Wie es ihm gefällt

Michael Niavarani ist neuerdings auch Shakespeare-Spezialist – und hat mit „Die unglaubliche Tragödie von RICHARD III.“ dem klassischen „Richard III.“ ein paar richtig gute Pointen verpasst.

 

Den meisten ist Michael Niavarani als Kabarettist und Dauergast bei „Was gibt es Neues?“ im ORF bekannt. Aber er ist auch Autor und ab sofort Theater-Prinzipal: In der Wiener Marx-Halle wird das Globe Theatre nachgebaut um ein Theatererlebnis wie damals zu vermitteln. !ticket sprach mit ihm, wie er dazu kam, sich mit Shakespeare auseinanderzusetzen, und stellte dabei fest, dass er sich zu einem wahren Experten im elisabethanischen Theater entwickelt hat.

 

Michael Niavarani und Shakespeare klingt jetzt im ersten Moment etwas schräg. Wie kam es dazu?

Michael Niavarani: Ich habe Shakespeare mein ganzes Leben immer verweigert, weil für mich diese Schlegel-Tieck-Übersetzung so unfassbar langweilig war und ich einfach auch zu blöd war zu verstehen, worum es geht; also diese ganze sprachliche Romantik, dieses Verschnörkelte. Vor einem Dreivierteljahr war ich im National Theatre in London und habe dort „Edward II“ von Christopher Marlowe gesehen. Vor der Vorstellung wollte ich schon eine Nierenkolik vortäuschen, damit ich es mir nicht anschauen muss. Ich dachte mir, „Um Gottes Willen, das dauert drei Stunden, muss ich mir das antun?“, und dann war ich so fasziniert von diesem Stück. Die Engländer haben die Eigenart, dass sie so realistisch spielen, und obwohl man bis zu 70 Prozent des Textes nicht versteht, weiß man immer, worum es geht. Das war sehr, sehr spannend. Da dachte ich mir, ich muss Shakespeare auf Englisch lesen. Shakespeare auf Englisch zu lesen ist noch sinnloser als auf Deutsch, weil ich ihn dann überhaupt nicht verstehe. Gott sei Dank habe ich dann „No fear Shakespeare“ gefunden: auf der linken Seite ist der Originaltext und auf der rechten Seite der Text in modernem Englisch. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, worum es geht. Wenn man versteht, worum es geht, weiß, warum wer etwas zu jemandem sagt, und was das bedeutet, was der sagt, dann ist das unfassbar spannend. Shakespeare ist ein großer Entertainer gewesen. Ich hab dann sehr viel recherchiert, auch über das Elisabethanische Zeitalter und wie sie damals Theater gemacht haben. Da waren 3.000 Leute im Globe Theatre bei jeder Vorstellung, und das war immer Unterhaltung. „Hamlet“ war als Unterhaltung gedacht und ist auch sehr unterhaltsam, weil es wahnsinnig spannend ist, eigentlich wie ein Thriller. Also Shakespeare ist wahnsinnig spannend und wird bei uns immer so schwer und überintellektuell gespielt oder inszeniert, dass man ihn kaum versteht.

 

Niavaranis Selbstdiagnose zu seinem Versuch, Shakespeare neu zu inszenieren: "Jetzt bin ich offensichtlich wahnsinnig geworden."

Niavaranis Selbstdiagnose zu seinem Versuch, Shakespeare neu zu inszenieren: “Jetzt bin ich offensichtlich wahnsinnig geworden.”

Hast du Shakespeare übersetzt?

Nein, das ist eine neue Fassung. Es gibt in „Richard III.“ zwei Mörder, die Clarence umbringen sollen. Und das sind zwei Komiker-Figuren. Die haben auch damals im elisabethanischen Theater begriffen, dass eine gute Tragödie mindestens zwei, drei lustige Szenen und eine gute Komödie mindestens zwei, drei ernste Szenen beinhalten muss. Also es muss immer beides vorhanden sein. Und ich erzähle die Geschichte von Richard III. aus der Sicht dieser einfachen Menschen, die eigentlich gar keine Mörder sind in meiner Fassung. Es sind zwei grundgütige ehrliche Menschen, die in diese Hofintrigen, in die Geld- und Machtgier von Richard III. hineingezogen werden. Es ist quasi ein Spin-off zu „Richard III.“. Also es passiert die Geschichte, die beim Shakespeare passiert, nur aus einer anderen Sicht.

 

Wie ist die Idee entstanden, in Wien das Globe Theatre nachzubauen?

Ich habe im Globe Theatre ein Stück gesehen. Die Art und Weise, wie man zu Shakespeare-Zeiten gespielt hat, nämlich ohne Bühnenbild, macht die Szenen viel intensiver und es geht wirklich darum, was sich zwischen den Menschen abspielt. Man kann sich nicht hinter oder vor einem Bühnenbild verstecken. Das hat mich sehr fasziniert, und bevor wir jetzt auf irgendeiner leeren Bühne spielen, bauen wir doch gleich das Globe.

