Was wird, Wilfried?

Ungewollt wurde öffentlich, dass der Austro-Hero seit einigen Jahren an Krebs leidet. Fast als ob Wilfried Scheutz der Krankheit ins Gesicht lacht, bringt er mit „Gut Lack“ ein neues Album heraus.

Wilfried„Live geht sich derzeit net aus für mich“, bedauert der Hüne im indischen, dunkelroten Seidengewand. Einer Erscheinung gleich ist er von seinem Wohnhaus in Hanglage, in Pressbaum nahe Wien, herabgestiegen zur „Vereinsmeierei“, einem Kulturverein, den Wilfried vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat. Lautlos hatte sich der Poet der versammelten Schar an Freunden, Weggefährten und Journalisten genähert, gestützt von Sohn Hanibal. Wilfried hat Krebs, eine Operation überstanden. Das wollte der der 67jährige nicht an die große Glocke hängen, trotzdem sickerte es nach einem Facebook-Posting durch. Und jetzt ein neues Album mit elf Titeln? Ein Farewell-Longplayer?

Auf „Gut Lack“ gibt’s den wunderbaren Titel „Wenn man sich ändern will“, der zeigt auch deine enorme musikalische Bandbreite …

Wilfried: Der Text zu „Wenn man sich ändern will“ ist bei einer Indien-Reise entstanden und dann als Gedicht herumgelegen. Hanibal, mein Sohn, und Carlos, der im anderen Leben Bassist in meiner Band ist, haben das Album produziert. Die sind so eine Lennon-McCartney-Beziehung eingegeben. Ich hab’ ihnen die Texte gegeben und sie machten daraus Songs. Also, die Musik haben ausnahmslos sie geschrieben.

Dennoch hört man viele Stile heraus, mit denen du dich beschäftigt hast, es rockt, grooved, funked manchmal.

Wilfried: Ich hör’ ja alles, ich bin kein eindimensionaler Hörer, mich interessiert alles. Ich bin ein alter Jazz-Fan, das resultiert aus den Blues-Sachen. Der Geschmack hat sich weiterentwickelt.

Ist das Lied „Kein Thema“ aus Verzweiflung über fehlende Inspiration entstanden oder ganz bewusst als Text, in dem es um kein Thema geht?

Wilfried: Ich war um halb fünf am Klo und dann bin ich ins Bett zurückgegangen. Draußen hat es geschüttet und ich hab’ mir gedacht, dass das der perfekte Augenblick ist, dass ich jetzt einen Text schreib’. Aber was ist das Thema? I hob’ kans! Des ist des Thema! Und hab’ in das Handy rein geraunzt: “I hob’ ka Thema für dieses Lied, wos soll das werden, was mir da blüht.” Hanibal hat daraus eine neue Rock-Nummer gemacht, das war mir auch recht.

Hast du bei deinen zahllosen Aufnahmen, beginnend in den Siebzigern, überhaupt noch eine Ahnung, wie viele Platten du gemacht hast?

Wilfried: Das kommt drauf an, wie man zählt. 15 vielleicht. Dann gibt es acht Alben 4-Xang und zehn Alben, bei denen ich die Hauptstimme bei anderen Projekten singe. Und die Live-Alben. Und alle Formen von Compilations.

Du sprichst die Wutbürger an …

Wilfried: Die Wutbürger sind ein sehr interessantes Phänomen. Am Anfang hab’ ich mir gedacht, na endlich, jetzt hauen die Leut’ einmal ordentlich auf den Tisch. Daraus geworden ist, dass jeder Trottel auf den Tisch haut, ohne einmal einen Fakt nachzulesen. Und jeder schreit irrsinnig laut bevor er überhaupt überrissen hat, was gemeint ist. Diese Entwicklung ist eine komplette Katastrophe.

Gab es einen auslösenden Zeitpunkt für deinen Grant?

Wilfried: Es hat mir gefallen, dass es wie eine Wutbürger-Nummer anfängt. Aber eigentlich hab’ ich eine Wut auf die Wutbürger. Dass sich das dann umdreht.

Also wird der selbsterklärte Wutbürger Düringer nie dein politischer Freund?

