Whole lotta Love with Beth Hart

Diese Stimme: Einfühlsam wie kraftvoll gleichermaßen, mit ähnlichen Qualitäten gesegnet, wie man sie von Größen wie Glenn Hughes oder Robert Plant her kennt. Nach ihrer Kollaboration mit Joe Bonamassa im letzten Jahr kehrt Beth Hart mit Bang Bang Boom Boom wieder und beweist, dass Blues auch ein Lächeln verträgt.

Letztes Jahr veröffentlichtest du gemeinsam mit Joe Bonamassa Don’t Explain, ein Sammelsurium aus Coverstücken von Künstlerinnen wie Etta James und Aretha Franklin … Wie kam es dazu?

Beth Hart: Joe war vor einigen Jahren auf einem meiner Konzert in London, spielte er immerhin Sick oder Face Forward von 37 Days in seiner Radioshow und wollte mich nun auch live sehen. Damals sind wir jedoch nicht persönlich zusammen gekommen, er sprach nur mit meinem Mann und sagte damals bereits, er wolle gern ein Album mit mir aufnehmen. Wie man aber weiß reden die Leute viel, wenn der Tag lang ist, daher maß ich dem keine große Bedeutung zu. Später trafen wir jedoch in einem Hotel in Holland persönlich aufeinander und er wiederholte sein Anliegen, meinte, er würde gern ein Coveralbum mit mir machen. Ich nahm eigentlich an, ich sollte die Background-Stimme beisteuern, aber er wollte tatsächlich, dass ich die Hauptstimme übernehme! Wir machten uns also daran, Wunschstücke aufzulisten, er genauso wie ich, und innerhalb von vier Tagen war das Album dann im Kasten. Der Aufnahmeprozess war keine großartige, komplexe Sache, sondern sehr organisch, gewissermaßen ein gemeinsames Jammen, das von Kevin auf Band gebannt wurde. Für mich war dies definitiv eine großartige, inspirierende Erfahrung!

Neben Joe hast du in der Vergangenheit auch mit großen Gitarristen wie Slash und Jeff Beck zusammengearbeitet. Der nächste auf deiner Wunschliste: Jimmy Page?

Beth: Du wirst lachen, es war sogar geplant, mit Jimmy ein gemeinsames Ding zu machen. Seine Frau sah jedoch Live At Paradiso und war von meinem Auftreten etwas … nun, „eingeschüchtert“ ist vielleicht der richtige Ausdruck dafür. Daher wurde dies aufs Eis gelegt, allerdings teilt sich Jimmy den Manager mit Jeff, der mein Billy Holliday-Cover mit Toots Thielemans kannte und gut fand und so kam stattdessen jene Zusammenarbeit ins Rollen …

Deine eigenen Stücke sind sehr emotional – wie unterscheidet sich dein Zugang zur Musik, wenn du fremde Texte singst?

Beth: Ich kann fremden Stücken nur gerecht werden, wenn ich eine persönliche Geschichte mit ihnen verbinde, alles andere wäre vergebene Liebesmüh. Es steckt also eine ähnliche Leidenschaft von mir in ihnen drinnen, sie sind auch Teil von mir und meinem Erlebten – auch wenn die Verfasser andere sind. Mit Well, Well hatte ich zugegebenermaßen Startschwierigkeiten, aber irgendwie ging Joes Leidenschaft nahtlos auf mich über und es hat gefunkt.

Wenn wir schon bei Coversongs sind – Bonamassa ist aktuell auch auf der Deep Purple-Huldigung Re-Machined zu hören, du hingegen bist die einzige externe Person, die für Deep Purple Background-Stimmen beisteuern durfte (Haunted auf Bananas). Welches Stück der Briten würdest du gern einmal verwursten?

Beth: Ich tue mir da immens schwer, gerade die alten Sachen sind derart zeitlos, für die Ewigkeit, dass ich mich da nicht wirklich festlegen könnte, da müsste ich schon ganze Alben nennen dürfen!

