Aerosmith: Back in the Saddle

Aerosmith

Unglaublich, aber wahr: Zuletzt waren Aerosmith 1999 in Österreich, 1997 (!) in Wien. 2020 gastieren sie endlich wieder im Lande, der Vorverkauf startet übermorgen – wir haben den perfekten Soundtrack dazu!

Foto: Zack Whitford

Als Aerosmith 1976 ihr Debütalbum veröffentlichten, war ohrenscheinlich ihr erklärtes Ziel, der Bostoner Ableger der Rolling Stones zu sein. Von den Shotgun-Riffs bis hin zu Tylers Jagger-ähnlichen Zuckungen waren die Versuche hehr, versteckte die Band aber auch selten den expliziten Einfluss. Im Laufe der Zeit jedoch entwickelten sie sich – ähnlich wie auch später Guns N’ Roses, die 1988 übrigens die „Permanent Vacation“-Tour eröffneten – zu einer der wenigen Bands, die zuerst die kleinen Bars in tobende Kessel verwandelten, allzu rasch aber bei gleichbleibendem Siedepunkt Stadthallen und schließlich Arenen mühelos füllten. Klar, auch Aerosmith (insbesondere die „Toxic Twins“ Tyler und Perry) hatten ihre Hochs und Tiefs – und gerade die frühen Achtziger schienen eher wie der Boden eines Lochs, bevor Aerosmith zum Ende des Jahrzehnts größer als je zuvor zurückkehrten, sich wie Phoenix aus der Asche erhoben – und bis heute trotz auch medioker Verkaufszahlen ihrer Alben nie an musikalischer Relevanz und noch weniger an Genialität eingebüßt haben.

Umso verwunderlicher ist es, dass Wien-Präsenzen – und Wien ist bekanntlich der lebenswerteste, unfreundlichste Nabel der Welt – in ihrer bewegten Geschichte mehr als rar gesät sind: 1993 gastierten sie im Rahmen ihrer „Get A Grip“-Tour in der Wiener Stadthalle, gefolgt von Stationen 1994 im Schwarzl Freizeitzentrum in Unterpremstätten bei Graz und am Wels Rock. 1997 hatte der Autor dieser Zeilen mit Aerosmith dann sein erstes Mal, im Zuge der „Nine Lives“-Tour in der Wiener Stadthalle, bevor sie 1999 im Rahmen des Steel City Festival 1999 zuletzt in Österreich, in Linz gastierten. Seitdem machte das Quintett stets einen Bogen um Österreich, vor zwei Jahren musste man für die „Aero-Vederci Baby!“-Tour zumindest nach München kutschieren. Nun haben Aerosmith nach zahlreichen Las-Vegas-Engagements aber wieder Lust auf Reisen bekommen und kommen am 9. Juli auch – Überraschung! – nach Österreich. Vielleicht, weil man anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens beweisen will, dass noch lang nicht Zeit für eine Matratzenfahrt nach Znaim ist.

Naturgemäß hat die Ankündigung auch bei uns sentimentale Gefühle geweckt, wir haben im Plattenregal gekramt und unseren persönlichen Soundtrack für den übermorgigen Donnerstag zusammengestellt: Während wir den Vorverkaufsstart um 10 Uhr vorbereiten, hören wir natürlich nichts anderes als die subjektiv 10 besten Songs von Aerosmith auf Shuffle. Und, wie bei Konzerten so üblich, gibt es einen Song als Encore oben drauf.

