Wallis Bird ist zuhause angekommen

Wallis Bird

Zuhause ist, wo man sich sicher weiß, wo sich alles richtig anfühlt. Deswegen nimmt die Irin Wallis Bird auf ihrer „Home“-Tour auch ihr Wohnzimmer mit in jede Stadt.

Wallis BirdDie gebürtige Irin ist ein Darling. Das war schon immer so und wird vermutlich auch immer so bleiben. Wallis strahlt, verteilt Umarmungen. Ganz auf dem Boden geblieben präsentiert die 34-Jährige, mit dem „Meteor Ireland“ ausgezeichnete Wahl-Berlinerin im September ihr brandneues Album „Home“. Und „Home“ hebt sich von den bisherigen Werken der Folk-Rock-Singer-Songwriterin ab: Es kommt beinahe experimentell daher, irritiert, zwingt zum ganz besonders gut Zuhören. Im Rahmen ihrer Club-Tour spielt sie im Februar 2017 fünf Österreich-Konzerte. Weshalb es vielleicht aber die letzten neuen Songs sind, die man von Wallis zu hören bekommt, erklärt sie im !ticket-Interview.

Bist du beleidigt wenn ich sage, dass das Album sehr irritierend ist – aber auf eine positive Art und Weise: Es klingt fast so, als ob du deinen Fans etwas Hartes zum Kiefeln aufgegeben hast.

Wallis Bird: Das ist immer meine Intention. Obwohl es viel einfacher war, dieses Album zu machen als alle zuvor. Ich war zu Hause in meiner Wohnung und habe einfach mein Ding gemacht. Du findest sicher eine ganze Menge unterschiedlichster Sounds …

Piano-Disharmonien beim ersten Track, die beinahe hysterisch-ekstatische Stimme bei „Odom” …

Wallis Bird: Es ist auf das Nötigste reduziert. Ich habe an allen Songs eineinhalb Jahre lang gearbeitet. Es war nie so, dass ich einen Titel fertig geschrieben und dann mir den nächsten vorgenommen habe. Ich bin immer wieder zu jedem Song zurückgekehrt, habe geschaut, was ich noch hinzufügen könnte. Aber es kam nie etwas dazu, ich habe nichts zusätzlich aufgenommen, sondern eher Sachen weggestrichen. Die Titel sind auf das Wesentliche reduziert. Der Grundtenor des Albums ist: Ich bin glücklich, sorry!

Also gab es keinen Masterplan?

Wallis Bird: Sicher gab es den! Das sage ich jetzt einmal so.

Aber es ist nicht einfach ein nettes Album mit elf netten, einfachen Songs?

Wallis Bird: Ich habe alle meine Platten angehört und bemerkt, dass ich eigentlich über nichts Bestimmtes mehr schreiben muss. Früher habe ich über Liebe geschrieben, darüber, die große Liebe zu finden … Jetzt habe ich meine große Liebe gefunden, also weshalb und was soll ich noch darüber schreiben? Ich habe, was ich wollte. Vielleicht sollte ich etwas ganz anderes machen?

Ist das ein Zeichen des Alters, in dem man sich nicht mehr um das flache Pop-Biz schert?

Wallis Bird: Ja, denn es gibt so viel wichtigere Dinge auf der Welt, als ein verdammter Musiker zu sein. Musik hat einfach an einem Punkt mein Leben übernommen…

Das ist doch etwas Gutes?

Wallis Bird: Freilich, ich hatte das Glück, mir nie einen Job suchen zu müssen. Doch jetzt kommt es mir vor, als sei das nicht mein wahres Ich. Deshalb habe ich diese Songs geschrieben. Ich dachte, ich packe da alle meine Erfahrungen hinein, so, dass es danach nichts mehr zu sagen gibt und ich es einfach bleiben lassen kann. Musik ist definitiv nicht das Wichtigste auf der Welt! Vielleicht ist das mein letztes Album.

Weshalb?

Wallis Bird: Wie ich sagte. Fuck it.

Das klingt nach beginnender Midlife-Crisis?

Wallis Bird: Das kann durchaus sein (seufzt).

Aber es gibt auch einfache Titel wie „That Leads The Way”, was beinahe ein Singalong-, ein easy Pop-Song ist. Mit „Seasons“ scheinst du uns am Ende des Albums wieder in die Mainstream-Welt zurückzuführen. Wer soll das kaufen?

