Vier apokalyptische Reiter

Geliebt, gehasst, vergöttert – als hätte der „ böhse Onkel ” beim Texten an die Herren von der amerikanischen Südküste gedacht. Denn: Obwohl sich in der langen Karriere zahlreiche Negativschlagzeilen häuften, treue Anhänger immer wieder vor den Kopf gestoßen wurden, so sind Metallica seit Jahren ein Magnet für Festivalbesucher. Und umso mehr, wenn es sich um einen Headliner-Gig handelt, bei dem auch noch Wunschkonzert gespielt wird. Oh yeah!

 

Das Debüt Kill ’Em All war für die Metalszene 1983 wie ein Schlag ins Gesicht, zu wild und ungestüm, mit einem rigorosen Verzicht auf Melodie klang es beinahe punkig – daher auch Ulrichs erster Versuch, die Musik zu umschreiben: Power Metal, heute Synonym für eunuchenhaftes Gedöns. Dass das Besetzungskarussell schon zu Frühzeiten unschön rotierte, sorgte nebst den Alkoholexzessen – Metallica wurden nicht selten als Alcoholica geführt – für ein gehöriges „Bad-Boy“- Image. Allein der Rauswurf von Dave Mustaine, der anschließend Megadeth ins Leben rief, sorgte über Jahre hinweg für dissende Schlagzeilen in der Fachpresse, da ist der Umgangston im Hip-Hop nicht selten ein Lärcherl dagegen.

Adrenaline starts to flow

Im Gegensatz zum Debüt – das beinahe den frechen Titel Metal Up Your Ass verliehen bekam – stand der Nachfolger Ride The Lightning: Mit Fade To Black fand eine Ballade Einzug ins metallische Soundgewand – Ausverkauf bereits mit dem zweiten Album! Master Of Puppets wiederum forderte dem Hörer einiges an Konzentration ab, während … And Justice For All gar noch komplexer und verworrener geriet. Zudem wurde Neuzugang Jason Newsted am Bass, der den bei einem Busunglück 1986 verstorbenen Cliff Burton ersetzte, unbarmherzig in den Hintergrund gemischt, sodass die Justice mehr als klinisch geriet. Drei Jahre später tauchten Metallica mit ihrem „schwarzen Album“ erstmals in die Ö3-taugliche Radiowelt ab, mit Nothing Else Matters stand erstmals Kuschelrock am Programm, gar zynische Zungen sprachen von „Hausmütterchen-Musik”.

 

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Auf massives Unverständnis stießen auch die ametallischen Scheiben Load und ReLoad – nicht allein, dass man sich die Haare schnitt und plötzlich kontroverse Kunst als Covergrafiken erwählte. Serranos Malereien aus Blut, Urin und Sperma mögen auf den ersten Blick zwar „edel“ wirken, sind aber jedermanns Sache nicht – wie auch Marianne Faithfulls „Lala”-Gastbeitrag. Schließlich verwurstete man auch alte Haudegen mit einem klassischen Orchester für S & M, bevor mit St. Anger ein rumpelndes Krachdemo vorgelegt wurde, das lediglich von der gezwungen künstlerischen Kollaboration mit Lou Reed – treffend mit Lulu betitelt – überschattet wurde. Dazwischen stand noch Death Magnetic, ein Paradebeispiel für laut und übersteuert. Doch wie so oft wird im ersten Atemzug heißer gekocht als gegessen, denn Engstirnigkeit ist oftmals der Menschen Ding. Und allein ihr Tribut an die eigenen Vorbilder – Garage Days und Garage Inc. – beweis nicht nur eindrucksvoll, dass der heimische Plattenschrank, vor dem sie ihre „We’re not worthy!“- Verbeugungen machen, von Diamond Head über Nick Cave bis hin zu Black Sabbath und Queen gut gefüllt ist, sondern auch, dass trotz aller Fehlgriffe und Spompanadeln, die man wie jedem Menschen auch einem Künstler zugestehen muss, die älter gewordenen Herren immer noch frisch-frei fetzen können.

