Aus für Alkbottle

Alkbottle

Eine der wichtigsten heimischen Rockbands der Neunziger, Alkbottle, verkündet nun ihr Ende. Sänger Roman Gregory begibt sich mit 50 Lenzen fortan auf Solopfade.

Als mir mein mittlerweile verstorbener Onkel im Jahr 1994 zu Weihnachten „Blader, fetter, lauter“, die damals aktuelle CD von Alkbottle, schenkte, fragte meine Mutter ihren Bruder unter dem gleißend glitzernden Weihnachtsbaum, wer ihm eigentlich ins Hirn geschissen habe. Das passte natürlich nicht sonders zu „Stille Nacht“ und meine Mutter hat sich vermutlich im Einflussgebiet des Christkinds auch ein klein wenig vornehmer ausgedrückt, aber die Message war doch überdeutlich: Nachdem ich in den Jahren zuvor schon zaghafte Gehversuche mit Guns N‘ Roses und Metallica gemacht habe, fürchteten meine Eltern wohl nun endgültig um mein Seelenheil, standen doch die plärrenden Suffgeschichten aus dem Pissoir Wien-Meidling bedrohlich näher vor der noblen Hietzinger Haustüre, als irgendwelche Sex-Drugs-and-Rock-N-Roll-Märchen vom Sunset Strip.

Heute, fast 30 Jahre später, mag es vielleicht sonders zartsinnig, borniert, konservativ und vielleicht auch amtlich bescheuert erscheinen, aber Anfang der Neunziger waren Künstler wie Alkbottle wirklich ordinäre Saubattln. Heute kann man als wandelnder Fäkalwitz ja auch Minister werden, damals fielen noch reihenweise die betuchten Damen und Herren in Ohnmacht, wenn der Ausfluss von Körperflüssigkeiten explizit thematisiert wurde und der apokalyptische Suff nicht nur hinter vorgehaltener Hand aus dem Bleikristallglas zelebriert wurde, sondern selbst das Restlsaufen zur fortgeschrittenen Mittagsstunde seine Berechtigung hatte.

Vermutlich hatte meine Mutter rückblickend gesehen auch nicht gänzlich unrecht mit ihrer Frage, wer meinem Onkel ins Hirn geschissen hat. Weil vor Weihnachten 1994 hat sie mit mir nie einen Diskurs derart erbost eröffnet, in den Folgejahren drang dieser entrüstete Auswurf plötzlich nicht ganz unselten durch die dröhnend aus meiner Stereoanlage tobenden Heavy-Metal-Klänge in mein manchmal stark illuminiert scheangelndes Antlitz. Somit kann man der stringenten Kausalkette folgend durchaus Roman Gregory eine tragende Hauptschuld an meinem bereits früh einsetzendem Verfall attestieren – und damit möchte ich ihm hiermit herzlich danken, und auch dafür, dass er mit Alkbottle nun den Stecker zieht.

Denn: Es gehört schon viel Mut dazu, ein Kapitel zu beenden, das über ein Jahrzehnt hinweg über meine eigene kleine Biographie hinaus gar die komplette heimische Musiklandschaft geprägt hat und Alkbottle nicht unweit von Namen wie Falco, der EAV und Drahdiwaberl platzierte. Zugegeben, ich habe mir bei Roman selten ein Blatt vor den Mund genommen und ihn durchaus wissen lassen, dass aus meiner streng subjektiven Perspektive spätestens nach 1997 nicht mehr allzu viel mit Bestand passiert ist und zumindest für mich mit „Trivialkbottle“ alles erzählt war, was erzählt werden musste. Das meiste, was danach kam, mutete über weite Strecken hinweg typisch österreichisch an, weil der Österreicher ja generell gern in einer zwanghaft verklärten Vergangenheit lebt, die einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Würde die Kronenzeitung heute eine Sonntagsumfrage starten, würde sich auch ein Gros lieber einen Kaiser Franz Josef als einen Kanzler Kurz wünschen. Dass Roman Gregory jetzt – zeitlich und emotional in seiner eigenen Lebensmitte angekommen – auch selbst den Schlussstrich zieht, ist auf den ersten Blick für viele Bottleheads vielleicht traurig, zeigt aber auch den Respekt, den Roman selbst vor Alkbottle hat und ob des gigantischen Erbes weiß, das es nicht einmal von ihm selbst zu besudeln gilt – außer vielleicht mit Bier.

