie hast du aus deinem riesigen Repertoire die Stücke für das neue Klassik-Album Gold Dust ausgewählt?

Tori: Es hat sich ergeben. Das war eine echte Zusammenarbeit mit dem Orchester und es gab keinerlei Überlegungen, welche Titel sich gut eignen. Ich wollte meine Songs auch nicht gänzlich verändern. Eigentlich sollte ich ja nur ein Konzert mit Orchester geben, für diesen Abend haben wir einige Songs ausgewählt. Dann lud mich das Label Deutsche Grammophon ein, doch ein ganzes Album einzuspielen. Das Außergewöhnliche war, dass ich mit einem 80 köpfigen Orchester live aufnehmen musste.

War es einfach, die Kontrolle, die du normaler Weise ganz alleine hast, mit einem Dirigenten zu teilen?

Tori: Ich fühlte mich ein wenig wie Ginger Rogers. Ich brauchte auch einen Fred Astaire. Es war, als ob sich zwei unterschiedliche Welten treffen, heiraten und gemeinsam etwas ganz Neues erschaffen. Es war auch etwas sehr Gefühlvolles.

Bedeutet Gold etwas für dich?

Tori: In dem Song geht es darum, dass sich eine Frau auf die Geburt vorbereitet. Als ich ihn geschrieben habe, war ich mit Tash schwanger. Es gibt nur wenige Momente im Leben, in denen du wirklich ernsthaft über dein Leben nachdenkst. Das ist bei Begräbnissen so. Oder vor einer Geburt, bevor du in einen neuen Lebensabschnitt eintrittst. Die Geburt hat mich verändert. Damals habe ich auf mein vergangenes Leben zurückgeblickt. Das mache ich nun wieder, mit diesem Album. So schließt sich der Kreis.

Dein Ehemann Mark stand wieder am Mischpult. Ist er in dieser Rolle „nur“ der Toningenieur? Lässt sich das Private vom Business trennen?

Tori: Wir haben ja miteinander zu arbeiten begonnen, noch bevor wir ein Paar waren. Er hat damals mit vielen der britischen Bands der 80er Jahre aufgenommen. Peter Gabriel brachte alles ins Rollen, als er vorschlug, dass Mark und ich doch zusammenarbeiten sollten. Das war im Frühjahr 1995. Er meinte auch, dass ich unbedingt jemanden brauche, der sich um die technischen Aspekte kümmert, um das Equipment. Heute ist das manchmal so, das Tash ins Studio kommt und sagt: Könnte ich jetzt bitte meine Eltern zurückhaben? Wir schaffen uns dann als Familie ganz bewusst Freiräume, in denen Musik keine Rolle spielt. Das ist eine Gratwanderung.

Haben das Internet und Social Media dein Leben verändert?

Tori: Dafür habe ich neben all meinen Projekten kaum Zeit. Wenn ich für meine Songs recherchiere, dann mache ich das nicht im Internet. Ich gehe in Bibliotheken, schmökere in Kunstbüchern. Ich bin in dieser Hinsicht oldschool. Das Gute ist, dass Mark großartig mit Technik umgehen kann. Er und Tash teilen die Liebe zur Technik. Das ist aber nicht meine Welt.

Interview: Alexander Haide

Gold Dust ist bei Deutsche Grammophon erschienen.

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