Winter is coming

Century Media

Mit den neuen Veröffentlichungen von Watain, Necrophobic und Wiegedood setzt das deutsche Label Century Media die Messlatte für Genreveröffentlichungen bereits im ersten Quartal hoch: Das ist Black Metal par excellence, bitterkalt und bitterböse.

Century MediaBereits zu Jahresanfang legte das deutsche Label Century Media die Marschrichtung der Witterung mit Watains „Trident Wolf Eclipse“ fest, Necrophobic und Wiegedood wiederum legen mit „Mark of the Necrogram“ (23. Februar) und „De doden hebben het goed III“ (20. April) in den nächsten Monaten den Zündstoff nach, den viele Netflix-Junkies gerne von George R.R. Martin angefeuert sehen: Der Winter wird uns wohl noch eine Zeitlang auf Trab halten.

WatainFairerweise muss man honorieren: Die Übeltäter sorgen nicht nur für Frostbeulen, sondern auch für das Labsal der Wunden. So verwandelten Watain auf ihrer Album-Release-Tour im Pariser La Maroquinerie den Saal in eine lodernde Gehenna, was nicht allein Eriks Feuerzirkus zuschulden war. Kaum verwunderlich, ist ihnen mit „Trident Wolf Eclipse“ nach dem ausufernden, episch-elegischen – jedoch maßlos unterbewerteten – „The Wild Hunt“ eine nicht bloß fulminante, vielmehr rasante Wiederkehr gelungen – ihr persönliches „Reign In Blood“, das Gefangene lediglich macht, um sie erst zu einem späteren Zeitpunkt auf die Judaswiege zu setzen. Man denke an die Glanzpunkte von „Sworn To The Dark“ – und derer gab es einige – und erhöhe die Geschwindigkeit, pointiere die Melodieführung. Doch „Trident Wolf Eclipse“ ist kein Haut vom Muskelgewebe fräsender Eiswind allein – stets dann, wenn man vermeint, im rasenden Inferno unterzugehen, heben licht-lodernde züngelnde Flammen den geschundenen Kadaver in vermeintlich erlösende Höhen, die die schockgefrorenen Hautfetzen letztlich doch nur kokeln machen. Das ist Black Metal par excellence, bitterkalt, bitterböse und hundsgemein – und dabei fernab von der beinahe punkigen Flapsigkeit oder gekonnten Insuffizienz, die gerade den Frühwerken der zweiten Black-Metal-Welle und all ihren Nacheiferern gern anheim war und ist.

Necrophobic„Präzise Vernichtung und loderndes Inferno“ haben wir der bündigen „Pesta“-EP, die letzten Sommer einen Vorgeschmack auf „Mark of the Necrogram“ gab, bereits ebenso attestiert, wie auch „zwingende Kompromisslosigkeit und feurige Eiseskälte“ – und Necrophobic tun auch auf Langstrecke gut daran, diese Marschrichtung konsequent fortzuführen und nicht einen Hauch von der kühl-diabolischen Melodik abzuweichen. Ja, Szeneneulinge mögen vielleicht vermuten, Necrophobic hätten Inspiration im reichen Fundus Watains gesucht, doch wenn überhaupt, so ging es andersrum vonstatten – kein Wunder, teilten sich die Gitarristen Ramstedt und Bergebäck während ihrer Zeit bei Nifelheim mit Watain den Proberaum; Wo wir bei letztgenannten jedoch eine stets aufblitzende Schroffheit schätzen, so suhlen sich Necrophobic in der zölestischen Glanz und Glorie, die Dissection vor und neben ihnen bis zum Exzess (jedoch mit einem Mehr an Mystik) perfektioniert haben – und das, obwohl sie dereinst mit ihrem Debüt „The Nocturnal Silence“ lediglich als skandinavischer Abklatsch von Deicide verschrien waren. Doch bereits damals hätte es offensichtlich sein müssen, dass das Dunkel hier liebreizender, liebkosender mäandert, sich durch stiebenden Nebel ein gierig geifernder Erlkönig aufbäumt, der nicht nur die Unschuld eines fiebernden Kindes rauben mag. Über die Jahre hinweg hat sich dieses Bild freilich gefestigt: Gerade auch die Spätwerke wie „Hrimthursum“ und dem programmatischen „Death To All“ sprachen hierfür Bände. Doch ein neuer Zenit scheint mit dem „Necrogram“ erreicht, Argumente hierfür aufzuzählen wäre möglich, in seiner vollen Ausschöpfung jedoch müßig: Wenn Strokirk etwa in „Odium Caecum“ mit seinem ruppigen „Uh!“ den Mega Therion betört und das Pandemonium beschwört, oder im hierauf folgenden „Tsar Bomba“ bedrohlich den Titel grollt, so vermeint man dem lieblichen Splittern von Gebein zu lauschen – eingelullt von einem naturgemäß verspielt-feinfühligem Solo im letzten Drittel, das in halsbrecherischer Geschwindigkeit beinah nahtlos in den Mahlstrom „Lamashtu“ gezogen wird und später bei „Requiem For A Dying Sun“ in einer Varianz weitergesponnen wird: Dieses Geschick, halsbrecherische Spannungsbögen zu spinnen, stammt zweifelsohne aus der NWoBHM, von Vorreitern wie Iron Maiden, Diamond Head, Raven, Tygers of Pan Tang oder auch Satan, die in den Vorzeiten das Maß aller Dinge waren. Ein neuer, wenngleich dämonischerer Zenit, der Genrehistorie stellt zweifelsohne „Mark of the Necrogram“ dar: Mehr noch als auf den ohnehin starken Vorgängern sprüht hier Testosteron in Konfidenz, wird ein kriegslüsterner, militanter Rundumschlag forciert, der galoppiert wie ein gierender Deckhengst, dessen Nüstern femininen Odem erahnt haben. Und exakt jenen testosterongesteuerten Dämonen leiht Strokirk die Stimme, Friberg und Sterner die Peitsche auf der nackten Haut des jeweils anderen.

