Willkommen in Sophies Welt

Ihre Songs beeindrucken durch eine leise Kraft, wirken sehr filigran, zerbrechlich, stehen dabei aber mit beiden Beinen fest auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Die phantasievolle Autorin stößt mit Ihrem dritten Studioalbum The Danger Of Light erneut in zauberhafte, berührende Welten vor, die irgendwo zwischen Jazz, Rock und Blues oszillieren.

Sie sprechen, so scheint es, ungern über das „Warum?“ und „Wie?“ Ihrer Musik, erst recht über die Person dahinter. Fühlen Sie sich da des Öfteren am Seziertisch liegend?

Sophie Hunger: Nein, dieses Gefühl habe ich nicht. Außer wenn meine Mutter fragt, ob sie meine Wohnung putzen soll. Ich bin der Überzeugung, dass das Publikum immer viel mehr über das weiß was ich tue, als ich selbst. Ich sollte nicht über meine Lieder sprechen, weil ich nicht besonders viel über sie weiß, ich weiß nur wie sie gehen.

Sie sind mehrsprachig aufgewachsen, sind multiinstrumental und haben kreative Künstler in Ihrem Hintergrund. Planen Sie im Vorfeld, welche Sprache, welcher Instrumentaleinsatz einem Musikstück dienlich ist, oder kann man sich den Geburtsvorgang gewissermaßen als Improvisation vorstellen?

Sophie: Das finde ich eine sehr schöne Formulierung, die ich fortan übernehmen werde. Danke! Es ist wirklich genau so: Die Lieder entstehen aus einer Improvisation heraus.

Es fällt auf, dass Sie immens wortgewandt sind – nicht nur im Rahmen Ihrer eigenen Musikstücke, sondern auch an Ihre Beiträge für Die Zeit denkend; Haben Sie in den Ihnen nahestehenden Sprachen – Schwizerdütsch, Hochdeutsch, Französisch und Englisch – eigentlich Lieblingswörter oder -formulierungen?

Sophie: Schweizerdeutsch: schampar, längi Ziet, da bechunsch Vögu, gäu?, Schafsseckel, stalliere, Löli; Hochdeutsch: Gehsteig, „Der Verstand stand still“, nicht?, paperlapapp, Kulturbeutel, Körpermilch, Pissnelke; English: anyone?, meticulous, silly, terribly silly, headmistress, bonkers, „who outdrew you“, lah-dih-dah, Alas!, daft, Sir, shambles, oi!; Französisch: Abominable, allez!, jamais, donc, meufe, conard, l’ombre, la bise;

Können Sie mir die Trias des Präfixes „Re-“ beim Eröffnungsstück Rererevolution Ihres neuen Albums The Danger Of Light erklären?

Sophie: Der Mensch, der das Lied singt befindet sich in einem Wahn. Das was er tut hat keine Richtung, er dreht sich im Kreis. Es ist die Revolution der Revolution der Revolution. Es geht um nichts, nur um das Gefühl der Revolution. Seine Revolution hat kein Ziel, keinen Gegenstand. Der Sinn seiner Revolution besteht darin, Revolution zu empfinden.

Erfrischend, dass Sie trotz internationaler Akzeptanz Ihre Wurzeln nicht verstecken, unterdrücken, negieren oder einfach nur ausklammern – und auch das Schweizerische Einzug in Ihrer Musik findet. Während der Österreicher und Deutsche mit dem Wort „Patriotismus“ vorsichtig agieren müssen, wird dem Schweizer ein großer Patriotismus nachgesagt. Wie würden Sie Ihr „Landvolk“ charakterisieren und was schreiben Sie Ihrer Heimat zu?

Sophie: Es trifft zu, dass ich die Schweiz liebe. Ich glaube, ich bin aber noch zu jung um über mein „Landvolk“ zu richten. Aber es ist sicher so, dass wir uns durch eine große Sorgfalt auszeichnen. Es fällt einem Schweizer zum Beispiel schwer, Müll im Wald zu hinterlassen, nicht weil er angepasst ist sondern weil es nicht schön ist. Außerdem sind wir antiautoritär. Wir hatten nie eine Aristokratie, das ist sehr tief. Wir sind da nicht beeindruckbar.

Es heißt, die Zunge sei schärfer als ein Schwert, Musik wird die Kraft zugeschrieben, bestimmte Gefühle zu evozieren oder unterdrücken zu können. Wie fühlen Sie sich als Künstlerin mit dieser Bürde, jener Kraft – oder ist dies ohnehin nur Humbug?

Sophie: Nein, das trifft alles zu. Aber ich würde sagen, dass das jeder in sich auslösen kann. Der Mensch ist ja ein beweglicher Organismus. Wenn man musiziert dann manipuliert man sozusagen die eigene Gefühlswelt.

Sie sind ein Mensch, der nicht nur mit offenen Augen und Ohren, sondern auch mit aktiven Synapsen durchs Leben marschiert; Im Eröffnungsstück Ihres Albums, Rererevolution, besingen Sie eine Sehnsucht nach einer Revolution, die sich, gewissermaßen kafkaesk, mit jedem Schritt der Annäherung weiter entfernt. Wie stellen Sie sich realistisch gesehen ein Reinemachen, ein Take A Turn, vor, angefangen bei Zwangsbeschneidung von kleinen Mädchen über Pussy Riot und politischem Rechtsruck bis hin zur Verfettung und Verdummung der Menschheit?

