Tschauner Bühne – Wien, Wien, nur du allein

Die Tschauner Bühne im 16. Wiener Gemeindebezirk präsentiert auch in der aktuellen Saison Stegreif, Kabarettistisches und “Wien Pur” – insbesondere mit der Wiederaufnahme von Schneewittchen & Co. sowie der Neuproduktion der Geierwally von Stegreif Reloaded. Anlässlich des Saisionstarts unterhielt sich TICKET mit Direktorin Anita Zemlyak.

TICKET: 2009 feierte die Tschauner Bühne ihr 100-jähriges Bestehen. Wenn Sie die Geschichte Revue passieren lassen – Stegreif einst und heute, was hat sich verändert, wo hat man die Tradition bewahren können, wo musste man Adaptionen an die heutige Zeit vornehmen?

Anita Zemlyak: In der Tschauner Bühne wird noch immer klassisches Stegreiftheater gespielt.   Bauernstücke (Der keusche Alisi, Dirndl mach‘s Fenster auf u.a.) und Krimikomödien (Mord in der Wurlitzergasse, Freudenhaus vom Liebhartstal u.a.) stehen jedes Jahr am Spielplan. Unsere Protagonistin Emmy Schörg spielt schon seit 50 Jahren auf der Tschauner Bühne. Sie ist mit ein Garant dafür, dass diese Stegreiftradition am Leben erhalten wird.
Unserem jüngeren Publikum bieten wir aber auch ein moderneres Programm. Das Stegreif Reloaded-Team sorgt jedes Jahr mit einer Neuinszenierung für „zeitgeistigen Schmäh“ und Trash. Die Bücher dafür werden  von erfahrenen Autoren für die Tschauner Bühne geschrieben (Jedermann in Wien, Schneewittchen & Co., Märchen im Jugendverbot, Geierwally).
Beide Programmangebote haben parallel nebeneinander ihre Berechtigung und ihr Publikum!

TICKET: Stegreiftheater: Kein Script, kein Auswendiglernen, keine starren Vorgaben aber dafür jede Menge Spontanität und Spaß – das ist auch heuer wieder das Credo der Tschauner Bühne. Geben Sie unseren Lesern doch einen kurzen Einblick in das Sommerprogramm der Bühne!

A.Z.:  Das Tschauner-Programm 2012 bietet rund 40 Vorstellungen Stegreif Klassik und 10 Vorstellungen Stegreif Reloaded. Die Vorjahresproduktion Schneewittchen und Co. wird wieder aufgenommen. Unsere heurige Produktion Geierwally hat am 25. Juni Premiere.
Darüber hinaus gibt es für jeden Geschmack Kabarett- und Musikprogramm. Die Mittwoch-Nachmittage sind den Kindern gewidmet – von Kasperl bis Danny & Gerry wird eine breite Palette geboten. An den Sonntagen freuen wir uns über Matinee-Besucher – es gibt Wienerlied und diesmal auch zwei Operetten Matineen.

TICKET: Auch eine klassische Wiener Bühne, das Burgtheater, arbeitet seit kurzem mit Vorstellungen, die „working process“ zeigen – erst mit Krieg und Frieden, nun mit dem Trojanischen Pferd. Auch geht man aus traditionellen Theatervorstellungen – beispielsweise mit Robinson Crusoe – heraus. Befindet sich das Theater heute generell im Umbruch?

A.Z.:  Das Publikum ist sehr wählerisch. Wenn man sich an „klassischen Inszenierungen“ satt gesehen hat, will man was Neues sehen.

TICKET: Sie haben im Stegreif Klassik-Programm dieses Jahr einige Veranstaltungen mit Jugendverbot im Programm. Abgesehen von der rechtlichen Lage – glauben Sie, ist dies mittlerweile, in unserer „oversexed“ Zeit ein „Selling Argument“ geworden?

A.Z.:  Nein, sicher nicht, aber es gehört zur Tradition des klassischen Stegreiftheaters. Das Tschauner Programm ist für Kinder sicher harmloser als so manche Vorabendsendung!

TICKET: Dem „Urwienerischen“ wird gern ein derber Schmäh und ein ständiges „Granteln“ zugeschrieben. Was macht für Sie das „Wienerische“ aus? Denken Sie, ist das Wienerische ein Unikat, vor allem eines, dass auch von Nicht-Wienern verstanden wird?