Wallis Bird: Das kümmert mich einen Dreck! Das bin ich, die Musik macht. Ich hatte zum ersten Mal die Freiheit zu tun was ich will. Und das kam dabei heraus. Ich habe das Album selbst produziert, habe mir zeigen lassen, wie ich zu Hause aufnehmen kann, mir die Technik angeeignet. Mein Management hat sich nicht eingemischt, sie haben gesagt: „Wallis, nimm dir Zeit, tu was du willst.“ Also bin ich zeitig in der Früh aufgestanden und habe mir eine Arbeitsroutine von neun in der Früh bis fünf am Nachmittag eingerichtet. Ich bin eigentlich faul, wenn ich keine Strukturen habe und würde den ganzen Tag im Park sein und schlafen. Aber ich habe mir auch die Zeit genommen mal nichts zu tun, viel Tagzuträumen, Dinge zu tun, für die ich nie Zeit hatte, wie Klavier zu üben. Ich hatte endlich viel Zeit!

Also hast du wieder alles daheim aufgenommen, wie schon in der Vergangenheit?

Wallis Bird: Ja, so ziemlich alles. Ich habe vielleicht 15 Prozent im Studio eingespielt. Erst am Ende der Aufnahmen, die Stimmen mit guten Mikrophonen. Der Rest entstand zu Hause. Aus dem Bett raus fallen, in den anderen Raum gehen und Musik machen. Obwohl, das ist gefährlich, denn es verleitet zum Nichtstun.

Hast du den Song „Home“ mit dem Handy-Mikrofon aufgenommen?

Wallis Bird: Die erste Version habe ich auf meinem Handy aufgenommen, ja. Ich wollte die Idee zu dem Song nicht vergessen. Alle Aufnahmen, die ich danach probierte, waren okay, aber eben nicht so gut wie beim ersten Mal. Also habe ich es noch einmal in meiner Küche versucht und meine große Liebe Tracy, um die es geht, direkt angesungen. Das war es dann!

Du bist vor nicht allzu langer Zeit nach Berlin gezogen. Was hat das für dich verändert?

Wallis Bird: Vieles. Alles! Ich kann jetzt verstehen, weshalb es so viele Künstler dorthin zieht. Ich habe sechs Jahre in London gelebt und … (Wallis auf Deutsch) London kann mich am Arsch lecken. Es ist ein Scheißloch für Musik. Es ist derart abgehoben. Es geht nur um Statussymbole, es ist für mich ein kreatives Vakuum. In Berlin kann ich einfach in eine Bar gehen und fragen, ob ich ein bisschen spielen darf. Kein Problem. Ich kann fragen, ob ich zwölf Stunden nonstop spielen darf. Kein Problem. Du sitzt herum, trinkst ein Glas Wein mit Freunden, jemand kommt rein und spielt Musik. Du hörst Virtuosen aus der Türkei in der U-Bahn Klarinette spielen, dass es eine wahre Freude ist. In London gibt es kein Geld und schon gar kein Geld für junge Menschen. Und es gibt so viele junge Leute dort.

Demnächst stehen die ersten Konzerte an. Ist es überhaupt möglich, ein derart komplexes Album live auf die Bühne zu bringen?

Wallis Bird: Die Konzerte klingen ähnlich wie das Album. Ich habe sehr einfache Songs geschrieben, aber sie klingen auf der Platte größer, als sie sind. Das hängt mit meiner Produktionsmethode zusammen. Live klingen die Titel dann sehr intim. Bei der kleinen Version der Tour spielen wir jetzt einmal das Album komplett durch, von der ersten bis zur letzten Note. Damit sich die Menschen an die neuen Songs gewöhnen können. Danach gibt’s die größere Tournee, mit der wir auch nach Österreich kommen. Da sieht die Bühne wie ein Wohnzimmer aus und mit dem passenden Licht wirkt es sehr gemütlich, fast wie zu Hause. Das passt perfekt zu den Liedern. Es ist auch erste Mal, dass ich einen eigenen Typen für das Bühnenlicht mit habe.

Dann hoffst du eigentlich, dass das Album nicht besonders erfolgreich ist, denn auf großen Bühnen wird das Konzept dann ja nicht funktionieren.

Wallis Bird: lacht Nunja, schauen wir einmal, was passiert!

 

Wallis Bird kommt für gleich fünf Termine mit ihrem Wohnzimmer nach Österreich, am 9. Februar in den Weekender Club in Innsbruck, am 10. in den Linzer Posthof, am 11. ins Salzburger Rockhouse, am 13. ins Wiener Flex und am 14. ins Grazer ppc. Tickets gibt es bei oeticket.com.

 

 

 

 

Der Beitrag gefällt dir? Jetzt teilen!