Two beer or no two beer?

Bierenthusiast zu sein, das heißt nicht: Möglichst viele Bier in möglichst kurzer Zeit zu leeren. Vielmehr heißt dies, Bier als Genussmittel zu erkennen und jenen Genuss tatsächlich auch zu zelebrieren.

 

Zwischen 16. und 18. Mai findet an der Adria Wien entlang des Donaukanals erstmals in Österreich das Craft Bier Fest statt, eine kulinarische Zusammenkunft, die zahlreiche andere Metropolen bereits vorgemacht haben. Im Zentrum des von Micky Klemsch (Biorama Magazin), Max Wurzer (myBier.at) und Martin Voigt (proBIER.at) kuratierten Festivals stehen handwerklich produzierte Bierspezialitäten aus der Heimat und der großen, weiten Welt, und dies bei freiem Eintritt, dafür zum Glück ohne tumbe Blasmusik.

 

Wien bekommt nun erstmalig ein „Craftbeer“-Fest, während dies in anderen Metropolen bereits zum guten Ton dazu gehört. Wieso dies erst jetzt – immerhin sind die Österreicher eine Nation der Biertrinker?

Micky: Im deutschsprachigen Raum haben sich solche Veranstaltungen erst 2013 mit Events in Hamburg und Berlin etabliert. Auch die Braukunst Live in München bildete große Teile dieser Szene ab. Anders als zum Beispiel in Deutschland sind die meisten Protagonisten in Österreich aber nicht im urbanen Umfeld, das hat sich erst in den letzten Monaten in Wien geändert. Man muss aber auch sagen, daß die sogenannte „Nation der Biertrinker“ ihre Veranstaltungen bereits hat. Das Bierfest Wien bringt dort alle großen Biermarken ins Zentrum der Stadt, in einem kleinen Winkel gab es in den letzten Jahren auch eine feine Auswahl an heimischen Craftbieren. Wir wollen diese wunderbare Bewegung abseits des Mainstreams aber einmal ins Rampenlicht stellen.

 

Wie darf sich der Besucher den Ablauf vorstellen?

Micky: Die Gäste können das Festivalglas um 10 Euro vor Ort erwerben, darin sind auch schon einige Bierjetons im Wert zu je 1 Euro enthalten, wie viele genau, wird kurz vor der Veranstaltung fixiert werden. Mit diesen Jetons bekommt man an den diversen Ständen je 1 dl Bier der diversen Sorten zum Probieren. Klar kann man auch ein Vielfaches davon in sein Glas bekommen, aber wir sind sicher, dass sich die Bierfreunde maßvoll durch das ganze Sortiment kosten wollen. Viele kleine Brauereien bieten ihre Produkte aber auch ungekühlt zum Mitnehmen an, als gemischter Sechserträger oder in Gourmetgroßflaschen. Craftbier wird hier im Zentrum stehen, das Gelände wird natürlich musikalisch beschallt, aber Livemusik oder anderes Bühnenprogramm wäre für den Charakter des Events unangebracht. Für sehr interessierte Gäste gibt es aber im VIP-Kubus geführte Tastings und Diskussionsrunden.

 

Während eine Vielzahl an Bieren für die breite Allgemeinheit zur Verkostung bereitsteht, so gibt es derer zwei Dutzend, die nur „VIPs“ zugänglich sind. Was unterscheidet jene vom Rest der Liste und wodurch gibt es die Notwendigkeit einer – salopp formuliert – „Zweiklassentestgesellschaft“?

Micky: Wir haben den Bedarf einer sehr spitzen Zielgruppe, die auch Interesse an geführten Tastings und Diskussionsrunden haben. Mit diesen Veranstaltungen wollen wir aber nicht die breite Masse penetrieren, die sich einfach nur in Ruhe von Stand zu Stand kosten wollen. Deswegen haben wir einen eigenen Bereich für Very Interested People (VIP) geschaffen. Dort gibt es zusätzlich einige Sondersorten zu verkosten, die den Rahmen der Stände sprengen würden und auch in einem völlig anderem Preissegment liegen. Natürlich hat aber jeder Interessierte die Chance, sich auch VIP Tickets zu kaufen.

 

„Craftbeer“ ist zudem ein Begriff, der etwas näherer Erklärung bedarf. Was macht „craftbeer“ aus, und wodurch unterscheiden sich jene Biere von denen der großen Konzerne?

Micky: Craftbeer steht im allgemeinen für handwerklich gebrautes Bier abseits des Massenmarktes. Während die ganz großen Marken versuchen müssen, möglichst viele Menschen mit ihrem Geschmack zu erreichen und damit immer öfter ein charakterloses Einheitsbier vertreiben, denkt der handwerkliche Brauer nicht so global und kann sich spitzere Sorten erlauben.