A.Z.:  Das Wienerische hat sehr viele Facetten. Ich bin ein Fan vom „alten Wienerisch“ und höre auch sehr gerne Wienerlieder, sowohl die alten Aufnahmen als auch die neuen Interpretationen, die es ja – dank vieler junger Wienerlied-Musiker – wieder zu hören gibt. Es ist ein Unikat, wie jede Mundart, wird aber schon auch von Nicht-Wienern, wie zum Beispiel mir, verstanden!

TICKET: Die Kabarettbühne bespielen dieses Jahr große Namen wie Prokopetz, Seberg, Nowak, Steinböck, Vavra und Weinzettl & Rudle. Welche Ansprüche stellen Sie an die Kabarettkünstler, die ja mit einem Rahmen, einem Programm und nicht aus dem Stegreif arbeiten?

A.Z.:  Mein Anspruch ist, dass sie gute Unterhaltung bieten, dass sie nette und sympathische Menschen sind und dass sie unser Publikum erfreuen! Nach diesen Kriterien wird bei uns programmiert.

TICKET: Musikalische Highlights dieses Jahr sind freilich Alexander Goebel und Michael Seida, sowie Roland Neuwirth samt Band und die Rounder Girls. So unterschiedlich die Künstler, so „urösterreichisch“ sind sie jeder auf ihre Art. Was macht für Sie gute Musik und demnach einen treffenden Gast für die Tschauner Bühne aus?

A.Z.:  Jede/r der genannten ist ein/e hochprofessionelle/r Künstler/in und macht in seinem/ihrem Genre wunderbare Musik. Sie alle sind authentisch und mit Herz und Seele dabei. Diese Leidenschaft spürt man und wird auf das Publikum übertragen. Und dazu noch das wunderbare Ambiente der Tschauner Bühne  – was kann man einem Gast mehr bieten?

TICKET: Auch das Kinderprogramm kommt bei Ihnen diesen Sommer nicht zu kurz. Können Sie sich noch an Ihre Kindheit erinnern, an die prägendsten Erzählungen damals?

A.Z.:  Ja, sicher. Der Urania-Kasperl im TV hat auf jeden Fall dazu gehört. Ich freu mich, dass sich auch diese Tradition in der Tschauner Bühne erhalten hat. Ich setze diese auch sehr gerne fort. Fröhliche Kindertheaterbesucher sind das Publikum der Zukunft.

TICKET: Der Tod, das muss ein Wiener sein – 2010 debütierte Stegreif Reloaded mit einer wienerischen Version von Jedermann. Im Jahr darauf folgten Märchen im Jugendverbot, die heuer in die zweite Saison gehen – und gleichzeitig freuen wir uns dieses Jahr auf die Geierwally. Stegreif Reloaded ist also bekannt dafür, historische Themen ordentlich durchzuschütteln. Wie viel Tirol ist noch im Stück, wie viel Spielraum nach außen bot der Text?

A.Z.:  Berge und Geier – alles noch da. Das Buch ist in Anlehnung an das Original entstanden. Was dann wirklich auf der Bühne zu sehen sein wird, kann ich noch nicht beantworten. Es entsteht vieles spontan, die SchauspielerInnen bringen sich selber ein und improvisieren bis zum Schluss. Auf jeden Fall bleibt es spannend und lustig bis Ende der Saison!

TICKET: Gendering: Hat Wilhelmine von Hillern bereits 1870 mit Wally Stromminger das Bild der „modernen“ Frau gemalt – auf eigenen Beinen stehend, das eigene Ziel vor Augen? Ist also der Roman, das Stück aktueller denn je?

A.Z.:  Emanzipierte und selbstbewusste Frauen sind immer aktuell!

TICKET: Stegreif Reloaded bringt heuer Märchen im Jugendverbot in die zweite Saison und beweist, dass gar so „kindliche“ Geschichten Märchen nicht sind …

A.Z.:  Märchen waren sowieso nie wirklich kindergerecht – sollten ja damals abschreckende Wirkung haben. In der Tschauner Bühne sind alle Märchen lustig, egal nach welcher Vorlage!

TICKET: Die ersten beiden Stücke wurden von Helmut Vavra verfasst, bekannt aus dem Duo Heilbutt und Rosen. Die Geierwally ist der Feder von Michaela „Kernölamazone“ Riedl entsprungen. Haben Sie Unterschiede im Herangehen an den Text erkannt – sind „weibliche“ und „männliche“ Akzente zu erkennen?

A.Z.:  Diese Frage lasse ich unser Publikum beantworten! Premiere Geierwally ist am 25. Juni. Wir freuen uns auf Sie!

Interview: Stefan Baumgartner
 

Tickets gibt es hier! 

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