„MAMA KIN“ („Aerosmith“, 1973)

„Mama Kin“, die Eröffnung der B-Seite ihres Debüts, ist neben „Dream On“ einer der langlebigsten Songs von Aerosmith und bis dato Teil der meisten Konzerte – rangiert er doch immerhin auf Platz 13 der meistgespielten Stücke ihrer Karriere. Gleichzeitig ist es aber auch einer ihrer härtesten Rocker, die sie je aufgenommen haben – da ist kein Platz für balladesken Bullshit, und selbst das Saxophon pflügt (als Hommage an die Rolling Stones) dermaßen querbeet, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht. Und wenn man ganz genau hinhört, ist „Mama Kin“ Blaupause für viele der späteren Highlights geblieben – bis heute …


„BACK IN THE SADDLE“ („Rocks“, 1976)

In Zeiten, als Alben noch als Ganzes wahrgenommen wurden, war nichts wichtiger, als eine fulminante Eröffnung beider Plattenseiten. Selten haben Aerosmith so brilliert wie auf ihrem vierten Album: „Back In The Saddle“ ist ein mehr als robuster Rocker mit einem gigantischen Killerriff – was vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass Gitarrist Joe Perry den Song auf einem Fender Bass VI geschrieben hat und somit das Grollen beinahe naturgemäß entstand, ein Grollen, das von Tom Hamilton in der Aufnahme nur noch exponiert wird. Gut, das Pferdegetrappel, die Peitschen und das Jodeln wären nicht zwingend nötig gewesen, dafür ist die sexuelle Konnotation, die von Steven Tyler auf der Bühne zumeist bildgewaltig untermalt wird, ziemlich heiß … Funfact: Von „Back In The Saddle“ gibt es auch eine Coverversion von Sebastian Bach im Duett mit Guns N‘ Roses-Fronter Axl Rose.

„DUDE (LOOKS LIKE A LADY)“ („Permanent Vacation“, 1987)

So startet man ein Comeback: Während Aerosmith die meiste Zeit der Achtziger entweder getrennt voneinander, im Drogenrausch oder in der Reha verbracht haben, geriet „Permanent Vacation“ zu einer fulminanten Wiederkehr – was vielleicht auch daran liegt, dass man erstmals externe Songwriter zuließ, in diesem speziellen Fall Desmond Child, der neben dem „Dude“ auch Hits wie „I Was Made For Lovin‘ You“ (Kiss), „Poison“ (Alice Cooper), „You Give Love A Bad Name“ und „Livin‘ On A Prayer“ (Bon Jovi) verantwortete. Laut einem Interview mit Vince Neil von Mötley Crüe stammt der Titel des Songs, der zuerst „Cruisin‘ For A Lady“ heißen sollte, von einer Kneipentour in New York, in der Tyler und Neil letztlich in einer Schwulenbar landeten und die Kellner Frauenoutfits trugen.

„JANIE’S GOT A GUN“ („Pump“, 1989)

Das Letzte, das man von Aerosmith – gemeinhin als Klassenclowns verschrien – zu hören erwartete, war ein Lied über sexuellen Missbrauch. Okay, ein Lied gegen Drogen wäre vielleicht noch unwahrscheinlicher gewesen. Noch überraschender: „Janie’s Got a Gun“ wurde trotz der thematischen Schwere – immerhin wurde die Textzeile „He raped a little bitty baby“ in „He jacked a little bitty baby“ abgeschwächt – ein Hit und wurde zu einem der gefragtesten Songs auf MTV. „Steven hat ein Thema aufgegriffen, mit dem die meisten Menschen Angst hatten, sich damit auseinanderzusetzen: elterlichen Missbrauch und Gewalt gegen Kinder“, sagte Schlagzeuger Joey Kramer in „Walk This Way: Die Autobiographie des Aerosmith“.

„SWEET EMOTION“ („Toys In The Attic“, 1975)

Viele Aerosmith-Fans glauben, dass Steven Tyler den Text zu „Sweet Emotion“ über die Spannung und den Hass zwischen den Bandmitgliedern und Joe Perrys erster Frau geschrieben hat. In ihrer Biographie „Walk This Way“ wird nicht nur Tyler zitiert, dass zahlreiche Texte von Elyssa Perry inspiriert waren, es scheint sogar wahrscheinlich, dass wachsende Fehden zwischen den Band-Frauen (einschließlich eines Vorfalls, bei dem Elyssa Perry Milch über Terry Hamilton schüttete …) dazu beigetragen haben könnten, dass sich das ursprüngliche Line-up der Band in den frühen Achtzigern Jahren auflöste – mit „Sweet Emotion“ – mit dem vielleicht prägendsten Einsatz einer „Talk Box“ in der Geschichte der Rockmusik, wenn Perrys Gitarre „Sweet Emotion“ über Hamiltons Bassriff „singt“ – als Break-Up-Hymne? Funfact: Die Maracas, die man im Song hört, sind Zuckerpackungen.