 

In der Rinderhalle selbst wird man in die Zeit des "alten" Englands reisen: Der Globe wurde nachgebaut.

In der Rinderhalle selbst wird man in die Zeit des “alten” Englands reisen: Der Globe wurde nachgebaut.

Wie wird das dann sein? Damals wurde im Publikum gegessen, getrunken, dazwischengerufen, das Geschehen kommentiert …

Gegen Zwischenrufe und Kommentieren können wir nichts machen. Wir können auch nichts dagegen machen, wenn die Leute einfach so pinkeln, das haben die damals nämlich auch gemacht. Es gab immer eine Durchsage vor dem Stück, in der gebeten wurde, dass nicht auf den Boden uriniert wird. Das werden wir vielleicht auch durchsagen. Konsumieren kann man bei uns auch etwas, allerdings nur in der Pause und davor sowie danach. Englische Kost, englisches Ale, englische Pies, englische Chips, englische Schokolade …

 

Warum hast du jetzt von allen Shakespeare-Stücken gerade „Richard III.“ gewählt?

Weil ich mich in diese zwei Figuren verliebt habe. Das ist wirklich wie eine Doppelconference, das ist Komödie. Mitten in „Richard III.“ kommen zwei Deppen, die Clarence umbringen sollen. Die zwei haben mich so begeistert, dass ich mir gedacht habe, das ist ideal. Da ist meine Fantasie angesprungen. Ich habe jetzt fast schon alle Shakespeare-Stücke gelesen und ich hab noch zwei, drei andere Ideen für Stücke, aber das ist sozusagen die, die mir unter den Nägeln brannte.

 

Du hast dich viel mit Shakespeare beschäftigt. Denkst du, dass Shakespeare wirklich lebte, oder war er doch Christopher Marlowe?

Ich habe sehr viel recherchiert: Shakespeare war definitiv Shakespeare und hat diese Stücke geschrieben. Die ganzen Verschwörungstheorien sind ein relativer Schwachsinn und nicht belegbar. Genauso, wie es natürlich nicht belegbar ist, dass Shakespeare das wirklich geschrieben hat, weil aus dieser Zeit sehr wenig private Korrespondenz übrig ist, weil London 1666 fast komplett abgebrannt ist. Was man definitiv weiß aus Abrechnungen und aus diversen Briefen von Adeligen, ist, dass Shakespeare die Stücke natürlich nicht alleine geschrieben hat, weil das damals nicht üblich war. Shakespeare war eigentlich der erste Theaterautor in der Geschichte. Davor gab es nicht den einen Theaterautor, der sich hinsetzt und Stücke schreibt, sondern da waren vier, fünf Leute, die gemeinsam Stücke erarbeitet haben. Es gab Spezialisten, der eine hat Monologe besser schreiben können, der andere Liebesszenen, und es wurde sozusagen immer verteilt. Aber der Grundstock ist von Shakespeare, der gekommen ist und gesagt hat, die Geschichte möchte ich machen, und dann war es immer Teamwork. Nach seinem Tod wurden Shakespeare dann von seinen beiden Kollegen, die ihm am Nächsten standen, die Stücke gewidmet.

 

Lektüre-Tipps von Michael Niavarani:

„No Fear Shakespeare“: Die Buchreihe bringt auf der linken Seite den Original-Text von William Shakespeare, auf der rechten Seite den Text in modernem Englisch. Leider aktuell nur auf Englisch erhältlich.
Frank Günther: „Unser Shakespeare. Einblicke in Shakespeares fremdverwandte Zeiten.“ Der Shakespeare-Übersetzer gibt spannende Einblicke in das „Phänomen Shakespeare“.
Peter Ackroyd: „Shakespeare. Die Biographie.“ Ackroyd entwirft in seiner Shakespeare-Biografie das Bild eines Mannes, der die Freiheit, das Spiel und das Wort liebte, dem das Leben überbordende Energie, nie versiegende Lust am Neuen und einen hell strahlenden Geist mitgegeben hatte.
A. N. Wilson: „The Elizabethans“ ist ein Überblick über das Elisabethanische Zeitalter.

 

Der Hausherr ist sichtlich stolz auf "sein Haus".

Der Hausherr ist sichtlich stolz auf “sein Haus”.

„Die unglaubliche Tragödie von RICHARD III.“ ist eine Komödie von Michael Niavarani frei nach William Shakespeare mit Hemma Clementi, Pia Strauss, Michael Pink, Manuel Witting, Oliver Rosskopf, Georg Leskovich, Bernhard Murg und Michael Niavarani. Regie: Vicki Schubert. Gespielt wird ab 7. Oktober im Globe Wien, einem neuen, einzigartigen Theaterraum in der Marx-Halle, der an das Globe Theatre und das Elisabethanische Zeitalter erinnert. Die Zuschauer finden auf mehreren Ebenen Platz und haben eine besondere Nähe zum Bühnengeschehen. Mehr Infos auf www.globe.wien!

Mehr erste Eindrücke finden Sie bei unserem Fotoreport von Daniel Jamritsch!

 

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