WHITE LIES – POSTPUNK UND MEHR

Eigentlich stecken sie noch in den Kinderschuhen – erst seit sechs Jahren gibt es die dreiköpfige (live fünfköpfige) Band rund um Sänger Harry McVeigh. Die White Lies haben aber etwas, das andere Bands nach über fünf Jahren noch nicht besitzen: Erfolg.
Gut, in Zeiten von YouTube und Konsorten haben manche Menschen innerhalb von fünf Minuten Erfolg. Die haben zwar Äffchen, stylishe Kurzhaarfrisuren, Fotos in Unterwäsche auf Twitter – aber eben denen fehlt meistens etwas, das die White Lies zusätzlich besitzen: Talent. Wirkliches Talent. Musikalisches Talent.
Nicht umsonst wurden sie schon mit Größen wie Joy Division verglichen – schnell war allerdings klar, dass sie kein Abklatsch sind. „Für Freunde von …“ ja, „Sounds totally like“ nein!
2011 erschien ihr letztes Album – auf diesem auch die Single Bigger Than Us, eines der berührendsten, schön-pathetischsten Werke der letzten Jahre. Bei jedem Hören krampft sich der Magen ein ganz klein wenig zusammen, die Augen werden ein bisschen feucht, der Fuß wippt, die Stimmbänder erzeugen Laute, die der Besitzer ebendieser als „Mitsingen“ bezeichnen würde.


Seit 2011 ist aber schon ein bisschen Zeit ins Land gezogen und man ist hungrig nach einem neuen Album, zumindest einem neuen Song, dem man wieder all seine Zuneigung widmen kann – oder ihn jemandem Zugeneigten widmen kann. Nun ist es soweit – mit Big TV ist ein neues Album erschienen! Erwartungsgemäß eingängig, musikalisch interessant und es hat natürlich Hitpotential. Ihre erste Singleauskopplung Getting Even klang anfangs etwas repetitiv, aber in diesem Fall trug das eher zum Wiedererkennungswert als zur Langeweile bei. Gegen Ende gibt es noch ein paar musikalische Ausreißer, die besser nicht in
das große Ganze passen könnten. Das war ein Vorbote auf das Album Big TV, das im August erschien. Nur noch ein paar Mal schlafen … und dann kann man sich von weißen Lügen selbst überzeugen … (pa)

Und das erzählten die White Lies unserem Musikredakteur Gregor Krenker:

Die Menschen scheinen wieder vom Weltraum fasziniert zu sein. Kommt der Hype der Mond-Landung zurück?

Charles: Vielleicht. Ich glaube, die Menschen blicken in den Weltraum, wenn die Welt ein bisschen klaustrophobisch, ein bisschen zu schwierig wird. Die Leute sind immer begierig darauf zu sehen, was da draußen ist; das muss nicht unbedingt der Weltraum sein. Am Album geht es oft ums Wegziehen und darum, nach etwas Besserem zu suchen, oder was besser zu sein scheint. Durch das Album zieht sich eine Geschichte über ein Mädchen, das den kleinen, provinziellen Heimatort verlässt und in die große Stadt zieht. Sie ist oft einsam und ängstlich. So ähnlich stelle ich es mir vor, Astronaut zu sein: Du kommst endlich in den Weltraum und realisierst dann, wie alleine du da draußen eigentlich bist.

Versuchen die Menschen, vor ihren Problemen davonzulaufen, wenn sie vom Weltraum träumen?

Charles: Nicht immer, es ist ein faszinierendes Thema. Die Erde als Planet ist so ein winziger Teil des Universums. Es ist eigentlich ziemlich narzisstisch, sich nicht für den Weltraum zu interessieren. Warum sollte man sich nur auf so einen winzigen Teil des Lebens konzentrieren?

Da wir gerade von Problemen auf der Erde sprechen – hast du als Kind gleich über deine Probleme gedacht wie jetzt?

Charles: Das ist interessant, darüber habe ich schon lange nicht mehr nachgedacht. Als Kind mochte ich Sicherheit. Ich mochte mein bekanntes Umfeld, hatte eine sehr kleine Gruppe von Freunden. Als ich erwachsen wurde, habe ich einen Punkt erreicht, von dem an ich Vertrautes verlassen und Neues erkunden wollte. Ich werde oft unruhig und möchte auf Reisen gehen. Ich bevorzuge es, dabei allein zu sein. Das kommt mit dem Alter. Irgendwie haben sich also meine Sorgen und Ängste geändert, seitdem ich ein Kind war.

Warum sind in fast all euren Videos Kinder Hauptdarsteller?

Charles: Kinder können sich viel besser ausdrücken. Sie haben weniger Erfahrung, was die Art und Weise, wie sie interpretieren, stark beeinflusst. Wenn du ein Kind filmst und ihm erklärst, was passiert und wie es höchstwahrscheinlich reagieren würde, macht es das einfach. Deswegen mögen es Erwachsene auch, Kinder zu beobachten. Du siehst sie und erinnerst dich daran, wie es war, sorglos und zuversichtlich in deinen Emotionen zu sein. Aber: Im neuen Video sind keine Kinder!

 

Die Menschen blicken in den Weltraum, wenn die Welt ein bisschen zu schwierig wird.

 

Viele vergleichen euch mit Joy Division und Interpol. Euer Sänger Harry McVeigh hat aber gesagt, dass euer Sound viel erhebender und euphorischer ist. Was genau meint er damit?

Charles: Die Palette an Sounds, die wir benutzen, gibt es bei diesen Bands nicht – mit orchestralen Sounds, echten Streichern und Bläsern. Das Gefühl und das Stigma, das das Verwenden von orchestralen Instrumenten mit sich bringt, ist auf negative Weise mit der Bourgeoisie verbunden; es ist ein glamouröser Sound. Wenn ich diese Instrumente höre, einen großen Streichersatz, ein Orchester, denke ich nicht an die Kälte und Unbestrittenheit von Joy Division, sondern eher an andere Bands der Ära wie Tears For Fears. Der Sound ist reicher und voller. Joy Division war so brillant aufgrund der Leere und der Verzweiflung in der Stimme. Im Vergleich dazu hat unsere Musik mehr Farbe und Abstand zu dem, was Harry singt. Das macht sie euphorisch, denke ich.

BIG TV erschien im August 2013 by Polydor / Universal

BIG TV erschien im August 2013 by Polydor / Universal

Denkst du, euer neues Album ist genauso euphorisch wie die ersten Platten?

Charles: Es ist sogar euphorischer. Da ist viel mehr Gefühl in den Melodien. Viele Gesangs-Melodien wurden mit Instrumenten geschrieben und nicht sofort gesungen. Der Unterschied darin ist mit der Melodie des Sprechens
verbunden: Wenn man jemandem schlechte Nachrichten überbringt, benutzt man häufig den gleichen Ton in der Stimme. Wenn man aber einen alten Freund trifft, fragt man: „Hey, wie geht’s dir? Schon so lange nicht mehr gesehen!“ Die Stimme macht dann viel mehr Melodie, denn diese Art von Melodie ist mit Freude und Euphorie verbunden. Da wir das Album so geschrieben haben, ist es natürlich, dass es ein Gute-Nachrichten-Album geworden ist.

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