Sophie: Diese Frage übersteigt mein Urteilsvermögen.

Zum Thema passend: Ebenfalls auf Ihrem neuen Album zu finden ist mit Perpetrator ein Stück über einen Amokläufer. Können Sie nachvollziehen, was es braucht, um den letzten Grad an Menschlichkeit zu überschreiten – und: behält er sich dadurch noch sein eigenes Menschenrecht?

Sophie: Nun, ich würde sagen, dass auch das zum Menschlichsein gehört. Ich gehe davon aus, dass in uns allen ein Schuft steckt, ein Mörder, ein Vergewaltiger. Wir haben alle die Anlagen dazu. Etwas zu denken und etwas zu tun sind aber zwei verschiedene Sachen. In diesem Lied stelle ich mir die Schönheit vor, die ein solcher Mensch empfindet während seiner Tat. Anders kann ich mir die Tat nicht erklären.

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Holy Hells – heilig sprechen kann man gar viel, möglicherweise auch Kraft daraus zehren, doch Religion kann – siehe nicht nur Mohammed-Karikaturen und 9/11, sondern auch Streit um Minarett-Errichtung und Schulunterricht – auch desaströse Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Ihre Position zu Religion?

Sophie: Ich beantworte die Frage nach der Religion gerne mit einem Zitat von Peter Bichsel: „ Ich glaube an Gott aber ich weiß, dass es ihn nicht gibt.“ Ich finde es eine Zumutung, dass man sagen darf, dass etwas heilig sei nur weil man es NICHT sehen kann! Ich nehme dieses Prinzip auf und stelle mir vor, ich würde einfach auch etwas erfinden und dann behaupten es sei heilig … Es ist ein Stück, das versucht, dieses Prinzip ins Lächerliche zu ziehen.

Im Pressetext zu The Danger of Light werden Sie zitiert, es sei – interpretativ – Ihre „größte Hürde“, die Energie der Konzerte ins Studio zu übertragen. Die Hürde haben Sie mit Bravour gemeistert – was ist das lebendige an Ihnen, Ihrer Musik, Ihrem Empfinden?

Sophie: Ich würde sagen: Die Kraft des Momentes. Die Selbstvergessenheit. Die Improvisation. Die Konzentration. Der Zuhörer. Die Zigarette danach.

Dieses Mal arbeiteten Sie nicht nur mit Ihrer grandiosen Band zusammen, sondern Ihr Produzent ließ sie auf die grandiosen Künstler Klinghoffer, Walcott und Nistor treffen. Angenommen, die Bezeichnung „Supergroup“ sei noch nicht durch Cream gepachtet, würde Ihre „persönliche“ Supergroup so aussehen?

Sophie: Also meine persönliche Supergroup ist freilich die meine! Wenn ich aber die gar nicht nennen dürfte, dann wären es am Schlagzeug Robin Kuschter (Patrick Watson Band) oder Brian Blade. An der Gitarre Josh Klinghoffer, Brad Barr oder Marc Ribot. An den Keys Dr. John. Am Bass und Backing Vocals Dan Auerbach. Songwriting: Frank Ocean.

Erzählen Sie mir über Ihr Einpersonenstück Bob Dylan – Be Part Of My Dream, das im letzten Frühjahr in Paris Premiere feierte! Wieso fiel Ihre Wahl gerade auf Dylan? Ist ein zumindest europaweites Ausrollen angedacht?

Sophie: Das war eine Einladung von der Cité de la Musique, die jedes Jahr eine Ausstellung zu einer musikalischen Legende machen. Dieses Jahr war es über Bob Dylan und wurde vom Grammy Museum Los Angeles kuratiert. Parallel dazu lud das Cité drei Künstler ein, um eine spezielle Vorstellung zu machen. Ich hab das Recital seiner frühen Werke, als er noch alleine auf der Bühne stand, gemacht. Ich habe zwischen den Liedern auch nur Sachen gesagt, die er mal gesagt hat. Mit diesem Programm wurde ich dann noch an andere Festivals eingeladen, u.a. dem Montreal Jazzfestival. Ich denke, ich werde es auch in Zukunft noch spielen. Ich habe sehr viel gelernt während der Vorbereitung, Dylan ist ein großer Lehrer, der die Grundelemente unseres Berufes miterfunden hat.

Ebenfalls dieses Jahr durfte man Sie im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Formation Schi-Lunsch-Naven erleben: „Großes Kino, langer Applaus.“. „Schi lunsch naven“ – „so weit weg“; Damit auch in der Ferne stets ein Stück Heimat bei sich ist? Wie behält man sich, als Stets- und Vielgereiste seit frühester Kindheit „Heimat“?

Sophie: In dem man von der Heimat erzählt!

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The Danger Of Light

The Danger Of Light ist am 5. Oktober 2012 bei Two Gentlemen erschienen.

 

 

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