Zudem: Wenn Roman heute kein Grünzeug pflanzt, seiner Frau und (vielmehr noch) der Tochter auf die Nerven geht oder für seinen Hund die Gebärdensprache erlernt, ist er nicht nur Präsident des Meidlinger FC Viktoria, sondern arbeitet – nach seinem Dean-Martin-Projekt – auch an seiner (neuen) Solokarriere. Die neue Single „A leiwande Zeit“ schenkt sich das Geburtstagskind heute selbst, das Album namens „Wödscheibm“ erscheint im Oktober und kann ab Montag vorbestellt werden.

Danke, Roman, für die leiwande Zeit, die du in den Neunzigern bei mir angestoßen hast und bis heute nachwirkt. Du warst in meiner frühkindlichen Prägung nicht weniger relevant als David Hasselhoff, Axl Rose und James Hetfield – und hast dich besser gehalten als viele davon. Alles Gute zum Geburtstag – auch von meiner Mutter!

Liebe Freund*innen! Liebe Bottleheads! Viele von euch warten seit über drei Jahren auf ein Lebenszeichen von einer gewissen Band, die viele schon ihr ganzes Leben begleitet hat, deshalb nehme ich ausgerechnet meinen heutigen 50. Geburtstag zum Anlass, eine höchst überfällige Bekanntgabe zu veröffentlichen. Eigentlich wollten wir ja letztes Jahr zu unserem 30 Jahr Jubiläum am Nova Rock und auf einer fetten Christkindl-Tour noch einmal ordentlich auf den Putz hauen, aber schlussendlich hat dieses Virus nicht nur diese Pläne zunichte gemacht, und ich nehm’s gleich vorweg, sondern auch gleich die letzte Motivation abgetragen die Band aktiv weiter zu betreiben. Das hat einige Gründe, von denen ich euch die entscheidendsten nicht vorenthalten will. Dazu muss zuerst einmal weit bis ins Jahr 1985 ausholen, als ich mir damals im zarten Alter von 14 Jahren mit einem Schulfreund die Idee in den Kopf setzte, mit einer Band namens „Alkbottle“ die musikalische Partyuntermalung aller österreichischen Rockrabauken und Trunkenbolde zu werden. Mit 14 ist das ja auch ein durchaus legitimes Lebensziel. Irgendwie ging dieser Plan knapp zehn Jahre später tatsächlich auf und wir hinterließen rückblickend betrachtet eine ganz schön tiefe Furche in der österreichischen Musiklandschaft. Der Name war Programm, die Fans bekamen das was draufstand und das war eine Menge Rock n Roll mit einer gehörigen Portion „Scheiß mi nix“ – Attitüde. Jedoch hat sich in den vielen Jahren vieles verändert – eigentlich alles. Nicht, dass es jetzt fad wäre, aber ich scheiß mich heute um eine ganze Menge. In erster Linie als Familienvater, nebenbei auch noch als Vereinspräsident, Moderator, Veranstalter und was weiß ich noch alles. Ich bau mein eigenes Gemüse an, engagiere mich für sozial Benachteiligte und eine gesunde Umwelt. Statt jeden Tag zum Wirtn geh ich lieber Fischen oder Schwammerlsuchen. Meine Welt dreht sich heute einfach um so viele andere Themen und so habe ich in den letzten Jahren erkennen müssen, dass ich dem Kapitel „Alkbottle“ einfach nichts mehr hinzuzufügen habe, was seinem Namen gerecht wird und die Erwartungen erfüllt. Es ist alles erzählt, alles erlebt, alles austherapiert und drüberverfliest. Dieses Lebensgefühl lässt sich auch nicht künstlich wieder herstellen, darum sind auch keine weiteren gemeinsamen Auftritte mehr geplant und wir müssen uns die Band so in Erinnerung behalten, als sie noch voll im Saft war und vor Energie nur so sprühte. Die hat nämlich einiges hinterlassen, worauf ich sehr stolz bin. Wir haben mit unserem Wahnsinn einigen Generationen über ihren eigenen Wahnsinn hinweggeholfen, unzähligen jungen Menschen Mut gemacht ein Instrument zu lernen, eine Band zu gründen, Texte im Dialekt zu schreiben und selbst Musik zu machen. Durch unseren unkonventionellen Zugang zum Business haben wir vielen nachfolgenden Künstlern den Weg geebnet, wovon uns heute einige mit ihrem Erfolg