WiegedoodFrühlingsgefühle wie diese wünschte man sich eigentlich spätestens im April in wohliger Wärme, doch weit gefehlt: Wiegedood prolongieren die Arktis noch ein Weilchen, ziehen mit ihrem spekulierten Abschluss der „De doden hebben het goed“-Trilogie die Temperaturen gen absoluten Gefrierpunkt. Bereits das Debüt erinnerte in seiner Symbiose aus – hier jedoch: vorgegaukelter – Hoffnung und Verzweiflung an Dantes „Göttliche Komödie“, fällt der Apfel – man ist Teil des künstlerischen Church-of-Ra-Kollektivs, mit Bands wie Amenra und Oathbreaker – immerhin nicht weit vom Stamm. Mehr noch als auf den beiden Vorgängern gleißt der (konzeptuelle) Schwanengesang in bei Ulvers „Nattens Madrigal“ geschulter Kompromisslosigkeit und strahlt in urfaustischer, nicht selten lethargischer Schlichtheit – und gerade die über Bass- und Gitarren-Amp laufenden Gitarren erstrahlen hierauf in einer erdrückenden Fülle und pointierter Penetranz, die den Permafrost durch jede Körperpore treiben. Der atmosphärischen Orkan, den bereits das martialisch eröffnete und infernalisch vorangetriebene „Prowl“ beschwört, infiziert, die Melodienbögen fräsen sich unbarmherzig über Hammer, Amboss und Steigbügel hinweg in die Hirnrinde und saugen sich einem Parasiten gleich fest, während das Schlagwerk Eiszapfen in unbändiger Gier durch den nebulösen Geiferspeichel hindurch in die Augäpfel rammt, immer und immer wieder: Eine Reduktion auf die wesentlichen Sinne dünkt vonnöten, „ich seh‘, ich seh‘, was du nicht siehst – und das ist tot.“ Wo auf dem Erstling vorrangig die Monotonie bestrickte, auf dem Zweitling Raserei und Düsternis, vermengen sich hierauf all diese Ingredienzien zu einer unheilschwangeren Parade, die in blinder, chaotischer Wut vorantreibt. Ja, ähnliches hörten wir bereits bei Der Weg einer Freiheit, Deafheaven, MGLA oder auch Batushka – das große und sie dabei akzentuierende Geschick der Belgier liegt jedoch im Feingefühl für nicht selten dissonante Brüche, etwa, wenn choraler Gesang unvermittelt aus dem Nichts sich erhebt oder die Rapidität gerade in den überlangen Stücken abrupt gegen die Wand gefahren wird und das eigene Rückgrat in seinen Urfesten erschüttert wird. Oft kommt, wie hier in absoluter Pracht im Titelstück, das Unheil unvorbereitet aus dem Nichts – lächelt das Monstrum süßlich, bevor es grimmig die Zähne bleckt und sich im Halse verbeißt. Gerade das leicht versetzte, hölzerne Schlagzeug trägt seinen Teil zum insgesamt erfrischend kalten Gesamtklang bei, der tiefer sticht als jeder wiedergekaute Nostalgietrip – drastischer als hier wurde der Tod selten zelebriert und geschickter als hier wurde der breite Spagat zwischen roher Spontaneität und durchdachtem Songwriting noch nicht inszeniert.

 

Watain spielen hierzulande etwa am Graspop Metal Meeting, am Roskilde oder – sehr exzeptionell – am Primavera Sound. Nächste Gelegenheit für Necrophobic wäre das Inferno Festival in Oslo, während Wiegedood nicht nur am Inferno, sondern etwa auch am Roadburn Festival in Tilburg und am Brutal Assault in Tschechien zu sehen sein werden, sowie am 3. Juni in der Wiener Arena – Tickets hierfür gibt es bei oeticket.com. Bestellungen beziehungsweise Vorbestellungen der Veröffentlichungen laufen über Century Media, Vorbestellungen für Wiegedood laufen unter anderem über EMP.

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