Wilfried: Kein Kommentar (lacht)! Man lässt Leut’ über etwas abstimmen, worüber sie sich nie informiert haben. Ich halt net einmal von Volksabstimmungen etwas. Was soll das bringen? Dass man Leut’ über etwas abstimmen lässt, wo nur lauter falsche Fakten am Tisch liegen? Des is’ doch a Bledsinn. Wir san keine Schweizer, die sind das gewohnt. Und auch dort geht vieles schief.

Ist „Gut Lack“ dein politischstes Album?

Wilfried: Ja, denn die jetzige Trumpisierung der Welt geht nicht nur mir auf die Nerven! Es ist natürlich ein abgeklärtes Album, ich bin in einer abgeklärten Phase momentan.

„Trottel“ klingt wie eine Selbstreflektion?

Wilfried: Der Trottel-Song ist natürlich über mich und hat sehr viel damit zu tun, dass ich mir sehr wohl bewusst bin, dass ich ein sehr wenig perfekter Zeitgenosse bin. Und sehr viele Chancen ungenutzt gelassen hab.

Gibt’s stilistisch noch etwas, was du machen möchtest? Klassik?

Wilfried: Nein, weil mich die klassische Stimmführung so gar nicht interessiert. Nicht einmal bei den Meistern. Ich finde klassischen Gesang schrecklich. Ich finde auch klassischen Balletttanz auf der Spitze schrecklich. Es ist eine Vergewaltigung der Natur. Der Mensch singt nicht so …

Waren die null Punkte anno dazumal, beim Songcontest, ein Wende- oder Tiefpunkt?

Wilfried: Das hat mich komplett aus der Bahn g’haut. Aber ich bin dadurch zum Schauspiel gekommen. Ich hab’ dann 80 Theaterstücke gespielt und einige Fernsehserien gedreht. Da wär‘ ich sonst nie hingekommen. Ich hab’ mich in den Songcontest selbst hinein theatert. Ich war auch net guat. Das war nicht meins. Ich war schrecklich. Alles war schrecklich. Und dazu kam die Waldheim-Geschichte.

Wärst du heute gerne jung, ein Teenager?

Wilfried: Des is’ a ganz a blöde Frage jetzt. Natürlich! Also jung wär’ ich net gern, aber ich wär’ gern zehn Jahre jünger und g’sund. Ich bin leider sehr krank, aber da kann man nix machen.

Hatte die Krankheit Auswirkungen auf deine Kreativität, auf die Inhalte?

Wilfried: Naja, es wird alles zehn Mal so oarg. Es stößt alles an die Lebensgrenzen. Es blitzt überall. Am Tag vor meiner Kopfoperation hab’ ich so Gedanken gehabt wie: Ich geh durch die Wüste und trag die großen Tafeln. Da hab’ ich die großen biblischen Gemälde verstanden. Nicht, weil ich so ein großer, wilder Typ bin, sondern weil das Schicksal so ein wildes Ereignis ist.

Denkt man auch daran, was man hinterlässt?

Wilfried: Das hab’ ich mir alles überlegt, war das genug? Da hab’ beschlossen zu sagen: Ja. Weil so ein wildes Leben wie ich g’habt hab … net wild. Ich bin nicht einer, der im Alter jetzt zugibt, dass er mit dreitausend Frauen geschlafen hat. Ich bin kein holländischer Rechtspolitiker. Aber ich hab’ ein sehr lustiges Leben gehabt und hab’ es jetzt immer noch. Ich trauere nix nach.

Wie geht’s dir heute?

Wilfried: Gesundheitlich nicht wahnsinnig guat, berühmt is’ des net. Ich hab’ einen Schwindel, wenn ich mich aufreg’, ist der Blutdruck hoch. Zwischenzeitlich geh’ ich damit ganz gut um. Ich bekomm’ auch eine irre Zuwendung von allen Seiten, das fängt bei meinem Bua an. Fast, als dass sie uns zusammenpickt haben. Wir waren schon immer eng, aber jetzt ist es überirdisch.

 

Wilfried Gut Lack“Gut Lack” ist am 16. Juni bei monkey. erschienen.

 

 

 

 

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