„DREAM ON“ („Aerosmith“, 1973)

Steven Tallarico schrieb „Dream On“ Jahre, bevor er den Künstlernamen Tyler annahm und vier Jahre, bevor Aerosmith überhaupt existierten, in einem Hotel auf einem Steinway-Klavier. So ist es nicht verwunderlich, dass der Song zwischen den Bar-Boogie-Standards, die das Debüt prägten, heraussticht – und erst drei Jahre später, nach dem Erfolg von „Toys In The Attic“, neu aufgelegt wurde und erst dann zum überhaupt ersten Top-10-Hit der Band wurde. Mein Fazit: Wow.

„WALK THIS WAY“ („Toys In The Attic“, 1975)

Wie auch „Dream On“ kam auch „Walk This Way“ erst später zum eigentlichen Ruhm: Ursprünglich als zweite Single von „Toys In The Attic“ (meiner Lieblingsplatte von Aerosmith) veröffentlicht, versandete sie, bevor sie zwei Jahre später neu aufgelegt in die Top-10 donnerte – und aktuell der mit über 1.600 mal live am meisten gespielte Song von Aerosmith ist. Und ein Jahrzehnt später gleich nochmals: „Walk This Way“ war nicht nur einer der Songs, die dazu beitrugen, Aerosmith in den Siebzigern in den Mainstream zu hieven, sondern er half auch, sie im Folgejahrzehnt wiederzubeleben, als Produzent Rick Rubin auf die Idee kam, den Song von der Hip-Hop-Truppe Run-D.M.C. für „Raising Hell“ covern zu lassen: Vielleicht der erste, sicher aber der wichtigste Schritt für die musikalische Crossover-Verschmelzung von Rock und Hip-Hop. Neben diesem klassischen Cover haben sich im Laufe der Jahre u. a. auch Sum 41 und David Garrett an diesem Klassiker versucht.

„LIGHTNING STRIKES“ („Rock In A Hard Place“, 1982)

Einer fehlt auf Aerosmiths siebtem Album: Gitarrist Joe Perry – für ihn sprang Jimmy Crespo Jr., der auch mit etwa Meat Loaf und Stevie Nicks arbeitete, ein. Zu dem Zeitpunkt befanden sich Aerosmith am Zenit ihres Drogenkonsums, so sehr, dass jener gar unerschwinglich teuer wurde: „Ich habe mein Flugzeug, meinen Porsche, mein Haus durch die Nase gezogen“, sagte Tyler später. Das Ergebnis ist eine zwar durchwachsene Platte, eine, die aber nicht selten überaus hart und vor allem knackig rockt, mit durchaus fantastischen Soli brilliert und Tyler von einer nicht selten angepissten Seite präsentiert – neben „Bolivian Ragamuffin“ am exzeptionellsten wohl auf „Lightning Strikes“, für das Aerosmith eines der ersten MTV-Videos verantworteten.

„LIVIN‘ ON THE EDGE“ („Get A Grip“, 1993)

Zugegeben, „Get A Grip“ ist im sonst durchaus knackigen Kanon von Aerosmith ohne Ecken und Kanten geraten, lässt Wagnisse missen – wirkt beinahe wie aus der Feder von Bon Jovi. Doch der Erfolg gibt ihnen Recht, bis heute ist es das meistverkaufte Album der Band, und das mit Abstand. Das Stück „Livin‘ On The Edge“ wurde von den 1992er Unruhen in Los Angeles inspiriert, als vier Polizisten, die der Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King beschuldigt worden waren, von einem Gericht freigesprochen wurden. Am Ende waren 53 bekannt gewordene Todesfälle zu beklagen, mehrere Tausend wurden verletzt und es entstanden Sachschäden in Höhe von etwa einer Milliarde US-Dollar. Ähnlich ungestüm wirkt auch der Sechsminüter mit seinen arabesken Gitarrenlinien, mitreißenden Paukentrommeln (die Tyler angeblich dereinst aus seiner Schule geklaut hat) und seinem bombastischen Aufbau – das dazugehörige Video zeigt neben randalierenden Schulmädchen auch „Terminator“-Darsteller Edward Furlong und – als USP für die Damenwelt – einen nackten Steven Tyler.