 

„Craftbeer“ wird üblicherweise „traditionellen Kleinbrauereien“ zugeschrieben, dennoch finden sich mit Hirt, Murauer, Stiegl und Zwettl auch „große“ Brauereien in der Liste, die beim Wiener Craftbeer-Fest vertreten sein werden. Ein Widerspruch?

Micky: Es ist im Moment recht schwierig, bei verschiedenen Craftprojekten die Glaubwürdigkeit zu verifizieren. Tatsache ist, dass auch in Österreich schon alle der BigPlayer eine eigene Craftbierschiene fahren oder zumindest planen. Zumeist sind das Projekte, die außerhalb der großen Braubetriebe umgesetzt werden und in limitierten Auflagen in speziellen Kanälen vertrieben werden. Stiegl fährt da seit einigen Jahren mit den Hausbieren sehr erfolgreich, die Brau Union etabliert gerade an ihrem Standort in Kaltenhausen sehr spezielle Sorten und Ottakringer startet diesen Sommer mit dem Brauwerk. Wir sind anfänglich bewusst nur auf die Kleinbrauer zugegangen, wollten aber die „größeren“ mit ihren Bewerbungen nicht ausschließen. Diese beiden Szenen können sich gegenseitig durchaus befruchten und der Biervielfalt in seiner Gesamtheit zu Nutze sein. Und da wir ja einen zusätzlichen Fokus auf Biobiere legen, war Stiegl, deren Hausbiere mit Zutaten aus dem eigenen Biogut Wildshut komplett biozertifiziert sind, auch ein Wunschaussteller.

 

Ein Vorurteil sagt aus, dass Wein- und Whiskytrinker Genussmenschen sind, während das Hopfengetränk landläufig nach wie vor (auch) einen prolligen Status inne hat. Wodurch ergibt sich diese Wertigkeit?

Micky: Genau mit diesen Klischees will das Craft Bier Fest Wien brechen. Es gibt hier keinen „Gaudi“-Faktor oder Fassanstich mit Blasmusik. Das sieht man ja auch an der Glasauswahl und an den Verkostungsmengen. Wer sich hier mit ein paar Krügerln abfüllen will, wird wohl nach wenigen Minuten enttäuscht abziehen. Und ebenso wie auch bei Wein- oder Whiskytrinkern gibt es bei den Bierkonsumenten solche und solche. Es gibt die Weingenießer und die Dopplertrinker, die Whiskeyafficionados und die Bourbon-Cola Trinker. Aber die sehr interessierten Gourmetbiertrinker, wir sprechen hier von Sorten wie India Pale Ales, Imperial Porter oder fassgereiften Spezialbieren, werden ihren Teil dazu beitragen, dass auch Bier einen immer höheren Stellenwert haben wird.

 

Das Team des Craft Bier Festes

Das Team des Craft Bier Festes

Insbesondere Belgien und UK haben es vorgemacht: Mit auffallenden Namen („Satan“, „Guillotine“) oder „frischem“ und „frechem“ Marketing (BrewDog) lassen sich rasch(er) neue Zielgruppen ansprechen. Auch Astra wurde vor einigen Jahren mit einer frechen Werbeschiene gerettet. Welche „externen“ Faktoren außer dem Bier selbst braucht man im gigantischen Markt heute, um aufzufallen?

Micky: Die schottischen BrewDog als die Punks in der Craftbierszene wären mit ihrem Bierausstoß heute bereits die drittgrößte österreichische Brauerei. Sie haben gezeigt, dass es auch anders als mit den traditionellen Werten des Heimatmarktes funktioniert. In Österreich gibt es da noch großen Nachholbedarf was das Marketing von Kleinbrauern betrifft. Aber als begeisterter Biertrinker freue ich mich natürlich umso mehr, dass man sich hier einfach auf gutes Bier konzentriert. Die Kombination aus Marketing a la Astra mit wirklich gutem Bier wäre aber der Hammer. Da bewegt sich aber schon einiges und vieles wird noch passieren.

 

Aktuell „in Mode“ sind Starkbiere – wie auch hervorragend aufgelistet in Tepedelens „The Brewtal Truth Guide To Extreme Beers“. Welche Wertigkeit hat der Alkoholgehalt tatsächlich, gibt es immerhin auch das Vorurteil, „alkoholfreies Bier schmecke nicht“?