Besser arm dran, als arm ab

Rewind in die frühen Achtziger: Lars Ulrich, tennisspielender, dänischer Jungspund, ist gerade mit seiner Familie in einen Vorort von L.A. gezogen und sucht im Recycler Gleichgesinnte: „Schlagzeuger sucht andere Metalmusiker zum Jammen. Tygers of Pan Tang, Diamond Head, Iron Maiden.“

Ulrich, der von Deep Purple tief beeindruckt seine Liebe zur Musik entdeckte und den amerikanischen Motörhead-Fanclub gründete, zwiebelte damals ordentlich daneben. James Hetfield zeigte sich wenig begeistert von seinen Künsten – aber die Aussicht, auf dem Sampler Metal Massacre vertreten sein zu können, ließ ihn zusagen. Metallica war geboren – und zwar mit geklautem Namen, denn eigentlich wollte Ulrichs Freund Ron Quintana so sein Fanzine taufen. Eigene Ideen hatte man wohl aber auch: Thunderfuck, Grinder, Blitzer, Deathchamber und Flying Tigers. Das ikonische Vampirzahn-Logo wurde übrigens von Hetfield entworfen und zählt heute zu den ikonischsten Lettern. Heute. Denn damals, zu den Anfängen, musste man sich nach den Konzerten Groupies checken, um wenigstens einmal irgendwo duschen zu können und eine warme Mahlzeit zu bekommen. Ansonsten hauste man mit anderen Partien irgendwo in Abbruchhäusern.

Geld spielt keine Rolex

Auch wenn die späten Achtziger und frühen Neunziger von Einschlägen geprägt waren – Bassist Cliff Burton verunglückte bei einem Busunglück und James Hetfield stand nach zahlreichen Skateboard-Unfällen 1992 auf der Bühne auch noch plötzlich in Flammen –, der Aufstieg folgte insbesondere ab dem schwarzen Album kometenhaft. Einst abgenudelt, kann man es sich heute leisten, um einen zweistelligen Millionenbetrag einen Konzertfilm zu produzieren (Through The Never). Ebenso einen gigantischen Studiokomplex, die Metallica-HQs am Gelände der ehemaligen Militärkaserne Presidio. Neuzugang Robert Trujillo, der dem „unehrenhaft entlassenen” Burton-Ersatz Newsted 2003 nachfolgte, bekam gar eine Million Dollar in bar als Willkommensgeschenk auf den Tisch geknallt. Die Herren leben in Villen mit Kunstsammlungen, fahren Roadsters – schlachten aber nebenbei ihre reiche-Herren-Probleme mit Therapeut vor der Kamera aus (Some Kind Of Monster) und verklagen Napster.

James Hetfield in "Through The Never"

James Hetfield in „Through The Never“

Wenngleich sie auch in den Frühzeiten ihrer Karriere ab und an überforderten und zu Mittel- und Spätzeiten eigensinnig ihren eigenen Weg gingen, Menschen vor den Kopf stießen, reicht ihr Einfluss nicht erst seit heute von Korn bis Godsmack, von Trivium bis Life Of Agony, von Avenged Sevenfold bis Soundgarden, Machine Head, Bullet For My Valentine und viele andere mehr. Die finnische Band Apocalyptica huldigte den Herren mit Plays Metallica By Four Cellos, die Parodieband Beatallica verknüpft die Klänge von Metallica mit denen der Beatles – und erhielt von Metallica sogar rechtlichen Beistand, als Sony klagte.

Es gibt ein Metallica-Monopoly, und auch Guitar Hero reckt die Pommesgabel zu „Master, Master“-Chants. Zweifelsohne biederte man sich ab dem schwarzen Album dem Radio an, aber auch die Blues-Phase von Load und ReLoad bietet einige durchaus gekonnte Nummern – nach Motorbreath halt vielmehr mit Fuel – frei nach der Anti-Nowhere League: „So f*cking what?!”. Selbst den künstlerischen Tiefpunkt von St. Anger hätte man mit einer Produktion ähnlich Slipknots Iowa übertauchen können. Lulu bezeichnen wir kurzerhand als künstlerische Freiheit der Midlife-Crisis – und die Napster-Kontroverse können wir durchaus unterstreichen: Downloading is stealing.

Metallica sind, allen Kontroversen zum Trotz oder genau deswegen „menschlich“ – unterm Strich bleibt auch heute noch zumindest live (wie Through The Never eindrucksvoll dokumentiert) eine gewaltige Relevanz der Herren: „Adrenaline starts to flow, you’re thrashing all around – acting like a maniac – WHIPLASH!“

 

Und nachdem dieses Mal Wunschkonzert gespielt wird, stellten wir unsere eigene Wunsch-Playlist für das Konzert in der Wiener Krieau zusammen. Oh yeah!

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