„CRYIN‘“ („Get A Grip“, 1993)

Zumindest eine kitschige Power-Ballade muss sein – „I Don’t Want To Miss A Thing“ ist vielleicht noch einen Tick ruhmreicher, epochaler, himmelhochjauchzender als „Cryin‘“, aber zweiter dominierte dafür MTV eine überwiegende Zeit lang. Daran nicht unschuldig ist freilich auch das Video, in dem die zauberhafte Alicia Silverstone (wie auch in den Folgevideos „Amazing“ und, gemeinsam mit Tyler-Tochter Liv, „Crazy“) mitspielt, und gerade in einer Zeit, als sich der Grunge auf seinem Zenit befand, hob sich „Cryin‘“ kontextuell eben auf den Musiksendern mit seiner megaemotionalen, übersoften Attitüde ab.

„NINE LIVES“ („Nine Lives“, 1997)

Nicht nur, dass „Nine Lives“ mein erstes Aerosmith-Erlebnis dereinst in der Stadthalle eröffnete, 2012 urlaubte ich zudem in Florida und besuchte im Zuge dessen auch die Walt Disney World in Orlando. Dort wagte ich mich auch in den Rock’n’Roller Coaster „Starring: Aerosmith“, der mit einem so genannten Katapultstart beginnt: Der Wagen wird in weniger als drei Sekunden von 0 auf 92 Stundenkilometer beschleunigt, auf der Strecke erlebt man beachtliche und durchaus memorable 5g Beschleunigung – dazu dröhnt neben „Sweet Emotion“, „Back In The Saddle“, „Dude (Looks Like A Lady)“, „Young Lust“, „Fine“, „Love In An Elevator“ und „Walk This Way“ je nach Wagen auch „Nine Lives“, das Titelstück ihrer letzten wirklich rundum starken Platte, die im Kanon leider zu sehr vernachlässigt wird. Es beginnt mit einem Katzenjaulen, das tatsächlich aus dem scheunentorgroßen Kiefern von Steven Tyler herausbricht und einleitet in eine Platte, die nicht so wie etwa „Get A Grip“ im Softporno von Bon Jovi fischt, sondern endlich wieder rockt – vielleicht sogar am härtesten diesseits von „Draw The Line“: Eigentlich hätte das Album unter der Assistenz von Glen Ballard, der auch Alanis Morissettes „Jagged Little Pill“ verantwortete, produziert werden sollen, allerdings wurde er von Perry gefeuert, da er sich zu wenig auf die Gitarren, zu sehr auf die Stimmen fokussierte. Ihn ersetzte Kevin Shirley, dessen roheres Rockgefühl ihm den Spitznamen The Caveman einbrachte – und dem Album tatsächlich guttat. Gut tat „Nine Lives“ freilich auch eine kleine Kontroverse: Zum zweiten Mal in ihrer Karriere stand für das Covermotiv ein Tier Pate, nach der Kuh auf „Get A Grip“ nun die Miezekatze. Und wie auch schon der als obszön aufgefasste Euter sorgte das eigentlich possierliche Tierchen für Schnappatmung, wurden die Hindus durch das Bild der Gottheit Krishna, die eben mit einem Katzenkopf verunstaltet wurde, verständlicherweise beleidigt …

Der Vorverkauf für das Aerosmith-Konzert am 9. Juli in der Wiener Stadthalle D startet übermorgen, am Donnerstag den 12. Dezember um 10 Uhr. Jetzt für den Ticketalarm anmelden, um die ersten Tickets zu ergattern!

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