mehrfach überflügelt haben. Für uns hat es halt nie zum großen Single-Hit gereicht, der uns vielleicht den kommerziellen Durchbruch beschert hätte, dafür erreichte jedes unserer Alben Kultstatus und wir hatten fast 30 Jahre hindurch die besten und treuesten Fans im ganzen Land. Dafür kann ich nur jedem Einzelnen von ganzem Herzen danken. Damit der Entzug nicht allzu hart kommt, werden wir nach und nach unsere Archive durchstöbern und den Alkbottle-Youtube Kanal ordentlich aufmagazinieren. Sogar neue Merchadising-Artikel sind geplant. Und wer weiß, vielleicht ereilt uns ja irgendwann in einer Art „Endlife-Crisis“ das Bedürfnis sich wieder mal als „Bottle-Bua“ zu blamieren, dann interessiert mich natürlich mein Geschwätz von heute soviel wie die ÖVP ein Untersuchungsausschuss. Weida geht’s. Vor mir liegt nun das fertig gemischte Master meines persönlichen Neustarts, die Aufhebung meines schöpferischen Lockdowns und der Geschenkkorb an mich selbst. Selbst geschrieben, selbst gezeichnet und selbst produziert. Musikalisch „With a little help from my friends“ natürlich. Allen voran von meinem langjährigen Alkbottle-Kollegen und Freund Didi Baumgartner, der sich dieses gesamte, verfluchte 20er Jahr mit mir hat abquälen dürfen um meine Vorstellungen aufs Band zu kriegen. Mit Thomas Mora am Bass und Alex Schuster am Schlagzeug war das ja ein Kinderspiel. Aber auch meine geliebten Alkbottle Mitstreiter Chris Zitta, Marco Billiani und Chris Breier konnten meinem Raunzen nicht widerstehen, genauso wie meine Lieblingsweggefährten Birgit Denk (Chor), Sabine Stieger (Chor), Thomas Rabitsch (Keyb.), und H.G. + Rainer Gutternig (Blechgebläse) auch, und veredelten dankenswerter Weise die Wödscheibm mit ihrer Gastperformance. Genau vor einem Jahr stand ich damit das erste Mal auf der Bühne und so gerne hätte ich heute mit euch ihr Erscheinen, inklusive mein halbes Jahrhundert gefeiert, doch leider hat dieses Virus auch hier alle Pläne über den Haufen geworfen. Auf dem steht jetzt ganz groß „Oktober“, denn da ist es dann wirklich soweit, wurscht was kommt. Aber so ganz sang- und klanglos lasse ich mein Daseinsjubiläum natürlich nicht vorüberziehen, deshalb hab ich ordentlich in meinem Privatarchiv gegraben und aus einer Unzahl an Videoaufzeichnungen diverser identitätstiftender Maßnahmen einer Meidlinger Rockband das Video zur anlassbezogenen Single „A leiwande Zeit“ geschnitten und auf Youtube gestellt. In ein paar Wochen wird der Song auch auf allen gängigen Streaming-Plattformen und hoffentlich auch auf einigen Radiosendern zu hören sein. Wenn mir wer was zum Geburtstag schenken und/oder private Härtefallzahlungen leisten möchte, dann kann er/sie sich das Album ab nächster Woche auf meiner neuen Homepage vorbestellen. Es ist so eine Art Crowdfunding-Kampagne, ohne dass ein US-Konzern mitschneidet. Es gibt verschiedene Varianten, von der einzelnen CD, dem „Wödscheibm“ Deluxe Package mit Vinyl LP und T-Shirt, bis zum Original Cover-Artwork oder den handgeschriebenen Texten. Ihr bezahlt per Sofortüberweisung und bekommt die Bestellung bereits Mitte September nach Hause geliefert. Damit helft ihr mir, mein Vorhaben zu verwirklichen und meinen Beruf als Musiker weiterhin ausüben zu können. Ich würde nämlich gern der Entertainer, die Rampensau und der Klassenkasperl bleiben, denn ich liebe außer meiner Familie nichts mehr, als Menschen zu unterhalten. Das, was ich kann – Das, wofür ich lebe. Das war’s auch schon fast wieder. Bleibt nur noch zu betonen, dass ich ab Mai wieder für den Viktoria Music Club plane und mich freue, wenn wir uns wieder auf ein paar Meter nähern können. Bitte bleibt’s stabil, passt auf euch auf und schaut auch auf die Anderen! Alles Liebe, Euer Roman