Wien, nur du allein …

Gemütlich, melancholisch, sarkastisch: Das Wienerlied ist bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts musikalischer Ausdruck einer einzigartigen Lebensart. Aktuell feiert diese Kunst der feinen Untertöne eine vielschichtige Renaissance.

Wien, eine Stadt, die sich gerne als Weltstadt bezeichnet und trotzdem an so einigen Ecken Dorfcharakter besitzt. Ja, in unserer schönen Hauptstadt ist alles „a bisserl“ anders, langsamer und gemütlicher vielleicht. Klischeebelastet ist die Stadt an der Donau obendrein. Granteltum, eine morbide Haltung, aber auch „an guaten Schmäh“ sagt man ihr nach.

Widersprüchliches Wienerlied
Anfang des 19. Jahrhundert entstand ein Lied, oder fast schon eine Musikrichtung, die die Stadt im Namen trägt: das Wienerlied. Die Charakterzüge dieses Liedes sind komplett an ihren Entstehungsort angepasst: Gemütlichkeit, schwarzer Humor, Vergänglichkeit – und das alles dargeboten mit so einer schummrigen Leichtigkeit, dass es einem selbst beim tristesten Thema ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Man denke nur an eines der ersten – wenn die Melodie auch böhmischen Ursprungs ist – Wienerlieder „O, du lieber Augustin“, das mit der Pest eine so gar nicht amüsante Hauptthematik behandelte. Dennoch schunkelt man beim Heurigen lauthals singend und oftmals grinsend zu diesem mit. So widersprüchlich wie Wien selbst ist also auch sein Lied.

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„Der Tod muss ein Wiener sein“
Eine weitere Charakteristik des Wienerliedes ist seine Vielfältigkeit. Die Kombination aus Straßenmusik, volkstümlichem Gesang, Varieté und auch Operette gab ihm einen ganz speziellen Stil, der über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geschätzt wurde. Egal um welche Form des Wienerliedes es sich handelte, ob nun Ende des 19. Jahrhunderts Schrammelmusik beim Heurigen vorgetragen wurde oder Johann Strauß (Sohn) das operettenhafte „Draußen in Sievering“ trällerte – eines hatten alle Darbietungen gemeinsam: das Wienerische. Auch Nino aus Wien, der soeben gemeinsam mit einem der wichtigsten „neuen“ Interpreten des Wienerliedes, Ernst Molden, mit dem Album „Unser Österreich“ eine Fülle an Neuinterpretationen von alten Wiener Gassenhauern aus dem Ärmel schüttelte, weiß: „Das Wienerische kommt gut an! Auch die Deutschen scheinen auf die wienerische Art zu stehen!“
Ja, wer denn eigentlich nicht? Die Kombination aus raunzerischer Attitüde, morbider Grundhaltung, Schnitzel und Wein – ein Traum! Über eine alltägliche Thematik, die natürlich mit Wehmut verbunden sein sollte, wird eine Prise sarkastisch-ironisch angehauchter Humor darübergestreut und fertig ist das Wienerlied. Es scheint ein nach oben offenes Mindesthaltbarkeitsdatum zu haben und erlebt soeben einen gewaltigen Boom – und das, obwohl des Öfteren vom Tod die Rede ist. Wie sang Georg Kreisler 1969 so schön? „Der Tod muss ein Wiener sein“ – die Auferstehung dann aber bitte schön auch!

Bobo-Songs
Gelten sie heute noch? Die „typisch wienerischen Werte“ vom süßen Tod und traurigen Trinken? Denn der Wiener hat sich verändert und lebt unter guten Bedingungen, um sich am Leben zu erfreuen: in einer Stadt, die laut „Mercer-Ranking“ die höchste Lebensqualität weltweit hat. Dadurch entstand eine neue Spezies von Wienern: die sogenannten „Bobos“. Der Name dieser neuen Gesellschaftsschicht ergibt sich aus „bourgeois“ und „bohémien“, spöttsich auch „Möchtegern-Bohème“ genannt. Sie verdienen gut, gehen gerne schön und glutenschonend essen, trinken auf Partys Bio-Cocktails mit hochpreisigem Rum und rebellieren dennoch gegen Kapitalismus und die Wegwerfgesellschaft. Wird es bald „Bobo-Songs“ geben? Lieder über das Trainieren für den Frauenlauf, den Humus beim Sonntagsbrunch oder den neuen Vegan-Shop und sein Linsennudelsortiment?

Modernes Wienerlied
Norbert Schneider, selbst kein „echter“ Wiener, nimmt zumindest in seinem Song „Wean“ diese Gesellschaftsform aufs (Voll-)Korn. „Ich habe da einige Freunde, die werden ein bisschen durch den Kakao gezogen“, sagt der Singer-Songwriter. Er bringt den Blues und Funk in seine Nummern, die sich oft um Liebe, Schmerz, das Weitermachen drehen. Zum „modernen Wienerlied“ macht er seine Songs dennoch: Vor allem durch die wienerische Sprache und Wörter wie „ollawei“, „Schmäh“ und „Buxbaam“.

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Das war nicht immer so: seine ersten sechs Alben waren auf Englisch. Erst seit 2 Jahren singt auf er auf Wienerisch und ist auch bei einem breiten Publikum erfolgreich.
Erfolgreich, das ist derzeit auch die Wiener Band Wanda. Bekannt wurden die fünf ausgerechnet mit einem Song über eine andere Stadt, nämlich „Bologna“. Macht nichts, man merkt allein durch die Aussprache von Sänger Marco Michael Wanda das pure Wien in jedem Akkord.

Neue Austroszene
Die Austroszene habe sich im Vergleich zu früher dennoch verändert, meint Ernst Molden. „Früher hat man sich eher belauert, beneidet, misstraut. Ich kenne zurzeit keinen einzigen Musiker in Wien, der Wanda nicht gönnt, dass sie so groß sind.“ Thematisch erinnert Wandas Album „Amore“ teils an die alten Wiener Meisterträller: Es geht um Schnaps, stehen gelassene Weinflaschen oder dass wir im Alter sowieso alle einsam sind. Eh scho wurscht! Immer ein bisschen „Wiener Schmäh“ dazu. Es gibt sie also auch heute noch, die Wiener Identität. Sie wird zum Beispiel am Festival zum Wienerlied „wean hean“ wiederbelebt. Aber auch im Ausland kommt der Stil gut an. Norbert Schneider hat etwa Angebote aus Toronto oder Kairo. Schneider versteht es selbst nicht: „Am meisten haben sie bei den Wienerliedern gejubelt.“

 

Text: Petra Albrecht, Astrid Radner

 

wean hean

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Der Nino aus Wien & Ernst Molden

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Norbert Schneider

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Wanda

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