Micky: Die internationalen Craftbiere, die Vorreiter der Szene, hatten alle etwas höhere Stammwürze. In den Staaten gibt es auch schon viele Spartenfestivals wie das „Strong Beer Festival“ in Atlanta. Generell geht da aber der Trend etwas zurück, und da sieht man dann auch die wahren Braukünstler. Es ist immer schwieriger, ein leichtes und geschmackiges Bier zu machen, als ein alkoholintensiveres Gebräu. Mit dem Pale Ale vom Brauschneider oder dem neuen Hopfenspiel von Trumer bietet das Craft Bier Fest Wien aber auch ein paar gute Beispiele, wie man toll gehopfte Biere auch unterhalb der 5% Alkohol-Marke genießen kann.

 

„Andere Länder, andere Sitten“, heißt es, und wenngleich man nichts über den Kamm scheren oder verallgemeinern kann: Sind weltweit Tendenzen bei den lokalen Bieren erkennbar?

Micky: Über regionale Geschmäcker und Trends kann ich weltweit nicht wirklich Auskunft geben, im Craftbiersegment wurden die IPAs aber bereits durch Stouts abgelöst, das nächste große Ding im Gourmetbierbereich werden Sourbeers (Sauerbiere) sein.

 

In Kooperation mit Beer Hawk bietet das Männermagazin FHM ein „Bierabo“ an, das leider hierzulande nicht erhältlich ist. Wäre dies auch für den europäischen Markt denkbar, oder ist hier der Biertrinker tendenziell „traditionsbewusster“ und Neuem unaufgeschlossener?

Micky: Das Bierabo ist auch hierzulande nichts Neues. proBier aus Deutschland versendet auch nach Österreich und hat viele Abonnenten, und der führende heimische Bierversand myBier.at bedient mit diversen Probierpaketen auch dieses ständig wachsende Klientel.

 

Ein weiteres Biervorurteil: Bier ist ein Männergetränk. Wahr oder falsch?

Micky: In heimischen Breiten werden nachwievor 70 Prozent der verkauften Menge von Männern konsumiert, also eine Tendenz zu wahr. In Skandinavien hält sich das schon fast die Waage. Und mit den speziellen Trends bei Craftbieren kann man den Geschmack und vor allem die Konsumationsgewohnheiten der Damen noch besser treffen.

 

Bierkenner wissen: Es gibt nicht nur ein Bierglas, Besucher des Wiener Känguruhs beispielsweise merken rasch, dass jedes Bier sein eigenes Glas verträgt. Euer fachlicher Ratschlag: Was braucht man daheim?

Micky: Allen Besuchern des Craft Bier Festes Wien wird das erworbene Rastal Teku ein guter Freund im Glasschrank werden. Als Verkostungs- und Genussglas für spezielle Bier der ideale Begleiter. Auf mein klassisches Krügel mit Henkel oder das Weissbierglas mag ich aber trotzdem nie verzichten.

 

Gerade im Rock-und-Metal-Bereich ist es zur Zeit en vogue, dass Bands ihre eigenen Alkoholika herausbringen, so zum Beispiel Iron Maiden und Motörhead mit ihren eigenen Bieren. Wie weit stehen selbige bei euch in Beobachtung, was kann man hier über die Qualitäten sagen? Steht hier der Künstlername über einem mediokeren Produkt, oder wird hier tatsächlich Qualität geboten?

Micky: Vorderhand ist das natürlich ein Marketinggag, den es schon seit Jahrzehnten gibt. Leningrad Cowboy Beer, Ugly Kid Joe Beer oder in Österreich vor Jahren einmal das Alkbottle-Bier. In letzterem Fall muss man sogar sagen, dass es sich dabei um ein Bier aus der Brauerei Hofstetten handelte, für uns einer der herausragenden Pfeiler österreichischer Braukunst.

 

Abschließend: Wie wurden die Biere für das Craftbeer-Fest ausgewählt und welche(s) sind deine persönlichen Highlights?

Micky: Es haben sich mehr als 35 Braubetriebe für das Craft Bier Fest beworben, wir haben schlussendlich die Auswahl so treffen müssen, dass es in der Breite ein stimmiges Sortiment gibt und möglichst viele Biertypen abdeckt. Vorrangig ging es natürlich um Marken abseits des Supermarktsortimentes. Ich speziell freue mich besonders auf Biere, die extra für das Craft Bier Fest Wien gebraut werden. Denn so wie für die meisten Gäste besteht der Reiz dieses Events im „Neues Kennenlernen“.

 

Craft Bier FestDas Craft Bier Fest findet zwischen 16. und 18. Mai an der Adria Wien (Donaukanal) statt. Mehr als 100 Biere gibt es zu verkosten. Nähere Informationen finden Sie auf der Website des Festivals.

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!