Ich nehme an, dann fällt es dir auch nicht wirklich leicht, ein einziges Musikstück eines beliebigen Künstlers zu nennen, das für die Ewigkeit bewahrt gehört?

Beth: Doch – You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones! Das ist einmal eine Message fürs Leben!

Nachdem du dich selbst als Künstlerin in einem sehr breiten Spektrum bewegst – von Blues, Soul und Jazz bis hin zu Hard Rock: Welche Musik, welche Künstler haben dich insbesondere geprägt?

Beth: Meine Musikleidenschaft wurzelt eigentlich in Klassik, Beethoven hat mich weinen gemacht und dazu inspiriert, Klavier zu lernen. Die nächste Stufe war wohl, als mich meine Mutter in das Musical Annie mitnahm und meine Schwester in Grease. Dann kamen Billie Holiday, Diana Washington, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra und viele Singer und Songwriter – im Grunde all die Musik, die meine Mutter so hörte. Durch meinen Bruder stieß ich dann auf Social Distortion, Black Flag, Dead Kennedys, The Ramones, Sex Pistols – und Reggae, so komisch es klingt. Vor allem Peter Tosh und Bob Marley halfen meinem damaligen Ich, das ein zerstörerisches dreizehnjähriges Gör war, durch sehr schwere Zeiten. Dabei ging es weniger um Gott, sondern vielmehr Spiritualität, für sich selbst einstehen und Menschlichkeit zeigen. Daraus resultiert vielleicht auch meine Leidenschaft für Soul und Blues – Otis Shredding und Etta James, Aretha Franklin, Joe Turner, Robert Johnson, …B.B. King?

Beth: Joe würde mich töten, aber nein – bis heute habe ich keinen Zugang zu King gefunden (lacht), ganz im Gegensatz zu Howlin‘ Wolf! Das waren wohl die Initialzünder für mich als Musikerin, den letzten Schupps gaben dann AC/DC, Black Sabbath, Queen, Led Zeppelin, Rush und die ganze Grunge-Welle mit Alice in Chains und Soundgarden. Zu dem Zeitpunkt brodelte das gewaltig in mir und war genau die richtige Musik, um diesen Schleim aus mir herauszuwürgen. Heute, so scheint es, gehe ich wieder zu meinen Wurzeln zurück.

Was sind jene drei Stimmen, die dich am meisten gefesselt haben?

Beth: Chris Cornell – der hat Eier! –, Robert Plant und Glenn Hughes! Gerade letztgenannter kann einfach nicht von dieser Welt sein! Und wenn ich noch nachschießen darf: Etta James – da stecken drei gestandene Männer im Körper einer Frau, und Howlin‘ Wolf muss ich natürlich auch nennen, ein grandioser Belter! Aber wenn ich mir es so recht überlege – streiche alle und lass nur Glenn Hughes stehen! Der ist das wahre Genie!

Um endlich auf dein aktuelles Album zu kommen: Es ist ein Vorurteil, dass Blues, Jazz und Soul eine düstere Stimmung transportiert und aus einer solchen auch erwächst. Bang Bang Boom Boom zeigt jedoch, dass selbiges aber auch mit einem Lächeln auf den Lippen funktioniert …

Beth: Es ist so schön, dass du das sagst! Tatsache ist, dass ich wusste, mit dem neuen Album muss ich etwas anders machen, ansonsten erhänge ich mich mit meiner Langeweile. Ich habe bereits ausreichend über Drogen und meine schwere Kindheit lamentiert, geschrien, geweint – und darauf blicke ich auch mit einem gewissen Stolz zurück, aber jetzt, wo ich mich privat auf einer anderen, sichereren Ebene befinde, kann ich nicht im alten musikalischen Schema verhaftet bleiben. Die musikalische Umstellung, mehr in Richtung Jazz, Blues und Swing zu gehen, war durchaus eine Herausforderung für mich, eine, die mich angetrieben und ausgefüllt hat – und diese Freude spricht auch an allen Ecken und Enden aus dem Album.

