Worüber man auf gar keinen Fall lachen darf

Normalerweise gibt Thomas Quasthoff einen weltweit gefeierten Bassbariton. Nun wagt er aber gemeinsam mit dem Kabarettisten Michael Frowin den Schritt auf die Kabarettbühne, unter Klavierbegleitung von Joachen Kilian. Wir unterhielten uns über Homosexuelle und Klavier, über Hitler und Dialekte – und natürlich auch das Witzige an Behinderungen.

 

Lessing vergleicht in seinem Laokoon am Beispiel der Laokoongruppe und Homers Dichtung den „fruchtbaren Augenblick“ des Künstlers und die ambivalente Stimmung beim Betrachter. Herr Quasthoff, wodurch unterscheiden sich Musik und Kabarett?

Quasthoff: Ihre Frage ist ja schon eine Kabarettnummer. Wunderbar. Passt perfekt zu unserem Programm. Und den zweiten Teil hab ich sogar verstanden. Musik und Kabarett unterscheiden sich – und ich darf an dieser Stelle den zu Recht völlig unbekannten niederdeutschen Kabarettforscher Manfred Flasche-Alke zitieren, der schon im 17. Jahrhundert darauf hinwies, dass sich Musik und Kabarett zumeist durch die Anzahl der darin enthaltenen Töne unterscheidet, vor allem, wenn im Kabarett nicht gesungen wird, was durchaus vorkommen soll.

Ihr erstes Kabarettprogramm trägt den Titel Keine Kunst. Wie definieren Sie für sich persönlich den Kunstbegriff? Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf – was ist unter dem Deckmantel der Kunst erlaubt, und: Wie viel persönliches Erleben braucht die eigene Transportation von Kunst?

Quasthoff: Puh, wieder vier Fragen auf einmal. Also: Wenn ich hier jetzt einen Vortrag über Kunst halten würde, könnte ich mir das Kabarettprogramm darüber sparen. Und ich muss auch nicht öffentlich definieren, wo für mich persönlich Kunst anfängt oder aufhört. Ich mache Kunst – die Schubladen dafür dürfen andere erfinden.

Frowin: Mir gefällt der Begriff „Deckmantel der Kunst“, weil es ja immer unterstellt, dass es viel Scharlatanerie gibt.

Quasthoff: Gibt es ja auch.

Frowin: Ja, schon. Ich finde aber spannend daran, dass allein der Begriff „Kunst“ gleich einen hehren Anspruch vermittelt, als wäre es ein heiliger Akt. Ich finde, es könnte entspannter, normaler, alltäglicher sein. Deshalb geh ich gerne zu Veranstaltungen, wo erst mal keiner auf die Idee käme, das Etikett „Kunst“ drauf zu pappen.

Quasthoff: Ich hab auch als klassischer Sänger immer versucht, die Musik vom Sockel zu holen. Mein Beitrag ist seit vier Jahrzehnten, die Menschen mit meiner Kunst zu unterhalten und den leiste ich jetzt halt in einem anderen Genre. Ich war aber auch nie ein Künstler, der sich nur für eine Ausdrucksform interessiert hat. Mein Leben ist ohne die unterschiedlichsten Arten von Kunst nicht denkbar. Und ich würde mir wünschen, dass das viele Menschen von sich sagen. Wir müssen die Kunst als unser Lebensmittel verteidigen!

Herr Quasthoff, Sie haben in einem Interview mit Die Welt ihre Behinderung sehr kritisch beäugt und meinten, nur, weil Sie ein Leiden hätten, müssten Sie nicht auch tatsächlich leidend sein. In Keine Kunst werfen Sie Herrn Frowin eine Behinderung vor, da „seine Arme zu lang seien“. Was ist das Komische an einer Karikatur von Körperlichkeiten?

Quasthoff: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir unwillkürlich innerhalb von Sekunden unser Urteil über Menschen fällen, denen wir zum ersten Mal begegnen. Das funktioniert über die Äußerlichkeiten, die wir wahrnehmen und durch die wir uns ein Bild zusammensetzen. Wir sind Wesen, die sich zum größten Teil über das definieren, was sie sehen.

Frowin: Deshalb legen sich Leute Kissen ins Fenster oder sitzen stundenlang im Café und beobachten.

Quasthoff: Genau. Weil es spannend ist – und mitunter saukomisch. Eine Körperhaltung verrät mehr als tausend Worte.

Frowin: Gucken Sie sich die Raute unserer Kanzlerin an. Noch Fragen?

