Video Gaga

Waschmaschinenlärm und Staubsauger statt Musik! Mit seinen „Musicless“- Videos wirft der Sounddesigner und Audioproduzent Mario Wienerroither einen neuen Blick auf Musikclips.

Sein Anwalt hat ihm aus Copyrightgründen davon abgeraten. Er hat es dennoch getan. Seitdem Mario Wienerroither seine „Musicless“-Videos auf YouTube stellte, haben sie sich virusartig verbreitet. Die musikfreie Version von Queens „I Want To Break Free“ erreichte etwa innerhalb weniger Tage 30.000 Klicks, auch Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ oder Michael Jacksons „The Way You Make Me Feel“ lassen weltweit Lachtränen kugeln.

Einfaches Konzept, große Wirkung

Die Idee ist simpel: Mario stielt bekannten Musikvideos ihren animierenden Sound, die anfeuernden Beats, den Grund ihres Daseins. Unter die Bildspuren legt der Oberösterreicher stattdessen unspektakuläre Alltagsgeräusche: So toben zum Beispiel Waschmaschine und Staubsauger im Video zu „I Want To Break Free“ anstatt der fetzigen Synthies. Schon präsentiert sich das Musikvideo in seiner ungeschminkten Pracht.

Wer errät dieses Musikvideo? Folgende Szenerie: Das Surren der angehenden Lichter. Danach Stille. Ein sich von links nach rechts windender Keith Flint. Erneutes Nichts. Ein kurzer A-cappella-Ausschnitt „I’m a firestarter, twisted firestarter“. Dann Knacksen seiner Halswirbel, ein flüssiges Niesen, das Sausen beim Schwingen der tot-tätowierten Arme. Als wäre „Firestarter“ von The Prodigy nicht schon gruselig genug, fällt nun die komplette Konzentration auf Keiths irren Blick. Ein lächerlich-lustig herumspringender Wahnsinniger, frisch aus der Anstalt entsprungen. Man darf vorstellen: einer der bekanntesten Songs seiner Zeit.

Tickets bei oeticket.com

 YouTube killed the Video star

The Prodigys „Firestarter“ oder auch Queens „I Want To Break Free“ stammen aus einer Zeit, in der MTV und VIVA die Musikindustrie regierten. Damals war ein neuer Markt der Musikverbreitung geboren. Namhafte Filmregisseure sahen eine neue Spielwiese um sich künstlerisch auszutoben und die Massen zu erreichen. 7 Millionen US-Dollar wurde etwa für die Produktion des Jackson-Videos zu „Scream“ in die Hand genommen. Heute undenkbar. Denn diese große Ära der Musikclips ist vorbei. „Das sind heute tolle Hochglanzproduktionen. Sie klingen soundtechnisch gut, sehen passabel aus. Aber es ist unterhaltsames Popcorn-Kino, das nicht mehr hängen bleibt“, sagt Mario. Am besten zeigt sich das beim Musicless-Video zu Rihanna und Shakiras „Can’t Remember To Forget You“.

Tickets bei oeticket.com

Die nüchterne Bilanz: viel nackte Haut und doofes Gestöhne, peinliches Hinterteilwackeln. Die überhöhten Stars wirken gewöhnlich und menschlich, „Sex sells“ zieht plötzlich nicht mehr. „Es müssen Videos sein, die besonders cool wirken wollen“, erklärt Mario die erste Voraussetzung für seine Bild-Auswahl „Wenn man die Musik wegnimmt, ist es plötzlich beschämend.“ Zweitens sollten es wie bei Queen, The Prodigy oder Michael Jackson Künstler sein, auf deren Musik Mario besonders steht. „Na ja, bei Shakira/Rihanna …“, der 35-Jährige lacht verschmitzt, „… war es dann doch körperlich.“ Schließlich unterstreicht er nur das, was bereits vorhanden ist, der Lacheffekt entsteht von alleine.

Geräuscheprofi mit Spaghetti

Noch mehr darf geschmunzelt werden, wenn man die Werkstätte des Geräuschemachers sieht: seine circa 40 Quadratmeter große, noch vom durchzechten Vortag gezeichnete Wiener Wohnung. Alle Sounds, die man in den Musicless-Videos hört, nimmt er dort oder im Freien selbst auf. Als Geräusche-Utensilien vermurkst er alles, was die vier Wände hergeben: Der Handrücken auf seiner Wohnzimmertür klingt wie Shakiras Hintern, der gegen die Wand klescht, aneinandergeriebene Zwei-Cent-Stücke wie Ohrring-Geklimper. Marios Lieblingssound ist übrigens gebrochenes Eis. Dafür entzweie man einfach eine Handvoll harter Spaghetti. Das Knarren des Bettes ist hingegen etwas aufwendiger: „Das geht nur in einer bestimmten Konstellation, wenn ein Sessel darunter liegt“, erzählt er so als wäre es das Normalste auf der Welt. „Dann springe ich dort herum.“ Unter Geräuschefreaks, versteht sich: Es muss eben möglichst authentisch klingen.
Ein grunzender Keith, ein staubsaugender Freddy – Na ja, mal ehrlich? Mehr als Spaß? Mario zuckt mit den Schultern. So ganz versteht er noch immer nicht, warum seither sein Posteingang überquillt, er Anfragen aus aller Welt bekommt und ihn auch Fanclubs der Künstler als Genie huldigen. Eigentlich hätte er mit einer Überschüttung an Hass-Mails und Klagen gerechnet. Nichts davon ist eingetreten. Stattdessen hat sich eine Scharr an Nachahmern gebildet. Seine Erklärung für den Hype: „Es ist so, als würde man das Video zum ersten Mal sehen, durch frische, neue Augen. Und dann wird man neugierig auf die eigentliche Musik.“

shortcut

Mario Wienerroither ist ein in Wien lebender Sounddesinger und Audioproduzent. Er vertont Werbungen, Filme, produziert die Geräusche und Sounds für Computerspiele oder Jingles. Außerdem macht Mario mit seiner Elektrotruppe Erdgas privat Musik. Aus Spaß hat er begonnen „Musicless Videos“ zu produzieren, nach der blitzartigen Verbreitung kann er nicht mehr damit aufhören. Und sonst? Mag er Live-Konzerte, Gitarren-Soli jedoch nur bei Queen, ist Geräuschefreak, der dauernde akustische Überforderung braucht.

IMG_7019_klein2

Geräuschefreak Mario Wienerroithers Musicless Videos finden weltweit Anklang.

Das sind Mario’s aktuellste Videos:

Tickets bei oeticket.com

Tickets bei oeticket.com

termine

Ein Musicless Video zu „We Will Rock You“ hätte Mario auch im Sinn gehabt. Das Problem: Das Bild lebt vom legendären Klatsch-Rhythmus. Dann doch lieber live die Hände im Takt zusammenschlagen. Die besten Hits von Queen kann man in völlig neuem Licht im Musical „We Will Rock You“ erleben. Von 20. Jänner bis 1. März 2015 in der Wiener Stadthalle.

Tickets bei oeticket.com

 

 

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!