Glaubst du, dass ein übergroßes Maß an Exhibitionismus nötig ist, um ehrliche, gute Musik zu fabrizieren?

Beth: Nein, überhaupt nicht. Ein gutes Gegenbeispiel ist Miles Davis, zumeist spielte er mit dem Rücken zum Publikum. Weißt du, was er auf die Frage meinte, was das letzte im Leben sei, das er gerne tun würde? „To wring a white men’s neck.“ Und dennoch: ein genialer Musiker. Mir selbst hilft mein Exhibitionismus, wenn du es so nennen willst, um die Performance selbst intensiver zu erleben – und da ist es im Grunde ganz egal, ob es tatsächlich meine Geschichten sind, die ich erzähle, sondern durch mein gesamtes Auftreten die Nähe zum Publikum, die Beziehung, die ich aufbaue. Authentizität ist das Stichwort. Ich bin auf der Bühne, um gemeinsam eine gute Zeit zu haben – ich bin nicht da, um allein zuhause in meinem Kämmerchen meine Musik zu machen.

Wie viel „Diktatur“ gestehst du dir im Prozess des Songschreibens zu?

Beth: Ich sage meiner Band nicht, wie sie spielen soll – müsste ich das, wäre sie falsch besetzt. Von mir kommen die Grundideen, ich lege fest, welche Akzente ich setzen will, aber in diesen Rahmen bewegen wir uns alle frei. Einiges erarbeitet man gemeinsam, anderes kommt wiederum von mir oder meinen Mitmusikern, das direkt übernommen und eingearbeitet wird. Ich bin nicht die einzige Künstlerin, eine, die Schergen um sich schart, sondern auch sie nehmen Anteil an den Stücken.

Du bist in L.A. geboren, wohnst nach wie vor dort und schriebst mit dem L.A. Song eine Hommage an die Stadt. Bekanntlich hat die Stadt eine reiche Musikszene, angefangen bei The Doors über Guns N‘ Roses bis hin zu den Red Hot Chili Peppers und Slayer – was ist die musikalische Identität von Los Angeles?

Beth: L.A. ist ein Schmelztiegel, der mit Leuten von aller Herren Länder gefüllt ist und brodelt. Dadurch ergibt sich eine immense Kreativität, durch diese Reibung auf engem Raum. Du kannst dir das vielleicht wie eine Großfamilie vorstellen, die auf wenigen Quadratmetern zusammen haust. Das schürt Konflikte, stärkt aber auch den Zusammenhalt, die Kunst des Überlebens. Als ich jung war, hasste ich die Stadt, heute ziehe ich meine Energien aus dem Umfeld, das hier wirklich ein fantastisches ist. Was New York für die Modewelt ist, ist L.A. für die Kunst.

Nachdem du stark aus der Vergangenheit schöpfst – zahlreiche deiner Vorbilder waren „im Dienste der Kunst“ drogenaffin. Auch deine Vergangenheit ist eine wilde – abgesehen von den Schäden, die ein derartiger Lebenswandel auslöst, hatten sie auch etwas Gutes?

Beth: Der positive Effekt war der Ausbruch aus dieser Zeit. In dieser Zeit kam sehr viel Hässlichkeit raus aus mir – du kannst nicht überleben, wenn du dich selbst hasst. Ich musste sehr viele Themen ansprechen, ehrlich zu mir selbst sein, mich dabei aber nicht geringschätzen, sondern dazu stehen – und das gab mir extrem viel Kraft. Ich bin heute fern davon, perfekt zu sein, aber die wirklich düsteren Momente sind vorbei. Was ich gelernt habe: Anteilnahme an seinem eigenen Leben und an dem der anderen ist immens wichtig und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Sympathie und Verständnis nötig ist, um zu wachsen und zu bestehen.

Interview: Stefan Baumgartner

Bang Bang Boom Boom ist am 5. Oktober auf Mascot Records erschienen.

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