Vormals Solist, nun im Duett. Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung und wie weit funktioniert Unterhaltung im Zwiegespräch besser?

Frowin: Für mich stimmt es nicht, dass ich vormals nur Solist war. Ich bin gelernter Schauspieler und habe Jahre lang Theater und Musical gespielt. Als Kabarettist war ich unter anderem in Düsseldorf, Dresden, Stuttgart und Berlin im Ensemble, ich hab mit den unterschiedlichsten Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne gestanden, erfinde mit Jochen Kilian seit Jahren gemeinsame Programme und stehe regelmäßig vor der Kamera. Daher bin ich das Miteinander wirklich sehr gewohnt. Ich mag den Dialog sehr, mindestens genauso wie das Solo, in das einem keiner reinquatscht (lacht).

Quasthoff: Dem kann ich nur beipflichten.

Frowin: Ich quatsche dir rein?

Quasthoff: Ja, sicher. Weil ich dir auch reinquatsche. Im Ernst: Hätte ich die Winterreise als Solo begriffen und nicht als partnerschaftlichen Dialog, dann hätte ich meinen Beruf verfehlt.

Kritiken haben sie beide in Ihren Metiers schon genügend bekommen – weitestgehend positiv, vielleicht auch ein paar kritische. Gibt es noch Aussagen, Urteile, die Sie nach einer Premiere nicht hören mögen, vor denen sie beinahe Angst haben?

Quasthoff: Kritik gehört zum Geschäft. Als Künstler setzt man sich ihr in der Arbeit täglich aus – Kritik der Regisseurin, Kritik der Kollegen, die Selbstkritik nicht zu vergessen, die gnadenlos sein kann. Und schließlich das Urteil des Publikums. Da braucht man ein dickes Fell – und das sollte man sich auch zulegen, wenn man nach oben will. Trotzdem gibt es natürlich Formulierungen von Kritikern, die tatsächlich übers Ziel hinausschießen.

Frowin: Ich gebe offen zu, dass mich leider immer noch Urteile treffen, die die Realität eines Abends zugunsten des rein subjektiven Empfindens ausblenden. Natürlich ist ein Kritiker subjektiv, und er mag es auch für richtig befinden, über ein Programm, das vom Publikum bejubelt wird, einen Kübel Häme auszugießen, aber wenn er – ich sags bewusst so – etwas hinrotzt, was sachlich einfach falsch ist, dann wünsche ich mir immer, ich hätte es nicht gelesen. So, genug der Ehre.

Herr Quasthoff, sehr sympathisch, dass Sie im Urteil Garrett gegenüber kein Blatt vor den Mund nehmen. Hatten Sie Befürchtungen, dass Ihnen nun ein ähnliches Urteil zufällt – „Jetzt versucht „der Klassiker“ lustig zu sein!“?

Quasthoff: Erst mal: Wir sind alle Unterhaltungskünstler, und ich habe überhaupt nichts gegen Unterhaltung. Und ich werde mich auch nicht in die alberne Diskussion zwischen E und U begeben. Es gibt schlechte Sänger und es gibt schlechte Comediens. Und es gibt vieles, was mir gefällt und vieles, was ich für mich nicht brauche – aber Stadien füllt. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten. Was ich mir wünsche ist, dass Menschen, die mit einem großen Talent beschenkt wurden, das auch nutzen.

Frowin: Und was den zweiten Teil der Frage betrifft: Thomas ist definitiv wahnsinnig lustig. Und nicht erst seit gestern. Da sind keine Versuche nötig. Im Übrigen ist es auch zum Verzweifeln, dass man sich immer dafür rechtfertigen muss, wenn man mehr als ein Talent hat.

Quasthoff: Herr Frowin spielt auf seine Blockflötenkünste an …

Haben Sie, Herr Quasthoff, und Sie, Herr Frowin, eigentlich einen Kunstgriff, ein „Sicherheitsnetz“ wenn Sie so mögen, das stets als rettender Anker funktioniert, sollten sie einmal künstlerisch „stolpern“?

Quasthoff & Frowin: (aus einem Mund) Wir stolpern nicht.

Quasthoff: Und wenn ich stolpere, fängt Frowin mich auf. Große Nummer.

Frowin: Umgekehrt wird’s akrobatisch. Sieht aber auch toll aus.

Herr Quasthoff, Sie interpretierten die ganz Großen von Schubert über Mahler, Liszt und Schönberg, huldigen der Romantik, lieben The Beatles. Wo sehen Sie im Deutschen die großen Künstler der Kleinkunst, des Humors?

