Zurück aus der Hölle

Weltruhm erlangte Scott Stapp um die Jahrhundertwende als Frontmann der christlichen Rockband Creed. Hinter der Fassade des Erfolgs und des tiefen Glaubens lief es anders ab: Drogen und Alkohol führten ihn bis zum Selbstmordversuch. Stapp erzählt im Interview vom neuen Solo-Album und verrät, dass die Auflösung von Creed nur ein Marketing-Gag für Alter Bridge war.

Du hast im Jänner dein neues Album Proof of Life veröffentlicht. Wie fühlst du dich, wenn du es selbst hörst?

Scott Stapp: Ich bekomme ein echtes Gefühl des Erfolgs. Für mich hat der ganze Weg, um zu diesem Punkt zu gelangen, eine große Bedeutung. Für jeden anderen ist es wahrscheinlich nur irgendeine Rock-Platte. Aber für mich war es ein großer Erfolg in meinem Leben. Es symbolisiert meine Wiedergeburt, das nächste Kapitel meines Lebens. Rock’n’Roll führt mich aus der Dunkelheit.

Proof of Life ist bei Wind Up (Universal) erschienen.

Proof of Life ist bei Wind Up (Universal) erschienen.

Im Jahr 2012 hast du dein Buch Sinner’s Creed veröffentlicht, in dem du deine dunkle Vergangenheit beschreibst. Inwiefern hängt es mit deinem neuen Album zusammen?

 Scott Stapp: Ich hätte das Album nicht schreiben können, wenn ich diese Selbsterkenntnis nicht gemacht hätte. Ich habe mich selbst betrachtet und gewusst, dass ich gewisse Teile meines Lebens ändern muss – Dinge, die nicht gut sind und die ich ansprechen muss.

Hast du die schlechten Teile deines Lebens, die du in deinem Buch beschreibst, bewältigt?

Scott Stapp: Ja, absolut. Das kann ich am Besten erklären, indem ich von meiner Highschool-Zeit erzähle. Die Dinge die ich tat, die Art zu denken, wie ich mit Anderen sprach, bei all dem denke ich nur: „Oh mein Gott, ich war so dumm.“ Und genau so geht es mir mit vielen Teilen meines Lebens. Ich bin jetzt anders. Das ist alles vorbei. Also, damit geht es mir gut. Ich kann innerhalb von 24 Stunden tun, was ich will.Download (1)

Die meisten Leute hätten wahrscheinlich nicht die Kraft, ihr Privatleben so der Öffentlichkeit zu offenbaren. Woher kommt deine Kraft dazu?

Scott Stapp: Die Kraft kommt von Gott, meinem Glauben an Gott und wie er mein Leben beeinflusst. Er hilft mir, „Ich“ zu sein – das beste „Ich“, das ich sein kann. Ich bin mir sicher, dass dies in meiner Musik hervorkommt und sie dadurch authentisch, ehrlich und echt wird. Ich glaube, dass ist mir und meinen Fans wichtig – die Dinge, die ein wenig tiefgängiger sind, ein wenig mehr selbstreflexiv.

Glaubst du, dass ein Atheist oder ein Anders-Gläubiger ein großer Fan deiner Musik sein kann?

Scott Stapp: Ja, absolut. Ich habe Auftritte in Indonesien gespielt. Vor der Bühne standen ungefähr 10.000 Muslime, sie sangen die Texte meine Lieder. In den Songs gibt es Inhalte, die von jedem geteilt werden können, egal welche Religion sie haben.

Fühlst du dich manchmal wie ein Missionar?

Scott Stapp: Sehr lange habe ich das nicht getan. Ein Grund, warum ich mit Rock’n’Roll angefangen habe, war die Tatsache, dass ich als kleines Kind dachte, ich müsste Missionar werden (lacht), dass ich in Dritte-Welt-Länder reisen müsste und so weiter. Aber ich lehnte das später ab. Ich machte das Gegenteil. Aber es ist lustig: Meine eigentliche Bestimmung wird durch meine Musik erfüllt. Das ist ziemlich cool für mich.

Wie denkst du zurzeit über Creed?

Scott Stapp: Zurzeit ist mein ganzes Leben auf der positiven Seite. Die Zeit mit Creed war unglaublich für mich. Es war eine künstlerische Reise und etwas, das ich immer lieben werden. Wer weiß, wenn das Timing gerade richtig ist, komme ich wieder mit diesen Musikern zusammen, dann machen wir weiter. Es muss nur authentisch und echt sein. Ich weiß, der Tag wird kommen.

Ihr habt also keine Pläne, aber aufhören würdest du nicht?

Scott Stapp: Wir werden sicher keine Auflösung ankündigen. Creed hat sich im Jahr 2004 nur aufgelöst, um Alter Bridge eine PR-Plattform zu bieten, um das neue Album losstarten zu lassen. Sonst hätten sie wie 10.000 andere Bands anfangen müssen. Wir wussten, eine Auflösung würde international Schlagzeilen machen. Gibt’s einen besseren Weg, ein Projekt zu starten? Aber das brauchen wir jetzt nicht mehr…

Warum braucht ihr das nicht mehr?

 Scott Stapp: Niemand von uns braucht eine Creed-Auflösung, um in die Schlagzeilen zu kommen. Jeder etabliert sich unabhängig von Creed. Damals war es eine andere Zeit. Wenn wir – mit unserer 20-jährigen Geschichte – ein weiteres Album aufgeben würden, wäre das dumm. Ich bin mir sicher, dass noch eines kommt, irgendwann.

Über die Zukunft von Creed kannst du also nicht viel sagen. Wie sieht’s mit deinen eigenen Plänen aus?

Scott Stapp: Ich bereite mich gerade auf die Nordamerika-Tour vor, dann geht’s nach Übersee, nach Europa, für ein paar kleine Club-Shows. Den Rest des Jahres werde ich noch auf Festivals spielen. Ich freue mich schon, wieder live zu spielen. Das macht richtig Spaß.

 Du bist also noch immer der passionierte Musiker, der du vor einigen Jahren warst.

Scott Stapp: Noch mehr als früher. Es gibt ja das Sprichwort, dass man etwas erst zu schätzen weiß, wenn man es verloren hat. Ich weiß, was das heißt, ich habe das gelebt. Ich bin durch eine dunkle Phase meines Lebens gegangen und dachte, dass ich nie mehr zurück kommen würde. Ich liebe es. Ich schätze so sehr, was Rock’n’Roll für mein Leben bedeutet. Es ist ein Teil von mir.

 

 

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