Quasthoff: Es ist immer einfacher, die Klassiker als groß zu bezeichnen, eben weil sie schon Klassiker sind. Insofern oute ich mich als großer Verehrer von Hanns-Dieter Hüsch. Aber ich verehre auch Jochen Malmsheimer, von dem wir eine großartige Nummer im Programm haben, ebenso wie Pigor & Eichhorn, von denen ich einen Song singe. Die Geschichtenerzähler mag ich besonders, die Alltags-Beobachter. In Keine Kunst spielen wir ein altes Berliner Ehepaar, das in der Bahn sitzt auf dem Weg zum Musical nach Hamburg. Eine wunderbare Szene und tatsächlich der Wirklichkeit abgelauscht. So was trifft genau mein Humorzentrum.

Im Pressetext heißt es, es gibt keine Sängerstars, die Kabarett machen. Wie stehen Sie beide zu Musikkabaretts, wie sie Hagen Rether und Bodo Wartke beispielsweise zaubern? Und: Wieso beweist sich gerade das Klavier als gute Begleitung in der Kleinkunst?

Frowin: Die Antwort steckt ja schon in Ihrer Frage. Wer wollte da widersprechen?

Quasthoff: Dem schließe ich mich an. Und das Klavier ersetzt ein ganzes Orchester. Nicht nur in der Kleinkunst, sondern auch im Liedgesang.

Frowin: Besonders, wenn Jochen Kilian es spielt.

Quasthoff: Oh, das wird ihn freuen.

Sehen Sie beide, abgesehen vom tatsächlich Gesagten, in der deutschen Sprache, etwa in einer dialektalen Eigenart, per se schon eine Komik innewohnend?

Quasthoff: Natürlich bieten alle Eigenarten eines Menschen komische Vorlagen. Und seine Sprache natürlich besonders.

Frowin: Ein Dialekt erdet oft eine Figur, macht sie alltäglicher und bodenständig. Und jeder Dialekt hat besondere Farben, besondere Eigenarten, die sich zur Charakterisierung von Figuren bestens eignen.

Quasthoff: Frowin spielt im Programm eine hessische Tante, die ihrem Mann hinterherreist, weil der in Körperwelten als Ausstellungsstück mitmacht. Da passt der Dialekt perfekt zur Figur.

Frowin: Und Thomas spielt einen Rettungssanitäter, der überlegt, durch welche Reihenfolge der zu rettenden Menschen das Abendland am besten gerettet werden kann. Da lag das Bayrische nahe.

Quasthoff: Und zwei Wiener kommen auch im Programm vor – das dürfen wir schon verraten!

Quasthoff Frowin Keine KunstGerne wird insbesondere, aber nicht nur, im deutschen Sprachraum „Political Correctness“ gefordert. Dennoch treten Sie u.a. auch als Adolf Hitler auf der Bühne auf. Darf es Themen geben, über die nicht gelacht werden sollte – und ist „inkorrekter Witz“ komischer als ein „korrekter“?

Frowin: Wenn Kabarett politisch korrekt wäre, wäre es kein Kabarett. Satire muss zubeißen, ungerecht sein – sie darf und muss vergröbern, um Herz und Hirn in neue Bahnen zu lenken.

Quasthoff: Sehe ich auch so. Wobei da bei jedem die Schmerzgrenze anders verläuft. Wo es für den einen erst anfängt Spaß zu machen, hört für den anderen der Spaß schon lange auf. Frowin und ich jedenfalls haben am schwarzen Humor genauso viel Vergnügen wie an der Albernheit.

Frowin: Und was die Themen betrifft – ich spiele in meinem Soloprogramm eine Nummer über politisch korrekte Witze. Da soll bewiesen werden, worüber man auf gar keinen Fall lachen darf. Und als Beweis erzähle ich natürlich immer den entsprechenden Witz. Es ist toll zu beobachten, wer da wo aussteigt. Manche schon bei Witzen über Frauen, bei anderen ist bei Körperbehinderten Schluss.

Quasthoff: Und bei den Körperbehinderten ist die Nummer hoffentlich noch nicht zu Ende.

Frowin: Du sagst es.

Quasthoff: Sehr gut. Es ist doch ohnehin so, dass Schwule die besten Schwulenwitze kennen und Behinderte die schwärzesten Behindertenwitze.

Frowin: Ich bin Zeuge!

Was ist für Sie beide das stets gesuchte „Unwort des Jahres“?

Frowin: Wir ändern die Frage ab. Was ist die „Un-Frage des Jahrhunderts“?

Quasthoff: Was ist der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy?

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